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Theorie | 08.03.2019 (editiert am 15.03.2019)

Zur Kritik der Frametheorie

Sprache ist mehr als nur Mittel zum Zweck. Sie wird in konkreten sozialen Kontexten erlebt, ist Gestaltungs- und Beeinflussungsmittel. Wer leugnet, dass Sprache Bilder auslöst, spricht Medien indirekt von der Verantwortung ihrer Berichterstattung frei.

Am Anfang war das Wort. So zumindest steht es im Johannes-Evangelium. Die Frametheorie sagt, das Gegenteil ist der Fall: Vor dem Wort muss es bereits etwas anderes gegeben haben. Denn die Bedeutung eines Wortes lässt sich nur erfassen, wenn man über das entsprechende Weltwissen verfügt. Entscheidend ist dabei die Annahme, dass dieses Weltwissen in sogenannten Frames – also Wissensrahmen – organisiert ist, die sich auf der Grundlage von Erfahrungen gebildet haben.

Inzwischen gilt die Frametheorie als fundiert, nicht zuletzt weil sie auf neurobiologischen Erkenntnissen beruht, für die es in den letzten Jahrzehnten ausreichend empirische Nachweise gibt – vor allem durch die Möglichkeit, Hirnscans durchzuführen und so einen Blick in neurologische Reaktionsmuster zu bekommen.

Das menschliche Gehirn verarbeitet die Realitäten – die als solche nicht zu leugnen sind – als idealisierte Abstraktionen und nicht eins zu eins. Das wurde bereits in den 1930er Jahren von Gedächtnistheoretikern festgestellt. Heute, ob der verbesserten technischen Untersuchungsmöglichkeiten in den Kognitionswissenschaften, wird dies nicht mehr ernsthaft bestritten. So stellte Monika Schwarz-Friesel bereits 1992 in ihrem Werk „Semantiktheorie und neuropsychologische Realität“ fest, dass das „menschliche Gehirn eine nach außen projizierbare Welt auf[baut], die für uns eine Organisation aufweist, die wir als objektive, von uns unabhängig existierende Struktur erfahren“.[1]

Die Sinnesorgane aller Lebewesen arbeiten selektiv, schreibt heute der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth.[2] Heißt: Wir reagieren nur „auf bestimmte und oft winzige Ausschnitte aus dem Gesamtspektrum physikalisch-chemischer Umweltereignisse. Sinnesrezeptoren sind aber nicht nur reiz-selektiv, sondern sie müssen die aufgenommenen Reize in die ‚Sprache des Gehirns‘ bzw. der Neurone umwandeln.“ Weil das Gehirn für Umweltreize einschließlich der körpereigenen Reize unempfänglich ist, so Roth, besteht die Funktion der Sinnesrezeptoren darin, „diese in solche elektrochemische Signale umzuwandeln, welche die Nervenzellen erregen können.“

Man redet nicht umsonst von Repräsentationen. Unser Verarbeitungsapparat nutzt die Möglichkeit von Auswahl und Reduktion, um uns eine Orientierung in der Welt zu ermöglichen. Der Übersetzungsprozess in neuronale Verarbeitungsstrukturen hat zur Folge, dass sowohl die Art der sinnlichen Erfahrung als auch die Objektbeschaffenheit vom Gehirn rekonstruiert werden muss.

Doch diese physiologischen Fakten schließen nicht aus, eine irgendwie gegebene Welt anzunehmen. Sie wird nur nicht so verarbeitet, wie sie ist. Ein unerreichbares Ideal sozusagen. Dem häufig gebrachten Argument, dass in dieser Logik die Neuroforschung selbst auch ein Konstrukt sein müsse, ist zwar zuzustimmen. Allerdings ermöglichen die Ergebnisse vergleichsweise gute Näherungen. Wenn man von hundertprozentiger und unverbrüchlicher Erkenntnissicherheit ausgeht, müsste man wissenschaftliche Bemühungen sämtlichst einstellen.

Dorian Hannig hat in diesem Punkt also Recht, wenn er in seiner Kritik der Frametheorie schreibt, dass die Bildung von Schemata auf reale Erfahrungen in der Umwelt zurückgeht. Neben Sinneseindrücken und Tasthandlungen gehört hierzu auch Sprache. Sprache steht also in enger Bindung zu den sensomotorischen Fähigkeiten. Alexander Ziem, Professor für Linguistik, hat darauf hingewiesen, dass bereits bei der sinnlichen Wahrnehmung eines Handlungsverbs wie greifen „nachweislich auch jene auf Motorik spezialisierten Gehirnareale aktiviert [werden], die an der motorischen Aktivität des Greifens beteiligt sind.“ Und zwar auch dann, so Ziem, „wenn diese Handlung nicht motorisch ausgeübt, sondern nur sprachlich benannt, durch ein Bild gezeigt oder anderweitig perzipiert wird.“[3]

