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Exportorientiertes Wachstumsmodell | 22.02.2019 (editiert am 01.03.2019)

Der deutsche Wirtschaftsriese taumelt

Deutschlands vermeintliche wirtschaftliche Stärke erweist sich immer mehr als seine Achillesferse. Die deutsche Politik aber hält ihren Irrweg weiterhin für den Königsweg.

Deutschlands Wirtschaftsmodell gilt nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern vielen auch im Ausland als äußerst attraktiv und nachahmenswert. Als attraktiv erachtet wird damit ein Wirtschaftsmodell, das seine Wachstumsdynamik ganz überwiegend Exportüberschüssen verdankt.

Aus dieser Perspektive ist es eine gute Nachricht, dass Deutschland „2018 wegen seiner Exportstärke erneut weltweit den größten Überschuss in der Leistungsbilanz erzielt hat“, wie das Ifo-Institut aus München zu berichten weiß.

Wie gewöhnlich erfährt man von den Leitmedien, die diese Nachricht verbreiten, nur wenig über die wahren Gründe für Deutschlands außergewöhnliche Exportstärke.

Wie die folgende Grafik deutlich macht, haben für diese vermeintliche Stärke die Lohnabhängigen teuer bezahlt.

Abbildung 1

Wie die Grafik belegt, ist Deutschlands Wirtschaft seit 1995 bis 2017 real um 32 Prozent gewachsen. Die Reallöhne dagegen sind im gleichen Zeitraum lediglich um 23,4 Prozent gestiegen. Dass die Reallöhne weniger stark gestiegen sind als das Bruttoinlandsprodukt (pro Stunde) heißt nichts anderes, als dass die Lohnabhängigen am Wachstum des gemeinschaftlichen Erwirtschafteten unterdurchschnittlich partizipierten.

Was die Grafik allerdings verdeckt: Das exportgetriebene Wirtschaftsmodell Deutschlands bescherte den niedrigsten 40 Prozent der lohnabhängigen Einkommensbezieher sogar reale Einkommenseinbußen. Das belegt die nächste Abbildung aus dem auch sonst lesenswerten Atlas der Arbeit.

Abbildung 2
Quelle: https://www.boeckler.de/pdf/atlas_der_arbeit_2018.pdf

Warum das Wirtschaftswachstum Deutschlands in Zeiten, in denen sich Finanzminister mit Schwarzen Nullen brüsten, den realen Lohnzuwachs übersteigen konnte, lässt sich einfach beantworten. Die von fleißigen deutschen Händen produzierten Wirtschaftsgüter kamen zunehmend „Ausländern“ zugute. Diese Tatsache kommt in der sogenannten Exportquote zum Ausdruck, die seit 1995 von 22 Prozent auf 47 Prozent im Jahr 2018 gestiegen ist.

Abbildung 3

Welche Ausnahmenstellung Deutschland damit unter den fünf größten Volkswirtschaften der Welt innehat, zeigt die folgende Grafik.

Abbildung 4

Deutschland ist also unter den fünf größten Volkswirtschaften das Land mit der weitaus größten Exportquote. Diese gerne als Erfolgsgeschichte präsentierte Tatsache aber macht Deutschland wirtschaftlich von Entwicklungen im Ausland abhängig, die sie nur wenig beeinflussen kann. Es ist daher nicht zu leugnen, dass Ereignisse wie eine„Abkühlung der Weltkonjunktur, internationale Handelskonflikte und die Unwägbarkeiten des Brexits“ Anlass zur Sorge geben, dass der „Gegenwind rauer“ wird, wie der BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang dem Handelsblatt zu Protokoll gab.

Wie rau dieser Gegenwind werden könnte, wird deutlich, wenn man sich die wichtigsten Zielländer der deutschen Exportgüter betrachtet.

Abbildung 5

Sowohl in den USA als auch in Italien sind „Populisten“ an der Regierung, denen die Geschichte vom allseitig wohlfahrtsspendenden Freihandel nicht ohne Weiteres einleuchtet. Die einen drohen daher mit Zöllen, die anderen stellen den Euro zur Disposition. Zudem könnten mit dem von Deutschland maßgeblich unterstützen Brexit-Diktat Beeinträchtigungen der deutschen Exporte nach Großbritannien einhergehen.

Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), dagegen macht sich über dieses äußerst problematische außenwirtschaftliche Umfeld wenig Sorgen:

„Der Kern der deutschen Konjunktur, die Binnennachfrage, getragen von einem starken privaten Verbrauch, ist nach wie vor intakt.“

Eine mehr als erstaunliche Aussage, wenn man sich noch einmal die Grafik seiner Kollegen vom Institut der Weltwirtschaft in Kiel, Stefan Kooths und Ulrich Stolzenburg, betrachtet. Die nämlich belegt eindeutig, dass das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft vorwiegend vom Außenhandel getragen wurde. Und da revolutionäre Veränderungen der deutschen Produktionsstruktur nicht zur Debatte stehen, wird das auch in naher Zukunft so bleiben.

Abbildung 6
Quelle: https://archiv.wirtschaftsdienst.eu/jahr/2018/3/zur-exportabhaengigkeit-der-deutschen-konjunktur/

Horns abweichende Meinung basiert auf einer fehlerhaften Interpretation der Zahlen aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Aus diesen Zahlen ergibt sich ein fallender Außenbeitrag – das heißt, die Differenz von Exporten und Importen wurde kleiner – und korrespondierend der Eindruck eines höheren Wachstumsbeitrags des privaten Konsums, wie das in der folgenden Grafik zum Ausdruck kommt.

Abbildung 7

Kooths und Stolzenburg weisen jedoch zu Recht darauf hin, was bei dieser Darstellung unberücksichtigt bleibt: dass „praktisch jedes Gut der letzten Verwendung aus dem Zusammenspiel von heimischer Wertschöpfung und Importen hervorgegangen ist“ und daher bei einer Einschätzung der Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft auf Basis der „Betrachtung des Außenbeitrags“ […] die Gesamtimporte in unzulässiger Weise nur mit den Exporten verrechnen werden“.

Nun ist die den Zahlen von Kooths und Stolzenberg zugrunde liegende Input-Output-Analyse nicht nur äußerst aufwändig, sondern beruht auch auf theoretischen Annahmen, die so in der Realität nicht gegeben sind. Während es aber schlicht und einfach falsch ist, die Bedeutung des Exports am Außenbeitrag festmachen zu wollen, ist den beiden Autoren zuzustimmen, dass ihr Ansatz für die wirtschaftspolitische Praxis als „Näherungsverfahren gute Dienste“ leistet.

Die Fehleinschätzung Horns über die Bedeutung des Außenhandels für Deutschlands Wirtschaftsentwicklung ist politisch fatal. Denn die Botschaft seines Zitats ist eindeutig: An der Lohnfront ist eigentlich alles zum Besten bestellt. Deutschlands Exportmodell, so wird insinuiert, beeinträchtigt die Wachstumsaussichten Deutschland nicht, weil die Binnennachfrage davon unabhängig stark ist und bleibt.

Wie will man auf Basis dieser Überzeugung dann von Gewerkschaftsseite auf die vielen Vorschläge der Politik zur Bekämpfung einer Rezession reagieren, deren Umsetzung die Lohnabhängigen unzweifelhaft schlechter stellen werden? Oder will man einfach nicht deutlich sagen, dass die Gewerkschaften mit ihrer Bereitschaft zur Lohnzurückhaltung maßgeblich dazu beigetragen haben, Deutschland in die Exportsackgasse geführt zu haben und die letzten Lohnabschlüsse viel zu niedrig waren, um eine Trendwende einläuten zu können?

Der endemische deutsche Exportwahn jedenfalls verführt die Politik zu wirtschaftspolitischen Vorschlägen, deren Umsetzung die Opferbereitschaft der deutschen Lohnabhängigen einem weiteren Härtetest unterziehen wird. Wie ich an anderer Stelle schon darlegte, sieht der deutsche Wirtschaftsminister jetzt den Zeitpunkt für gekommen, die deutschen Leistungsträger steuerlich zu entlasten. Vor dem Hintergrund ihres Glaubens an die positiven Effekte einer sogenannten „soliden Fiskalpolitik“ folgt daraus unmittelbar der Zwang, staatliche Ausgaben zu kürzen.

Olaf Scholz zeichnet ein solches Mindset aus, wie seine Reaktion auf die Nachricht geringerer Steuereinnahmen in der Zukunft eindrucksvoll belegt. Schon im Januar ließ er darauf hin über die „Bild am Sonntag“ das Wahlvolk wissen: „Die fetten Jahre sind vorbei.“ Als er dann im Februar noch einmal Kassensturz machte, musste er gar für die Zeit bis 2023 ein Haushaltsloch von 23 Milliarden einräumen. Vor diesem Hintergrund ist die Meldung der Tagesschau, dass er die „Vertreter anderer Ministerien eindringlich vor Mehrausgaben gewarnt “ habe, höhere Bildungsausgaben auf keinen Fall bewilligen würde und die Personalausgaben des Bundes einzufrieren seien, durchaus glaubwürdig. Mit anderen Worten: Anstatt zu erkennen, dass das deutsche Exportmodell gegen die Wand gefahren ist, sucht man sein Heil wiederum in einer Politik des „Gürtel-enger-schnallens“.

