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Konjunktur | 18.04.2019

Die deutsche und europäische Konjunktur im Spätwinter 2019 – 3

Deutschland zieht prognostisch zwar Konsequenzen aus der Rezession, ist aber weiterhin nicht bereit, anzuerkennen, dass Handlungsbedarf auf europäischer Ebene besteht. Selbst Finnland wird ignoriert.

Die Bauproduktion in der EWU ist im Februar deutlich gestiegen, was vor allem an einem kräftigen Sprung nach oben in Deutschland lag (Abbildung 1). Dieser Sprung ist vermutlich mit dem außergewöhnlich guten Wetter im Februar zu erklären, das von der Saisonbereinigung, die mit normalen Wetterabläufen arbeitet, nicht erfasst werden kann. In Frankreich gab es einen solchen Effekt nicht, die Bauproduktion blieb gedrückt.

Abbildung 1

In Südeuropa, wo der aktuelle Berichtsmonat in Italien immer etwas zurückhängt, hat sich wiederum bis weit in den Winter hinein in Sachen Bauproduktion nichts getan (Abbildung 2). Alle drei Länder liegen weit unter dem Niveau von 2009.

Abbildung 2

In Osteuropa dagegen, ist in einigen Ländern eine wirkliche Baubelebung in Gang gekommen. Nachdem Ungarn schon vorgeführt hatte, was möglich ist, vollzieht sich jetzt auch in Polen womöglich eine Wende (Abbildung 3). Bulgarien und Tschechien, die Länder, in denen „marktwirtschaftliche Prinzipien“ besonders hoch gehalten werden, bewegen sich nicht.

Abbildung 3

In Westeuropa sind es weiterhin die Niederlande, wo die Bautätigkeit enorm rege ist (Abbildung 4). Aber auch in Österreich hat es hier einen Durchbruch gegeben; nach vielen Jahren der Stagnation gibt es seit 2016 einen kräftigen Aufschwung.

Abbildung 4

Der Einzelhandelsumsatz in der EWU ist im Februar leicht gestiegen. Auch in Deutschland, wo der Umsatz noch vor der Jahreswende eingebrochen war, hat es im Januar und im Februar eine merkliche Erholung gegeben (Abbildung 5). Frankreich dagegen bleibt im Stagnationsmodus, ebenso wie Italien. Wer verstehen will, was in Italien seit nunmehr über zehn Jahren passiert, muss nur diesen Indikator anschauen.

Abbildung 5

In Südeuropa bleibt nur Portugal bei einer leicht aufsteigenden Linie (Abbildung 6). Spanien und Griechenland bewegen sich horizontal, was zeigt, dass die Einkommenssituation in den Ländern immer noch nicht besser geworden ist.

Abbildung 6

Die Arbeitslosigkeit ist zum Ende des Mini-Aufschwungs in Europa immer noch sehr hoch (Abbildung 7). Italien liegt bei knapp unter 11 Prozent, Frankreich bei neun Prozent. Das ist der unmittelbarste Beleg für das europäische Versagen in Sachen Wirtschaftspolitik.

Abbildung 7

Auch die Inflationsrate liegt zu Beginn eines Abschwungs noch immer klar unter der Zielrate von 1,9 Prozent, im Februar bei 1,4 Prozent (Abbildungen 8 und 9). Wieder muss man von einem Versagen der Wirtschaftspolitik reden, weil die europäische Wirtschaftspolitik nicht begreifen will, das nur eine Rückkehr zu einer angemessenen Lohnentwicklung die Preisentwicklung wieder ins Lot bringt.

Abbildung 8

Einige Länder, wie insbesondere Griechenland, Spanien und Italien, liegen inzwischen bei nahezu der Hälfte des Inflationsziels.

Abbildung 9

Wirtschaftspolitik

Wieder hat es ein katastrophales Wahlergebnis für die europäische Politik gegeben, aber man geht über das Resultat in Finnland, wo eine extrem antieuropäische Partei nur hauchdünn den Wahlsieg als stärkste Kraft verfehlte, erneut nonchalant hinweg. Die Fähigkeit zur Verdrängung der drängenden europäischen Fragen gerade bei der deutschen Politik ist mehr als bemerkenswert.

Gerade hat der Bundeswirtschaftsminister seine eigene Prognose für das BIP für Deutschland vom Januar kassiert und ist auf immerhin realistische 0,5 Prozent heruntergefahren. Typisch ist jedoch, dass bei einer solchen Gelegenheit (hier zum Nachlesen) das Wort Europa nicht einmal fällt. Wenn der Wirtschaftsminister des größten Landes der Währungsunion bei einer solch dramatischen Revision der Erwartungen im eigenen Land die Partnerländer, die von einem europäischen Aufschwung weit mehr abhängig sind als Deutschland, nicht einmal erwähnt, ist das Zynismus bzw. ein Ausmaß an Ignoranz, das nicht mehr zu begreifen ist.

Lustig ist dagegen schon die immer wieder zu hörende Wunschvorstellung, es werde schon nicht so schlimm kommen mit der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft, weil man ja die Chinesen habe (hier im Handelsblatt). China werde ein Konjunkturprogramm auflegen (eine Mehrwertsteuersenkung ist schon beschlossen), das werde den privaten Konsum ankurbeln und dann könnten deutsche Unternehmen wieder lustig ihre Autos dorthin exportieren. Das heißt, die Wirtschaft in dem Land, das sich mehr als irgendein anderes Land der Welt gegen „Konjunkturprogramme“ wehrt, setzt darauf, dass eine Kommunistische Partei ein Konjunkturprogramm auflegt und die Weltwirtschaft aus dem Sumpf zieht.

Wer so agiert und die übrigen Europäer als Anhängsel betrachtet, die sich irgendwie selbst helfen müssen, wird noch weit schlimmere Wahlergebnisse als jetzt in Finnland erleben. Es spricht alles dafür, dass die Europawahl mitten in einem wirtschaftlichen Abschwung von vielen Bürgern als die ultimative Möglichkeit betrachtet wird, mit dem europäischen Establishment abzurechnen. Die Folgen werden wir alle in Form einer vollkommenen europäischen Handlungsunfähigkeit zu tragen haben.

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