Aufgelesen | 28.02.2019 (editiert am 07.03.2019)

Das postmoderne Paradox

Das postmoderne Paradox hilft dem Neoliberalismus bei seiner Durchsetzung: alle Bindungen aufzukündigen, sich fit und frei für den Markt zu machen – mit Hilfe aus der Kultur. Alles, was nicht postmodern verflüssigt ist, steht mit einem Bein im Totalitarismus.

Vorwort der Redaktion:

Mit der Fabel vom Wettlauf zwischen Hase und Igel beschreibt Bernd Stegemann in seinem neuen Buch „Die Moralfalle“ eine Kommunikationsstrategie, die vermeintlich der moralischen Seite nutzt, deren weitere Folgen die verfochtenen Werte jedoch schwächen. Zwei Positionen zugleich werden eingenommen, die sich gegenseitig ausschließen: Reckt der eine Igel seinen Kopf hervor, duckt sich der andere in die Furche. Gilt das eine, so gilt das andere gerade nicht.

In solchen Paradoxien und der Verwendung moralisierender Kommunikation erkennt Stegemann eine neue Phase des Kulturkampfes, in den die liberalen westlichen Demokratien geraten sind. Die Ursachen des Kampfes seien damit schwieriger zu bestimmen, als der Frontverlauf zwischen progressiven und reaktionären Kräften suggeriert. Und die Selbstgewissheit, sicher bestimmen zu können, welche Person oder welche Aussage gerade als politisch rechts oder links zu bewerten ist, könnte einer der Gründe sein, warum der Kampf gerade nicht gut für die linken Kräfte verläuft und die Rechten überall auf der Welt Auftrieb haben.


»Postmodern deconstructivists are the useful idiots of capitalism.« – Slavoj Žižek

Was haben der Hipster-Bart, eine überlaute Harley-Davidson und die Zeitschrift Landlust gemeinsam? Sie alle sind Zitate eines vergangenen Lebens, die zu modischen Konsumartikeln geworden sind. Der Bart ist nicht mehr die Folge eines abenteuerlichen Lebens im Jenseits der Zivilisation, das laute Motorrad kein revoltierender Krach des Rock ’n’ Roll und die Landlust kein Ratgeber für Landwirte. Stattdessen sind sie der postmoderne Ausdruck für ein Leben, in dem sich die Sehnsucht nach Einzigartigkeit bei allen bisherigen Gegenwarten bedient. Die einstmals harte Realität ist zu einem gefahrlosen Konsumartikel geschrumpft, der als Kennzeichen der individuellen Vortrefflichkeit benutzt werden kann. Die postmoderne Ära versammelt die Zitate aller Epochen zu einer breiten Gegenwart, in der es kein Gestern und kein Morgen mehr zu denken gibt. Sie propagiert ein Leben, das sich in Zitaten von Lebendigkeit erschöpft.

Nicht wenige Menschen in Westeuropa und den USA verorten sich seit den 1980er Jahren in einer solchen postmodernen Epoche. Das Wort klingt noch immer beeindruckend kompliziert. Doch hinter seiner glitzernden Fassade verbergen sich zwei einfache Behauptungen: Die erste lautet, dass es keine große Erzählung mehr gibt, sondern die Realität in unendlich viele kleine Probleme zerfallen ist, die sich nicht mehr miteinander verbinden lassen. Dieser Gedanke wurde das erste Mal 1979 von Jean-François Lyotard formuliert. Die zweite Wahrheit geht hingegen auf ein Nietzsche-Zitat vom Ende des 19. Jahrhunderts zurück, dem zufolge es keine Tatsachen gibt, sondern nur Interpretationen davon. Beide Gedanken weisen also in dieselbe Richtung, die man mit dem Wort Relativismus gut zusammenfassen kann. Wenn es keine Zusammenhänge mehr gibt und jede Beschreibung einer Tatsache nur der Versuch einer subjektiven Deutung ist, zerfällt die Welt in so viele Perspektiven und Realitäten, wie es Menschen in ihr gibt.

