Bild: istock.com/G0d4ather
Konjunktur | 22.03.2019 (editiert am 27.03.2019)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Winter 2018/2019 – 2

Der Januar verlief in Europa in Sachen Konjunktur noch moderat. Doch die Indikatoren für eine markante Abschwächung sind unübersehbar. Wer sie übersieht, richtet großen politischen und wirtschaftlichen Schaden an. Nullen müssen nicht stehen, sondern fallen.

Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe ist im Januar 2019 in der EWU insgesamt leicht gestiegen, obwohl die Produktion in Deutschland rückläufig war (Abbildung 1). Das lag in erster Linie an einem Anstieg der Produktion in Italien und in Frankreich.

Abbildung 1

Betrachtet man die EWU ohne Deutschland, ist der Anstieg naturgemäß noch etwas stärker (Abbildung 2). Aber auch im Vereinigten Königreich gab es eine ganz leichte Verbesserung. Angesichts der globalen Verschlechterung der Wirtschaftslage ist davon auszugehen, dass sich in den nächsten Monaten die Abkühlung in beiden Regionen fortsetzt.

Abbildung 2

In Südeuropa verzeichnen Spanien und Portugal leichte Verbesserungen, wenngleich das die deutlichen Abschwächungen vom Dezember nur etwas relativiert (Abbildung 3). Griechenland erlebt dagegen eine wirkliche Verbesserung der Lage in der Industrie. Trotz der europäischen Schwäche steigt dort die Produktion seit einigen Monaten langsam aber stetig an. Gleichwohl ist das Land noch weit von dem einmal erreichten Niveau im Jahre 2009 entfernt.

Abbildung 3

In Österreich, Belgien und den Niederlanden ist die Flaute in der Industrie nunmehr deutlich zu erkennen (Abbildung 4). Österreich hat aber in den vergangenen zwei Jahren wenigstens ein deutlich erhöhtes Niveau erreicht, während die Niederlande immer noch auf dem Niveau von 2011 herumkrebsen.

Abbildung 4

In Osteuropa gibt es sehr unterschiedliche Entwicklungen (Abbildung 5). Slowenien, das über ein Jahr stagniert hatte, hat im Januar einen Sprung nach oben getan. Die übrigen Länder, außer Tschechien, bewegen sich ganz leicht nach oben.

Abbildung 5

Die Bauproduktion in der EWU ist im Januar leicht zurück gegangen. Verantwortlich dafür war in erster Linie ein tiefer Einbruch in Frankreich (Abbildung 6). Die Bautätigkeit ist damit auf das Niveau zurückgefallen, das in Frankreich seit 2014 vorherrscht und von dem sich das Land offenbar nicht lösen kann.

Abbildung 6

In Südeuropa tut sich auch in Winter 2019 nichts in Sachen Bauwirtschaft (Abbildung 7). Die ganze lange Phase der Niedrigzinspolitik hat es nicht vermocht, dass sich die Bautätigkeit von ihrem im Jahr 2014 erreichten extrem niedrigen Niveau gelöst hat.

Abbildung 7

In Osteuropa zeigt derzeit Ungarn, was bei der Belebung der Bauproduktion möglich ist (Abbildung 8). Angeregt und unmittelbar vom Staat befördert explodiert dort die Bauproduktion förmlich, unter anderem, weil in Budapest einige prestigeträchtige Großprojekte verwirklicht werden. Innerhalb eine Jahres ist das Produktionsniveau um über 50 Prozent gestiegen.

Abbildung 8

Der Einzelhandelsumsatz hat sich in realer Rechnung im Januar in der EWU leicht verbessert, weil es auch in Deutschland nach einem enttäuschenden Dezember nun eine Erholung gab (Abbildung 9). Es bleibt abzuwarten, ob das wieder nur eine einmalige Bewegung ist, oder ob sich die von uns beobachtete Erhöhung der Sparneigung wieder abschwächt. Auch in Frankreich war eine kleine Zacke nach oben zu beobachten, obwohl hier immer noch die Stagnationstendenzen überwiegen. In Italien ist weiterhin totale Flaute angesagt.

