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Greta und der Klimawandel   | 27.05.2019 (editiert am 05.06.2019)

Heroen der Wissenschaft

Ohne die beständige, kritische Überprüfung ihrer Voraussetzungen riskieren die Wissenschaften zum Dogma zu mutieren.

Die globalen Auswirkungen des Klimawandels, ob seine Ursachen nun in menschlichem Handeln oder in der Natur liegen, sind unserer unmittelbaren Anschauung und Wahrnehmung nicht zugänglich. Ein Bild vom Zustand der Erde und ihrer Subsysteme, von den Prozessen, die in ihn mündeten, entsteht erst durch theoretische Modelle, durch eine Vielzahl von Annahmen, die diesen zugrunde liegen. Und indem man jene Modelle mit Millionen von Datensätzen sättigt, unter anderem auch solchen, die Auskunft über frühere Zustände geben.

Das Klima, insbesondere das globale, von dem heute so viel die Rede ist, ist ein theoretisches Konstrukt, das dessen ungeachtet Realität abbildet, wenn auch nicht unmittelbar. Beobachten können wir nur das Wetter und vom Klima vergangener Zeitalter die Spuren, die es zum Beispiel in den Eispanzern der Polarregionen hinterlassen hat.

In diesem Zusammenhang tut ein Journalismus, der jede größere Varianz des Wettergeschehens wie die kalten Maitage dieses Jahres – ein Phänomen, das seit Jahrhunderten unter dem Namen ›Eisheilige‹ bekannt ist – zum untrüglichen Anzeichen des Klimawandels stilisiert, der rationalen Auseinandersetzung mit dieser Problematik keinen Gefallen.

Auch die die oft herbeizitierten Überschwemmungen der letzten Jahre waren zwar menschengemacht, doch nicht via Klimawandel, sondern dadurch, dass man immer mehr Wasserläufe begradigt und natürliche Überschwemmungsgebiete abgeriegelt hat. Doch dem Volumen der Wassermassen nach wurden sie von vielen ihrer historischen Vorläufer übertroffen.[1]

Die Erde selbst und die Prozesse, die ihre Gestalt kontinuierlich verändern, zeichnen sich durch äußerste Komplexität und eine unüberschaubare Vielzahl von Wechselwirkungen aus. Wechselwirkung zudem, die nichtlinear sein können und ein System dadurch extrem stabil, doch bei Überschreiten gewisser Grenzen auch extrem instabil machen können.

Die Gewissheit, mit der heute zum Beispiel vom 1,5ºC-Ziel geredet wird und davon, dass man dieses erreichen würde, sofern man diese oder jene Maßnahme ergriffe, ist alles andere als wohlfundiert. Zur Ehrlichkeit in der Vermittlung von Wissenschaft gehört auch der Hinweis auf die Fragilität mancher Annahmen. Indem man ihn unterlässt, bereitet man lediglich den Boden für ein beständig wachsendes Misstrauen.

Es ist auch nicht die Wissenschaft, die ein Bild des globalen Zustands zustande bringt, sondern die Kooperation aus vielen Wissenschaften. Es sind dieselben Wissenschaften, die wesentlich Anteil an der industriellen Umgestaltung der Erde haben und die tief eingebettet sind in die Gesellschaften, die diese Umgestaltung betreiben. Sie sind abhängig von den Ressourcen, die diese Gesellschaften ihnen bereitstellen, und deren Akteure menschliche Mitglieder dieser Gesellschaften sind – mit all den Eigenschaften, die solche auszeichnen: wozu neben gelegentlich vorkommender Wahrheitsliebe, Unbestechlichkeit und Nüchternheit allzu oft auch blinder Idealismus, Voreingenommenheit, Eitelkeit, Furcht vor unangenehmen Konsequenzen einer unbestechlichen Haltung, Gier nach Bestätigung, Macht und materiellen Vorteilen gehören.

Nicht zuletzt gibt es in Gesellschaften auch machtvolle Interessen, die mit der Wahrheitssuche interferieren, weil ihnen bestimmte Aussagen genehm und förderlich erscheinen, andere dagegen eher unangenehm und weniger förderlich. Die entscheidende Frage ist, ob die institutionelle Verfassung der Wissenschaften einerseits und eine kritische Öffentlichkeit andererseits stark genug sind, um diese interferierenden Kräfte zu neutralisieren.

