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Konjunktur | 15.04.2019 (editiert am 16.04.2019)

„Rezession“ oder „Delle“?

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Die Bundestagsfraktion DIE LINKE befragt die Bundesregierung auf der Basis eines Makroskop-Artikels zur konjunkturellen Lage und bekommt eine Antwort, die offensichtlich falsch ist.

Die Fraktion der Linken, darunter die Abgeordneten Fabio De Masi, Jörg Cezanne und Klaus Ernst fragten die Bundesregierung, wie sie „das Ausbleiben einer technischen Rezession“ angesichts „des dramatischen Rückgangs der Produktion im produzierenden Gewerbe“ erkläre.

Die Fragen in dieser Anfrage basierten überwiegend auf einem Artikel  auf MAKROSKOP, in dem Friederike Spiecker und Heiner Flassbeck die Zahlen des Statistischen Bundesamt zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für das vierte Quartal angezweifelt hatten. Angesichts der Bedeutung des produzierenden Gewerbes für die Gesamtwirtschaft und dessen rückläufigem Verlauf im zweiten Halbjahr 2018, so argumentierten sie, sei das vom Statistischen Bundesamt errechnete Nullwachstum im vierten Quartal 2018 (gegenüber dem dritten Quartal) nicht nachzuvollziehen.

De Masi und Kollegen vermuten, dass hier aus politischen Motiven die Rechnung für das Bruttoinlandsprodukt geschönt wurde. Solche Zahlen einfach als neutrale Statistik aufzufassen, sei unverantwortlich, schrieben schon Spiecker und Flassbeck im Februar und forderten, dass der Bundestag sich mit dieser Frage befasse und das Bundesamt zur Offenlegung seiner Datengrundlagen zwinge.

Die „Delle“ des Amtes und die Politik

Die Abgeordneten wollten von der Bundesregierung auch wissen, ob man sich mit dem Statistischen Bundesamt „im Vorfeld der Ergebnisse“ darüber ausgetauscht habe. Wäre Deutschland in einer technischen Rezession gewesen (zwei Quartale rückläufiger Wirtschaftsentwicklung), wäre die Verteidigung des Nichtstuns durch die Bundesregierung gegenüber der Öffentlichkeit und in internationalen Verhandlungen wie gerade beim Internationalen Währungsfonds viel schwieriger geworden.

Nachdem das BIP im dritten Quartal 2018 um 0,2 Prozent gesunken war, wäre die Bundesregierung bei einem erneuten Rückgang im vierten Quartal unter erheblichen Rechtfertigungsdruck geraten.

Floskeln als Antwort und eine glatte Fehlmeldung

Statt inhaltlich zu antworten, beschränkt sich die Bundesregierung in ihrer Antwort weitgehend auf Floskeln. „Das Statistische Bundesamt errechne das Bruttoinlandsprodukt nach den Maßgaben des Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen 2010 und unabhängig“, heißt eine der Aussagen, die vollkommen überflüssig sind.

Interessant ist immerhin, dass die Bundesregierung nicht umhinkommt, zuzugeben, dass Anfang Februar 2019 (die BIP-Ergebnisse wurden Mitte Februar verkündet) beim Bundesamt in Wiesbaden „ein Expertengespräch zu Entwicklungen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“ stattgefunden, „bei dem das Statistische Bundesamt einen ersten vorläufigen Rechenstand vorstellte und erläuterte.“

Der einzige inhaltliche Hinweis der Bundesregierung in der Antwort ist offensichtlich falsch.

Frage Nr. 1 lautete:

Wie erklärt die Bundesregierung das Ausbleiben einer technischen Rezession angesichts des dramatischen Rückgangs der Produktion im produzierenden Gewerbe und des extrem hohen Gewichts, den dieser Bereich bei den Zahlen hat, die aktuell vorhanden sind?

Die Antwort auf Frage 1:

Angesichts des im Vergleich zum Produzierenden Gewerbe mehr als doppelt so großen Gewichts der Dienstleistungen an der Bruttowertschöpfung wurde im vierten Quartal 2018 die rückläufige Entwicklung im Produzierenden Gewerbe durch das Wachstum im Dienstleistungsbereich ausgeglichen.

Wer genau liest, merkt sofort, wie hier getrickst wird. Die Frage bezieht sich auf das Gewicht des produzierenden Gewerbes bei den Zahlen, die bei der Berechnung (Schätzung) des vierten Quartals vorhanden waren. Die Antwort bezieht sich auf das Gewicht der Dienstleistungen generell, also auf das Gewicht zu dem Zeitpunkt, wenn alle Zahlen vorhanden sind. Im Januar und Februar dieses Jahres waren aber für die Dienstleistungsbereiche keinerlei Produktionszahlen für das vierte Quartal 2018 bekannt.

Damit in der Schätzung herauskommen kann, dass die Dienstleistungen einen Rückgang im produzierenden Gewerbe ausgeglichen haben, müsste man offenbar wissen, dass die Dienstleistungen im vierten Quartal besonders kräftig expandiert sind. Es gibt jedoch bis heute keinerlei Primärstatistiken aus dem Dienstleistungsbereich, auf die man ein solches Urteil stützen könnte. Noch weniger gab es Indikatoren, die bis Anfang Februar vorgelegen hätten, als das Amt seine Schätzung mit Regierungsbeamten diskutierte.

Ist der Arbeitsmarkt ein Indikator?

Es ist schon klar, wie sich die Bundesregierung herausreden würde, wenn man sie dazu erneut befragte. Sie würde sicher argumentieren, die Arbeitsmarktentwicklung sei bis zuletzt stark gewesen und stütze die These, dass es bei den Dienstleistungen gut gelaufen sei. Doch auch das ist fundamental falsch. Bei der Berechnung des BIP geht es nur darum, etwas über die Produktion, die Wertschöpfung der einzelnen Bereiche also, zu erfahren.

Wenn der Arbeitsmarkt weniger schnell auf einen Produktionseinbruch reagiert, was in einem Abschwung die Regel ist, sinkt die Produktivität bzw. wächst weniger stark. Das genau gilt es herauszufinden mit einer Berechnung der Produktion, die unabhängig von der Beschäftigungsentwicklung ist. Wer jedoch die Beschäftigungsentwicklung als Indikator für die Produktion benutzt, kann keine vernünftige Produktionsentwicklung ermitteln und verstößt gegen die Grundidee der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

 

 

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