Abbildung 9

In Südeuropa kann man nur für Portugal eine leichte aber stetige Erholung beim privaten Verbrauch konstatieren. Spanien und Griechenland stagnieren (Abbildung 10). Diese Stagnation beim privaten Verbrauch in Griechenland zeigt, dass die Belebung in der Industrie vermutlich vorübergehenden Sonderfaktoren zuzuschreiben ist.

Abbildung 10

Die Arbeitslosigkeit ist in der EWU insgesamt mit acht Prozent extrem hoch geblieben, und das unmittelbar bevor sich die konjunkturellen Bedingungen so verschlechtern, dass die Arbeitslosigkeit wieder ansteigen könnte (Abbildung 11).

Abbildung 11

Auch die Preisentwicklung in der EWU ist nicht so, wie man das für das Ende eines Aufschwungs erwartet (Abbildung 12). Die Erzeugerpreise sind wieder auf dem Weg der Normalisierung und die Verbraucherpreissteigerungen sinken wieder unter das Inflationsziel. Die Kerninflationsrate (ohne Öl und Nahrungsmittel) liegt nach Angaben der EZB auch zu Jahresbeginn bei fast genau einem Prozent und damit weit entfernt vom Inflationsziel.

Abbildung 12

Wirtschaftspolitik: Die Null muss stehen

Es ist ein Trauerspiel. Und das Trauerspiel heißt Olaf Scholz. Der Bundesfinanzminister beharrt darauf, die Null im Bundeshaushalt zu halten, auch wenn die Konjunktur einbricht. Das ist grob fahrlässig. Nichts, aber auch wirklich nichts rechtfertigt es, dieses Dogma gegen jede Vernunft auch in einer Schwächephase weiter zu verfolgen. Besonders fahrlässig ist das in einer Situation, wo die Geldpolitik nicht mehr in der Lage ist, sich dem Abschwung entgegenzustellen. Mehr als fahrlässig ist es, so zu tun, als sei die deutsche Binnennachfrage über alle Zweifel erhaben. Das ist sie nicht, weil die Einkommensentwicklung der Masse der Arbeitnehmer immer noch schwach ist. Absurd ist es, wie das der Sachverständigenrat tut, auf eine Robustheit des Arbeitsmarktes zu setzen, die „irgendwie“ unabhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung ist.

Grob fahrlässig ist es auch, dass die Prognostiker in den Instituten und im Sachverständigenrat jetzt so tun, als sei eine Belebung im nächsten Jahr eine ausgemachte Sache. Daran ist nichts ausgemacht. Alle Zahlen, die jetzt für 2020 produziert werden, sind reine Phantasieprodukte. Aber nicht nur die deutsche Politik, sondern auch die gesamte deutsche Presse betet die erhobenen Schwänzchen in den Prognosen nach, als seien sie in Stein gegossen. Dass die gleichen Prognostiker noch vor wenigen Monaten Zahlen für 2019 präsentierten, die heute völlig aus der Welt sind, wird einfach nicht zur Kenntnis genommen. Es geht ja darum, Optimismus zu verbreiten und in dieser Mission lässt man sich einfach durch nichts aufhalten.

Besonders toll treibt es die deutsche Wirtschaft. Es reiche nicht, sagt der Präsident des DIHK, dass der Bund ohne neue Schulden auskommen wolle (hier). Man müsse „die Investitionsbremsen lösen – und zwar insbesondere durch Senkung der Steuersätze und eine Verbesserung der Abschreibungsbedingungen“. Die Wirtschaft also, die über Jahre im Geld schwimmt und trotz einer jahrelangen Aufwärtsbewegung der Wirtschaft nicht investiert hat, soll jetzt, wo der Abschwung da ist, gefördert werden, damit sie mehr investiert. Das ist grotesk und so komisch, dass einem die Worte fehlen. Doch wir werden sehen, dass es genauso kommt. Was die Wirtschaft wünscht, steht für die deutsche Politik über jedem Gesetz und über jeder Vernunft.

Weitere Teile dieser Serie

Anmelden