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Genial daneben | 26.03.2019 (editiert am 02.04.2019)

Ifo stärker – Konjunktur schwächer

Wieder ist der Großteil der deutschen „Leitmedien“ einer Meldung auf den Leim gegangen, die zwar formal nicht falsch ist, aber einen völlig falschen Eindruck vermittelt. Die Bürger werden hinters Licht geführt, weil die Journalisten nicht sorgfältig arbeiten.

Die Tagesschau wusste es sofort ganz genau: Die deutsche Wirtschaft komme möglicherweise schneller aus ihrem Tal als befürchtet, so diese Hamburger Behörde für staatstragenden Optimismus gestern, denn der neueste ifo-Index „spende Hoffnung“. Zum ersten Mal seit sechs Monaten zeige das Barometer wieder nach oben. Sechs Experten aus Unternehmen und Banken (heutzutage gibt es Konjunkturexperten überhaupt nur noch in Unternehmen und Banken!) lässt die Tagesschau dazu zu Wort kommen. Aber leider ist nur einer in der Lage, den ifo-Index halbwegs angemessen zu deuten. Auch in anderen Medien wie der WELT das gleiche Bild: „faustdicke Überraschung, Index besser“. Der Tagesspiegel aus Berlin urteilte allerdings differenzierter.

Gestiegen ist der Gesamtindex in der Tat. Doch wie man seit der drastischen Fehlprognose vom vergangenen August (hier von uns aufgegriffen) wissen konnte: Man muss sich die Bewegung in den einzelnen Bereichen anschauen, um wirklich beurteilen zu können, was der Anstieg des Gesamtindikators bedeutet. Und diesmal, das ist wie im vergangenen Sommer vollkommen eindeutig, bedeutet er wiederum absolut nichts.

Wo steigt die Stimmung?

Gestiegen ist nämlich die Stimmung nicht in den konjunkturrelevanten Bereichen, sondern vor allem in dem Bereich, der mit der Konjunktur so gut wie nichts zu tun hat, dem Dienstleistungsbereich. Die Graphik zeigt, dass dieser Sektor die nicht ganz so großen konjunkturellen Bewegungen seit 2010 und insbesondere den Aufschwung, der 2017 begann, in keiner Weise nachzeichnet. Der Indikator ist weniger ein Stimmungsindikator als ein Zufallsindikator, der diffus entlang einer weitgehend horizontalen Linie verläuft. Mit dem, was man meint, wenn man von Konjunktur spricht, hat das nichts zu tun.

Das verarbeitende Gewerbe, auf das es für die Konjunktur und die Wirtschaftspolitik in erster Linie ankommt, hat im März eine weitere erhebliche Abschwächung des ifo-Index zu verzeichnen, die den Index auf das Niveau zurückführt, das er zuletzt 2013, 2014 und 2016 eingenommen hatte.

Abbildung 1

Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts und ebenfalls fest in der Fraktion der Optimismusverbreiter verankert (jedenfalls, so lange eine konservative Regierung an der Macht ist), sagte: „Die deutsche Wirtschaft stemmt sich dem Abschwung entgegen.“ Das ist ein wunderbares Bild, man sieht förmlich, wie sich die großen Unternehmenslenker der deutschen Industrie mit aller Kraft dem heranziehenden Sturm entgegenwerfen. Doch es ist leider eine glatte Fehlinformation. Nach den Zahlen von ifo stemmt sich vorwiegend der Dienstleistungsbereich, doch dort gibt es weder Abschwung noch Aufschwung, gegen den man sich stemmen könnte. Da, wo der Wind heftig weht, stemmt sich niemand.

Der Abschwung in der Industrie ist absolut ernst zu nehmen, weil niemand vorhersagen kann, wie weit es noch nach unten gehen wird. Dass die Produktion in der Industrie (grüne Linie) weiter dem Index nach unten folgen wird, kann jetzt schon als sicher gelten. Damit sind vermutlich noch sehr viel mehr Arbeitsplätze gefährdet, als bisher schon bekannt. Jeder, der jetzt in Optimismus verfällt, ist mitverantwortlich für die Fehlentscheidungen der deutschen Wirtschaftspolitik, die schon abzusehen sind, weil bisher noch nichts von Seiten der deutschen Politik passiert, um sich dem Abschwung wirklich entgegenzustellen.

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