Elisabeth Wehling auf der res publica. Bild: Martin Kraft - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link
Theorie | 28.02.2019 (editiert am 07.03.2019)

Das Einmaleins des Schönsprechens

Damit der Zuschauer die Aufrichtigkeit am öffentlich-rechtlichen Rundfunk endlich wieder anerkennt, holte sich die ARD Nachhilfe im neurolinguistischen Konditionieren. Ein Versuch fieser Meinungsmache? Nein, eigentlich nur wissenschaftlicher Hokuspokus.

Wissen ist Macht, heißt es im Volksmund. Aber weit gefehlt. Vielmehr müsste es wohl heißen: Worte sind Macht! Denn vor ihrer suggestiven, metaphorischen Potenz verblassen das Wissen und die harten Fakten gnadenlos. Das behauptet jedenfalls die Linguistin Elisabeth Wehling, die die Irrungen und Wirrungen des Sprechens ganz genau studiert hat und ihr versiertes Wissen nun nicht nur in Büchern wie Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht mit einer neugierigen Leserschaft teilt.

Nein, sogar bei der ARD ist man auf die Idee gekommen, sich die Suggestionskraft der Sprache endlich zu Nutze zu machen. Wie nun bekannt wurde, hat Wehling für diesen besonderen Kunden ein neurolinguistisches Manual zur Sprachverschönerung verfasst. Und wieso auch nicht? Immerhin kann der Öffentlich-Rechtliche bei dem ganzen Geschrei um „Lügenpresse“ und „Staatsfunk“ dringend ein Gegenframing gebrauchen, dass ihn in ganz neuem Glanz erstrahlen lässt.

Zugegeben, die ganze Sache klingt im Zusammenhang mit den Geboten neutraler Berichterstattung tatsächlich etwas dubios. Ist das nicht die fieseste aller fiesen Meinungsmachen? Eine Gehirnwäsche, die den Zuschauer letztendlich neurophysiologisch fremdsteuern wird?

Denn das Einmaleins des Schönsprechens funktioniert nach Wehling ungefähr so: Wer zum Beispiel dem Bürger die Lust an der Steuerabgabe schmackhaft machen will, der muss das Wort Steuerzahler einfach durch Steuerbeiträger ersetzen. Man aktiviert durch derlei Begrifflichkeit einen emotionalen Frame, der Zusammenhalt und Gemeinschaft suggeriert, anstatt sprachlich nur auf die Zahlbereitschaft anonymer Einzelner abzuzielen. Und „erneuerbare Energien“… weg damit! Erneuerbar aktiviert ständig nur die Assoziation „erneuern erneuern erneuern, machen machen machen.“ Wie negativ! Da doch lieber „saubere Energien“ sagen. Da schlagen selbst die Herzen konservativer Gemüter höher.

Und so ist es nur folgerichtig, dass Wehling ihrem Kunden, der ARD, empfiehlt: „Überzeugen Sie immer moralisch!“ Harte Fakten sind dem Zuschauer nämlich letztlich egal. Sie wollen Werte vermittelt bekommen. Schöner Schein und schöne Worte. Nur damit kriegt ihr sie!

Die linguistische Wende…

Bevor nun eine allgemeine Panik ob der Beeinflussungsmaschinerie der Sprache ausgelöst wird, wäre zuerst einmal zu fragen, wie wissenschaftlich solide das Ganze ist, was Wehling uns da auftischt. Unter den sogenannten Neurolinguisten gibt es jedenfalls auch ein paar Vertreter, denen nicht zu Unrecht das Etikett von Pseudowissenschaftlern anhaftet.[1] Auch wenn man bei Elisabeth Wehling soweit nicht gehen kann, lässt sich dennoch ihr politisches Programm kaum mit ein paar halbgaren Theorieversatzstücken übertünchen, die das Ganze wissenschaftlich absolut wasserdicht erscheinen lassen sollen.

Statt eines Medienskandals ist die Causa Framing-Gutachten daher aus einem ganz anderen Grund interessant: Denn jetzt wo das Manual in Schriftform vorliegt, ist es aufschlussreich, die Ideologie des schönen Sprechens einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein Weltbild, das übrigens seit der linguistischen Wende auch bei Sozial- und Geisteswissenschaftlern keine Randerscheinung ist.

