Debatte | 28.03.2019 (editiert am 02.04.2019)

Der fundamentale Irrtum des Paul Krugman

Paul Krugman wird oft für progressiv gehalten – aber gegen die Republikaner zu sein, ist noch keine gut begründete wissenschaftliche Position. Den Kern der modernen Ökonomik hat er nicht verstanden.

Es ist mehr als erstaunlich, aber ein Wissenschaftler wie Paul Krugman, den viele für progressiv und für explizit makroökonomisch orientiert halten, hat den entscheidenden Zusammenhang, um den es in der gesamtwirtschaftlichen Analyse geht, nicht verstanden. Das ist nicht neu, wir haben es schon im Jahr 2013 gesehen und kritisiert. Jetzt aber hat er in noch drastischerer Weise deutlich gemacht, dass der Kern der wissenschaftlichen Revolution in der Ökonomik, die mit Namen wie Keynes oder Kalecki verbunden ist, vollständig an ihm vorbeigegangen ist.

Im Zusammenhang mit den amerikanischen Leistungsbilanzdefiziten schreibt er:

“The reality, however, is that trade deficits have almost nothing to do with tariffs or other restrictions on trade. The overall trade deficit is always equal to the difference between domestic investment spending and domestic saving (both private and public). That’s just accounting. The reason America runs persistent trade deficits isn’t that we’ve given away too much in trade deals, it’s that we have low savings compared with other countries.”

(Die Wahrheit aber ist, dass Handelsdefizite nahezu nichts mit Zöllen oder anderen Handelsrestriktionen zu tun haben. Das gesamte Handelsbilanzdefizit ist immer gleich groß wie die Differenz zwischen heimischer Investition und heimischer Ersparnis (öffentlich und privat). Das ist eben Buchführung. Der Grund, warum Amerika dauerhafte Handelsbilanzdefizite aufweist, ist nicht, dass wir schlechte Handelsverträge gemacht haben, sondern, dass wir geringe Ersparnis haben im Vergleich zu anderen Ländern.)

Widerspruch in sich

Krugman produziert zunächst einen Widerspruch zwischen seinen eigenen Aussagen. Wenn man sagt, dass die Gleichheit von Leistungsbilanzsaldo mit der Differenz von heimischer Investition und heimischem Sparen nur Buchhaltung ist, darf man genau diese Buchhaltung nicht als kausale Aussage verwenden, wie er das in seinem zweiten Absatz tut. Der „Grund“ (reason) für die amerikanischen Defizite kann es gerade nicht sein, dass Amerika geringe Ersparnisse hat, denn das ist nur eine Wiederholung der buchhalterischen Aussage im ersten Absatz, die einfach keinen Schluss auf einen „Grund“ zulässt.

Aber obwohl, wie die Zitate in dem oben verlinkten Artikel von 2013 zeigen, Krugman offenbar verstanden hat, dass heimisches Sparen nicht automatisch heimisches Investieren nach sich zieht (und dass man das wegen des buchhalterischen Zusammenhangs auch nicht so sagen darf), glaubt er offenbar, dass im Verhältnis zwischen Ländern andere Zusammenhänge gelten, für die die Buchhaltung ausreicht. Das ist eindeutig falsch, aber es ist eine Aussage, die auch bei explizit keynesianisch orientierten Ökonomen häufig zu finden ist.

Sparen führt nie zu Mehrausgaben woanders

Die logische Analogie von Sparen zu Hause und Sparen „für das Ausland“ erschließt sich womöglich am ehesten, wenn man fragt, wo das Sparkapital, das entweder zu einer inländischen oder zu einer ausländischen Bank getragen werden soll, eigentlich herkommt. Es kann ja immer nur aus einem Einkommen „zurückgelegt“ werden, das von Unternehmen oder vom Staat vorher erzielt und dann ausbezahlt wurde. Dieses Einkommen hatte aber nur sein akutes Ausmaß, weil es eine Güter- und Dienstleistungsnachfrage gab, die dieses Einkommensniveau möglich gemacht hat. Wird aus diesem Einkommen, ganz gleich von wem, jetzt mehr zurückgelegt (gespart), um neues Kapital zu bilden, gibt es die Nachfrage, die dem vorherigen Einkommensniveau entsprochen hat, nicht mehr. Die Nachfrage und das Einkommen in der Volkswirtschaft sinken infolge des Sparversuchs. Der Effekt des Zurücklegens von Einkommen (des Sparens) ist also unweigerlich eine Schrumpfung der Nachfrage – und das unabhängig davon, wohin auch immer das beiseite gelegte Kapital fließen soll.