Vor allem unter jüngeren Menschen, die in Großstädten leben und studieren, wurde diese Weltanschauung wie die Erlösung von allen ideologischen Verkrampfungen begrüßt. Doch die Dialektik gilt auch für diejenigen, die nicht mehr an sie glauben. Und so wurde die ideologiefreie Weltanschauung der Postmoderne zur neuen herrschenden Ideologie unserer Zeit. Bei der Durchsetzung ihrer Wahrheiten bediente sie sich eines wirkungsvollen Paradoxes, dessen Variationen seither die öffentlichen Erzählungen dominieren. Das postmoderne Paradox geht auf eine schwer fassbare Vermischung zweier logischer Ebenen zurück. Schon die ersten Theoretiker der Postmoderne haben nicht nur behauptet, dass es keine Zusammenhänge mehr gebe, sondern sie haben zugleich gefordert, dass es keine Zusammenhänge mehr geben dürfe.

Die beschreibende Theorie wurde so zu einer vorschreibenden Welterklärung. Aus einer Theorie, die versucht, die Fragmentierung der Welt zu analysieren, wurde eine politisch-ideologische Aussage, die die Zersplitterung verlangt. Eine solche Forderung begründet sich in einer Paradoxie, da sie einerseits behauptet, dass es keine konsistente Theorie oder Erzählung mehr geben könne, diese Beobachtung aber zugleich in eine absolut gültige Theorie verwandelt. Seither ist in der Postmoderne alles kontingent außer der Aussage, dass alles kontingent ist.

Wäre es bei einer Theorie geblieben, die in den Kulturwissenschaften zur Interpretation von Texten und ästhetischen Ereignissen verwendet werden kann, könnte man sie als eine weitere harmlose Spielart der Hermeneutik hinnehmen. Doch das postmoderne Paradox eignete sich allzu gut, um ein Problem zu lösen, das der Neoliberalismus bei seiner Durchsetzung hatte. Seine Forderung, alle Bindungen aufzukündigen, um sich fit und frei für den Markt zu machen, war so wenig verlockend, dass es der Hilfe aus der Kultur bedurfte. Erst als sich die neoliberale Forderung nach Flexibilität mit der postmodernen Praxis verband, in der jeder Zusammenhang als falsch abgelehnt wird, wurde daraus eine durchschlagskräftige Ideologie. Seither gilt, dass jede Suche nach einer Bindung oder einem Zusammenhang Zwang bedeutet und darum als latent böse anzusehen ist. Alles, was nicht postmodern verflüssigt ist, steht mit einem Bein im Totalitarismus.

Schaut man auf die Ursprungsgedanken dieser ideologischen Kollaboration, so fällt also auf, dass der postmoderne Flügel mit einer paradoxen Vermischung von Beschreibung und Forderung operiert und der neoliberale Teil schlecht kaschiert die Renditeinteressen des Kapitals vertritt. Die Kraft dieser Ideologie besteht darin, dass ihre Paradoxien für den Hase-und-Igel-Wettlauf bestens geeignet sind. Wird zum Beispiel die Angst beklagt, die aus dem prekären Leben folgt, so kommt der postmoderne Igel und droht, dass die Angst nur ein Atavismus ist, der in gefährliche politische Gefilde führt. Wird hingegen die Orientierungslosigkeit beklagt, die aus dem bindungslosen Leben folgt, so tritt der neoliberale Igel auf und verspricht das passende Konsumprodukt, das dem Leben wieder einen Wert gibt. Der einzelne Hase kann diesen Wettlauf niemals gewinnen, er kann nur erschöpft zusammenbrechen oder im Akt der Revolte die Ackerfurche verlassen.

Begeht er hingegen den Fehler, nach einem Ausweg aus der postmodernen Falle zu suchen, indem er die theoretischen Mittel der Postmoderne selbst anwendet, so gerät er nur noch tiefer in das Paradox. Denn der Rettungsring, der dem Erschöpften zugeworfen wird, ist das Meisterstück paradoxer Anweisungen: Sei identisch mit deiner Nichtidentität. Damit ist gemeint, dass zwar alle Kulturen, Religionen, Völker und Staaten bisher immer ein Angebot zur Identifikation gemacht haben, dass aber diese rettende Zuflucht endgültig beseitigt werden muss. Das Identifikationsangebot der postmodernen Gesellschaften lautet dennoch, dass man seine Identität nur noch in einem unlösbaren Feld von Ambivalenzen verorten darf. Nur wer die Relativität feiert und sein eigenes Leben als Folge von Herausforderungen meistert, gilt als erfolgreiches Subjekt, das seine Stimme öffentlich erheben darf. Und tatsächlich ist auch nur eine solche Identität dafür geeignet, um auf die permanenten Ansprüche des Alltags flexibel reagieren zu können, die dem Imperativ folgen: Sei ganz du selbst, aber immer genau so, wie es die Situation gerade von dir verlangt.

