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Digitalisierung | 18.02.2019

Brave New Working World

Selbständige Plattform-Arbeit gefährdet die soziale Marktwirtschaft. Die Vereinbarung zwischen der Gewerkschaft Syndicom und der Plattform Mila der Swisscom entschärft diese Gefahr bei weitem nicht.

Die Medienmitteilung klingt verheissungsvoll: Syndicom übernehme mit dieser Vereinbarung „eine Vorreiterrolle in der Regulierung der neuen Arbeitsform Crowdwork“.  Doch der Inhalt des „Code of Conduct“ ist äusserst dünn: Mila, eine Plattform, über die einfache technische Arbeiten vermittelt werden, muss bloß überprüfen, ob die von ihr vermittelten Arbeiten gesetzeskonform sind. Zudem „kann Mila von den Crowdworkern den Nachweis über die Anmeldung und korrekte Abrechnung bei den zuständigen Sozialversicherungsbehörden verlangen.“ Kann, nicht muss.

Um zu verstehen, wie brandgefährlich diese Form der Beschäftigung ist, muss man erstens wissen, was „Anmeldung bei den zuständigen Sozialversicherungsbehörden“ genau meint – nämlich, dass aus Arbeitnehmern Selbständige werden.

Die einzige Sozialversicherungsbehörde, die für Selbständige noch zuständig ist, ist die AHV. Doch auch dort sind sie Mitglieder zweiter Klasse: Statt 10,25 Prozent zahlen sie nur noch 5,3 bis 9,6 Prozent Beiträge. Hingegen entfallen alle obligatorischen Lohnprozente in die Pensionskasse, die Arbeitslosen- und für die obligatorische Unfallversicherung. Insgesamt ist das ein Unterschied von gut 20 Lohnprozenten.

Die Marktgesellschaft hat nur deshalb funktioniert, weil die Firma zwischen den Erbringern der Leistung und den Konsumenten eine vermittelnde Rolle übernommen hat.

Zweitens muss man sich vergegenwärtigen, wie unsere moderne Arbeitsgesellschaft typischerweise funktioniert. Nämlich so: Ein Paar arbeitet in rund 40 Jahren mit einem durchschnittlichen 70 Prozent-Pensum und finanziert mit diesen 40 Jahren Arbeit noch 2 Jahre Arbeitslosigkeit, 3 Jahre Krankheit und Elternschaftsurlaub und 23 Jahre Rentnerdasein. Zudem bringt das Paar im Schnitt 1,6 Kinder über die Runden. Das ist kein Wunschdenken, sondern das, was sich unsere hocheffiziente Wirtschaft leisten kann. So haben wir uns organisiert.

Damit dies im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Ordnung funktioniert, müssen diese sozialen Kosten weitestgehend auf die Verursacher, sprich auf die Kunden, überwälzt werden. Um dieses Problem zu lösen, haben frühere Generationen eine patente Lösung erfunden und erstritten: Obligatorische Sozialbeiträge, die von den Unternehmen in die Sozialwerke einbezahlt, in die Preise einkalkuliert und auf die Konsumenten überwälzt wurden.

Die Rolle der Unternehmen beschränkt sich aber nicht nur auf das Inkasso der Sozialbeiträge. Wichtig ist auch die Übernahme des unternehmerischen Risikos. Eine Familie kann man nur gründen, Kinder kann man nur ordentlich erziehen, wenn man ein einigermaßen gesichertes Einkommen und einen halbwegs stabilen Arbeitsort hat. Plattform-Arbeit bietet nichts von alledem. Im Klartext: Die Marktgesellschaft hat bisher nur deshalb funktioniert, weil die Firma zwischen den eigentlichen Erbringern der Leistung und den Konsumenten eine vermittelnde Rolle übernommen hat.

Mit den Plattformen wird nun dieses Scharnier aus der Marktwirtschaft herausoperiert. Noch lebt der Patient. Wie lange noch? Laut Syndicom haben schon 32 Prozent der Schweizer Arbeitnehmer schon mindestens einmal Arbeit auf einer Plattform gesucht. Und: „Konzerne lagern immer mehr Arbeit an Plattformen aus, um Fixkosten und soziale Verpflichtungen zu verringern.“ Ja klar, das Sparpotential ist riesig.

Bisher ist Plattform-Arbeit eine Randerscheinung und für die Teilnehmer überwiegend ein Nebenerwerb. Man verdient noch etwas dazu, die fixen Lebenshaltungskosten sind gedeckt, und entsprechend billig kann man sich anbieten.

Spätestens, wenn die erste Generation der Crowd-Worker in Rente geht, wird es auch für die Staatskasse ungemütlich.