Hinter der Krugmanschen Vermutung einer bedeutungsvollen Gleichheit von Leistungsbilanzsaldo und inländischem Sparsaldo steht letztlich doch wiederum die Vermutung, die Gleichung S = I habe eine analytische Bedeutung. Wer die Gleichung kausal benutzt, geht davon aus, dass mehr Sparen irgendwie automatisch zu mehr Investitionen führt. Die Leistungsbilanz ist in dieser Vorstellungswelt das Ventil, das den Teil des Sparens, der im Inland nicht verwendet werden kann, irgendwie automatisch ins Ausland transferiert und dort in Investitionen umsetzt. Wer viel spart, hat viele solcher spillovers ins Ausland zu verzeichnen und weist folglich Überschüsse aus, wer wenig spart, hat geringe oder gar keine. Nur, wie das konkret vor sich gehen soll, ist völlig unklar.

Wenn die deutschen Haushalte planen, mehr zu sparen, und das durch Verzicht auf deutsche Produkte realisieren, werden die USA und andere Handelspartner von den deutschen Sparplänen kaum tangiert. Deutschland versucht, mehr zu sparen, aber weil die Nachfrage sinkt und die Investitionen folgen, sinkt in Deutschland das Einkommen. Es lässt sich dann also gerade nicht erklären, dass Deutschland einerseits wirtschaftlich relativ erfolgreich ist und einen hohen Leistungsbilanzüberschuss ausweist.

Den von der Neoklassik im Inland vermutete (aber, wie hier unter anderem gezeigt, nicht wirklich existierende) Effekt sinkender Zinsen (wegen eines höheren Kapitalangebots) gibt es im Verhältnis Deutschland zu den USA von vorneherein nicht, weil es sich um unterschiedliche Währungsräume handelt und man nicht im Ernst behaupten kann, mehr deutsche Ersparnisse würden die amerikanischen Zinsen senken.

Nur Preissignale ändern die Geschichte

Allein mit den veränderten Sparplänen der Deutschen lässt sich weder ein steigender deutscher Überschuss noch ein steigendes Leistungsbilanzdefizit der USA erklären. Erst wenn wir in die Überlegung einen expliziten Anreiz einbauen, im Zuge des deutschen Sparwunsches auf amerikanische Produkte zu verzichten, wird die Geschichte plausibel. Solche Anreize gehen aber in erster Linie von Preissignalen aus, die Krugman als Begründung für Defizite und Überschüsse vollständig ablehnt.

Entschließen sich die deutschen privaten Haushalte, um ihre größeren Sparpläne zu realisieren, weniger amerikanische Produkte zu kaufen, sinkt die Nachfrage und das Einkommen in den USA. Das löst dort sicher nicht mehr Investitionen aus, sondern weniger. Sinken die Exporte der USA und die Investitionen der amerikanischen Unternehmen, kann es – bei unveränderten Importen – zu einem steigenden Leistungsbilanzdefizit kommen und die Geschichte sieht so aus, wie von Krugman vermutet. Doch wir haben jetzt genau die Voraussetzung eingebaut, die von Krugman explizit abgelehnt wird.

Außerdem funktioniert die Veränderung der Leistungsbilanzsalden unter dieser Annahme auch ohne geänderte Sparpläne. Werden amerikanische Produkte teurer als deutsche, kommt es auch bei unveränderten Sparplänen zu einer Verschlechterung der amerikanischen Leistungsbilanz, weil die amerikanischen Exporte sinken (und die Importe steigen). Können die amerikanischen Unternehmen die Lücke in der amerikanischen Bilanz (ihre Importe) über Kredite in den USA finanzieren, sinkt in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zwar die „Ersparnis“ des privaten Sektors in den USA, aber mit einer Änderung des Sparverhaltens hat das absolut nichts zu tun.

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