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Digitalisierung | 08.03.2019 (editiert am 15.03.2019)

Schwere Beute – Überlebensstrategien im Konsumismus

Bei uns überwachen kapitalistische Strukturen, von deren Ausmaßen wir uns so wenig Vorstellung machen wie die Menschen des 19. Jahrhunderts vom pferdelosen Wagen oder die Ureinwohner Amerikas von europäischen Kolonisten. Wie konnte es so weit kommen?

China überwacht schon. Vergehen werden in einem persönlichen Sozialkreditsystem abgespeichert. Mit guten Taten können Sie „Sozialpunkte“ erwerben, die Sie mit Vergehen wieder verlieren. Davon hängt Ihre Kreditwürdigkeit ebenso ab wie Ihr Recht, mit dem Zug zu fahren, einen Hund zu halten und – eigentlich alles. Tja, sagen wir vielleicht, so ist das eben in der kommunistischen Diktatur.

Stimmt: Bei uns überwachen kapitalistische Strukturen, von deren Ausmaßen wir uns so wenig Vorstellung machen wie die Menschen des 19. Jahrhunderts vom pferdelosen Wagen oder die Ureinwohner Amerikas von europäischen Kolonisten. Der „Verhaltensüberschuß“, so nennt Shoshana Zuboff das, was wir alle täglich milliardenfach bei Google & Co. mit jedem Click erzeugen, dient nur vordergründig unserer Überwachung, hauptsächlich aber unserer Ausbeutung.

Unsere digitale Identität hat drei Ebenen, und nur eine davon können wir schützen,[1] nämlich die erste. Sie besteht aus jenen Daten, die wir freiwillig in unser Mobiltelefon oder unseren PC eintippen, wie Profilinformationen, öffentliche Posts und privaten Nachrichten, vergebene Likes, Suchanfragen, hochgeladene Fotos, besuchte Websiten etc.

Die zweite Ebene besteht aus Verhaltensbeobachtungen, Metadaten im Kontext unserer geäußerten Vorlieben, Dinge, die wir vielleicht nicht teilen wollen wie unser momentaner Aufenthaltsort oder mit wem wir beruflichen und privaten Umgang pflegen, wann wir regelmäßig offline und wann online sind, welche Inhalte wir anzuklicken pflegen und wie lange wir brauchen, um sie zu lesen oder unser Einkaufsverhalten.

Die dritte Schicht schließlich setzt sich aus der Interpretation von 1 und 2 zusammen. Und die besorgen Algorithmen, keine Menschen. Algorithmen analysieren unsere Daten und vergleichen sie mit denen anderer Benutzer um bedeutungsvolle statistische Korrelationen herauszufinden. Diese Ebene, meint Katarzyna Szymielewicz, zieht Rückschlüsse aus unserem Verhalten und den Metadaten – darauf, wer wir sind! Dabei ist es den Algorithmen egal, wer wir wirklich sind, die Autorin spricht vielmehr von unserem doppelten digitalen Selbst, das uns einst entgegengehalten wird, wenn wir die Wohnung, den Job oder den Kredit nicht bekommen, nur weil Algorithmen fanden, wir verdienten es nicht.

Wie konnte es so weit kommen?

Wie profitabel waren vergangene Epochen?

Immer schon ging es ums Geldverdienen. Reduzieren wir die komplexe Geschichte der Menschheit für einen Moment, indem wir uns bewusst auf Europa konzentrieren und den Fokus auf Macht legen. Und zwar in einem weiten Sinne Max Webers verstanden als „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht.“[2]

Die Geschichte erscheint unter diesem Aspekt als eine Geschichte der Macht, die – wenn auch keineswegs stetig, linear oder ausnahmslos – eine Entwicklung durchmacht: Blanke Gewalt weicht über die Zeit anscheinend zahmeren, weniger sichtbaren, diffizileren Machttechniken, die dafür aber umso effektiver sind[3] – unser Zeitalter macht da keine Ausnahme.

