Editorial | 07.01.2019

Zurückblicken und vorausschauen

Wer zurückblickt, erkennt nicht notwendigerweise wie sich die Zukunft entwickelt. Wer nicht zurückblickt, geht auf jeden Fall blind in die Zukunft.

 Liebe Leser,

man sagt, wenn man älter werde, vergehe die Zeit schneller. Da ist was dran, aber vermutlich entsteht dieser Eindruck nur deswegen, weil man mit zunehmendem Alter objektiv die Möglichkeit hat, weiter zurückzublicken. Wer nur zehn Jahre zurückblicken kann und viele Jahrzehnte vor sich hat, hat naturgemäß ein anderes Zeitgefühl als derjenige, der viele Jahrzehnte überschaut und an die wenigen Jahre denkt, die ihm noch bleiben.

Als kritischer Beobachter der geistigen Auseinandersetzungen hat man allerdings mit zunehmendem Alter immer öfter das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben. Einerseits sind wir, beeinflusst von Wissenschaft und Technik, darauf eingestellt, Fortschritt im Zeitablauf als quasi automatisch und selbstverständlich anzusehen, doch andererseits gibt es große Bereiche, wo intellektuell praktisch nichts passiert oder sogar Rückschritt festzustellen ist. Die Wirtschaft im weitesten Sinne mit ihrer immer stärkeren Durchmischung von wissenschaftlichen und quasi-religiösen Standpunkten, scheint für Letzteres prädestiniert zu sein.

So ist es mittlerweile „gelungen“,  makroökonomische Fragen weitgehend aus der öffentlichen Auseinandersetzung zu verbannen. Die unbestreitbare Tatsache etwa, dass sich global die Konjunktur abkühlt, was einen enormen Rückschlag vor allem für Europa bringen könnte, ist in den Politikerreden zur Jahreswende nicht einmal vorgekommen. Man tut so, als gebe es naturgesetzliche Abläufe, die von der Gesellschaft und damit der Politik hingenommen werden müssen. Bloß nicht anrühren, scheint das Motto, es könnte ja einer auf die Idee kommen, den Staat aufzufordern, etwas gegen die kommende Flaute und steigende Arbeitslosigkeit zu tun.

Der deutsche Bundespräsident, man merke auf, hat gleichwohl gesagt, man müsse jetzt endlich einmal ordentlich streiten. Man fragt sich allerdings, warum der Vertreter der größten Streitverweigerungspartei der letzten beiden Jahrzehnte jetzt auf einmal streiten will. Er und die SPD hatten zwanzig Jahre Zeit, um sich ernsthaft zu streiten. Doch das hat erst der Steinmeier-Freund und Basta-Kanzler verhindert und hinterher die panische Angst der Partei davor, man könne merken, dass die von Rot-Grün zu verantwortende „Reformpolitik“ ein gewaltiger Rückschritt für Deutschland, aber vor allem für Europa war.

Der Euro ist 20, aber noch lange nicht erwachsen

Dazu passt nichts besser als die Tatsache, dass die Eurozone am 1. Januar 2019 genau 20 Jahre alt geworden ist. Das erschreckt mich vor allem deswegen, weil ich mich an die Gründung so gut erinnern kann, als wäre es gestern gewesen. Noch schlimmer aber ist das Gefühl, dass in den gesamten langen zwanzig Jahren nur extrem wenig passiert ist, was man als intellektuellen Fortschritt, als ein tieferes Verständnis für die Belange einer Währungsunion bezeichnen könnte. Noch immer findet man exakt die gleichen Vorurteile hinsichtlich der Funktionsweise eines solchen Währungssystems wie vor zwanzig Jahren. In der deutschen Politik und weiten Teilen der Volkswirtschaftslehre dominieren weiter die Staatsschulden das Denken, während die entscheidende Rolle der Löhne nicht gesehen oder verdrängt wird. Aber selbst viele von denen, die bei der Einführung des Euro skeptisch waren und heute als Vordenker und Propheten gefeiert werden, lagen in der Begründung ihrer Skepsis damals genau so weit neben der Sache wie heute.

Für Deutschland wären gar dreißig Jahre des Zurückdenkens notwendig, um zu verstehen, warum unter deutscher Ägide zwei Währungsunionen fundamental schlecht verlaufen sind. Doch von ernsthafter Befassung mit der deutsch-deutschen Währungsunion von 1990 sind wir nicht nur zeitlich, sondern auch geistig noch viel weiter entfernt als von einer Aufarbeitung der europäischen Fehler. Selbst die absolut verständlichen Reaktionen der Menschen in den östlichen Regionen in Deutschland und in Südeuropa, die das Scheitern auszubaden haben, können uns nicht dazu bringen, das wenige Hirnschmalz aufzuwenden, das man braucht, um zu verstehen, warum die Einführung einer einheitlicher Währungen kein Selbstläufer in Sachen Wirtschaftsentwicklung war und ist.

Weimar ist 100, aber noch immer unverstanden

Auch wenn man noch viel weiter zurückblickt, 100 Jahre etwa zu der gerade vielfach beschriebenen Gründung der Weimarer Republik, kann man das nicht mit Gewinn tun, wenn man die geistige Ausstattung in dieser Zeit und nach dieser Zeit nicht zur Kenntnis nimmt. Die FAZ (hier) hat gerade mal wieder ein klassisches Beispiel dafür geboten, wie man mit der ideologischen Brille auf der Nase das Wichtigste übersieht. Da wird Weimar schöngeschrieben und behauptet, sogar Brüning hätte eine Chance gehabt, hätte Hitler ihm nur mehr Zeit gelassen. Dass man in den zwanziger Jahre entscheidende gesamtwirtschaftliche Einsichten nicht hatte und deswegen nur per Zufall richtige Wirtschaftspolitik machen konnte, darf ein Redakteur der FAZ-Wirtschaftsredaktion sicher nicht wissen – er könnte ja vom richtigen Glauben abfallen.

