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Wirtschaftsethik | 01.02.2019 (editiert am 07.02.2019)

Gewinnmaximierung als ethisches Gütesiegel

Facebook finanziert ein neues Forschungsinstitut für Wirtschaftsethik an der TU München. Die Stelle des Institutsleiters geht an einen konzernfreundlichen Wirtschaftsethiker. Symptomatisch für den Zustand der Wirtschaftswissenschaften an deutschen Universitäten.

Am 20. Januar gab die Technische Universität München (TUM) die Gründung eines neuen Forschungsinstituts für Ethik bekannt, das »TUM Institute for Ethics in Artificial Intelligence«. Finanziert wird es von Facebook – 6,5 Millionen Euro zahlt der Internetkonzern. Institutsleiter wird Professor Christoph Lütge, so hieß es auf einer Pressekonferenz. Lütge ist derzeit Inhaber des Peter Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik und Global Governance.

Die berichterstattenden Medien sowie die Universität selbst scheinen in diesem Vorgang kein Problem zu sehen. Der Ökonom Christian Kreiß, Professor an der Hochschule Aalen, versendete einen Tag später ein Statement an Journalisten, das unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, in der FAZ und im Spiegel zitiert wurde. Dort schreibt er, dass diese Stellenbesetzung nach seiner Einschätzung rechtswidrig sein könnte. Weder sei ein Ausschreibungsverfahren noch ein faires, neutrales Auswahlverfahren mit einer unabhängigen Expertenkommission für die Stelle des Institutsleiters nach Artikel 33 II Grundgesetz durchgeführt worden, wie es für Stellenbesetzungen an öffentlichen Hochschulen üblich ist, so Kreiß. Die Ernennung der Institutsleitung, die im besten Einvernehmen mit dem Geldgeber Facebook erfolgte, sei höchst problematisch, da Geldgeber keinerlei Einfluss auf die Stellenbesetzung an öffentlichen Hochschulen nehmen dürfen. Christian Kreiß erläuterte die besondere Brisanz dieser Entscheidung wie folgt:

„Besonders pikant in diesem Zusammenhang ist, dass der ohne neutrales Auswahlverfahren festgelegte Institutsleiter Prof. Dr. Christoph Lütge bekannt ist für eine äußerst konzernfreundliche, neoliberale und fundamental marktgläubige Weltanschauung, die dem Geldgeber Facebook äußerst gelegen kommt. So behauptet Lütge beispielsweise in seinem jüngsten Buch von 2018, dass durch die Kräfte des Marktes »die Bündelung von Macht systematisch verhindert wird«, eine Aussage, die dem Quasimonopolisten Facebook sehr entgegenkommen dürfte.“

Der designierte Institutsleiter dürfte zu sehr geldgeber- beziehungsweise industrienahen Ergebnissen kommen, so Kreiß in seinem Statement weiter. Professor Manfred Lieb von der Hochschule Heilbronn ist der Meinung, dass die Besetzung der Institutsleitung zwar nicht rechtswidrig sei und die Stelle auch nicht hätte ausgeschrieben werden müssen (weil Lütge bereits an der TUM beschäftigt ist und die Institutsleitung intern vergeben werden darf). Dennoch sei es höchst bedenklich, dass sich Facebook einen Protagonisten sucht, bei dem davon ausgegangen werden muss, dass er überhaupt keine kritische Funktion wahrnehmen will und von dem keinerlei kritische Auseinandersetzung mit wirtschaftsethischen Fragestellungen zu erwarten ist.

Die Personalie Lütge ist symptomatisch

Die Entscheidung, Lütge zum Institutsvorstand zu machen, ist symptomatisch für das Elend der deutschen Wirtschaftswissenschaften, insbesondere der Wirtschaftsethik. Lütge ist Vertreter einer Denkschule, die als Ökonomismus oder ökonomistische Ethik bezeichnet wird. Kern dieses Denkens ist der Glaube an den freien Markt: Je ungehinderter sich dieser entfalten kann, desto besser geht es der Gesellschaft. Daraus folgt als politische Implikation der Rückzug des Staates aus der Wirtschaft und damit das, was als Neoliberalismus bezeichnet wird. Der Ökonomismus liefert die theoretische Grundlage, um den deregulierten, freien Markt sowie die Gewinnmaximierung von Unternehmen ethisch zu rechtfertigen. Die Maximierung der Profite kommt nach dieser Theorie aufgrund der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Allgemeinheit zu Gute, weshalb moralisches Handeln für Unternehmen keine notwendige Kategorie ist. Der Unternehmer handelt unbeabsichtigt altruistisch, indem er egoistisch handelt.

Der Ökonomismus ist der Versuch, den Egoismus zum Moralprinzip zu erheben. Karl Homann, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls Philosophie & Ökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und geistiger Mentor von Christoph Lütge, schreibt, dass »unbändiges Vorteilsstreben« von Unternehmen moralisch richtig sei, weil durch den Marktmechanismus alle davon profitieren. Deshalb hätten Unternehmen die »moralische Pflicht«, ihre Gewinne zu maximieren. Oder um es mit Milton Friedman zu sagen:

“The social responsibility of business is to increase its profits.”