Die Beziehung zwischen Unterdrückern und Unterdrückten beruht auf einem Gewaltverhältnis: Der Wille des einen setzt sich nur vermittels Zwang und Überwachung gegen das Widerstreben des anderen durch. Beides ist sehr ressourcenaufwändig. Ein solches Verhältnis ist von maximaler Ungleichheit geprägt und gerade deshalb nicht stabil.

Die Stabilität wird gegenüber blanker Gewaltausübung schon dann erhöht, wenn der Herrschende zum Unterworfen in ein Austauschverhältnis tritt („do ut des“). Gegenüber dem von Subsistenzwirtschaft geprägten mittelalterlichen Lehenswesen bedeutete die marktförmige Institutionalisierung der Austauschverhältnisse eine Freisetzung enormer Machtpotentiale: Macht entkoppelte sich in dem Maße zusehends vom Grundbesitz, als sie im weitgehend freien Warenverkehr zu Kapital kondensieren konnte. Mit der bürgerlichen Gesellschaft entsteht eine entpolitisierte (oder zumindest als entpolitisiert gedachte) Sphäre, die durch das Privatrecht ausdifferenziert wird.

Innerhalb dieser Sphäre stehen sich die Bürger als freie und gleiche Rechtssubjekte gegenüber, und zwar historisch noch lange bevor das Staatswesen demokratisiert, oder der Fürst/Herrscher seinerseits den Rechtsnormen unterworfen gewesen wäre. Das Austauschverhältnis beinhaltet nunmehr Privatautonomie[4] – jeder darf zwanglos entscheiden, ob und mit wem er zu welchen Bedingungen kontrahieren möchte – und Äquivalenz. Es existieren keine natürlichen und erblichen Vorrechte als konstitutive Elemente mehr wie noch in der Adelsgesellschaft.

Das klingt im Keim bereits sehr nach jener gesellschaftlichen Ordnung, wie wir sie heute überwiegend bereit sind gegen terroristische oder autokratische Regime zu verteidigen. Aber Macht hat sich damit nicht verflüchtigt, die Ausnutzung wird nur subtiler: „Weil die soziale Gewalt der Kapitalisten in Form des privaten Arbeitsvertrages als eine Tauschbeziehung institutionalisiert wird und die Abschöpfung von privat disponiblem Mehrwert an die Stelle politischer Abhängigkeit getreten ist“, so Jürgen Habermas, kann das Klassenverhältnis „in der unpolitischen Form der Lohnabhängigkeit anonyme Gestalt annehmen.“[5]

Historisch folgte ein weiterer, wesentlich durch die Schubkraft der Arbeiterbewegung getragener Verrechtlichungsprozess,[6] der das gestörte Äquivalenzverhältnis mit der Etablierung von Arbeitsrecht und Sozialstaat zwar nicht gänzlich ausglich, aber doch zumindest so weit ins Lot bringen konnte, dass ein neuer gesellschaftlicher Konsens Stabilität gewährleistete.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts partizipierten so immer größer werdende Massen am wachsenden Wohlstand. Nun passiert wieder etwas Neues. In der sich formierenden Konsumgesellschaft wird das Konsumniveau nicht länger auf der Ebene des Existenzminimimus eingefroren. Der noch vom puritanischen Geist getragene Ethos der Bescheidenheit und Disziplinierung[7] weicht einem demonstrativen Verbrauch von Gütern und Dienstleistungen.[8] „Der Konsum wird nicht unterdrückt, sondern maximiert“, konstatiert der Philosoph Byung-Chul Han: „Kein Mangel, sondern Überfluss, ja ein Übermaß an Positivität wird generiert. Wir sind alle dazu angehalten, zu kommunizieren und zu konsumieren.“[9]

Diese Tendenz geht soweit, dass die Mehrheit der Menschen, anstatt vom Konsum ausgeschlossen zu sein, sich selbst zunehmend in Konsumobjekte verwandelt. Von „Konsumismus“ spricht Zygmunt Bauman, insofern in der heutigen Gesellschaft „niemand ein Subjekt werden [kann], ohne sich zuerst in eine Ware zu verwandeln, und niemand kann sich seines Subjektseins sicher zu sein, ohne ständig jene Fähigkeiten zu regenerieren, wiederzubeleben und aufzufrischen, die von einer käuflichen Ware erwartet und eingefordert werden.“[10]

