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Wirtschaftspolitik | 25.02.2019

Die deutsche Wirtschaft ist in der Rezession

Die deutsche Wirtschaft ist nicht an einer Rezession vorbeigeschrammt, sondern mittendrin. Die Interpretation der vorhandenen Zahlen durch das Statistische Bundesamt ist höchst fragwürdig.

„Vorbeigeschrammt an der Rezession“ war die Lieblingsformulierung in den deutschen Medien, als vergangene Woche das Statistische Bundesamt meldete, im vierten Quartal sei das BIP nicht gesunken, sondern habe gegenüber dem dritten Quartal (wo das BIP als leicht rückläufig berechnet wurde) stagniert. Man verbreitete den Eindruck, mit der Schätzung für das BIP im vierten Quartal sei die Gefahr einer Rezession zunächst gebannt. Wir haben schon unmittelbar nach der Veröffentlichung der Ergebnisse Zweifel an der Einschätzung des Amtes geäußert, es handele sich bei der Abschwächung um eine Delle (hier).

Eine genauere Analyse zeigt, dass das STABU mit seiner Dellenthese falsch liegt. Es handelt sich eindeutig um eine Rezession mit zwei konsekutiven Quartalen einer deutlichen Abschwächung, und es wird ausweislich der Auftragseingänge und andere Frühindikatoren mindestens noch ein drittes Quartal mit rückläufiger Wirtschaftstätigkeit hinzukommen, in dem auch das BIP wieder rückläufig sein wird. Dass das Bundesamt Stagnation für das vierte Quartal errechnete, ist einer höchst fragwürdigen Interpretation der zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Daten zuzuschreiben.

Was ist eine Rezession?

Was eine Rezession ist, kann man unschwer an den Daten ablesen, die erhoben werden, um sowohl für einzelne Bereiche als auch für die Gesamtwirtschaft die Einschätzung der Unternehmen hinsichtlich ihrer Geschäftslage und ihren Erwartungen abzubilden. Der bekannteste Indikator dieser Art für Deutschland ist der ifo-Geschäftsklimaindex (Abbildung 1). Der Indikator zeigt ein ausgeprägt zyklisches Muster mit zwei größeren Abschwüngen seit dem Ende der globalen Rezession im Jahr 2010.

Abbildung 1

Der erste Abschwung begann im Herbst 2011 und dauerte mehr als ein Jahr bis zum  Beginn des Jahres 2013. Danach gab es beim ifo-Index einiges an Auf und Ab, aber erst zu Beginn des Jahres 2017 kann man wieder von einem deutlichen Aufschwung reden, der allerdings zu Beginn des vergangenen Jahres schon wieder endete. Seitdem ist nach diesem Indikator eindeutig Rezession; er sinkt mit einer kleinen Unterbrechung im vergangenen Sommer bis zum letzten Wert im Februar diesen Jahres, also über ein Jahr lang.

Bemerkenswert und wichtig zu erkennen an diesem Bild ist auch, dass die Bewegungen in der Gesamtwirtschaft (rote Linie) eindeutig von den Bewegungen des verarbeitenden Gewerbes bestimmt werden. Das verarbeitende Gewerbe (zusammen mit Handel und Baugewerbe) determiniert sehr stark den zyklischen Verlauf, weil hier die Güter produziert werden, deren Nachfrage ganz besonders von den Einkommens- und Gewinnerwartungen von Unternehmen und Verbrauchern abhängt. Dabei geht es um Investitionsgüter und solche langlebigen Verbrauchsgüter, deren Ersatz oder Neuanschaffung regelmäßig von der wirtschaftlichen Lage abhängig gemacht wird.

Die Gesamtwirtschaft folgt diesem zyklischen Muster mit großer Stabilität, weil alle übrigen Bereiche, wie insbesondere die Dienstleistungen, sich gleichförmiger entwickeln, denn sie haben es mit weniger klaren Nachfrageschwankungen zu tun. Gesundheits- oder Pflegedienstleistungen etwa fragen die Menschen weitgehend unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Lage nach. Folglich gibt es auch für die Gesamtwirtschaft zyklische Schwankungen. Die sind zwar schwächer als in der Industrie und in der Bauwirtschaft, die Gesamtwirtschaft folgt jedoch in dem hier betrachteten Zeitraum bei den ifo-Ergebnissen den großen zyklischen Schwankungen ohne Ausnahme.

Was ist im 2. Halbjahr 2018 geschehen?

Im zweiten Halbjahr 2018 hat es ohne Zweifel einen zyklischen Abschwung gegeben, der sich in klaren Ergebnissen in der Produktion des Produzierenden Gewerbes (Verarbeitende Industrie und Bauwirtschaft) niederschlägt (Abbildung 2). Besonders ausgeprägt ist der zyklische Rückgang im vierten Quartal, wo die rückläufige Bauwirtschaft (insbesondere das Ausbaugewerbe ist eingebrochen) das Gesamtergebnis noch einmal nach unten zog.

