Stephanie Kelton, Bild: Paul Thomas - Private correspondence, CC BY-SA 4.0, Link
MMT | 08.04.2019 (editiert am 19.04.2019)

Die Neoklassik schlägt zurück

Eine neue US-Umfrage soll die „Modern Monetary Theory“ disqualifizieren. Doch sie disqualifiziert nur die Herausgeber der Umfrage selbst.

Wenn alle Welt plötzlich über die „Modern Monetary Theory“ (MMT) spricht, will auch der „Focus“ nicht abseits stehen. Und so widmet er auf seinem Online-Portal der „neuentdeckten Geldtheorie“ jüngst einen Beitrag. Das wäre eigentlich kaum der Erwähnung wert, zumal die Theorie so konfus, unverständlich und falsch vorgestellt wird, dass sie für Neueinsteiger kaum nachvollziehbar sein dürfte.

Aber der „Focus“ hat – anders als viele sonstige Kommentatoren hierzulande – ein besonderes Ass im Ärmel: Das geballte Fachwissen von 42 führenden US-Wirtschaftswissenschaftlern, auf deren Autorität er sich ausdrücklich beruft. Das Resümee des „Focus“ zu MMT lautet:

„Diese Theorie klingt eigentlich zu gut und einfach, um wahr zu sein. Und das ist sie auch, kritisieren viele. Das zeigt zum Beispiel eine Umfrage „University of Chicago Booth School of Business“ unter 42 US-amerikanischen Top-Ökonomen. Kein einziger der Befragten stimmte mit der Basis-Annahme der MMT überein, dass sich Länder keine Sorgen über Schulden machen müssen, wenn sie sich Geld in ihrer eigenen Währung leihen können.“

Die „Chicago Booth“-Umfrage

Doch die Umfrage klingt eigentlich zu gut und einfach, um brauchbar zu sein. Wer ist dieses Expertenteam der „University of Chicago Booth School of Business“? Und wie genau sah die durchgeführte Umfrage aus, die eine Ablehnung der MMT zum Ergebnis hatte?

Nach eigenen Angaben untersucht dieses Expertenteam das Ausmaß, in dem Ökonomen bei wichtigen Problemen der öffentlichen Politik Übereinstimmung erzielen oder nicht. Dazu diene eine repräsentative Stichprobe von etwa 40 Meinungen zu jeweils unterschiedlichen Fragen. Zu MMT wurden 42 Experten befragt, von denen 38 an der Umfrage teilnahmen.

Nun ließe sich über die personelle Zusammensetzung dieses Expertengremiums trefflich streiten, aber das ist hier gar nicht der Punkt. Interessanter ist, wie diese Untersuchung vorgenommen wurde: Die Wirtschaftsexperten wurden nämlich gefragt, ob sie mit den folgenden zwei Aussagen übereinstimmten oder nicht übereinstimmten – und wenn ja, wie stark und mit welchem Grad an Gewissheit:

„Frage A: Länder, die sich in ihrer eigenen Währung verschulden, sollten sich über Staatsdefizite keine Gedanken machen, weil sie immer Geld schaffen können, um ihre Schulden zu finanzieren.

Frage B: Länder, die sich in ihrer eigenen Währung verschulden, können so viele reale Staatsausgaben finanzieren wie sie möchten, indem sie Geld schaffen.“ (hier, Übersetzung G.G.)

Zur ersten Aussage äußerte nur ein Experte keine Meinung, 15 stimmten nicht zu und 22 widersprachen stark. Bezüglich der zweiten Aussage gaben 3 Experten keine Meinung an, 11 stimmten nicht überein und 24 widersprachen stark. Gewichtet nach der Gewissheit jedes Experten, mit der er seine Antwort gab, entfielen bei der ersten Aussage 28 Prozent auf „stimme nicht zu“ und 72 Prozent auf „widerspreche stark“, bei der zweiten Aussage lauteten die entsprechenden Werte 24 und 76 Prozent.

Die „Chicago Booth School of Business“ konstatierte nach Vorstellung dieser Ergebnisse eine seltene Einstimmigkeit unter den Ökonomen und der „Focus“ präsentierte die Resultate unter der Überschrift: „Beinahe alle Top-Ökonomen kritisieren die MMT“.

MMT und staatliche Budgetdefizite

Wie schön, dass sich wieder einmal (fast) alle einig sind. Die Sache hat nur einen Haken: Unterstellt wird hier nämlich, dass MMT’ler beide Aussagen mit einem „stimme stark zu“ kommentieren würden; ja, dass hier zwei Kernthesen der MMT zur Bewertung gestellt worden sind. Nichts trifft weniger zu. Im Prinzip gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Herausgeber der Umfrage – und ebenso ihre Referenten im „Focus“ – haben noch nie einen Blick in irgendeine MMT-Publikation geworfen. Oder aber sie versuchen bewusst, die Theorie und ihre Vertreter zu diskreditieren. Beides wäre schlimm.

