istock.com/bwb-studio
Genial daneben | 15.04.2019 (editiert am 18.04.2019)

Euroland und die Magie der drei Jahre

Dass Politiker sich selbst und anderen die Welt schön reden wollen, muss ja nicht verwundern. Schließlich wollen sie wiedergewählt werden. Gerade führte Olaf Scholz in Washington laut Spiegel in großer Eindrücklichkeit vor, wie man das macht.

Dass Journalisten den Politikern im Schönreden nicht nachstehen, ist ein eher seltsames Phänomen. Es ist einerseits damit zu erklären, dass das Medium, für das sie schreiben, alles dafür tut, die an der Macht befindlichen (selbstverständlich) konservativen Politiker an der Macht zu halten oder damit, dass sie alles tun, um ihr eigenes konservatives Weltbild davor zu schützen, in dieser bösen Welt Schaden zu nehmen.

Alles ist gut

Einen mehr als erstaunlichen Kommentar im letzteren Sinne kann man im gedruckten Spiegel vom 11. April finden. Dort schreibt Michael Sauga – pünktlich zur Jahrestagung des IWF in Washington (wo Deutschland ja immer mal wieder heftig kritisiert wird) – ein „Hoch auf den Euro“ und „belegt“ mit Zahlen, wie gut es doch eigentlich in Europa unter deutscher Führung geht.

„Nüchtern bilanziert“ der Kommentator des Spiegel die Zahlen und, siehe da, in geschlagenen zwei der letzten drei Jahre lag das Wachstum des BIP in der Eurozone höher als in den USA (Abbildung 1). Wenn das keine außergewöhnliche Leistung ist, was dann?

Abbildung 1

In der Tat, man muss wohl Redakteur bei einem Presseorgan sein, das sich schonungsloser Aufklärung verschrieben hat, um zu einer solchen Analyse überhaupt in der Lage zu sein. Warum hat keiner von uns Dummköpfen einen solchen Rückblick? Drei Jahr zurück und alles ist gut.

Es stimmt, wir Irdischen neigen dazu, kürzer oder sogar weiter zu blicken, weil wir die Magie der drei Jahre einfach nicht verstanden haben. Geht man bis 2009 zurück, was sich irgendwie anbietet, weil es das Ende der großen Rezession war, dann sieht es leider weniger gut aus (Abbildung 2).

Abbildung 2

Auch 2011 als Basisjahr bringt uns keinen Trost (Abbildung 3). Man muss auf die drei Jahre, um zu finden, was man sucht: Das gute Europa mit dem Euro, das alles richtig macht.

Abbildung 3

Wir Miesmacher

Miesmacher wie wir würden natürlich auf die Arbeitslosigkeit verweisen, wo Euroland weit abgeschlagen hinter den USA liegt (Abbildung 4). Die USA zuletzt klar unter vier Prozent, Euroland beim doppelten.

Abbildung 4

Noch schlimmer wird es, wenn man bis zum Beginn der Währungsunion zurückgeht (Abbildung 5). Da sieht man, das auch schon vor der großen Rezession nur eine Region erfolgreich war bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Abbildung 5

Ob das wohl an systematischen Fehlern der Eurozone liegt? Auch drei Jahre helfen hier jedenfalls nicht. Fest steht immerhin, dass Europa auf eine neue Rezession zusteuert, ohne dass jemals vorher in den vergangenen zehn Jahren die Chance bestanden hätte, sich wie die USA dem Zustand der Vollbeschäftigung zu nähern.

Ein Hinweis für die scharfsinnigen Kolumnisten des Spiegel: Man müsste jetzt einmal auf die Suche gehen nach den Kosten, die diese irrsinnige Politik für die USA doch ganz sicher mit sich gebracht hat. Das gibt wieder eine schöne positive Geschichte und ganz viele Bonuspunkte bei der Bundesregierung, so dass man sicher sein kann, auch bei der nächsten Tagung des IWF wieder im Regierungsflieger mitgenommen zu werden.

Anmelden