Journalismus | 21.05.2019 (editiert am 22.05.2019)

Enthaltung oder Haltung?

Stets skeptisch, überparteilich und mit nüchterner Distanz zur Sache: So stellt man sich Journalismus vor. Besonders in diesen Zeiten, da er sich mit vermeintlich guten Idealen gemein macht.

Noch vor einigen Jahren hätte man zwischen einem Anti-Sexismus-Aktivisten und einem Journalisten oder zwischen einer Sprecherin einer Antifa-Gruppe und einer Journalistin leichter unterscheiden können. Das geht heute nicht mehr ganz so einfach. Die Grenzen gestalten sich mittlerweile fließend. Der moderne Journalismus versteht sich nicht mehr nur als nüchtern, kühl und distanziert. Er geht auf Tuchfühlung, will harmonisch wärmen und für die richtigen Werte stehen. Er möchte bewegen und prägen und nicht mehr nur dokumentieren und nachzeichnen.

Der Journalismus stolpert von einer Krise in die nächste. Vor einigen Jahren bezichtigten Bürgerinnen und Bürger ihn der Lüge. »Lügenpresse!« skandierten sie laut. Da diese Schreihälse bei Veranstaltungen mitliefen, die eher dem rechtskonservativen Milieu zuzurechnen sind, hat sich das liberale und linke Umfeld dagegen verwehrt. Und das, obwohl zumindest unter Linken über Jahre hinweg derselbe Vorwurf erhoben wurde. Man nannte es nur anders, sprach von »Tendenzpresse« oder »Kampagnenjournalismus«, meinte aber an sich so ziemlich dasselbe Phänomen: Dem Fehlen von objektiver Distanz.

Der Medienmensch: Ein Aktivist?

Über den Versuch, die eigene journalistische Arbeit hier und da transparenter zu machen, wollte der Journalismus Vertrauen zurückgewinnen. Im Zuge dieser Besorgnis über den Vertrauensverlust bei der Bevölkerung, der sich zwar über Jahre abzeichnete (zum Beispiel als man die Leserschaft auf die Agenda 2010 einschwor und neoliberale Credos unreflektiert als Wahrheit postulierte), aber erst mit dem Rufen von der Lügenpresse ins Bewusstsein der Medien vordrang, drohten plötzlich nicht wenige der Zunft, dass man nicht einknicken dürfe. Trotz der Charmeoffensive sollte man nie vergessen, die eigene Haltung zu betonen, sie weiterhin stolz voranzutragen.

Plötzlich sprachen Journalisten davon, bei ihrer Arbeit Haltung zeigen zu müssen. Das war eine Verkehrung jenes Leitspruchs, wonach man »einen guten Journalisten daran [erkenne], dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.« Das Zitat stammt vom 1995 verstorbenen Journalisten und Moderator Hajo Friedrichs. Innerhalb der Branche galt diese zitierte Auffassung stets als Credo, ja als Berufsbeschreibung geradewegs. Heute bringen es die Kritiker des hiesigen Journalismus an. Unter Journalisten ist der Satz hingegen aus der Mode geraten.

Nach Werten journalistisch zu handeln, eine wertefundierte Haltung einzunehmen: Das scheint heute überhaupt die oberste Direktive von Menschen zu sein, die in den Journalismus wollen. Zuschauen und als Chronist unserer Zeit zu wirken, der zwar durchaus kritisch beäugt, aber dennoch skeptischen Abstand zum Sujet hält: Das scheint in unserer meinungsinflationären Social-Media-Ära gar keine attraktive Jobbeschreibung mehr zu sein.

Neulich kam ein mir persönlich bekannter Journalist einer großen Zeitung darauf zu sprechen. Man müsse doch nur mal unter angehenden Journalisten nachfragen, aus welchen Gründen sie sich für den Beruf entschieden haben. Da bekäme man Antworten, in denen es fast immer um Haltung ginge. Der eine möchte antirassistische Themen forcieren, eine junge Frau möchte gezielt feministischen Journalismus betreiben und ein Dritter möchte für die Transsexuellen schreiben.

Haltung zeigen statt Enthaltung pflegen

Kurz gesagt: Man möchte sich kalkuliert mit einer Sache gemein machen. Sich nicht mit einigem Abstand enthalten, nicht verhalten von außen umschreiben, sondern sich als Aktivist mit Notizblock und Presseausweis betätigen. Ihnen geht es nicht um die Abbildung der Welt, sondern um deren Formung und Prägung. Der Journalist ist nach dieser neuen Auslegung nicht passiv, er interpretiert nicht mehr das was er beobachtet: Es kommt ihm nun darauf an, die Welt zu verändern.