Das Tollste ist aber, dass der Redakteur dieser Zeitung Keynes dann doch noch erwähnt, aber nur, um eine der größten ökonomischen Geistesleistungen des vergangenen Jahrhunderts, die Analyse des Transferproblems, das mit den deutschen Reparationen verbunden war, in einer Weise zu verunglimpfen, die alles in den Schatten stellt, was bisher an krudem Zeug dazu geschrieben wurde (vgl. zum Transferproblem und seiner Anwendung auf die deutsche Vereinigung: „Die deutsche Vereinigung – ein Transferproblem. Vierteljahreshefte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, 3/1995“).

Die Ökonomik ist 200, doch um Fortschritt geht es nicht mehr

Diese Gesellschaft ist gerade wegen des allgemein vermuteten intellektuellen Fortschritts immer weniger in der Lage zu verstehen, woher in wirtschaftlichen Fragen die Unfähigkeit zum offenen Streit und zu einer ehrlichen Diskussion kommt. Das ist das eigentliche Paradox: Es kann sich einfach niemand außerhalb der Volkswirtschaftslehre vorstellen, dass sich ein Fach, das sich Wissenschaft nennt, von seinem Forschungsobjekt systematisch entfernt statt sich ihm dauernd anzunähern. Vor 200 Jahren (1817 genau) hat David Ricardo mit seinen „Principles“ das Werk veröffentlicht, das manche für den Beginn einer systematischen Ökonomik halten. Und wo stehen wir heute?

Ein befreundeter Physiker hat mir vor kurzem einen Text gegeben (von diesem Blog einer Physikerin genommen), wo ein anderer Physiker (J. Doyne Farmer) die Erkenntnisse der Volkswirtschaftslehre kritisch beurteilt und zu einer sehr einfachen Schlussfolgerung kommt. Er sagt, die Ökonomen versuchten, elegante Lösungen zu entwickeln statt die Welt zu erklären. Das genau ist der Punkt, um den es geht.

Sie mögen, so Farmer weiter, das Gleichgewicht, weil man, wenn man von Gleichgewicht ausgeht, leichter zu Lösungen kommt.

„Aber wenn das nicht beschreibt, wie die Welt funktioniert, dann ist es nur eine Zeitverschwendung. […] Die Idee, Mathematik in den Gesellschaftswissenschaften einzusetzen, ist sehr aufregend. Die Sichtweisen, die dominant geworden sind, fürchte ich, sind es aber deswegen, weil sie elegant sind und man Schlussfolgerungen haben kann und nicht, weil sie in irgendeiner Weise geeignet sind, die Welt zu beschreiben. […] Ich fürchte, es ist zu viel Mathematik im Spiel […] am Ende des Tages weiß man nicht mehr, ob man wirklich Wissenschaft betreibt.“

Wir leisten uns ein Fach, dessen Objekt in der Mitte der gesellschaftlichen Probleme steht, das sich aber um diese Probleme nur am Rande kümmert. Wir leisten uns hunderte von volkswirtschaftlichen Lehrstühlen, auf denen es nur um Glasperlenspiele geht. Wenn man sich schließlich zu aktuellen Fragen äußert, dann aus einer unwissenschaftlichen Position heraus. Man nimmt selbstverständlich für sich in Anspruch, die eigenen wirtschaftspolitischen Empfehlungen aus dem aktuellen Stand des Faches abzuleiten. Doch wenn das Erkenntnisinteresse des Faches, wie es heute überwiegend der Fall ist, gar nicht auf dem wissenschaftlichen Versuch besteht, die Welt zu verstehen, dann sind Gesellschaft und Politik in allen wirtschaftlichen Fragen inkompetent und hilflos.

Bitte keine Botschaften mehr!

Im vergangenen Jahr habe ich an dieser Stelle vorgeschlagen, die Amtszeit der Regierungschefs auf acht Jahre zu begrenzen, nicht zuletzt, weil damals die Ansprachen zu Weihnachten und dem neuen Jahr so schrecklich waren, dass man nur auf enorme Abnutzungserscheinungen schließen konnte. Das hat einige Resonanz gefunden und wird von verschiedenen Seiten ernsthaft diskutiert.

In diesem Jahr möchte ich noch einen Schritt weitergehen und fordern, dass die Ansprachen samt und sonders eingestellt werden. Steinmeiers Zumutung habe ich schon erwähnt. Angela Merkel (hier zu finden) war kurz angebunden und vollkommen ziellos. Macron (hier die Rede in Französisch) redete zwar geschlagene 17 Minuten, konnte aber trotz der kritischen Situation in Frankreich seinem Volk außer weiteren „Reformen“ nichts Bemerkenswertes bieten. Die Demokratie wird gefährdet, wenn der Bürger so hautnah merkt, dass diejenigen, die ihm Orientierung und Hilfestellung geben sollen, selbst hilflos sind.

Wenn es nicht bald gelingt, die orthodoxe Ökonomik zu entmachten, die traditionellen Medien systematisch zu schwächen und einen wirklichen offenen Diskussionsprozess in diesen Gesellschaften zu etablieren, wird die von Unwissen gespeiste Sprachlosigkeit noch viel größer werden und die politische Überzeugungskraft des demokratischen Prozesses wird mehr und mehr schwinden. Wie viele Trumps und Bolsonaros braucht die Demokratie, um zu verstehen, dass sie auf dem Holzweg ist?

Das Team von Makroskop und ich wünschen Ihnen alles erdenklich Gute für das neue Jahr

Ihr

Heiner Flassbeck

 

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