„Linguistische was?“ Kurze Erklärung: So wird innerhalb der Sozial- und Geisteswissenschaften eine paradigmatische Wende genannt, die sich von dem Punkt an in erster Linie an der Sprachvermittlung von Realität interessiert, anstatt an dem So-Sein einer äußeren Realität. Die Grundprämisse, der Wehling dabei (so wie ihr Co-Autor George Lakoff, der in Amerika mit ähnlichen Thesen auffällt[2]) folgt, ist die sprachphilosophische Annahme, dass Menschen gar keinen unmittelbaren Zugang zur Realität haben können, sondern jedwedes Faktum nur durch das Medium Sprache vermittelt ist. Oder, um in der Terminologie Wehlings zu bleiben, durch sogenannte Frames. Emotionale Erfahrungsgehalte, die sich via Sprachbild aktivieren lassen.

Von dieser Behauptung ist es nicht mehr weit zu dem Schluss, dass sich im und durch das Medium Sprache ganz andere Weltwahrnehmungen, ja Realitäten kreieren lassen, wenn man nur die richtige Sprache verwendet oder die richtigen Frames aktiviert.

…und die Außenwelt als weißes Blatt

Nun ist für Linguisten wehling‘scher Couleur das Medium Sprache konsequenterweise immer schon der primäre Untersuchungsgegenstand. Ihre Wirkmächtigkeit muss daher eigentlich schon von Anfang an hervorgehoben werden, so wie die meisten Physiker die Interpretation der Quantenmechanik für das Nonplusultra halten und Standardökonomen das Einmaleins der Neoklassik. Informationen über die Welt konstituieren sich demnach immer erst über den Umweg der Sprache, um von dort aus dann nach ihren Regeln kommuniziert zu werden. Egal ob Gottes Weisheiten, die Sätze der Relativitätstheorie oder die Banalitäten des Alltags: Der der linguistischen Wende verschriebene Sprachtheoretiker sieht alles, was in Sprache erscheint, nur als Ausdruck derselben und nicht als Korrespondenz mit einer äußeren Realität, weil er nur den Gegenstand der sprachlichen Struktur im Blick hat.

Damit liegt der Irrtum nahe, den Einfluss der Außenwelt auf die Sprache vollkommen auszublenden. Die Außenwelt erscheint nur noch als weißes Blatt, die von sich aus keinerlei Bedeutung in sich trägt. Erst die Sprache schafft die Bedeutung, welche sie sinnstiftend der Außenwelt einschreibt. Veränderungen der Realitätswahrnehmungen gehen nach dieser Logik auf Verschiebungen innerhalb des Systems Sprache zurück – woraus sich ein sprachpolitisches Programm ableitet, dass konsequenterweise die Umgestaltung der Sprache fordert, um damit bestimmte Realitätswahrnehmungen zu erzeugen. Eine sprachliche Erziehungspolitik ist geboren und wird von ihren Vertretern im nächsten Schritt als wirkmächtiges Mittel angepriesen.

Harte Welt und harte Fakten

Das Außerhalb der Sprache aber ist in Wirklichkeit alles andere als eine passive Projektionsfläche. Es ist vielmehr der harte evolutionäre Rahmen, innerhalb dessen sich bestimmte sprachliche Diskurse behaupten müssen. Das was sprachlich als diskursive Idee an die Außenwelt herangetragen wird, ist bereits das Resultat eines Vermittlungsprozesses zwischen Innen und Außen, zwischen Individuum und Umwelt. Anders ausgedrückt: Will man sich nicht den Kopf stoßen an der Außenwelt, so sollte man lieber eine Sprache wählen, die einigermaßen passgenau die Lebenspraxis mit der Umwelt vermittelt. Oder um es in den Worten des Semiotikers Umberto Eco zu sagen:

„Es gibt Dinge, die lassen sich nicht sagen. Es gibt Momente, in denen die Welt in Anbetracht von Interpretationen NEIN sagt. Dieses NEIN erscheint als das Naheliegendste überhaupt, und man kann es […] in der Idee von Gott oder der des Gesetzes nachweisen.“[3]

Akzeptiert man diese simple Evidenz, muss man von der Behauptung Abstand nehmen, erst im Medium der Sprache würde sich Bedeutung generieren. Man kann sich sicherlich allerlei Phantasmen sprachlich zusammenspinnen, nur mit manchen Interpretationen langt man dann auch ganz schön daneben. Womit sogleich der Mechanismus qualifiziert ist, durch den sich sinnlose und sinnvollere Begrifflichkeiten voneinander unterscheiden.

