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Konjunktur | 22.02.2019 (editiert am 26.02.2019)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühwinter 2018 – 3

Die deutsche und die europäische Rezession gehen inzwischen weit über die Industrie hinaus. Doch die Wirtschaftspolitik scheint immer noch nicht verstanden zu haben, was passiert. Worauf wartet man in Brüssel und Berlin?

Die Bauproduktion ist im Dezember in der EWU nur wenig rückläufig gewesen, obwohl die Produktion in Deutschland mit über 4 Prozent Rückgang gegenüber dem Vormonat regelrecht eingebrochen ist (Abbildung 1). In Frankreich hat es in dem Monat eine Gegenbewegung gegeben, die aber nichts an der stagnativen Entwicklung dort ändert.

Abbildung 1

In den südeuropäischen Ländern hat es keine großen Veränderungen gegeben, lediglich in Spanien war erstmals seit einiger Zeit wieder eine Belebung zu beobachten (Abbildung 2). In Italien und in Portugal bleibt es bei der mittlerweile langanhaltenden Stagnation.

Abbildung 2

In den mittel- und osteuropäischen Ländern ist, mit Ausnahme Ungarns, die Bauproduktion seit einigen Monaten nicht mehr gestiegen (Abbildung 3). Bulgarien bleibt weiterhin das Schlusslicht mit einem Niveau, das weiter unter dem des Jahres 2009 liegt.

Abbildung 3

In den kleineren westlichen Ländern, die wir hier betrachten, scheint der Bauboom in den Niederlanden ungebrochen, während die übrigen unter heftigen Schwankungen keine klare Tendenz zeigen (Abbildung 4).

Abbildung 4

Der inflationsbereinigte Einzelhandelsumsatz ist im Dezember in der gesamten EWU gesunken, wobei der Einbruch in Deutschland besonders auffällig ist. Trotz leicht steigender Realeinkommen (etwa um 1 Prozent) kam es beim Einzelhandel über das ganze Jahr gesehen, nicht zu einer Belebung (Abbildung 5). In Deutschland ist im Laufe des Jahres die Sparquote der privaten Haushalte gestiegen. Aber auch Frankreich, das traditionell aufwärtsgerichtet ist, schwächelt, weil die Bürger verunsichert sind.

Abbildung 5

In Südeuropa tut sich weiterhin in Sachen Einzelhandel kaum etwas. Nur in Portugal geht es langsam aber stetig nach oben, was sicher der Politik der Regierung zuzuschreiben ist, die sich die Stützung der Masseneinkommen auf die Fahne geschrieben hat (Abbildung 6).

Abbildung 6

Die Arbeitslosigkeit in der EWU liegt auch zu Beginn der neuen Rezession noch immer bei acht Prozent (Abbildung 7). Frankreich ist es im Verlaufe des „Aufschwungs“ nicht gelungen, unter neun Prozent zu kommen, Italien nicht unter zehn Prozent. Hier manifestiert sich das Versagen der europäischen Politik wie nirgendwo sonst.

Abbildung 7

Im internationalen Vergleich wird das besonders deutlich (Abbildung 8). Die USA liegen unter vier Prozent, Japan gar unter drei. Beide Länder haben aktive Finanzpolitik betrieben, was sich Europa aus rein ideologischen Gründen selbst versagt hat.

Abbildung 8

Die Inflationsentwicklung geht mit dem Rückgang der Ölpreise wieder unter die zwei-Prozent-Marke (Abbildung 9 und zehn). Was bei den Erzeugerpreisen begann, setzt sich mittlerweile auch bei den Verbraucherpreisen durch. In einigen Ländern liegt der Verbraucherpreisanstieg schon wieder deutlich unter dem Inflationsziel.

Abbildung 9

Auch das zeigt das Versagen Europas, insbesondere aber der Währungsunion. Weil die Arbeitsmarktsituation sich nicht wirklich verbessert hat, sind die Einkommen bis zuletzt nur wenig gestiegen. Damit aber hat die entscheidende Voraussetzung gefehlt, um die Kerninflationsrate nahe dem Inflationsziel zu stabilisieren.

Abbildung 10

Wirtschaftspolitik

Gestern meldeten die Agenturen, dass einer der ernstzunehmenden Frühindikatoren für die europäische Industrie, der sogenannte PMI-Index, auch für Februar klar in Richtung auf Rezession zeigt. Man fragt sich, was noch passieren muss, bevor die europäische Wirtschaftspolitik aufwacht. Vermutlich wird man in den entscheidenden Ländern darauf spekulieren, es handele sich bei diesem Rückgang nur um die berühmte „Delle“, die sich von alleine wieder korrigiert.

Doch die Dellentheorie war schon immer und ist auch heute noch großer Unsinn. Wenn man sich in der Situation der USA befindet, kann man in der Tat ein wenig abwarten, ob sich die Lage von alleine wieder fängt. In der Situation Europas aber ist auch nur die Möglichkeit, dass sich die Arbeitslosigkeit wieder erhöht, ein Alarmsignal ersten Ranges. Wenn jetzt nichts geschieht und das positivste aller möglichen Szenarien eintritt, nämlich eine Umkehr der wirtschaftlichen Entwicklung ohne Zutun der Politik im Sommer dieses Jahres, ist erneut mindestens ein Jahr verloren, das insbesondere jungen Menschen den Eindruck vermittelt, dieses System oder dieses Europa könne ihre Probleme nicht lösen.

Das ist aber noch gar nicht das, worum es eigentlich geht. Italien und Frankreich hätten Ansätze gebraucht, um ihre Probleme im Außenhandel dauerhaft zu lösen. Davon kann jetzt, wo auch die deutsche Industrie unter Druck steht, weniger denn je die Rede sein. In diese Hinsicht ist nicht ein Jahr verloren, sondern schon zehn in der Vergangenheit und vermutlich noch einmal fünf für die Zukunft. Sollte Trump die deutsche Industrie zusätzlich mit Zöllen unter Druck setzen, kann man jede Kompromissbereitschaft bei der deutschen Wirtschaft in Sachen Europa vergessen. Erneut wird der blanke Egoismus regieren und Europa weiter wie eine Säure zersetzen.

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