Unter dem Label der Selbstoptimierung entwickelt sich eine Art Identität zweiter Ordnung. Für diese postmoderne Identität, die sich dann auch queer oder nichtidentisch nennt, wird dann ebenso erbittert gefochten, wie es bisher nur von den Fundamentalisten der Religion oder Nation bekannt war. So wird aus dem Befehl, die Kontingenz zu ertragen und zu bejahen, eine Form von Identität, die im permanenten Ausnahmezustand des Vorläufigen ist und zugleich diese verquere Lebensform aggressiv verteidigt. Die Nichtidentität ist der Fundamentalismus einer Gegenwart, in der die permanente Reaktionsbereitschaft den absoluten Zwang bedeutet. Der tägliche Befehl lautet entsprechend: Sei vollständig integriert in die Desintegration.

Das Deutschland-Paradox

Wenig ist so paradox verfasst wie die deutsche Nichtidentität nach 1945. Das kollektive Schuldbewusstsein, das größte Verbrechen der Menschheit begangen zu haben, und die individuelle Kriegserfahrung von Tod und Leid in jedem einzelnen Haushalt führten zu einem schizophrenen Verhältnis zu allem, was mit dem Namen Deutschland und dem Begriff Nation verbunden ist. Die Formel hierfür lautet bis heute, dass Deutschland eine Nation ist, die keine Nation sein will, und dass es vielleicht der erste Staat ist, der sich über einen selbstnegierenden Mythos definiert: Man will auf keinen Fall wieder so werden, wie man einst war.

Um diese Rückkehr ganz sicher zu verhindern, werden verschiedene sich ausschließende Erzählungen wiederholt. Es gibt die Erzählung von der kollektiven Schuld bzw. Verantwortung, die jeder Deutsche für die Verbrechen des Dritten Reichs übernehmen soll. Dann gibt es die Erzählung, dass es keine deutsche Nation gibt und darum zum Beispiel auch keine deutsche Leitkultur vorhanden ist. Und schließlich gibt es die mahnende Warnung, dass die Deutschen noch immer oder schon wieder auf dem Weg in ein neues Drittes Reich sind. Es soll also ein kollektives »Deutschland« geben, zugleich soll es »das« Deutschland nicht geben und schließlich soll jeder Deutsche über einen kollektiven »Wesenskern« verfügen, den es aber zu überwinden gilt.

Dadurch dass diese Erzählungen sich gegenseitig ausschließen und darum nur nebeneinander bestehen können, bilden sie eine paradoxe Form der Identität: Deutschland gibt sich kollektiv den Auftrag, kein Kollektiv mehr zu sein. So verhindert diese Paradoxie genau das, wovon sie berichtet und wovor sie mahnend warnt. Solange die Binnenspannung dieser Paradoxie aufrechterhalten wird, handelt es sich also um einen wirkungsvollen Bann dessen, woran in ihr erinnert und wovor zugleich gewarnt wird.

Bei näherer Betrachtung fällt jedoch eine Tendenz in der Paradoxie auf. Die Seite, die von einem kollektiven Wesen »Deutschland« erzählt, beruft sich dabei auf negative oder sogar verbrecherische Eigenarten. Die Seite hingegen, die ein positives Bild zeichnen will, wie zum Beispiel in der Leitkultur, kann dieses nicht ohne vehementen Widerspruch tun. Wer pauschal den Deutschen eine Bereitschaft zum Faschismus unterstellt, findet noch immer Zuspruch,[1] wer aber sagt, es gibt viele gute Errungenschaften, auf die die Deutschen stolz sein dürfen, kann sich des Widerspruchs gewiss sein. Die positive Identifikation verläuft also über ein negatives Bild, während das positive Bild nur für eine negative Identifikation in Form von Kritik oder Ironie zur Verfügung steht.