Sprache ist unbestritten das genuin bewusstseinsgenerierende Medium, genauso wie sie ein Vehikel der Verschleierung sein kann. Sie kann verdeutlichen und ausschmücken, bildhaft darstellen und abstrakt werden, ja sie kann auch täuschen und verführen. Alles richtig. Sie ist aber immer – sowohl was ihre Bedeutungsgenerierung als auch ihre Möglichkeiten der Veränderung von Realität betrifft – an die Lebenswirklichkeit der Menschen gebunden. Von dieser wird sie determiniert. Nicht umgekehrt.

Die Finte mit den Frames

Nun betont zwar Wehling gerne, dass ihre Frames, die sich in den Sprachbildern niederschlagen, Surrogate realer Erfahrungen sind, die der täglichen Lebenspraxis entsprungen sind. Insofern fundiert sie ihre Theorie etwas lebensnaher als die radikalen (De)Konstruktivisten, die sich in den Geisteswissenschaften tummeln und die Weltwahrnehmungen ausschließlich für Effekte bestimmter Sprachspiele halten. Nur bleibt die Wendung letztendlich dieselbe.

Denn auch wenn emotionale Bedürfnisse ein wesentliches Kriterium bei der Auswahl bestimmter Informationen darstellen und Sprachbilder auch emotionale Reaktionen hervorrufen mögen. Der Umkehrschluss, dass bei der Informationsvermittlung in erster Linie emotionale Wertvorstellungen aktiviert werden müssen, um bestimmte Weltwahrnehmungen zu etablieren, ist damit noch lange nicht richtig.

Denn wenn dem tatsächlich so wäre, dann müsste auch jede Werbekampagne ungeheuer effektiv sein – unabhängig davon, als wie mies das konkrete Produkt tatsächlich erfahren wird. Außerhalb dieser Theorie passiert dann in diesem Fall aber etwas ganz anderes: Die ehemals schönen Assoziationen, die mit den Begrifflichkeiten der Werbung suggeriert werden sollten, verwandeln sich nolens volens in nicht mehr ganz so schöne. Die Erfahrung aus dem konkreten Leben wird von der Begrifflichkeit nicht mehr abgedeckt, so dass sich die Sprachbilder als verzerrt und letztendlich unbrauchbar erweisen. Sie werden als schöner Schein entlarvt und der Konsument kann ihrem suggerierten Inhalt keinen Glauben mehr schenken.

Da hilft auch der Versuch nichts, die Sprachtheorie quasi-neurologisch zu verankern, wie dies Wehling in all ihren Talkshowauftritten tut. So führt sie stets den Befund an, dass sich hinsichtlich bestimmter Sprachbilder in Experimenten bestimmte affirmative Wirkungen bei den Testpersonen hervorrufen lassen. Dieser Sachverhalt ist aber genau genommen nichts anderes als eine Banalität, was sich an einem einfachen Beispiel demonstrieren lässt: In einem Test wird einer Gruppe ein besonders deprimierender Film vorgeführt, mit jeder Menge Tristesse und Schwarzmalerei, exklusive eines zufriedenstellenden Happy Ends. Eine andere Gruppe bekommt dagegen das volle Wohlfühlprogramm serviert, glückliche Menschen, jede Menge Spaß und Unterhaltung. Die Frage, wer sich direkt danach signifikant deprimierter fühlt, lässt sich beinahe schon selbst beantworten. Und auch der Befund, dass unter dem Medienstimuli bestimmte Hirnregionen angesprochen werden, erscheint bereits intuitiv einleuchtend. Nur, was haben sie damit rausgefunden?

Wenn es nur so einfach wäre

Jedenfalls ist der Schluss viel zu vorschnell, anhand dieses Befunds die ganze autosuggestive Kraft der Medienstimuli (in diesem Beispiel eine audiovisuelle Wahrnehmung, in Wehlings Fall bestimmte Sprachbilder) auf allgemeine, zeitlich stabilere Weltwahrnehmungen hochzustilisieren. In diesem Setting wird lediglich gezeigt, dass sich im Moment der Medien- beziehungsweise Sprachrezeption, oder im direkten Anschluss, bestimmte Wirkungen hervorrufen lassen. Ob diese aber auch längerfristig auf die Weltwahrnehmung durchschlagen, ist damit noch längst nicht hinreichend erwiesen.

Die meisten Studien aus der Medienwirkungsforschung weisen jedenfalls in eine ganz andere Richtung. Am bekanntesten ist dabei sicherlich das leidige Thema um das Gewaltpotential in Computerspielen oder Filmen.[4] Das dauerhafte Ausgesetztsein gegenüber derlei gewalthaltigen Inhalten erzeugt noch lange nicht gewalttätiges Denken und Handeln, was nach Wehlings Analogieschluss aber eigentlich sein müsste.

