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Kommentar | 06.02.2019

Die Diktatur des Volontariats

Die „Guten“ und „Anständigen“ in unserem Land brauchen dringen eine Image- und Marketingberatung. Ihr Auftritt im Kulturbetrieb schreckt viele Menschen ab – und treibt sie den schlechten Alternativen in die Arme.

Über Jahre hinweg habe ich mich immer als Linker, ja durchaus auch als liberaler Linker begriffen. Und daran hat sich auch relativ wenig geändert. Trotzdem. Es fällt mir zunehmend schwer, den linksliberalen Meinungskommentaren, die heute in die öffentlichen Auseinandersetzungen geworfen werden, mit Sympathie zu begegnen. Sie strotzen nur so vor Selbstgefälligkeit.

Selbstgefälligkeit ist eine Haltung, die man sich gerade im progressiven Milieu nicht leisten sollte. Denn sie ist eine narzisstische Blendgranate, tödlich für den klaren Blick und Erkenntnisgewinn.

Leider scheint sich diese Selbstgefälligkeit in den letzten Monaten zur Normalität entwickelt zu haben. Im Kampf gegen die AfD gehört sie zum Grundkanon der journalistischen Debattenkultur. Und das nicht nur in Nischenmedien wie der Jungen Welt oder Jungle World, sondern mittlerweile eben auch in den (gebührenfinanzierten) Leitmedien.

Mit allen Mitteln: Ein richtiger Kracher

Nehmen wir doch nur mal die Diskussion um die Journalistin Veronika Kracher (taz, Junge Welt, Jungle World und Neues Deutschland): Die Jungautorin hatte sich zum Fall Magnitz wie folgt bei Twitter geäußert:

»Dass #Magnitz zusammengelatzt wurde, ist übrigens die konsequente Durchführung von #NazisRaus. Abhauen werden die nicht. Die werden sich bei der größten möglichen Bedrohungssituation aber zweimal überlegen ob sie offen faschistische Politik machen. Deshalb: mit ALLEN Mitteln.«

Der Tweet existiert bereits nicht mehr, als er jedoch publik wurde, ging man noch vom Narrativ des Tathergangs aus, den die AfD zunächst verbreitete. Am Ende war der Angriff wohl nicht ganz so dramatisch, aber die Öffentlichkeit ging zunächst davon aus – und Frau Kracher fand es nicht schlecht, wie man hier »Zivilcourage« zeigte.

Ihr Kollege Sören Kohlhuber (ehemals Die Zeit) solidarisierte sich prompt mit seiner Kollegin, wünschte ihr Kraft für den Sturm der Entrüstung und brachte diesen erst ins Rollen. Margarete Stokowski, die derzeitige It-Kolumnistin bei SPON, ließ zwar offen, ob man das so formulieren muss wie Kollegin Kracher, fand aber auch keine Notwendigkeit zur Distanzierung. Nicht dass Stokowski sonst nicht sehr empfindlich reagieren würde, wenn sich zum Beispiel Buchläden nicht von Büchern distanzieren, die Stokowski für zu rechtslastig befunden hat. Häusern, die da nicht mitziehen, sagt man die Lesung aus Prinzip öffentlichkeitswirksam ab.

Überhaupt gehört die vorauseilende Distanzierung im linksliberalen Justemilieu zum guten Ton. Eine Kritik an der offenen Zustimmungsrhetorik zur Gewalt gegen AfD-Leute aber fand in den entsprechenden Qualitätsmedien so gut wie gar nicht statt. Man ignorierte sie weitestgehend oder stimmte subtiler in eine ähnliche Richtung ein, ließ beispielsweise Gewalt verurteilende Stimmen zu Wort kommen, stets mit dem Nachtritt, dass im Grunde die AfD lediglich ernte, was sie gesät habe. Richtig sei das freilich alles nicht, logisch aber schon.

Soziale Gerechtigkeit? Nee: Selbstgerechtigkeit!

Die Girlie-Journalistin, die nur ganz freimütig twitterte, was sich in vielen Köpfen ohnehin abspielt, legt offen, woran es in diesem Justemilieu am meisten hapert: Selbstreflexion. Man ist sich der eigenen moralischen Überlegenheit sicher, ja fühlt sich ethisch unantastbar. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Gerechtigkeitsfrage. Die soziale Gerechtigkeit hat als Sujet abgewirtschaftet. Die Selbstgerechtigkeit ist zum Surrogat geworden. Nur, dass das jenseits der Speckgürtel nicht so gut ankommt.

Zugegeben, die Geschichte um Veronika Kracher ist ein extremes Beispiel dafür, wie die Selbstgerechtigkeit die Debattenkultur der Stunde dominiert. Doch stets geht es darum, moralisch Abstand zu denen zu gewinnen, die man für rückständig, rechts, illiberal oder was auch immer hält. Gemeinhin ist damit die AfD und – mitgefangen mitgehangen – der dazugehörige AfD-Wähler gemeint. Wie sie es wagen können, eine Partei wie dieser ihre Stimme zu geben, wo doch das demokratische Parteienspektrum im Lande ansonsten so gut bestellt sei – das ist die Gretchenfrage der Progressiven.

