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Konjunktur | 09.04.2019

Die deutsche und europäische Konjunktur im Spätwinter 2019 – 1

Die Rezession in Deutschland setzt sich im Februar beschleunigt fort. Die Auftragseingänge in der Industrie stürzen regelrecht ab, wenngleich Produktion und Arbeitsmarkt noch nicht in gleichem Tempo folgen.

Die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe sind im Februar regelrecht eingebrochen. Auf dem jetzigen Niveau muss man konstatieren, dass der Aufschwung der deutschen Industrie und Wirtschaft, der Ende des Jahres 2016 eingesetzt hatte, nunmehr nachfrageseitig vollständig „beseitigt“ ist; die Industrie bewegt sich auf dem Nachfrageniveau, das sie in den Jahren vorher über längere Zeit gehalten hatte und das sie auch schon im Jahr 2011 einmal erreicht hatte (Abbildung 1). Wenn das kein Erfolgsausweis ist!

Abbildung 1

Der kleine Aufschwung der deutschen Wirtschaft war von Anfang an getragen gewesen von der Auslandnachfrage, während sich die Nachfrage bei der Industrie aus dem Inland über die Jahre hinweg nur wenig verändert hat (Abbildung 2). Das Inland war auch zuletzt kaum über das Niveau von 2011 hinausgekommen.

Abbildung 2

Bei der Auslandsnachfrage waren es beide Komponenten, die sich abschwächten (Abbildung 3). Der Auftragseingang aus der Eurozone war schon seit Anfang 2018 rückläufig, während die Nachfrage aus dem Rest der Welt erst zuletzt richtig einbrach. Daher sind alle Überlegungen nichtig, die sagen, es seien die internationalen Handelskonflikte oder die Zuspitzung des Brexits, die für die Abschwächung verantwortlich gemacht werden müssen. Es ist neben den Effekten einer Abkühlung in China vor allem die eklatante und andauernde Schwäche in der Eurozone, die erklärt, warum der ohnehin kleine Aufschwung so kurz war.

Abbildung 3

Stellt man den ifo-Index für das verarbeitende Gewerbe neben den Auftragseingang, zeigt sich, dass die Nachfrage den Index jetzt fast eingeholt hat, nachdem sie einige Monate noch stärker ausgesehen hatte (Abbildung 4). Auch beim ifo-Index ist das Niveau des Jahres 2011 wieder erreicht, was ebenfalls zeigt, dass man in Deutschland die Möglichkeiten, die es gegeben hätte, einfach liegengelassen hat.

In den einzelnen Branchen ist es vor allem Chemie und Pharma, die an Boden verloren haben, aber auch Metalle, also ein reiner Vorleistungszweig, ist deutlich abgestiegen (Abbildung 5). Auch in der Automobilbranche ging es zuletzt wieder abwärts, nachdem es dort zwischenzeitlich einen kleinen Nachholeffekt wegen der Zulassungsprobleme im Sommer gegeben hatte.

Abbildung 5

Bei der Produktion hat sich die eklatante Nachfrageschwäche noch nicht voll niedergeschlagen, weil die Industrieunternehmen noch Auftragsbestände abarbeiten (Abbildung 6). In der Bauwirtschaft gab es im Februar wieder einmal einen Ausreißer nach oben, von dem man, wie von so vielen hektischen Bewegungen in den letzten Monaten, nicht sagen kann, ob er Bestand hat. Wahrscheinlich ist das nicht.

Abbildung 6

Wie man sich mit Konjunkturprognose lächerlich machen kann, führen die Institute in ihrer Gemeinschaftsdiagnose vor. Nachfrageprobleme darf es einfach nicht geben. Die Eurozone als Schwächepol ist nicht existent und das Niedrigwasser im Rhein war wichtiger als alles andere.

Dass die Abschwächung im zweiten Halbjahr 2018 jedoch so deutlich ausfiel, hängt in erster Linie mit Problemen in der Automo­bilbranche und dem Niedrigwasser im Rhein zusammen. Allerdings hatte sich ein schwächeres Expansionstempo auf­grund von produktionsseitigen Engpässen ohnehin abge­zeichnet; der Anteil der Unternehmen, die über Produkti­onsbehinderungen infolge von Fachkräftemangel und Liefer­engpässen berichten, war zur Mitte des vergangenen Jahres auf historischen Höchstwerten angekommen.

Das ist bestenfalls Kabarett, weil man offensichtlich mit Gewalt nach Produktivitätsschocks suchte, die von Modellergebnissen „vorgegeben“ waren. Weiter hinten erklären die Institute allen Ernstes:

Das ifo-DSGE-Modell erklärt die Schwächephase der deutschen Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2018 vornehmlich angebotsseitig … . Die historische Schockzerlegung weist darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft im dritten und vierten Quartal 2018 mit negativen Produktivitätsschocks konfrontiert wurde. Hinzu kommt, dass im vierten Quartal der bis dahin positive Nachfrageimpuls des Inlands wegfiel. Negative Produktivitätsschocks formalisieren im Rahmen eines DSGE-Modells verschiedene Produktionsbehinderungen. Man kann die negativen Produktivitätsschocks im zweiten Halbjahr 2018 so deuten, dass sie Phänomene wie das WLTP-Prüfverfahren oder das Niedrigwasser im Rhein abbilden. Diese erklären somit auch die fortgesetzte deutsche Exportschwäche in der zweiten Jahreshälfte 2018, da Fahrzeuge, die nicht produziert wurden, nicht exportiert werden konnten.

Da erübrigt sich jeder Kommentar.

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