Tatsächlich würde kein MMT’ler den beiden angeführten Aussagen der Umfrage zustimmen, sondern ihnen ganz im Gegenteil vehement widersprechen. Auf MAKROSKOP wurde ausführlich dargestellt, dass die Prinzipien der MMT eine strenge Disziplin für die Fiskalpolitik festlegen, wenn die Ziele Vollbeschäftigung und Preisstabilität gleichermaßen erreicht werden sollen. Ein souveräner Staat sollte in MMT-Sicht seine fiskalischen Möglichkeiten nutzen, um die Sparwünsche des nichtstaatlichen Sektors zu unterstützen (d.h. diesen Sparwünschen mit Verschuldungsbereitschaft – also einem Budgetdefizit – zu entsprechen) und sicherzustellen, dass keine Ausgabenlücken in der Volkswirtschaft entstehen, die letztendlich zu Massenarbeitslosigkeit und Rezession führen würden.[1]

Das staatliche Haushaltsdefizit darf also nicht zu niedrig sein, weil im Fall eines unzureichenden Defizits das Volkseinkommen sinkt und eine Vollbeschäftigungssituation nicht zustande kommt. Umgekehrt aber darf der Staat auch nicht versuchen, das Haushaltsdefizit über die Vollbeschäftigungsgrenze hinaus zu erhöhen, weil dann die nominalen Ausgaben die Fähigkeit der Volkswirtschaft übersteigen, mit einem entsprechend höheren realen Output darauf zu reagieren. Folge wäre eine nachfrageinduzierte Inflation: Zwar wächst das Einkommen, aber die Einkommenssteigerung wird von der Preissteigerung aufgezehrt.

Mithin sollte das staatliche Haushaltsdefizit weder zu niedrig (keine Vollbeschäftigung) noch zu hoch (Inflation) sein. Die erste Aussage der „Chicago Booth“-Umfrage – nach der sich ein Land, das sich in seiner eigenen Währung verschuldet, über Staatsdefizite keine Gedanken zu machen brauche – stellt also mitnichten eine MMT-Position dar: In MMT-Sicht ist die Höhe des staatlichen Budgetdefizits sehr wohl von Bedeutung.

Der fiskalische Spielraum

Auch der zweiten Aussage der „Chicago Booth“-Umfrage würde kein MMT’ler zustimmen. Was MMT tatsächlich sagt, lässt sich wie folgt zusammenfassen (ausführlichere Darstellungen hier oder hier, S. 349ff): Ein Staat mit einer souveränen Währung ist zwar finanziell nicht eingeschränkt, ihm kann also nicht „das Geld ausgehen“. Das bedeutet aber keineswegs, dass er in beliebigem Umfang reale Staatsausgaben tätigen kann. Denn er hat auch in MMT-Sicht nur einen begrenzten fiskalischen Spielraum, der aber in dieser Theorie kein finanzielles, sondern ein reales Konzept darstellt. Das heißt, die Fähigkeit eines souveränen Staates, Ressourcen zu mobilisieren, hängt allein von den realen Ressourcen (Arbeit, Produktionskapazität, Rohstoffe, Know-how) ab, die dem Land zur Verfügung stehen.

Um den Unterschied zur herrschenden Lehre an einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Tatsächlich geht MMT davon aus, dass einem Staat mit einer souveränen Währung nicht das Geld knapp werden kann, das er braucht, um ein Krankenhaus zu bauen oder das erforderliche Gesundheitspersonal zu bezahlen. Aber die Materialien zum Bau der Einrichtung und die qualifizierten Arbeitskräfte, um sie zu betreiben, sind vielleicht nicht in ausreichendem Umfang verfügbar. Auch in MMT-Sicht werden mithin die Grenzen nicht-inflationärer Ausgaben eines souveränen Staates durch den vorhandenen fiskalischen Spielraum bestimmt – wobei unter letzterem allerdings im Gegensatz zur herrschenden Lehre keine intrinsischen finanziellen Beschränkungen zu verstehen sind, sondern die realen Waren und Dienstleistungen, die in seiner eigenen Währung zum Verkauf bereitstehen (einschließlich der benötigten Arbeitskräfte).

Das Konzept des fiskalischen Spielraums in der Definition der „Modern Monetary Theory“ lässt sich gut anhand der Situation in einer Wirtschaftskrise veranschaulichen: Gerade in einer wirtschaftlichen Krisenlage ist ein großer fiskalischer Spielraum vorhanden. Er wird bestimmt durch die ungenutzten Ressourcen im nichtstaatlichen Sektor, die eine Folge des Einbruchs bei den nichtstaatlichen Ausgaben sind. Diese ungenutzten Ressourcen stehen für eine Rückführung in eine produktive Verwendung bereit.