Sprache ist also vielmehr als nur Mittel zum Zweck. Menschen werden in konkreten sozialen Kontexten sozialisiert und erleben in diesen die Verwendung sprachlicher Zeichen. Dies führt einerseits zu einem gemeinsamen Pool an Erfahrungen und Wissen über sprachliche Bedeutungen, andererseits wird dieses bei jedem Sprachteilnehmer anders aussehen, da gleichzeitig die Unterschiede in den Erfahrungswelten sehr individuell sind. Man denke nur an die verschiedenen Assoziationen und Emotionen, die ein Wort wie Blume wecken kann, auch wenn es prototypische Gemeinsamkeiten gibt. Oder das typische Beispiel einer Wegbeschreibung: Dass das, was der Sprecher beabsichtigt, genauso beim Hörer ankommt, ist sehr unwahrscheinlich. Entsprechend oft kommt es zu Verwirrung und Unsicherheit bei der Umsetzung.

Anders gesagt: Je komplexer die Wegbeschreibung, desto größer sind die Verlusteffekte. Dass beim Lesen und Hören Welten konstruiert, Vorerfahrungen und Vorwissen erheblich miteinbezogen und nicht nur Informationen verarbeitet werden, ist in der Psycholinguistik schon lange common sense. Dazu gehören beispielsweise die in der Linguistik sehr gut erforschten Schlusstypen wie Präsuppositionen (eine Bedingung, die erfüllt sein muss, damit ein Satz überhaupt als wahr oder falsch beurteilt werden kann), Implikaturen (die Bedeutung geht über den wörtlichen Ausdruck hinaus) und Implikationen.

Auf nichts anderes als dieses kulturell vorbestimmte und geteilte Wissen nimmt die Frametheorie Bezug, wenn sie Frames in slots (Leerstellen in Form von Fragen an Text), fillers (die Informationen, die im Text stehen) und default-values (Standardwerte, all das, was unausgesprochen in Texten vorkommt, aber durch unser Welt/Erfahrungswissen erschlossen werden kann) unterteilt. Bezuggenommen wird also auf „kognitiv konstruierte“ Repräsentationen, so Ziem, die entweder auf sinnliche Wahrnehmungsobjekte zurückgehen können, oder im Falle ihrer Abwesenheit „allein der Vorstellungskraft entspringen“. Auf jeden Fall aber beinhalten sie deutlich mehr kontextuelle, assoziative, emotionale Informationen als nur eine Wörterbuchdefinition.

Der Zusammenhang zwischen Sprache und Emotionen ist in der Tradition der europäischen Sprachreflexion jahrhundertelang kleingeredet und sogar geleugnet worden.[4] Rein intuitiv erscheint dies auch nachvollziehbar. Allerdings gibt es mittlerweile ausreichend empirische Belege, die die Wichtigkeit von Emotionen bei der Sprachverarbeitung bestätigen. Das heißt nicht, dass Sprache rein emotional und nicht auch rational verarbeitet wird. Allerdings ist der Anteil des Emotionalen chronisch unterschätzt worden. Schwarz-Friesel verwies auf die „hemmenden und beschleunigenden“ Einflüsse emotionaler Faktoren, denen die Sprache – egal ob sie aktiv gesprochen oder passiv gehört wird – unterliegt. Neurophysiologische Befunde zeigen, so Schwarz-Friesel, dass Sinnesreize vom limbischen System verarbeitet werden können, bevor sie im Cortex klassifiziert worden sind.

Letztlich beschreibt die Frametheorie etwas, was man früher schon in der strukturalistischen Sprachwissenschaft unter Wortfeldern gekannt hat, wo ganze Ketten von miteinander in Beziehung stehenden Wortbedeutungen rekonstruiert werden. Auch das ist mittlerweile durch psycho- und neurolinguistische Erkenntnisse gesichert, dass unser Wortschatz auf der mentalen Ebene in solchen Feldern organisiert ist.

Wenn Hanning in seiner Kritik nun framing und die linguistische Wende als reine Ideologie darstellt, die ein „sprachliches Nichts“ aufblase, stellt er in Abrede, dass Sprache überhaupt Bilder in unserem Kopf auslöst. Anders aber geht es nicht. Natürlich stellt sich jeder etwas vor, wenn er einen Satz liest – und fühlt in aller Regel auch etwas dabei. Auch löst eine Wegbeschreibung neben der ungefähren Simulation des Weges bestimmte Emotionen aus (und sei es Langeweile). Je abstrakter der Inhalt, desto vager werden diese Vorstellungen und Gefühle wahrscheinlich sein.

Die Argumentation Hannigs führt letztlich in einen naiven Realismus, der Medienvertreter jeglicher Verantwortung für die Art und Weise ihrer Berichterstattung freispricht. Auf MAKROSKOP ist aber immer wieder gezeigt worden, zu was es führt, wenn Medien über einen langen Zeitraum konsequent neoliberale Argumentationen reproduzieren, ohne diese zu hinterfragen. Und natürlich löst es etwas aus und legt eine Perspektivierung nahe, wenn Die Zeit vor einigen Monaten die provokante Titelüberschrift „Helfen oder nicht?“ (mittlerweile heißt es, „oder sollen wir es lassen“) in Zusammenhang mit der Seenotrettung ansetzt. Ebenso, wenn Thomas Walde in einem Interview durch seine Fragen auf Teufel komm raus versucht, die Gelbwesten in eine primär gewaltbereite und rechte Ecke zu stellen und die Linkspartei dazu gleich mit.