Abbildung 2

Es gibt keinen Zweifel, seit dem Höhepunkt im Mai 2018 ging es fast durchweg bergab mit der deutschen Konjunktur, weil die von jedem Konjunkturzyklus besonders betroffenen Bereiche einbrachen. Bedeutsam für die Statistik, die sich zum Ziel gesetzt hat, auch für die Gesamtwirtschaft mit dem BIP ein Bild der Konjunktur zu zeichnen, ist die Tatsache, dass die in erster Linie vom zyklischen Einbruch betroffenen Bereiche auch diejenigen sind, für die aktuelle Daten vorliegen. Das liegt daran, dass die Statistik seit vielen Jahrzehnten bemüht ist, gerade für diese Bereiche frühzeitig Daten bereit zu haben, um die Wirtschaftspolitik frühzeitig auf Gefahren aufmerksam machen zu können.

Wenn aber nur für die Produktion in diesen Bereichen verlässliche Primärstatistiken vorliegen und diese klar in eine Richtung zeigen, kann und darf die amtliche Statistik das bei der Berechnung der gesamtwirtschaftlichen Produktion (nichts anderes ist das BIP) nicht ignorieren, sondern muss, basierend auf den Einsichten in die Logik eines Konjunkturzyklus, unterstellen, dass die Gesamtwirtschaft gegen eine solche Entwicklung sozusagen „kein Eigenleben“ führen kann.

Abbildung 3 zeigt für die Phase von 2010 bis zum vierten Quartal 2018, dass bei den zu erwartenden stärkeren Schwankungen des verarbeitenden Gewerbes das BIP doch meist den zyklischen Bewegungen folgt. Auch sind die Phasen, in denen das BIP unter und über dem Produktionsindex liegt, relativ gleich verteilt. Bemerkenswert ist jedoch, dass in der einzigen Phase der vergangenen Jahre, wo die Produktion deutlich sank, nämlich von 2012 auf 2013 auch das BIP zwei Quartale lang schrumpfte.

Abbildung 3

Wir haben das in Abbildung 4 noch einmal graphisch verdeutlicht. Damals sank die Produktion im produzierenden Gewerbe um 3,5 Prozentpunkte. Gleichzeitig wurden vom Statistischen Bundesamt Rückgänge des BIP von 0, 5 Prozent (im 4. Quartal 2012) und 0,3 Prozent (im 1. Quartal 2013) errechnet. Im gegenwärtigen Abschwung ist die Produktion deutlich stärker, nämlich um ganze 5 Prozentpunkte gesunken, das Bundesamt kommt aber über zwei Quartale nur auf einen Rückgang von insgesamt 0,2 Prozent.

Abbildung 4

Amtliche Statistik muss sich an ökonomische Logik halten

Das Ergebnis ist mehr als erstaunlich, und es ist absolut interpretationsbedürftig. Wir haben das Amt nach dem Baubereich befragt, wo wir vermuteten, dass es andere Indikatoren als das reine Produktionsergebnis gibt, die in die Berechnung eingehen. Die Antworten, die wir erhalten haben, waren leider widersprüchlich hinsichtlich der Verfügbarkeit anderer saisonbereinigter Daten wie der Umsätze oder der Arbeitsstunden.

Wobei wir Arbeitsstunden ohnehin nicht für einen geeigneten eigenständigen Indikator halten, denn der geht in einen Produktionsindex ein, wenn die Unternehmen korrekt melden. Außerdem geht es um Produktion und nicht um Produktivität. Wenn die Arbeitsstunden stabil bleiben, obwohl die Produktion sinkt, sinkt die Produktivität, was ein durchaus normales zyklisches Ergebnis ist. Für das BIP, das die Produktion messen soll, ist dann dennoch die Produktion entscheidend und nicht abgesessene Arbeitsstunden.

Die Bauwirtschaft spielt aber in diesem Zusammenhang quantitativ kaum eine Rolle, bemerkenswert fanden wir nur, dass das Amt in seinen Verlautbarungen der Bauwirtschaft besondere Impulse für die Konjunktur zugesprochen hat. Davon kann aber – gemessen an den jetzt vorhandenen Zahlen – nicht die Rede sein.  Für das Verarbeitende Gewerbe, das hat das Amt bestätigt, geht in erster Linie der Produktionsindex in die Berechnung des BIP ein. Folglich müsste das Amt, wenn es zu abweichenden Ergebnissen kommt, für die Öffentlichkeit detailliert nachweisen, wieso es dieses Mal so eklatant von der zyklischen Logik abweicht. Wer nichts in der Hand hat, was die zyklische Bewegung im Verarbeitenden Gewerbe dementiert, muss sich der zyklischen Logik beugen, die sagt, dass die übrigen Bereiche und damit auch das BIP kein Eigenleben führen, sondern sich an die Vorgaben des zyklischen Bereichs (der in Deutschland ja sehr groß ist) anpassen.

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