Doch das macht die Sache nicht harmloser, im Gegenteil: Wir leben in einer Marktwirtschaft, und da kann aus einem Schneeball schnell eine Lawine werden. Ein Gewerbetreibender, dessen Konkurrent die Arbeit zu Dumpingpreisen auf Plattformen einkauft, verliert schnell seine Wettbewerbsfähigkeit, wenn er nicht seinerseits seine fixe Belegschaft auf ein Minimum eindampft und die restlichen Arbeiten via Plattform dem billigsten Anbieter verkauft.

Spätestens, wenn die erste Generation der Crowd-Worker in Rente geht oder arbeitslos wird und vor der Sozialhilfe und von Ergänzungsleistungen leben muss, wird es auch für die Staatskasse ungemütlich.

Heisst das, dass Syndicom versagt und die Latte zu tief gelegt hat? Jein. Die Gewerkschaft hat vermutlich erreicht, was sie auf der Ebene der Sozialpartnerschaft erreichen konnte. Das Problem ist, dass sie offenbar nicht mehr erreichen wollte. Es sieht leider so aus, als hätten die Vertreter der Arbeiterschaft die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Das zeigt sich etwa in der 100-Jahr-Jubiläumszeitschrift der „Angestellten Schweiz“, der dem Thema „Brave New Working World“ gewidmet ist.

Schon der erste, auf englisch verfasste Beitrag mit dem Titel „Employees Switzerland to become Intrapreneurs Switzerland“ zeigt, wohin die Reise gehen soll. Ein weiterer, immerhin in einer Landessprache geschriebener Text trägt den Titel „der Arbeitskraftunternehmer“. Darin beschreibt der deutsche Soziologe Professor Gerd-Günter Voss die Zukunft der Arbeit so:

„Beschäftigte nehmen ihre Arbeitskraft deutlicher als Ware war. Sie müssen daher von eher passiv ökonomisch agierenden Arbeitskraftbesitzern zu strategischen Akteuren werden, die ihre Arbeitskraft selbst vermarkten.“

„Die Zunahme arbeitsbedingter psychischer Symptomatiken ist in diesem Zusammenhang zu sehen.“

Doch die Zukunft wird noch düsterer: „Die traditionelle Trennung von Arbeit und Leben wird zunehmend aufgebrochen. Der Lebensrahmen muss insgesamt vermehrt rationalisiert und kurz- wie langfristig konsequenter auf den Erwerb ausgerichtet sein. Das Leben erhält dadurch immer mehr den Charakter eines durchorganisierten Betriebs.“ Zu beachten sei ferner, „dass eine Existenz als Arbeitskraftunternehmer keine Reduktion von Belastungen bedeutet, sondern veränderte gesundheitliche Probleme mit sich bringt. Die Zunahme arbeitsbedingter psychischer Symptomatiken ist in diesem Zusammenhang zu sehen.“

So weit Professor Voss. Was er da beschreibt, klingt einerseits irre: Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Technologie immer mehr bezahlte Arbeit wegrationalisiert, machen wir uns daran, diese so zu organisieren, dass sie unser Leben in geradezu totalitärer Weise beherrscht. Andererseits ahnt man aber, dass Voss durchaus nicht daneben liegt: Wir befinden uns offenbar auf bestem Weg in diese mögliche Zukunft.

Der Verband sieht sich eher als Fitnessstudio, das seine Beiträge damit verdient, dass es die Clubmitglieder fit für den Arbeitskampf macht

Bei dieser Ausgangslage würde man nun vermuten, dass der Verband der Angestellten scharf darüber nachdenkt, ob nicht vielleicht doch ein bißchen mehr Leben neben der Arbeit sein könnte. Und wie man den Arbeitsmarkt zu diesem Zweck besser organisieren könnte. In der Nutzviehhaltung werden solche Überlegungen gemacht. Doch davon ist nichts zu spüren. Der Verband sieht sich eher als Fitnessstudio, das seine Beiträge damit verdient, dass es die Clubmitglieder fit für den Arbeitskampf macht. Möge der Beste überleben.

Ein ähnlicher Wettbewerbs-Ungeist herrscht auch in Bundesbern. Da will man die Schweiz möglichst zu einem globalen Vorreiter der Digitalisierung und deshalb den einschlägigen Anbietern möglichst wenig Vorschriften machen. Eingegriffen werden soll, wenn überhaupt, erst dann, wenn Schäden klar erkennbar sind.

Die Sache ist schon fast grotesk: Einerseits ist man sich über (fast) alle Parteigrenzen hinweg einig, dass die Schweiz ihr Lohnniveau gegen das Lohndumping aus der EU verteidigen muss. Andererseits lässt man aber zu, dass über die Plattformen genau der Niedriglohnsektor von innen heraus entsteht, den man im Abwehrkampf gegen die EU verhindern will.

Dabei liegt die Lösung eigentlich auf der Hand: Plattformen müssen verschwinden, ober sie müssen zu Arbeitgebern werden und zumindest deren wichtige Funktion übernehmen – das Inkasso sämtlicher Sozialabgaben.

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