Wenn umgekehrt – etwa in einer Boomphase – die Produktionskapazitäten einer Volkswirtschaft voll ausgelastet sind und die Regierung dennoch ihre Ausgaben weiter erhöhen will, bleibt ihr nur die Möglichkeit, gleichzeitig die Steuern anzuheben, um so dem nichtstaatlichen Sektor Kaufkraft zu entziehen und damit reale Ressourcen für sich verfügbar zu machen, die ansonsten vom nichtstaatlichen Sektor für andere (private) Zwecke verwendet worden wären.

Diese Argumentation hat nichts mit der in der Umfrage zur Diskussion gestellten These gemein, nach der ein Land in jeder Situation und zu jeder Zeit nach Belieben so hohe reale Staatsausgaben tätigen kann, wie es möchte, und sich um Staatsdefizite keinerlei Gedanken machen muss.

Unwissen oder bewusste Diffamierung?

Wie bereits erwähnt, muss offen bleiben, ob die Verfasser der „Chicago Booth“-Umfrage sich gar nicht über die „Modern Monetary Theory“ informiert, also aus Unkenntnis gehandelt haben, oder ob ihre Umfrage schlicht der Versuch einer Diffamierung dieser Theorie ist. Tatsächlich spricht viel für die zweite Erklärung. Denn in einer ergänzenden Information zu ihrer Umfrage verlinken sie zwei Beiträge von MMT-Autoren (hier und hier zu finden), die selbst bei einem nur flüchtigen Lesen zeigen, dass die zwei in der Umfrage angeführten Aussagen keine MMT-Positionen darstellen.

So weisen Scott Fullwiler, Rohan Grey und Nathan Tankus in einem der beiden verlinkten Artikel ausdrücklich darauf hin, dass ihr „Ansatz genau darauf abzielt, eine Situation zu vermeiden, in der der Kongress nur Ausgaben tätigt, ohne sich um die Inflationsdynamik zu kümmern, bis es zu spät ist.“ Ihrer Ansicht nach sollten gegen Inflation gerichtete Maßnahmen von Beginn an in die Haushaltsplanung einbezogen werden.[2]

Auch die prominenteste Vertreterin unter den MMT’lern Stephanie Kelton vertritt keineswegs die Ansicht, dass sich ein souveräner Staat um Haushaltsdefizite nie zu kümmern braucht. Um das zu erkennen, hätte es schon gereicht, wenn die Verfasser der „Chicago Booth“-Umfrage nur den Titel des zweiten von ihnen verlinkten Beitrages mit Verstand gelesen hätten: „How to Tell When Deficit Spending Crosses a Line“. Wenn es wirklich stimmte, dass ein souveräner Staat sich laut MMT nie über Budgetdefizite Gedanken zu machen braucht, warum schreibt dann Stephanie Kelton über eine Grenze, die er mit seiner Defizitfinanzierung (deficit spending) nicht überschreiten darf?

Die gesamte Umfrage ist eine Farce. Hätten die Verfasser tatsächlich die Absicht verfolgt, die „Modern Monetary Theory“ in seriöser Weise zur Diskussion zu stellen, so wäre es ein Leichtes gewesen, die zu bewertenden Aussagen vorab einigen MMT’lern zur Überprüfung vorzulegen oder sie zu bitten, selbst zentrale Thesen der Theorie zu formulieren. Beides ist offenkundig nicht geschehen.

So drängt sich der Verdacht auf, dass es bei der Aktion weniger um Information und Diskussion ging als vielmehr um den Versuch, gestützt auf die (vermeintliche) Autorität führender US-Ökonomen eine Alternative zur neoklassischen Theorie zu desavouieren, die zunehmend Beachtung findet. Dass in Deutschland der „Focus“ ohne jede Prüfung der Seriosität der zugrunde liegenden Untersuchung sofort auf den Zug aufgesprungen ist, kann nicht wirklich überraschen.


[1] Für Interessierte noch etwas genauer: Wird ein hoher Beschäftigungsgrad bei einer gleichzeitig niedrigen Preissteigerungsrate angestrebt, müssen die Ausgaben des Staates hoch genug sein, um erstens die Zahlung der auferlegten Steuern zu erlauben und zweitens dem Wunsch des nichtstaatlichen Sektors, netto zu sparen, Rechnung zu tragen.
[2] Fullwiler/Grey/Tankus wenden sich allerdings entschieden gegen die Vorstellung, dass alle Inflation durch einen Nachfrageüberschuss hervorgerufen werde. Tatsächlich sei – wie die Autoren mit Recht an anderer Stelle anmerken – in der Realität „ein Nachfrageüberschuss […] selten die Ursache für Inflation“ (Übersetzung G.G.).

Anmelden