Meinungsbildung findet zentral über die Massenmedien statt. Aufgrund deren Allgegenwart und Reichweite ist nicht umsonst die Rede von der Mediengesellschaft. Und da es sich hier durchgehend um Vollprofis handelt, kann sich keiner auf den Standpunkt zurückziehen „Wir beschreiben nur Optionen oder „bilden nur ab“. Die Informationsvermittlung ist das eine, wenn wir über Sprachverwendung reden. Die Tatsache, dass wir damit unsere individuellen Perspektiven zum Ausdruck bringen, das andere. Sprache befindet sich aufgrund der Tatsache, wie sie erworben wird, im Spannungsfeld zwischen Individualität und Konventionalität. Das eine gegen das andere ausspielen zu wollen macht keinen Sinn.

Carolin Emcke hat das in einer ihrer Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung sehr gut reflektiert. Journalisten gestalten die Welt mit jeder Überschrift, mit jedem Kommentar und auch mit jeder sprachlichen Nuance in „rein“ berichteten Texten mit. Meinungsbildung nennt sich das. Es gehört sogar zu den Aufgaben von Journalisten, hierzu beizutragen. Der entscheidende Gedanke ist, dass ein Bild von der Welt gezeichnet wird. Das, was maximal für uns alle möglich ist, ist eine Annäherung, aber eben nicht mehr. Und hoffentlich durch absichtliches Täuschen – wie im Fall Relotius – auch nicht weniger. Diese Annäherung ist aber deshalb eine Annäherung, weil sie eine Auswahl trifft, weil sie perspektiviert, notgedrungen. Etwas, das auch in den Medien- und Kommunikationswissenschaften ausführlich reflektiert wurde.[5]

Und selbstverständlich gibt es so etwas wie einen Festigungseffekt, je häufiger bestimmte Perspektivierungen produziert werden. Es ist der gleiche Effekt, der beim Vokabellernen zu beobachten ist. Die neuronalen Vernetzungen werden mit häufiger Aktivierung, in dem Fall Rezeption – etwa, wenn sie 20mal das Wort Flüchtlingswelle, -krise, oder -problematik lesen – immer fester. Und je seltener sie aktiviert werden, desto loser, bis sie irgendwann ganz verschwinden. Das nennt sich dann Vergessen.

Es wird immer ein ganzer Kosmos an Wissen, Erfahrungen, Gefühlen produziert. Umso größer wird dadurch die Verantwortung der Medien. Sie geht deutlich darüber hinaus, nur Sachverhalte zu beschreiben und nur das zu tun, was die jeweilige Leserschaft als Kunde will. Sie drückt sich auch in den Dingen aus, die nicht oder kaum thematisiert werden. Und in Fragen, die gestellt oder nicht gestellt werden. Wieder Thomas Walde im Interview mit Kevin Kühnert: Die komplette Fragegestaltung läuft darauf hinaus, die aktuellen Reformpläne der SPD als unsozial und nicht finanzierbar zu entlarven.


[1] Schwarz, Monika (1992): Semantiktheorie und neuropsychologische Realität. Repräsentationale und prozedurale Aspekte der semantischen Kompetenz. Tübingen, S. 43.
[2] Roth, Gerhard (2018): Wahrnehmung und Erkenntnis: Grundzüge einer neurobiologisch fundierten Erkenntnistheorie. In: Felder, Ekkehard/Gardt, Andreas (Hg.): Wirklichkeit oder Konstruktion. Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin: de Gruyter, S. 194-219.
[3] Ziem, Alexander/Fritsche, Björn: Von der Sprache zur (Konstruktion von) Wirklichkeit. Die konstruktivistische Perspektive der kognitiven Linguistik. In: Felder, Ekkehard/Gardt, Andreas (Hg.): Wirklichkeit oder Konstruktion. Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin: de Gruyter, S. 243-276.
[4] Vgl. Schwarz-Friesel, Monika: Sprache, Kognition und Emotion: Neue Wege in der Kognitionswissenschaft. In: Kämper, H./Eichinger, L. M. (Hg.), 2008. Sprache – Kognition – Kultur. Sprache zwischen mentaler Struktur und kultureller Prägung. Berlin, New York: de Gruyter (= IDS Jahrbuch 2007), S. 277–301.
[5] Hier zu empfehlen: Pörksen, Bernhard (2018): Der Blick des Kritikers. Die Debatte über den Konstruktivismus in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft – ein Beispiel für die Auseinandersetzung zwischen realistischen und relativistischen Wissenschaftlern. In: Felder, Ekkehard/Gardt, Andreas (Hg.): Wirklichkeit oder Konstruktion. Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin: de Gruyter, S. 77-101.

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