Moralische Verurteilung statt Analyse – offenbar kommt heute kein Qualitätsmedium mehr ohne Selbstgerechtigkeitsjournalismus aus, Volkspädagogik inklusive: man erklärt den AfD-Wählern von oben herab, wie dumm sie sich eigentlich verhalten. Statt der Stimmung im Lande investigativ nachzuspüren – Caterina Lobensteins Bericht über die Arbeiterstadt Bitterfeld ist eine der wenigen Ausnahmen – spielt man sich als Gesinnungsagent mit Presseausweis auf. Nüchterne Distanz als Leitmotiv der eigenen journalistischen Arbeit: Fehlanzeige. Ein ganzer Geschäftszweig des „Journalismus“ besteht mittlerweile daraus, was Jungjournalistinnen wie Veronika Kracher oder Margarete Stokowski an eloquenten Sprechblasen ausblubbern. Im Qualitätsjournalismus übernehmen andere Größen: Dunja Hayali oder Anja Reschke zum Beispiel.

Dieser neue Duktus des bento-, Jetzt- und ze.tt-Journalismus steht in wechselseitiger Interaktion mit dem jungen, hippen Milieu, welches – mit stolzgeschwellter Brust das »geschichtlich Gute, unzweifelhaft Wahre, immerdar Schöne« zu vertreten – seinen Kulturkampf in die Netzwerke trägt. Dort schwingt die Keule der Selbstgefälligkeit mit voller Wucht. Die Debattenkultur ist dabei längst von Fanatismus geprägt. Zelotisch geht man jene an, die das postmaterialistisch-liberale Weltbild nicht teilen. Man zieht unangemessene Vergleiche (alle Andersdenkenden sind Nazis), überzieht die eigene Einschätzung und legt einen rigiden Moralismus an den Tag.

Wie Savonarola oder Inquisitoren als Waisenknaben

Als historischen Prototyp dieser Gesinnung könnte man Girolamo Savonarola heranziehen, einen ganz und gar nicht liberalen Bußprediger und Dominikaner, der in den Neunzigerjahren des 15. Jahrhunderts zum faktischen Herrscher der Republik Florenz wurde. Um die Stadt vor den gottlosen Zeichen der Renaissance zu retten, vor den Medici und dem Papst, der allgemeinen Sittenlosigkeit und der Häresie, ließ er Schriften, Gemälde, Schmuck, Kosmetika, weltliche Musikinstrumente und -noten, Spielkarten, aufwendige Möbel oder Kleidungsstücke beschlagnahmen und verbrennen. Eine klerikale Avantgarde unterstützte ihn bei der Zerstörung dieser Symbole der Verkommenheit. In jener Zeit wurde dem gemeinen Volk die Inquisition sympathisch. Denn neben dem fanatischen Reinheitsfimmel des Dominikaners wirkten die kirchlichen Eiferer fast wie Waisenknaben.

Äußerungen wie von Kracher oder anderen Leuten aus dem Kultur- oder Pressesektor sind typische Reaktionen solcher Art – von modernen Cyber-Savonarolas, die das gesellschaftliche Klima vergiften. Wir haben es hier mit Netzwerksselbstverliebtheiten des journalistischen Hipstertums zu tun, eine mikrokosmische Bekenntnispresse, in der nicht mehr das „Wie und Warum“ Gegenstand der Betrachtung sind, sondern das »Du-sollst-nicht!« als überheblicher Imperativ zur Schau gestellt wird.

Diese Art von journalistischer Bevormundung kommt billig, abgeschmackt und zudem offen manipulativ daher. Nein, die AfD ist sicher keine Alternative, die dieses Land in ruhigere Bahnen lotst. Aber in der publizistisch-politischen Querfront unserer Tage ruht das größte Problem der Sache: Die moralinsaure Dauerbeschallung macht die AfD nicht schwächer. Nein, man unterstreicht deren Märtyrerhaltung und führt ein zunächst unbedarftes Publikum an sie heran.

Beste Werbung für die AfD

Denn wie muss der globalistische No-Border-Konsens des urbanen Milieus – ein seltsames Gemisch aus Lifestyle und Moralismus – auf jene wirken, die man bekehren will? Wer in einem strukturierten (Arbeits-)Alltag feststeckt, Verantwortung für Kinder und pflegebedürftige Eltern oder schlicht nicht das materielle Rüstzeug für eine freie, selbstbestimmte, optimierte, ökologische und weltmännische Lebensführung hat, dem muss das liberale Ideal, das ihnen die junge Avantgarde in den Medien als »unsere Art zu leben« vorsetzt, lebensfremd, arrogant und wie Hohn erscheinen. Ihre eigenen Erfahrungen werden hingegen beschwichtigt, kleingeredet oder nicht thematisiert.

So gesehen ist die selbstgefällige Imagekampagne für das eigene liberale Lebensgefühl eine miese Marketingstrategie, denn sie führt dazu, dass dieser Lebensentwurf unglaubhaft und verachtet wird.

Doch statt Einsicht walten zu lassen, peitschen sich diese modernen Blockwarte zu immer mehr Radikalität. In den Netzwerken lebt man es aus, man lässt auch Meinung nicht mehr zu, die nicht per se »faschistisch« ist, zum Beispiel gewisse Kritik an einer uferlosen Genderideologisierung, rückt jeden in die Nazi-Ecke, der nicht hundertprozentig der Ansicht ist, die man in der Bekenntniscommunity pflegt. So viel ist sicher: der Shitstorm kommt nicht nur von rechtsaußen.

Am Ende muss man sich wirklich fürchten. Weniger von der AfD als vor dieser seltsamen Hipstertatur, der schrillen Diktatur des postmaterialistischen Volontariats, in der Meinungsfreiheit heißt, über die richtige Meinung schreiben und lehren zu müssen und in der Demokratie eine konfessionelle Beteuerungskultur darstellt. Diese Selbstgefälligen und Gefallsüchtigen ebnen einer starken AfD den Weg.

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