Vor diesem Hintergrund macht der Vorschlag Altmaiers, die schon im Koalitionsvertrag vereinbarte „magische Marke von 40 Prozent“ bei den Sozialabgaben nun auch im Grundgesetz festschreiben zu wollen, durchaus Sinn. Denn im internationalen Wettbewerb sind natürlich auch die Lohnnebenkosten nur schädlicher Ballast. In der wirklichen Welt jedoch wird ein Land der Größe Deutschlands mit fallenden Exportquoten zurechtkommen müssen. Um dafür zu kompensieren, sind aber steigende Löhne und damit auch Lohnnebenkosten unabdingbar erforderlich.

Wie weit die deutsche Politik von einer solchen Einsicht entfernt ist, zeigen die Einlassungen Altmaiers zu einer „nationalen und europäische Industriestrategie“. Aber auch die Gewerkschaften hängen offenkundig dem Glauben an, dass es Aufgabe der Politik sei, die „industrielle Wertschöpfung zu stärken“.

Wie wenig auch die Gewerkschaften verstanden haben, zeigt sich daran, dass auch sie tatsächlich für eine Stärkung der “ industriellen Wertschöpfung sowohl in Deutschland als auch in Europa“ plädieren. Wenn sie dann noch den hohen Anteil der Industriewertschöpfung dafür loben, dass „Deutschland vergleichsweise glimpflich durch die Wirtschafts- und Eurokrise kam“, weiß man nicht mehr, ob man nun schallend lachen oder bitterlich weinen soll. Sie wollen oder können offenkundig nicht verstehen, dass der Erhalt des hohen Anteils der Industriewertschöpfung in Deutschland nur auf Kosten der Deindustralisierung anderen Mitgliedsländer der Eurozone möglich war.

Wie die folgende Grafik zeigt, ist der Beitrag des Industriesektors zur Bruttowertschöpfung in Deutschland im Vergleich zu anderen großen Industrieländern auffallend groß.

Abbildung 8

Ein solch großer Industriesektor in einem relativ (im Vergleich zu Japan oder den USA) kleinen Land bedarf unabdingbar des Exports eines erheblichen Anteils der in diesem Sektor produzierten Wirtschaftsgüter. Nun wird in Folge des technologischen Fortschritts der Industriesektor weltweit zunehmend an Bedeutung verlieren. Ebenso werden weniger entwickelte Länder ihre industriellen Kapazitäten ausbauen und große Industriestaaten ihre Produktionskapazitäten nicht freiwillig abbauen wollen. Wer vor diesem Hintergrund meint, eine zukunftsorientierte Industriepolitik könne sich an einer Zielmarke für die Industriewertschöpfung von 25 Prozent orientieren, leidet an „Realitätsverweigerung“.

Der„wirtschaftlicher Erfolg“ des deutschen exportorientierten Wachstumsmodells basiert auf einem historisch einmaligen Ereignis. Der Einführung des Euros. Sie erlaubte es Deutschland, eine Unterbewertungsstrategie zu verfolgen, die von anderen Ländern aber inzwischen durchschaut und als nicht mehr tolerierbar erachtet wird.

In Italien zum Beispiel hat man innerhalb führender Kreise der Lega längst erkannt, dass im Rahmen des Euro der Niedergang der italienischen Wirtschaft nicht mehr zu stoppen ist. Die Rezession in Italien ist in vollem Gange und ein Austritt Italiens aus dem Euro nur eine Frage der Zeit. Mit allem anderen als einem steigenden realen effektiven Wechselkurs Deutschlands zu rechnen, ist daher reine Tagträumerei. Diese wirtschaftspolitische Traumwandlerei wird allerdings mit Sicherheit für viele Lohnabhängige zu alptraumhaften wirtschaftlichen und sozialen Zuständen führen.

Deutschlands exportgetriebenes Wachstumsmodell hat EUROpa irreparabel beschädigt, ist verantwortlich für einen riesigen Niedriglohnsektor und prekäre Beschäftigungsverhältnisse und nun definitiv an ihr Ende gelangt. Nur auf Basis dieser Erkenntnis kann eine erfolgversprechende Wirtschaftspolitik verfolgt werden. Es scheint bedauerlicherweise jedoch der sich am Horizont abzeichnenden Wirtschaftskrise zu bedürfen, um die deutsche Politik und mit ihr Gewerkschaften von ihrem verhängnisvollen wirtschaftspolitischen Sonderweg abzubringen.

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