In der Konsumgesellschaft verlaufen neue Machtlinien. Sie erscheinen zum Teil diffus und sind weniger leicht zu identifizieren. Macht steigert nämlich ihr Potential und ihre Effektivität gerade, insoweit sie sich von Gewalt emanzipiert, die dennoch in letzter Konsequenz ihre Rückversicherung bleibt.[11] Der Prozess verläuft dialektisch, insofern Macht auf Widerstand stößt, der sich schließlich in Rechten zur Geltung bringt. Auf einer neuen Ebene wird auf diese Weise ein verfeinerter Macht-Komplex hervorgebracht.

Profitmachen im „Konsumismus“

Die Gegenüberstellung von Produzenten und Konsumenten (Unternehmern und Verbrauchern) in der Konsumgesellschaft hat so recht bald die Institutionalisierung neuer Schutznormen notwendig gemacht und zur Herausbildung des Verbraucherrechts geführt.

Nun, mitten in der Dritten Industriellen Revolution, bilden sich abermals neue Ungleichgewichtslagen und Machtverhältnisse. Durch die Verzahnung der industriellen Produktion mit moderner Kommunikations- und Informationstechnologie entsteht ein „Internet der Dinge“ (IdD), das – so glaubt Jeremy Rifkin – „eines Tages alles und jeden verbinden [wird] in einem integrierten, weltumspannenden Netz.“

„Natürliche Ressourcen, Produktionsstraßen, Stromübertragungs- und logistische Netze, Recyclingströme, Wohnräume, Büros, Geschäfte, Fahrzeuge, ja selbst Menschen werden mit Sensoren versehen, und die so gewonnenen Informationen werden als „Big Data“ in ein globales neurales IdD-Netz eingespeist.“ – Jeremy Rifkin[12]

Hier entstehen digitale Güter, die nun bemerkenswerter Weise nicht-rivalisierende Eigenschaften[13] aufweisen, wie Ökonomen sich ausdrücken: Information kann nämlich nahezu kostenlos vervielfältigt werden – man denke nur an die Kopie einer MP3-Datei. Das führt dazu, dass die Nutzung durch einen Konsumenten nicht automatisch einen anderen davon ausschließt. Durch die exponentielle technische Entwicklung in vielen Sektoren gehen die Grenzkosten[14] bestimmter Güter zusehends gegen Null.

„Im Jahr 2000 kostete ein Gigabyte Festplattenspeicher um die 44 Dollar; 2012 waren die Kosten bereits auf 7 Cent gesunken. 2000 kostete das Streaming von Videos noch 193 Dollar pro Gigabyte; zehn Jahre später bezahlte man dafür gerade mal noch 3 Cent.“ – Jeremy Rifkin[15]

Damit unter diesen Bedingungen, wo bestimmte Güter nicht mehr knapp, sondern im Überfluss vorhanden sind, Unternehmen noch gewinnbringend agieren können, müssen Ausschlüsse von ihrem Konsum künstlich produziert werden.

Neben dem offensiven Werben um neue Nutzer hat sich ein zweites Konzept durchgesetzt, schildert Susanne Lang – die gated community. Wer eine solche Community verlassen will, dem entstehen Wechselkosten, die Nutzer nicht ohne Weiteres eingehen, so Lang. Ziel dieser Strategie, für die Facebook und in liberaler Variante auch Google seit 2006 stehen, ist es, die Wechselkosten möglichst hoch zu halten: „Facebook war von Anfang an auf diese Strategie ausgerichtet. Wer sich einmal in Facebook einloggt, kann sämtliche Bedürfnisse innerhalb des Netzwerks befriedigen: Nachrichten, Chats und persönliche Nachrichten (E-Mail), Apps, Spiele, eigene Inhalte wie Texte, Fotos teilen und mehr. Inhalte sind ohne Login schlecht oder gar nicht abrufbar, sodass eine Motivation geschaffen wird, sich zu registrieren und einzuloggen“[16] – und nie wieder auzuloggen.

Die großen Datenraffinerien schaffen so eine eigene Art von Abhängigkeit, die in Zukunft mit dem verstärkten Einsatz „persönlicher Assistenten“ wie SIRI oder ALEXA noch erheblich zunehmen soll und wird; denn nur die persönlichen Assistenten kennen unsere jeweiligen Vorlieben und Bedürfnisse, nicht aber die Assistenten der Konkurrenz (sofern es überhaupt eine gibt), sodass der Wechsel zu einem anderen Anbieter abermals erschwert wird. Diese Assistenten arbeiten mit Künstlicher Intelligenz (KI), also einer Art von denkenden Maschinen, die jene unüberschaubar großen Datenmengen abtasten, die jede und jeder von uns hergibt, sei es nun bereitwillig, bedenkenlos oder nolens volens.

Wir sprechen hier nicht über die oft beschworene Singularität, aber allein schon die Tatsache, dass KI-Forscher übereinstimmend davon ausgehen, es werde früher oder später der Punkt kommen, an dem menschliches Zutun zur weiteren Entwicklung der KI nicht mehr nötig ist,[17] weil diese im Moment der Singularität sich selbst übernimmt (und uns wohl gleich dazu) zeigt, wovon hier die Rede ist: KI wird „unsere letzte Erfindung“ sein.

In der Informationstechnologieökonomie hat sich ein Gleichgewichtszustand herausgebildet, in dem Monopole dominieren, weil der Wettbewerb mehrerer Unternehmen die Grenzkosten gegen Null drücken und profitables Wirtschaften daher verunmöglichen würde. Die „führenden Marken in den einzelnen Branchen der Informationstechnologie sind auf die totale Marktbeherrschung angewiesen: Google muss die einzige Suchmaschine sein, Facebook muss der einzige Ort sein, an dem man eine Online-Identität entwickeln kann, Twitter der einzige Ort, an dem man seine Gedanken zum Besten geben kann, iTunes der beherrschende Ort als Online-Musikanbieter“, schreibt Paul Mason.[18] Die fünf Marktriesen des neuen Informationstechnologiesektors – Apple, Alphabet (Google), Microsoft, Amazon und Facebook – zusammen haben mittlerweile eine Marktkapitalisierung, die größer ist als das BIP Deutschlands.

Mit Ausnahme von Microsoft hängt das Wachstum dieser Unternehmen zu einem Großteil von nur einem Produkt ab und basiert auf der neuen Rohstoffquelle des 21. Jahrhunderts – den Daten.

Mit der immer umfassenderen Digitalisierung gewinnen Daten an Bedeutung; intelligente Netzwerke sammeln, identifizieren, klassifizieren und bewerten diesen „Verhaltensüberschuß“, den jeder unserer Clicks „wie die Kielwelle eines Schiffes“[19] automatisch mitsendet, um sie zu Datenpaketen zu raffinieren, zu handeln und ökonomisch auszubeuten. Konzerne wie Facebook investieren längst in die Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) [20] um diese Ausnutzung noch effektiver betreiben zu können.

Verbraucher nutzen zwar die Online-Dienste von Facebook oder Google, doch in ihrer Nutzung produzieren sie das Soziale Netzwerk selbst. Ein Like, ein Kommentar, einmal Teilen auf Facebook oder YouTube – dies alles produziert oder vervielfältigt Information. Der Futurologe Alvin Toffler[21] spricht daher von „prosumers“, zu Deutsch „Prosumenten“, denn in der digitalen Welt können eben Konsumptions- und Produktionsprozesse zeitlich und örtlich zusammenfallen.

Prosumenten geben vor allem Daten über sich selbst preis, und die Nutzung dieser Daten ermöglicht es Facebook oder Google überhaupt erst, Profite zu erwirtschaften. Mit Recht fragt daher Hermann Fröschl in einem Leitartikel in den Salzburger Nachrichten, warum wir eigentlich den Digitalkonzernen so bereitwillig unsere Daten zur Verfügung stellen, auf denen ihr Reichtum basiert.[22] Der frühere Chefinformatiker von Amazon, Andreas Weigend, plädiert in seinem Buch „Data for the People“ dafür, dass wir uns zu den Herren über unsere Daten machen.[23] Der Schweizerische Konsumentenschutz SKS hat dafür „Eine kurze Anleitung zur digitalen Selbstverteidigung“ verfasst und ins Netz gestellt.

Techniken der neuen Bereicherung

Werden nun diese für das menschliche Auge unübersehbaren Ströme an Daten von intelligenten Programmen verarbeitet, dann lässt sich ein Diagramm unserer Präferenzen erstellen, das uns selbst unbekannt ist, von Unternehmen aber gezielt verwertet wird. Eidenmüller/Wagner[24] heben drei Techniken der neuen Bereicherung hervor, die von den großen Konzernen angewandt werden:

  • das Absaugen der Verbraucherrendite mittels Preisdiskriminierung ersten Grades;
  • das systematische Ausbeuten wohlbekannter menschlicher Urteilsverzerrungen, wie beispielsweise die Unfähigkeit von Konsumenten, die langfristigen Wirkungen komplexer Transaktionen oder ihre eigene ungenügende Willensstärke richtig einzuschätzen; schließlich
  • das von Unternehmen eingesetzte Mikrotargeting, also zielgruppenspezifische Werbung, um die Vorlieben der Verbraucher zu formen und in ein bestimmtes Konsummuster zu lenken, wodurch sie wirksam in einen Lebensstil eingesperrt werden, der einerseits von ihren eigenen Kaufentscheidungen der Vergangenheit, andererseits von jenen Gleichgesinnter bestimmt wird. „Tatsächlich könnte Ihr persönlicher digitaler Assistent — etwa Amazons Alexa oder Apples Siri — sich als ein besonders hinterhältiger Agent erweisen, der Ihren Unterhaltungen über Ihre Vorlieben, dringenden Bedürfnissen und Sehnsüchten lauscht in all dem, was einmal Ihre Privatsphäre war“.[25]

Der erste Punkt (a) bedarf näherer Erläuterung: Auf einem Markt bestimmt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage den jeweiligen Marktpreis. Dabei gilt: Je höher der Preis, desto mehr Unternehmen wird es geben, die diese Ware gewinnbringend herstellen und anbieten können. Spiegelverkehrt werden Verbraucher mehr von einem bestimmten Gut nachfragen, je niedriger der Preis ist. Der Schnittpunkt von Nachfrage- und Angebotskurve ergibt dann – in der Theorie – den am Markt gehandelten Preis und die dazu gehörige Marktmenge. Von der effektiven Marktteilnahme ausgeschlossen werden dabei alle Unternehmen, die das Gut nicht kostendeckend zu diesem Preis produzieren können, sowie alle Konsumenten, die nicht bereit oder in der Lage sind, diesen Preis zu bezahlen.

Die Marktteilnehmer generieren allerdings ökonomische Wohlfahrt, denn es gibt einerseits Unternehmen, die das Gut zu Kosten produzieren können, die unter dem Marktpreis liegen, und andererseits Verbraucher, die durchaus eine solche Zahlungsbereitschaft für dieses Gut hätten, die über dem Marktpreis liegt.

Als Produzentenrendite bezeichnet man klassisch die von Unternehmen generierte Wohlfahrt, die aus der mit der Gütermenge multiplizierten Differenz zwischen Marktpreis und Grenzkosten resultiert. Das Ganze lässt sich aber natürlich auch umgekehrt denken: Die Verbraucherrendite ist dann spiegelverkehrt die Wohlfahrt, die all jenen Verbrauchern zukommt, die eine über dem Marktpreis liegende Zahlungsbereitschaft haben:[26] Wenn man bereit ist, für ein paar Sportschuhe 100 zu zahlen, aber der Verkäufer bietet sie für 85 an, dann hat man 15 „Gewinn“ gemacht.