Als Reaktion auf dieses Ungleichgewicht haben sich zwei mögliche Entlastungserzählungen entwickelt. Die eine bietet ein Identitätsangebot in der schuldbewussten Verantwortung für den Holocaust und die andere im Stolz auf die wirtschaftliche Kraft. Das eine Angebot besetzt also das Feld der symbolischen Politik mit Gedenkstätten, Gedenktagen und Gedenkritualen, die den verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Tätergeschichte herausstellen. Das andere Angebot besetzt das Feld der ökonomischen Politik, wo immer neue Erfolge gefeiert werden oder aber sofort Alarm ausbricht, wenn es schlechter läuft als gedacht. Beide Felder sind emotional hoch aufgeladen und beide führen zu Folgeproblemen.

»Exportweltmeister« ist ein emotional positiv besetzter Titel der Deutschen, der wiederum in allen anderen Teilen der Welt zu Verärgerungen führt. Die strukturelle Ungerechtigkeit, die durch dauerhafte und übergroße Außenhandelsüberschüsse entsteht, ist allgemein bekannt und unstrittig. Doch die reflektierte Verantwortung in Deutschland verweigert sich dieser Erkenntnis und setzt ihr eine weitere Erzählung entgegen. In dieser wird gebetsmühlenartig wiederholt, dass der Überschuss durch fleißige und erfindungsreiche Arbeit ehrlich erwirtschaftet sei, denn wenn alle anderen mehr bei uns kaufen als wir bei ihnen, so spreche das für unsere Produkte und gegen die der anderen.

Der gesamte paradox ausgebremste Wunsch nach positiver Identifikation fokussiert sich damit auf einen Bereich, bei dem es objektiv keinen Zweifel gibt, dass er für alle Beteiligten schlecht ist. Der permanente Handelsüberschuss ist nicht nur schlecht für die anderen Volkswirtschaften, sondern er ist ebenso schlecht für die deutsche Volkswirtschaft. Die Verschuldung aller anderen macht Deutschland nicht reicher, sondern nur abhängiger von deren Zahlungsbereitschaft.[2] Und die Schulden der anderen führen nicht nur zu Unmut gegenüber einer deutschen Übermacht, sondern auch zu einer strukturellen Unterfinanzierung im Inland bei Konsum und öffentlichen Ausgaben.

Die Erzählung von den deutschen Waren, die alle haben wollen, blendet aktiv aus, dass der Exportüberschuss sich nicht nur auf die Qualität der Produkte gründet, sondern sehr viel mehr vom schwachen Euro profitiert und vom großen Niedriglohnsektor, der durch die Hartz-IV-Gesetze erzwungen worden ist. Die orientierungslose Identifikation der Deutschen hat sich damit einen Bereich gesucht, der vordergründig ohne Schuld ist und dem Selbstbild des ehrlichen, fleißigen Arbeiters entspricht. Tatsächlich eignet sich kaum ein Feld so wenig für ein positives Nationalgefühl wie die ökonomische Herrschaft. Die Euro-Krise hat gezeigt, wie sehr alle anderen Nationen das mächtige Land in der Mitte Europas für seine rigide Sparpolitik verachten und hassen.

Das Paradox in den Erzählungen hat also nicht nur dazu geführt, dass keine positive nationale Erzählung entstehen konnte, es hat inzwischen auch dazu geführt, dass ein gefährlich falscher Stolz entstanden ist. Die Folge dieses Ungleichgewichts ist ein arrogantes Auftreten in ökonomischen Fragen und eine schreckhafte Empfindlichkeit in allen Fragen der eigenen Geschichte. Ob die ökonomische Kompensationserzählung weniger Schaden anrichtet als eine aufgeklärte Erzählung über Deutschland als Kulturnation in der Mitte Europas, darf bezweifelt werden. Zumindest in allen ökonomischen Fragen würden sich die Miteuropäer sicherlich ein wenig von der Selbstkritik wünschen, die die Deutschen bei ihrer sonstigen Schuld- und Verantwortungserzählung walten lassen.