Gravitationsphysik-Leugner

Bezüglich der meisten Fragen, die das Naturverhältnis der Menschheit ebenso wie die Funktionsweise des soziotechnischen Systems betreffen, das unsere industrielle Zivilisation ausmacht, sind wir alle — einschließlich der wissenschaftlichen und technischen Experten — Laien. Die Wissenschaften stehen als Auskunftsmittel jedoch nicht unmittelbar zur Verfügung. Schon ihre grundlegenden Theorien haben Voraussetzungen. Und selbst wenn man die mitbringt, verlangt ihre Aneignung Zeit und Mühe. Doch damit ist es nicht getan: ihre Anwendung erfordert Urteilvermögen, das man erst durch Praxis unter der Anleitung erfahrener Kollegen erwirbt, und heute meist den Zugang zu einem komplexen und teuren, meist arbeitsteilig betriebenen Instrumentarium, durch das relevante Daten überhaupt erst verfügbar und verarbeitbar werden.

Doch je komplexer und dichter gekoppelt die betrachteten Systeme, desto mehr Fragen wird deren Modellierung aufwerfen, desto weiter die Distanz zwischen Realität und Modell und desto ungewisser die auf letzteres gebauten Prognosen. Ohne die beständige, kritische Überprüfung ihrer Voraussetzungen riskieren die Wissenschaften zum Dogma zu mutieren. Um ihre Resultate einschätzen zu können, sind wir alle auf die Vermittlung durch Autoren angewiesen, die Brücken zu bauen vermögen und insbesondere auch die Lücken der jeweiligen Ansätze zu würdigen wissen.

Die Frage nach der Identität und Qualität solcher Brücken muss erlaubt sein. Das, was aus den Wissenschaften, vor allem den Naturwissenschaften im Alltagsbewusstsein ankommt, stammt aus drei Quellbezirken, denen vor allem eine moralische, legitimierende Erzählung entströmt: dem, was man heute für das wissenschaftliche Weltbild hält, das nicht nur eine Reihe von Grundüberzeugungen umfasst, sondern als Norm daherkommt, der man sich als moderner Mensch zu unterwerfen habe. Dann die Geschichten von den Heroen der Wissenschaft, die den Aberglauben besiegt und der Wahrheit zum Durchbruch verholfen hätten. Und schließlich die Metaerzählung von der kritischen Rationalität, die den Kern der Wissenschaft ausmache.

Dabei verstehen sich die einflussreichen Medienhäuser — Rundfunkanstalten und Verleger der vielgelesenen Printmedien — als die wichtigsten Kanäle, wenn nicht gar als die entscheidenden Sachwalter dieses Wissens. Jenseits ihrer Wirkungskreise lauerten Fake-News, Verschwörungstheorien und Aberglauben.

Davon, dass die idealisierte Geschichte ihrer Heroen ebenso wie die normativen Konzepte von Wissenschaft, wie sie von Karl Popper entworfen wurden, in den Publikumsmedien allzu gerne als Beschreibungen ihrer Realität ausgegeben werden, zeugt auch der von Heiner Flassbeck angegriffene Aufsatz aus der FAZ. (Dazu in mehr in Teil 3).

Doch auch das, was gemeinhin als das wissenschaftliche Weltbild gilt, trägt nicht sonderlich weit: dass, »wer Zweifel äußert, ob die Anziehungskraft der Sonne wirklich dafür verantwortlich ist, dass die Erde um die Sonne kreist, ein Gravitationsphysik-Leugner ist«, meint Matthias Frisch. Das Dumme daran ist, dass auch schon in der Modellwelt der klassischen Mechanik die Erde eben nicht um die Sonne kreist, sondern vielmehr beide um den gemeinsamen Schwerpunkt. Nicht nur die Sonne übt eine Anziehungskraft auf die Erde aus, sondern, von gleichem Betrag doch umgekehrter Richtung, auch die Erde auf die Sonne.

Noch schlimmer wird das mit der Allgemeinen Relativitätstheorie: dort gibt es keine bevorzugten Bezugssysteme mehr. Die Beschreibung, in der die Sonne um die Erde kreist steht völlig gleichberechtigt neben der, in der dies umgekehrt ist. Wenn letzterer der Vorzug gegeben wird, dann allein, weil sich in ihr vieles einfacher darstellt. Und weil dies einem inzwischen kulturell wohletablierten Bild entspricht, so, wie dies eben lange Zeit dasjenige war, in dessen Mittelpunkt die Erde ruhte. Ein kühner Geist wie Nikolaus von Kues war den gefeierten Heroen der Naturwissenschaften in dieser Hinsicht lange voraus, als er hundert Jahre vor Kopernikus folgendes veröffentlichte:

»Wüsste jemand nicht um das Fließen des Wassers und sähe das Ufer nicht, während er sich auf einem Schiff inmitten des Wassers befindet, wie sollte er erkennen, dass das Schiff sich bewegt? Und da es stets jedem, ob er sich auf der Erde oder der Sonne oder auf einem anderen Stern befindet, so vorkommt, dass er sich gleichsam an einem unbeweglichen Mittelpunkt befindet und dass alles andere sich bewegt, deshalb würde jener, wenn er sich auf der Sonne, der Erde, dem Mond, dem Mars usw. befände, sich sicherlich immer neue Pole bilden.«[2]

In vieler Hinsicht auch Kleingeister

Eine genauere Beschäftigung mit der Wissenschaftsgeschichte zeigt auch, dass die Heroen eben nicht nur Heroen waren, sondern in vieler Hinsicht auch Kleingeister: Galilei etwa war überzeugt davon, dass die Kreisbewegung die natürliche wäre, zu der alle Körper neigten, und dass Kometen atmosphärische Phänomene wären. Die Größe, die gefordert war, um die Leistung eines Johannes Kepler anzuerkennen, der in der Tat der fähigere Mathematiker war und die Planetenbewegung treffender in Gesetze zu fassen vermochte, war ihm nicht gegeben.

Was die Präzision der Prognosen betraf, blieb die neue heliozentrische Astronomie der alten noch lange unterlegen: erst die Leistungen von Laplace und Gauß entschieden zwei Jahrhunderte nach Galileis und Keplers Beiträgen diese Frage zugunsten der neuen Astronomie. Die Formierung wissenschaftlicher Erkenntnis verläuft selten ohne Ungewissheiten und Korrekturen voreiliger Annahmen.

Vor allem jedoch ist ein Bild an Lächerlichkeit kaum zu überbieten das mit einem Sprung von der griechischen Antike zur Renaissance eine glanzvolle, aufgeklärte europäische Neuzeit von einer finsteren Vorzeit abhebt. Ein Bild, das durch die Medien — wie jetzt, anlässlich der Europawahl, wieder durch den deutsch-französischen Kulturkanal Arte unter dem Titel Ach Europa — verbreitet wird.

Während in der Renaissance eher Tyrannen herrschten – herausragendes Beispiel war Florenz –, waren die europäischen Stadtrepubliken schon Jahrhunderte zuvor in der Folge eines Aufschwungs der Stadtgründungen entstanden. Und während die Renaissance wenige technische Innovationen hervorbrachte, waren die Jahrhunderte davor unerhört kreativ gewesen. Mit Erfindungen wie die der Brille und der mechanischen Uhr mit Hemmung wurden nicht weniger als die Grundlagen des Industriezeitalters gelegt. In diese Zeit gehören ebenso der Ausbau des Montanwesens und die Gotik, die außer einer innovativen Konstruktionsweise eine Vielzahl von Werkzeugen, Hilfsmitteln und Verfahren hervorbrachte. Sie hatten, neben orientalischen Quellen, dem immer als solitäres Genie portraitierten Leonardo die Vorbilder geliefert.[3]

Und nicht zuletzt ist auch die neuzeitliche Kunst und Wissenschaft ohne die Vorleistungen – eben nicht nur der griechischen Antike, sondern auch des Orients, der weit mehr zuwege brachte, als das griechische Erbe nur zu transportieren –, nicht denkbar.[4]

Auch hier besteht das Risiko, dass die Medien, die jenes Bild der glanzvollen, aufgeklärten europäischen Neuzeit im Gegensatz zu den finsteren Zeiten davor wie auch den zurückgebliebenen Regionen rundherum verbreiten, an Glaubwürdigkeit verlieren, sobald sich jemand die Mühe macht, sich genauer zu informieren. Schon der Hinweis darauf, dass der heute als Übel gebrandmarkte Nationalismus ebenfalls ein Geschöpf der europäischen Neuzeit ist, verursacht dann nur Verlegenheit.

Ärgerlich ist zudem die vorherrschende, Neoliberalismus-kompatible Perspektive auf die Renaissance, die vor allem großartige Individuen ins Zentrum rückt. Vor diesem Hintergrund erscheinen dann die Gewinnertypen, die heutzutage alles mitnehmen können, als deren legitime Erben.


[1] Reichholf, Josef H. 2008: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. Frankfurt am Main: Fischer (Fischer TB 17439)
[2] De docta ingnorantia, II, XII
[3] van den Broek, Marc J. M. 2018: Leonardo da Vincis Erfindungsgeister: Eine Spurensuche. Mainz: Nünnerich-Asmus.
[4] für die Optik und die Darstellung räumlicher Beziehung Belting, Hans 2008: Floranz und Bagdad: Eine westöstliche Geschichte des Blicks. München: Beck; für ein weites Spektrum der Wissenschaften Saliba, George 2011: Islamic Science and the Making of the European Renaissance. Paperback edition, