By Anders Hellberg Own work, CC BY-SA 4.0, Link
Greta Thunberg | 29.04.2019

Die Infantilisierung der Klimadebatte

Selbst in unserem postheroischen Zeitalter scheint es eine tiefe Sehnsucht nach einer Erlösergestalt zu geben. Anders ist nicht zu erklären, warum Greta, das It-Girlie des Klimaschutzes, zu einer Prophetin hochgejazzt wird.

An Heilige glauben wir schon lange nicht mehr. Ja, selbst Helden sind rar geworden in unserer Zeit. Die Protagonisten unserer modernen Geschichten sind oft zerklüftete Gestalten, ohne grundsätzliche Überzeugung, nicht unbedingt bereit sich für die falsche Seite zu entscheiden, aber eben auch nicht dazu in der Lage, auch nur mit halber Kraft auf der richtigen zu verweilen. Dafür wurde der Begriff des Anti-Helden konzipiert. Denen gucken wir gerne zu: Im Kino oder TV. Ihr Nihilismus ist unterhaltsam. Vielleicht übertreiben wir es als Gesellschaft auch mit der Unterhaltung durch nihilistische Akteure. Denn dann und wann bricht etwas hervor, was schon längst gebändigt schien: Die Sehnsucht nach einem blütenweißen Helden, einer Erlöser- und Rittergestalt.

Aktuell wird ein 16-jähriges Mädchen in diese Rolle gedrängt. Greta Thunberg heißt sie. Sie – was so viel heißt wie ihre Eltern – spielt munter mit. Für viele im Land ist dieser Teenager die frohe Kunde im Dunkeln klimatischer Gleichgültigkeiten. Während sich ein reißender Absatz von Büchern und Filmen über Pubertierende – also über das elterliche Leid mit angehenden Erwachsenen und ihren Eitelkeiten – verzeichnen lässt, lauschen Millionen dem Evangelium einer Pubertären ganz so, als sei diese jugendliche Lebensphase ein Kainsmal besonderer moralischer Reinheit. In den Augen von Katrin Göring-Eckardt von den Grünen ist Greta gar eine Prophetin.

Dieser sehnsüchtige Wunsch nach Transzendenz in unseren profanen Tagen macht zuweilen blind für manche Vereinfachung, die im »Gretarianismus« steckt. Die von ihr geprägten Parolen sind gerade simpel genug, um vom Qualitätsjournalismus als sichere Bank für das Lifestyle-Ressort abonniert zu werden. Übrigens unter Inkaufnahme, dieses junge Mädchen zu verbraten.

Der neueste Generationenkonflikt

Wie man den Klimawandel eindämmen, die Folgen für Mensch und Natur abfedern kann, ist eine komplexe Angelegenheit. Sie geht einher mit ökonomischen und sozialen Vorbedingungen. Man muss Antworten finden, die sozialverträglich sind und die den heutigen allgemeinen Lebensstandard einigermaßen entgegenkommen. Mit steinzeitlichen Selbstversorgerphantasien lockt man die Gesellschaft nicht auf neue Wege – Massengesellschaften lassen sich ohnehin nicht auf diese archaische Weise organisieren.

Ein bisschen griffiger formuliert müsste sich die Diskussion um den Klimawandel um die zentrale Frage drehen, wie wir es schaffen können, dass sich jeder einen klimafreundlichen Konsum und eine nachhaltige Lebensweise leisten kann.

Kaum etwas von diesem Gedanken findet sich im Repertoire wieder, das Greta Thunberg unter die Leute bringt. Für sie ist die Klimakatastrophe ein Generationenproblem. Die Alten haben den Jungen die Zukunft versaut. Wenn man es genau nimmt, ist diese Simplifizierung eine Frechheit gegenüber all jenen, die in den letzten Jahrzehnten um ökologische Nachhaltigkeit bemüht waren. Gleichzeitig hört sich das an, als bewegten sich die Jungen – wen auch immer man da noch dazuzählen will – in einer Klimakrise, die nichts mit ihrem eigenen Verhalten zu tun hat. Konsum, Mobilität und eine Welt, in der es Online keinen Sendeschluss gibt: Diese Verhaltensweisen, die auch und manchmal besonders junge Leute an den Tag legen, kommen im Generationenkonflikt nicht vor.

Wieder mal also hat das liberale Milieu einen Generationenkonflikt lässig aufgenommen und als Narrativ installiert. Das hatten wir erst vor anderthalb Jahrzehnten. Damals ging es um die umlagenfinanzierte Rente, die mit dem Konstrukt eines vermeintlichen Konfliktes zwischen Alten und Jungen ausgehebelt und nachhaltig geschwächt wurde. Nun hat man diesen Kniff für die Klimapolitik adaptiert, indem man die eindimensionale Einschätzung eines jungen Mädchens zur Grundlage eines »Umweltbewusstseins« erhebt, das irgendwie kritisch sein möchte, aber nicht bereit ist, über den Lifestyle des kosmopolitischen Milieus sprechen zu wollen.

Die heilige Greta der Schafsköpfe

Man verstehe das bitte nicht falsch. Wenn ich Greta Eindimensionalität unterstelle, ist das kein Vorwurf an sie. Kinder und Jugendliche müssen nicht ausgewogen und umsichtig sein. Das ist das Recht der Jugend. So grenzt sie sich ab, sammelt sie Erfahrungen. Der Vorwurf geht an jene, die so tun, als seien die Ausführungen eines Teenagers die frohe Kunde aus einem unschuldigen Munde, daher so rein und wahr, dass man sie in den Stand einer quasi heiligen Botschaft erheben müsse. Und das sind dieser Tage nicht wenige.

Klar, so unvermittelt in den Stand eines messianischen Auftrages gerückt, wie es Katrin Göring-Eckardt tat, hat das ansonsten bislang keiner formuliert. Aber die Reaktionen, die ihr Auftreten zeitigt, sind verräterisch. Man betrachte sich nur, mit welcher Devotion das Publikum bei der Goldenen Kamera auf das Mädchen reagierte: Es gab stehende Ovationen, etwas was gemeinhin Leuten vorbehalten ist, die ein langes Lebenswerk vorzuweisen haben. Das Publikum sprang von den Sitzen, übte ein bisschen orgiastische Begeisterung und applaudiert eine Weile später erneut, als man einer Nachwuchsdarstellerin einen Sonderpreis spendierte: Einen SUV, die ultimative Dreckschleuder für den Stadtverkehr.

Natürlich sprechen wir hier auch von Inszenierungen. Vermutlich müssen wir uns aber Prophetie immer auch als einen Akt inszenierter Heraushebung vorstellen. Es wäre fahrlässig anzunehmen, dass »Auserwählte« zu allen Zeiten ohne Show ausgekommen wären. Es ist ja geradezu ein Konzept, dass die Rahmenbedingungen der ausgewiesenen Besonderheit benötigen, um eben dieser Besonderheit gewahr zu werden.

Greta marschiert medial gekonnt durch Institutionen. Sie wird ins Europäische Parlament und nach Davos eingeladen. Politiker zeigen sich mit ihr, loben sie, zeichnen ihr Engagement aus. Gretas zentrale Botschaft, die sie ständig wiederholt, den neuen Generationenkonflikt nämlich, halten sie für wichtig genug, um sie den Bürgerinnen und Bürgern als tiefere Wahrheit zu präsentieren. Es ist ja im Grunde eine machiavellistische Parole, der Wahlspruch vom »Teilen und herrschen«, der hier als Lösung unseres Klimadilemmas vermittelt wird.

Dahinter steckt knallharte PR, ideologisches Nützlichkeitsdenken, jemand der bereit ist, dieses Mädchen in Szene zu setzen, zu einer Ikone zu machen, ja medial auszubeuten und auszuschlachten. Es wäre jedenfalls naiv zu glauben, dass ein Mädchen die Welt umkrempelt, ohne dass dahinter Interessensvertreter stehen.

Infantilisierung der Debattenkultur

Es lohnt sich ja auch, denn mit Greta Thunberg zog eine neue Stoßrichtung in den Komplex der Klimadebatte: Sie verlagert die Schuldfrage. Denn wenn es die Alten sind, die für ein schlechtes Klima sorgen, dann ist es nicht die Industrie. Und auch nicht die Politik, die freiwillige Selbstverpflichtungen als Problemlösung favorisiert – oder die gar nicht erst reagiert. Wenn auch das Mädchen nicht ideologisch sein mag, ihre verbreiteten Ansichten lassen sich ideologisch verheizen: Daher wird sie vom politisch-ökonomischen Komplex so herzlich aufgenommen.

Natürlich ist es nicht nur die ideologische Nützlichkeit, die Greta zu einem It-Girlie der Stunde werden lässt. Auch das Kindchenschema spielt mit hinein. Der kindliche Blick verfängt. Wenn Kinder als Opfer wahrgenommen werden, dann reagiert die Öffentlichkeit sensibel. Ob dann der Täter, die böse Erwachsenenwelt, auch wirklich schuldig ist, steht auf einem anderen Blatt.

Aber am wesentlichsten dürfte wohl unser Journalismus sein, der dieses junge Mädchen für jede griffige Schlagzeile verbrät. Er hat sie, ganz besonders in Deutschland, wo sie zum Shooting-Star avanciert ist, hochgeschrieben. Dabei hat er selten kritisch und offen von ihr berichtet. Nein, in der Causa Greta kulminiert alles, was man heute als Haltungsjournalismus bezeichnet: Man hält sich bewusst unkritisch, baut um eine verquaste Wertebezogenheit (»Wir sind die Guten«) eine Story auf und bändigt den eigentlich berufsständischen Skeptizismus, um sich mit einer Sache gemein machen zu können.

An der Geschichte um das Mädchen Greta sammelt sich vieles von dem, was in der heutigen Öffentlichkeit schiefläuft. Wir haben es mit Emotionalisierung zu tun, mit der Verknappung des Sachinhalts und der Reduzierung auf knackige Parolen, mit einem geschmierten PR-Automatismus, den man als Authentizität ausgibt und mit einem Journalismus, der sich weigert, die ganze Angelegenheit kritisch zu begleiten und stattdessen eine moderne Legendengeschichte und Hagiographie notiert. Kurz und schlecht: Wir haben es mit einer gezielten Trivialisierung zu tun – und im wahrsten Sinne des Wortes mit einer Infantilisierung der Debattenkultur.

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