Es ist ein bisschen so, als sei von der wesentlichen Idealvorstellung des Berufsstandes eine Vorsilbe abgebrochen. Aus der Enthaltung wurde so die Haltung – offenbar bemerkt das die journalistische Blase allerdings kaum. Ein weiterer Journalist aus meinem Umfeld, ebenfalls tätig bei einer bekannten Tageszeitung, berichtet mir konsterniert von Haltungsnoten bei Redaktionssitzungen. In diesen Meetings gäbe es jetzt auch eine fest installierte Lobkultur – an sich ist das ja ein guter Ansatz. Das Problem sei allerdings allzu oft: Lob gibt es nicht unbedingt für einen sachlich versierten Artikel, für gute Recherche oder Eloquenz. Es wird für die richtige Haltung vergeben, wenn zum Beispiel ein Artikel mehr weibliche Akteure zur Sprache bringt als männliche.

Viel zu häufig hat man mittlerweile den Eindruck, dass Zeitungen und Magazine heute einer Leitlinie folgen, die nicht »Fakten, Fakten, Fakten« zur Grundlage hat, sondern ideologische Haltungsmuster. Zum Beispiel »Spiegel« beziehungsweise »Spiegel Online«: Dort wird in regelmäßigen Runden der thematische Zwilling Sexismus und Feminismus bedient. Nicht, dass das keine Berechtigung hätte: Aber speziell auf der Website des Magazins kommt es mitunter vor, dass an einem Tag vier bis sechs Artikel zu diesem Themenkomplex veröffentlicht werden.

Auf dem Höhepunkt der #MeToo-Debatte (im November 2017) glaubte etwa ein Prozent der Deutschen, dass das ein wichtiges Thema sei. Im April 2018 legte eine von der dpa in Auftrag gegebene Studie dar, dass 53 Prozent der Bundesbürger #MeToo für wichtig erachteten. Mit journalistischer Enthaltung wäre dieser Zuwachs fürwahr nie gelungen – der Haltungsjournalismus, der Aktivist im Reporter: Er zeigt nicht auf, was die Menschen umtreibt, sondern er treibt die Menschen um.

Meinungsjournalismus ist nötig, aber nicht alles

Nicht das Journalistenmeinung generell zu verdammen wäre. Sie hat mehr als ihre Berechtigung. Mit einem völlig von Meinung entkernten Journalismus wäre keinem geholfen. Nur wenn plötzlich jede Sparte zum meinungsjournalistischen Auftrag wird, schießt man über das Ziel weit hinaus. Meinungsartikel und Kommentare hat es immer gegeben – in einer separaten Spalte oder auf einigen eigens dafür reservierten Seiten. Dort konnten und sollten Journalisten eine Haltung einnehmen.

Bei Berichten über Russland und Putin (wahlweise über Trump, Orbán oder Maduro) im heute-Journal, bei einer Analyse der AfD-Wählerschaft oder einer Aufarbeitung der Stimmung in der Bevölkerung allerdings, ist die persönliche Haltung des Berichtenden mindestens bloß zweitrangig. Leider zeigt sich aber die Tendenz, dass diese sekundäre Eigenschaft journalistischen Schaffens zu einer Primärtugend emporgehoben wird, die der nüchternen Sachlichkeit, ja überhaupt dem Informationsauftrag, nicht mehr gerecht werden kann.

Diese zeitgenössische Deutung von journalistischer Arbeit, hat einen an sich passiven Stand in eine aktive Rolle, ja geradezu auch in eine aktivistische Rolle gedrängt. Die Haltung des vermeintlichen Guten, die dabei herausgekehrt wird, erzeugt aber nicht einen aktiven Journalistentypus, der umsichtig und agil zwischen den Fakten vermittelt, um ein vielschichtiges, ein der Gesellschaftsordnung nicht zu gefälliges Bild zu skizzieren.

Im Gegenteil, es lähmt den Diskurs, ergeht sich in selbstgefälliger Passivität, die letztlich Angst vor der eigenen Haltung in dem Sinne hat, sie hier und da auch mal zu überdenken. Oder wenigstens die überhöhte Unantastbarkeit der eigenen Haltungspräferenzen durchaus auch mal als antastbar zu betrachten. Denn die beste journalistische Haltung wäre noch immer die Enthaltung.

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