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Wissenschaft | 06.03.2019 (editiert am 13.03.2019)

Wissenschaft ist (fast immer) Glaubensbrüderschaft

„Klimaleugner“ ist von vorneherein eine diffamierende Bezeichnung, um ernsthaften Diskussionen im Keim zu ersticken. Wer dieser Diffamierung gar ein wissenschaftliches Mäntelchen umhängt, macht sich nur selbst lächerlich.

Der arme Karl Raimund Popper. Er muss immer herhalten, wenn die Wissenschaft sich selbst als Wissenschaft darstellen will. Im wirklichen Leben der Wissenschaften spielt er überhaupt keine Rolle, aber wenn es um die Verteidigung der Wissenschaftlichkeit geht, steht er in vorderster Front. So auch in dem Essay des Philosophen Mathias Frisch, der den weitgehenden Konsens der Wissenschaftler in der Klimaforschung verteidigt (hier).

Die Wissenschaftler gingen in der Regel kritisch miteinander um, glaubt der Philosoph. Sie würden einen kritisch-rationalen Dissens pflegen, der zwar häufig auf Konsensbildung hinausliefe, aber doch nur dann, wenn es keine berechtigten Zweifel mehr an den wissenschaftlichen Grundannahmen gebe. Zwar gesteht Frisch zu, dass es immer ein Spannungsfeld zwischen Kritik an wissenschaftlichen Ergebnissen und Konsens der Wissenschaftler untereinander gebe, aber am Ende setze sich regelmäßig eine wissenschaftlich rationale Position durch. Im Hinblick auf die Klimafrage folgert er:

„Der in den Wissenschaften in Jahrzehnten entstandene Konsens über die Ursachen der Erderwärmung ist also das Resultat kritisch-wissenschaftlicher Analyse und nicht das Resultat einer ungerechtfertigten Unterdrückung von Dissens. Wer in Anbetracht des Forschungsstandes immer noch zweifelt, dass Kohlendioxid-Emissionen vorrangig für den gegenwärtigen Klimawandel verantwortlich sind, ist daher nicht ein kritisch-rationaler Skeptiker sondern ein Klimawandel-Leugner: Er ist ein Klimawandel-Leugner im gleichen Sinne wie jemand, der Zweifel äußert, ob die Anziehungskraft der Sonne wirklich dafür verantwortlich ist, dass die Erde um die Sonne kreist, ein Gravitationsphysik-Leugner ist.“

Dieses Ergebnis ist jedoch extrem problematisch. Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen einem tausende Male auch experimentell bewiesenen Zusammenhang (wie der Gravitation) und einer Hypothese wie der menschengemachten Klimaerwärmung. Die Letztere ist nämlich eingebettet in einem extrem komplexen und einmaligen historischen Ablauf, der in allen seinen Bestandteilen niemals vollständig verstanden und durchdrungen werden kann.

Wer im Glashaus sitzt …

Qualitative und insbesondere quantitative Aussagen sind in einem hochkomplexen historischen Ablauf immer mit extrem großer Unsicherheit behaftet. Wer auf einer solch dünnen Basis einerseits wissenschaftliche Glaubwürdigkeit à la Popper bemüht und andererseits fragwürdige Vergleiche zieht, beleidigt ernsthafte und kritische Wissenschaftler, ohne jemanden wirklich überzeugen zu können.

Solche Wissenschaften wie die Ökonomik, die nicht über die Möglichkeit verfügen, einzelne Zusammenhänge in größeren Modellen zu isolieren und experimentell zu überprüfen, leben ständig in der Gefahr, sich auf einfache und überschaubare Modelle zu einigen, die man gut diskutieren und weiterentwickeln kann. Ob diese Modelle noch genügend nahe an der Wirklichkeit sind, um echte Erklärungen und Vorhersagen zu erlauben, tritt dabei in den Hintergrund. Natürlich wird man empirische Tests mit anspruchsvollen empirischen Methoden durchführen, aber auch extrem schwache Ergebnisse solcher Tests werden in der Regel nicht als Falsifikation des Modells angesehen, sondern nur als die Aufforderung an die Wissenschaftler, das Modell weiter zu verfeinern.

Ist ein Standardmodell über viele Jahre oder gar Jahrzehnte von der Wissenschaftsgemeinschaft entwickelt worden, entwickelt es ein Eigenleben, das den Popperschen Vorstellungen von wissenschaftlichem Fortschritt widerspricht. Die gesamte Ausrichtung der Wissenschaft richtet sich am Standardmodell aus und wissenschaftliche Lorbeeren sind nur durch Modifikation des Modells zu erringen, nicht aber durch seine Infragestellung. In der Ökonomik geht das so weit, dass wissenschaftliche Journals konsequent Aufsätze ohne intensive Prüfung ablehnen, die sich nicht im Rahmen des Standardmodells bewegen.

… sollte nicht mit Steinen werfen

Das Modell, auf das man sich geeinigt hat, wird schließlich zu einer Glaubenssache, weil die große Mehrzahl der Wissenschaftler die Annahmen und Voraussetzungen des Modells vollkommen ungeprüft übernimmt, ganz gleich, ob das gerechtfertigt ist oder nicht. Jeder, der sich explizit außerhalb des Modells bewegt oder auch nur Teile des Modells radikal in Frage stellt, hat von vorneherein eine gewaltige Rechtfertigungsaufgabe zu leisten. Er muss aufwendig begründen, warum er nicht zur Gemeinschaft der „Gläubigen“ gehört, während man sich für die Verwendung des Standardmodells niemals rechtfertigen muss.

Kommt, wie in der Ökonomik, bei der kritiklosen Verwendung eines Standardmodells auch noch eine große dogmatische Dimension hinzu (Markt versus Staat), tendiert die sich als Wissenschaft gerierende Glaubensbrüderschaft sogar dazu – wie ich das hier beschrieben habe –, ihr Modell als die bessere Wirklichkeit zu betrachten. Dann sind all diejenigen, die das Modell in Frage stellen, nicht nur wissenschaftlich suspekt, sondern auch dogmatisch unzuverlässig.

So ist die Hoffnung auf einen rationalen Wissenschaftsbetrieb, in dem Poppersche Prinzipien hochgehalten werden, eine reine Illusion. Die Philosophen sollten sich die Mühe machen, an einem Fach, das nicht so einfach strukturiert ist wie die Physik, einmal zu demonstrieren, was notwendig wäre, um den wissenschaftlichen Fortschritt, so es ihn denn überhaupt gibt, in ein rationales Korsett zu zwingen. So lange sie das nicht können oder wollen, sollten sie sich zurückhalten mit Verurteilungen derer, die den Mut haben, sich auch gegen die übergroße Mehrheit ihres Faches zu stellen. Fortschritt verlangt Widerspruchsgeist, nicht Duckmäusertum. Und das gilt auch für Fragen, die politisch so hoch auf der Agenda stehen wie der Klimawandel.

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