Sogenannte Preisdiskriminierung ist – übrigens schon seit jeher; das ist keine neue Erfindung – eine Methode von Unternehmen, ihre Gewinne zu erhöhen, indem sie unterschiedlichen Kunden unterschiedliche Preise berechnen, je nachdem, wo sich diese Kunden entlang der Nachfragekurve befinden. Ermäßigte Eintrittskarten für Studenten oder Pensionisten folgen dieser Methode, und die nervtötende „BILLA-Karte“ tut das auch.

Eine Preisdiskriminierung ersten Grades würde den Idealfall für Unternehmen darstellen insofern, als sie hier jedem einzelnen Kunden einen unterschiedlichen Preis verrechneten – uzw. genau den, den der jeweilige Kunde gerade noch zu zahlen bereit ist. Womit dann seine Konsumentenrendite gegen Null geht: Er wird sich nie mehr – wie noch ich mit meinen Sportschuhen – etwas ersparen, das ist das Ziel.

Dafür müssten Unternehmen wissen, ob man auch bereit gewesen wäre, für Sportschuhe 100 zu bezahlen; geht das denn? Der bekannte Preisforscher Hermann Simon war noch 2013 überzeugt, das geht nicht. Eidenmüller/Wagner zeigen nun aber, dass und wie eine solche vollkommene Preisdiskriminierung in der datenbasierten Ökonomie realisierbar wird, denn „Unternehmen erhalten Daten von individuellen Konsumenten – zum Beispiel über ihre Lage, ihr Suchverhalten, ihren Browser und ihre vergangenen Einkäufe – die es ihnen erlauben, rationelle Kalkulationen über ihren jeweiligen Reservationspreis durchzuführen.“[27] Und mit ihren kühl rechnenden Algorithmen, die keinen Ihrer clicks und nichts von Ihrem Einkaufsverhalten je vergessen, erzeugen sie ein Bild über uns, das akkurater ist als jenes, das wir von uns selbst haben.

Gerade Unternehmen wie Amazon oder Netflix könnten sich in Zukunft dieser Strategie verschreiben. Einige Flugsuchmaschinen bedienen sich schon jetzt dieser Methode, denn sie können registrieren, wie oft von einer bestimmten IP-Adresse aus gezielt nach Flügen gesucht wird und bei mehrmaliger Sucheingabe die Preise nach oben korrigieren.

Bazarhändler würden dies versuchen, indem sie dem Kunden allerhand Informationen herauslocken, um ihn einschätzen zu können; auch Auktionen, klassisch oder via eBay, würden nach demselben Prinzip funktionieren: den Maximalpreis herauszufinden.

So könnte etwa „Alexa“, die uns nach einer Weile besonders gut kennt, unsere Süchte oder schwachen Momente ausnutzen. Ich könnte mich für Bergwandern interessieren und Anbote dafür im Netz suchen. Der Algorithmus merkt sich aber mein Suchverhalten und mein entsprechendes Interesse und wird mir vielleicht demnächst Angebote auch zum Klettern zeigen, und am Ende vielleicht eine geführte, extrem teure Tour auf den Mount Everest. Das wird mir, obwohl ich eingangs nur zum harmlosen Wandern aufgelegt war, dann als das Normalste der Welt erscheinen, denn, so die Autoren, wir bewegen uns jeweils in speziellen Blasen, die wir mit unserem Suchverhalten etc. selbst kreieren.

Nach diesen „Filter bubbles“ bekommen wir präferiert jene Informationen, für die wir uns verstärkt interessieren. Die Industrie nützt das kommerziell aus, indem sie sogenannte „shopping bubbles“ erschafft, in denen die ursprüngliche Konsumentenvorliebe zu einer Blase wird, in der der Konsument forthin eingesperrt bleibt. Auf diese Weise reflektieren Algorithmen die Verbraucherentscheidungen nicht bloß, sondern formen sie regelrecht.

Teil 2, „Wir, die Beute der Datenkraken?“, erscheint nächste Woche.


[1] Schreibt Katarzyna Szymielewicz am 25.01.2019: https://qz.com/1525661/your-digital-identity-has-three-layers-and-you-can-only-protect-one-of-them/.
[2] Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, S. 28.
[3] Diese These mag angesichts des gewaltexzessiven 20. Jahrhunderts fragwürdig erscheinen, wird aber durch nicht wenige empirische Indikatoren gestützt. Vgl.: Pinker, The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined.
[4] Ebenfalls keine Erfindung dieses Zeitalters, sondern eine Konstituente des spätantiken Römischen Privatrechts.
[5] Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, S. 42 ff.
[6] Vgl.: Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Band 2, S. 529 ff.
[7] Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.
[8] Veblen, Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen.
[9] Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, S. 55.
[10] Zygmunt Bauman, Leben als Konsum, Pos. 267 im Kindle.
[11] Luhmann spricht von physischem Zwang als Basisfunktion für politische Macht, die er als generalisiertes Medium begreift (vgl. Luhmann, Liebe. Eine Übung, S. 43 ff.).
[12] Rifkin, Die Null-Grenzkosten Gesellschaft 25.
[13] Normalerweise schmälert doch der Konsum eines Gutes durch einen Nachfrager (Käufer; Konsumenten)  die Konsummöglichkeit ebendesselben Gutes durch einen anderen Nachfrager (z.B. ein Glas Bier hier am Tresen: Wenn ich das trinke, können Sie es nicht mehr trinken, höchstens ein anderes, das dann aber für Sie gezapft werden müsste). Das nennt man Rivalität. Nichtrivalität im Konsum liegt also vor, wenn dies einmal nicht der Fall ist (z.B. Verteidigungsleistungen, die Nutzung eines Leuchtturms, das Hören einer Radiosendung). Güter, die von nicht-rivalisierendem Konsum bei gleichzeitiger Ausschließbarkeit zahlungsunwilliger Nachfrager gekennzeichnet sind, nennt man Clubgüter (z.B. Kabelfernsehen). Jene, wo auch das Ausschlussprinzip nicht anwendbar ist, öffentliche Güter (z.B. Wissen aus der Grundlagenforschung). Vgl. Zimmermann, Henke, Finanzwissenschaft, 9. Auflage, S. 52 ff.
[14] das sind die Kosten, die durch die Herstellung einer zusätzlichen Einheit desselben Gutes entstehen.
[15] Rifkin aaO 121.
[16] Lang, Eine kurze Geschichte des Internets. Die Inkorporation des Internets in kapitalistische Verhältnisse ist keinesfalls abgeschlossen und noch immer umkämpft. In: PROKLA 186: Politische Ökonomie des Internets, S. 20 ff.
[17] Vgl. Tegmark, Life 3.0: Being Human in the Age of Artificial Intelligence.
[18] Mason, Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie, S. 167.
[19] Vgl. Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.
[20]FAIR“ steht inzwischen für „Facebook Artificial Intelligence Research“ und verfolgt das Ziel, intelligente Technologien zu entwickeln und neue Anwendungen für diese zu finden. Vor allem sollen die Milliarden Daten, die täglich von Facebook-NutzerInnen generiert werden, effektiver analysiert werden. Siehe die Arte-Dokumentation „Künstliche Intelligenz – Sind Maschinen bald schlauer als wir?“ https://www.youtube.com/watch?v=p8V01hD16Qs
[21] Toffler, Die dritte Welle, Zukunftschance. Perspektiven für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
[22] September 2018, Nr. 202.
[23] „Keine Daten zu erzeugen ist so unmöglich, wie kein Wasser zu nutzen“; Weigend, Data for the People, dt. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern.
[24] Wagner/Eidenmüller: Down by Algorithms? Siphoning Rents, Exploiting Biases and Shaping Preferences – The Dark Side of Personalized Transactions.
[25] Eidenmüller/Wagner, aaO.
[26] Siehe die grafische Darstellung der Konsumentenrente anhand eines Beispiels mit Rockkonzertkarten in Abbildung 2.
[27] Eidenmüller/Wagner, aaO.

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