Diese Theorie liefert die wissenschaftliche Rechtfertigung dafür, Kosten zu minimieren, um den Gewinn zu maximieren – durch Knebelverträge mit Lieferanten, Lohndumping, Stellenabbau et cetera. Ulrich Thielemann, einer der wenigen kritischen Wirtschaftsethiker in Deutschland, bezeichnet die ökonomistische Ethik, die Lütge vertritt, als »Ethik ohne Moral«, weil sie das von moralischen Erwägungen und Rücksichtnahmen unabhängige Eigeninteressenstreben ethisch zu rechtfertigen suche.

Das tieferliegende Problem sind die universitären Strukturen

Hinter der Ernennung Lütges zum Institutsleiter an der Technischen Universität München liegt ein tiefergehendes Problem: Kritische Wirtschaftsethiker haben in Deutschland kaum eine Chance, an den Hochschulen und Universitäten nach oben zu kommen. Selbst wenn die Stelle des Institutsleiters in München ausgeschrieben worden wäre, wäre sie mit einem Vertreter des Ökonomismus besetzt worden, weil Kritiker der reinen Marktlogik an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland systematisch ausgeschlossen werden. Die wichtigsten Wirtschaftsethiker in Deutschland haben keinen Lehrstuhl, weil sie in ihrer Wissenschaft für eine Begrenzung der Marktlogik und damit gegen eine Neoliberalisierung von Wirtschaft und Unternehmen eintreten.

Da sich die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in wachsendem Ausmaß über Geld aus der Industrie finanzieren, ist es nachvollziehbar, dass sie kein Interesse daran haben, ihre Stellen mit konzernkritischen Professoren zu besetzen, die etwa dafür eintreten, die Position der Arbeitnehmer zu stärken oder die Löhne zu erhöhen.

Dies bedingt eine Rückkoppelungsschleife: An den Lehrstühlen sitzen marktgläubige, konzernfreundliche Wirtschaftsethiker, die der Industrie die wissenschaftliche Legitimation für maximale Profite, Lohndumping et cetera liefern – die Industrie wiederum finanziert die Lehrstühle und sorgt dafür, dass kritische Geister kaum eine Chance haben, eine Professur für Wirtschaftsethik zu bekommen. Eine Wirtschaftsethik, die nicht daraus besteht, die bestehenden Macht- und Verteilungsverhältnisse zu legitimieren, sondern tatsächlich die normativen Grundlagen unseres Wirtschaftssystems reflektiert, ist im deutschen Wissenschaftssystem praktisch chancenlos. Und die Studenten lernen den marktkonformen neoliberalen Einheitsbrei, der die gegenwärtigen Verhältnisse zementiert. Wenn sie etwas anderes lernen wollen, müssen sie, wie Heiner Flassbeck kürzlich schrieb, selbst dafür Sorge tragen, dass Referenten eingeladen werden, die sich vom üblichen Vorlesungskanon abheben.

»Zu idealistisch«

Ich möchte von etwas berichten, das mir persönlich widerfahren ist. Letztes Jahr hatte ich mich auf eine Professur für Wirtschaftsethik in Deutschland beworben und wurde zu den Berufungsvorträgen eingeladen. Das Thema des Vortrages war ethische Unternehmensführung und ich sagte in meinem Vortrag vor etwa 15 Professoren, dass ethische Unternehmensführung bedeute, dass Unternehmen alle ökologischen und sozialen Auswirkungen ihrer Wertschöpfung berücksichtigen und versuchen müssen, die negativen Auswirkungen (auf Gesellschaft und Umwelt) nach Möglichkeit zu minimieren.

Ein Professor, aus dessen Publikationsliste für mich bereits im Vorfeld hervorging, dass er Vertreter des Ökonomismus ist (und enge Kontakte zum Ifo-Institut pflegt), unterbrach mich und fuhr mich wütend an, dass das ja totaler Unsinn sei. Milton Friedman habe schon in den siebziger Jahren »bewiesen«, dass die Profitmaximierung als oberstes unternehmerisches Prinzip »die gesellschaftliche Verantwortung integriert« habe. Höflich antwortete ich ihm, dass mir diese Argumentation als Wirtschaftsethiker selbstverständlich bekannt sei und ich seinen Standpunkt nachvollziehen könne, ich die Argumentation aber schlicht und ergreifend für falsch halte.

Ich ergänzte, dass Milton Friedman das nicht bewiesen, sondern lediglich behauptet hat und seine Thesen hinsichtlich der Profitmaximierung keiner empirischen Überprüfung standhalten würden. Es entstand eine Diskussion, in der der Kollege, der sichtlich aufgebracht war, alle möglichen neoliberalen Standardargumente hervorbrachte, die ich (unter anderem) mit dem Verweis auf die ökonomische Realität und verschiedene Statistiken zu entkräften versuchte. Keiner der anwesenden Professoren widersprach dem Kollegen, der nicht müde wurde, meinen Vortrag mit seiner marktgläubigen Weltsicht und Argumentation zu diskreditieren.

Doch wofür braucht man eine Wirtschaftsethik-Professur, wenn die Gewinnmaximierung ohnehin ein eingebautes ethisches Gütesiegel besitzt? Die Professur habe ich nicht bekommen, was verkraftbar war. Erschütternd war jedoch die zentrale Begründung, die mir einige Wochen später in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt wurde: Ich sei »zu idealistisch« für eine Wirtschaftsethik-Professur. Mehr muss man über den Zustand der Wirtschaftsethik in Deutschland eigentlich nicht wissen.

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