Entscheidend ist nicht, wie der Konsument im Moment der Rezeption reagiert, sondern wie die emotionale Assoziation des Medienstimulus in ein übergeordnetes Lebenskonzept integriert wird. In den meisten Fällen trägt eine zeitlich deutlich längerfristige Verarbeitung – die im Setting des Experiments gar nicht simuliert werden kann – dazu bei, dass sich die inhaltlich vermittelten Gewaltdarstellungen nicht negativ niederschlagen. Sie werden schlicht als fiktive Inhalte eingeordnet, unabhängig davon, ob sie im Moment des Spielens emotional auch eine Bedeutung für den Spieler haben.

Das gleiche gilt im Fall der Sprache, wovon die Entwicklungspsychologin Doris Bischof-Köhler hinsichtlich des gendergerechten Sprechens – das berüchtigtste Schönsprechprogramm von heute – ein einschlägiges Beispiel gibt:

„So ist den Verfassern dieser Reglementierung offenbar bisher noch nicht aufgefallen, dass es Sprachen gibt wie beispielsweise die türkische, in denen überhaupt keine geschlechtlichen Markierungen vorgesehen sind. Wenigstens ein bisschen weniger krass sollten in solchen Kulturen doch also die Rollenunterschiede der Geschlechter ausfallen, wenn die Sprache wirklich mit so überragender Kraft den Stil des Verhaltens prägt. Gleichwohl wird niemand behaupten wollen, dass türkische Männer auf Grund früh eingeübter Sprachgewohnheiten weniger Macho-Allüren zeigen.“[5]

Das Weltbild des schönen Sprechens

Man mag daher das Bemühen der ARD, sich von Wehling Nachhilfe im Schönsprechen zu geben, als weiteren Beeinflussungsversuch des Zuschauers sehen. Das ganze Thema aber zum Skandal hochzujazzen, überschätzt zugleich völlig den sprachtheoretischen Ansatz, der im Manual als besonders effektives Konditionierungsverfahren angepriesen wird.

Was die Neurolinguistin Wehling viel eher vorführt und wo sie ihren geisteswissenschaftlichen Apologeten der linguistischen Wende in nichts nachsteht, ist die Ideologie des schönen Sprechens selbst. Eine Ideologie, die von sich selbst zwar durchgehend behauptet, besonders sprach- und ideologiekritisch zu sein, letztlich aber nur ein großes, sprachliches Nichts aufbläst, das in elitärem Duktus als sozialer und intellektueller Fortschritt gepriesen wird. Anstatt die Realität grundlegend zu verändern, erreicht man nur Symbolpolitik in seiner reinsten Form. Es handelt sich um dieselbe irrige Illusion, die Heerschaaren von PR-Agenten und Werbefachleute propagieren: Man muss nur die Tricks und Kniffe schöner Worte, schöner Bilder und schöner Assoziationen beherrschen, um die ganze verderbliche Tristesse der Mahner, der öden Realisten endlich wegzublasen.

Nur was, wenn die Realität partout nicht so funktionieren will, wie das schöne Sprechen es ihr nahelegt? Schuld kann dann nicht die Theorie, sondern nur die Realität sein, die immer noch durch das falsche Sprechen verzerrt ist. Auf derart tautologische Weise entledigt sich der Sprachdekonstrukteur der unliebsamen Außenwelt, die jenseits der Sprache zu brodeln und zu stinken beginnt. Genauso verliert er dadurch aber auch den Zugang zu Lebenswirklichkeiten, für die das schöne Sprechen längst keine Lösungen mehr schafft. Wie dumm, dass das Verdrängte unentwegt den schönen Schein zerstört.


[1] Vgl. Bördlein, Christoph: Kurzinformationen zu Parawissenschaften – Esoterik – Paramedizin. Roßdorf: GWUP.
[2] Für Interessierte findet sich hier eine englischsprachige Replik: https://newrepublic.com/article/77730/block-metaphor-steven-pinker-whose-freedom-george-lakoff.
[3] Eco, Umberto: „Gesten der Zurückweisung. Über den Neuen Realismus.“ In: Gabriel, Markus [Hg]: Der Neue Realismus. Berlin: Suhrkamp. 2014. S.48.
[4] Köhler, Esther: Computerspiele und Gewalt. Eine psychologische Entwarnung. Heidelberg: Spektrum. 2008.
[5] Bischof-Köhler, Doris: Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: Kohlhammer. 2006. S. 32.

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