Dass es zu dieser Selbstkritik nicht kommt, liegt womöglich auch im Stolz auf eine geleistete Aufarbeitung der Vergangenheit begründet, die das Gefühl vermittelt, man sei in moralischen Fragen so vorbildlich, dass bei technischen Fragen der Volkswirtschaft keine Rücksicht mehr genommen werden müsse. So tritt etwas zutage, was auch für alle anderen Paradoxien charakteristisch ist. Am Anfang scheinen sie denjenigen schachmatt zu setzen, der davon gefangen wird. Doch dann entstehen Strategien, wie man die Paradoxie für die eigenen Interessen nutzen kann und dadurch sogar mehr Macht erlangt. Das Besondere an dieser Art von Macht ist, dass sie die Widersprüche nicht aufhebt, sondern sie immer weiter existieren lässt, um alle anderen darin gefangen zu halten, während man selbst entscheidet, welche der beiden Wahrheiten gerade gilt.

Die Erzählung vom deutschen Exportweltmeister erfüllt genau diese Funktion. Sie lässt das alte Paradox der sich ausschließenden Erzählungen bestehen und springt auf eine neue Ebene. Hier perlen die Vorwürfe ab, die vorher noch Anlass für Zerknirschung und Reue waren. Dass Angela Merkel während der Eurokrise oft mit einem Hitlerbärtchen gezeigt wurde, hat in Deutschland zu einem neuen Reflex des Zusammenhalts geführt. Bis dahin konnte der Nazi-Vorwurf immer damit rechnen, dass er in Deutschland auf offene Ohren trifft. Im Bereich der ökonomischen Dominanz wird der gleiche Vorwurf nun als ein unlauterer Trick abgelehnt: Um Schulden nicht zu bezahlen, wird die Nazi-Karte ausgespielt, darauf fallen wir nicht herein.

So wird die Frage nach dem deutschen Wesen noch immer negativ mit der Schuld-Erzählung beantwortet, während sich eine positive ökonomische Erzählung darübergeschoben hat, die von Nation und Deutschsein vorgeblich nichts wissen will und die darum eine moralische Deutungshoheit für sich beansprucht. Die Auflösung des Paradoxes ist damit eine Erfolgsgeschichte für Deutschland. Moralisch ist man Weltmeister, weil niemand sonst so zerknirscht mit seiner Vergangenheit umgeht, und ökonomisch ist man Weltmeister, weil man besser und ordentlicher wirtschaftet. Und da die Ökonomie angeblich moralfrei ist, kann man mit ihr alle anderen bevormunden und unter Druck setzen, nun endlich auch den neoliberalen Weg einzuschlagen.

Der schuldbewusste Herrscher ist eine unangreifbare Instanz, da er selbst darüber entscheidet, ob er gerade die Moral oder die Ökonomie für sich arbeiten lässt. In der Flüchtlingskrise 2015 trat der moralische Weltmeister auf, der mit gutem Beispiel voranging, um dann sofort alle anderen zu ermahnen, ihm zu folgen. Und gleichzeitig betreibt der ökonomische Weltmeister sein tägliches Geschäft zum Nachteil aller anderen. Dass beide Dominanzansprüche auf wenig Verständnis bei den europäischen Nachbarn stoßen, führt bei den Meistern des Schuldparadoxes nicht zum Nachdenken, sondern zu einem immer raffinierteren Einsatz ihres strategischen Vorteils im Hase-und-Igel-Wettlauf. Denn den blinden Fleck im Zentrum ihrer Hegemonie, den wollen sie nicht sehen.

Bernd Stegemann, „Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik“, Matthes & Seitz Berlin 2019, 206 Seiten, 18 Euro.


[1] So konnte man es bei einer Diskussionsveranstaltung im Berliner Ensemble im Sommer 2018 erleben, als Harald Welzer unter allgemein zustimmendem Gemurmel behauptete, dass 97 Prozent der anwesenden Deutschen latent Nazis seien.
[2] Zur Dimension dieses Problems siehe Hans-Werner Sinn, »Fast 1000 Milliarden Euro«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Juli 2018.

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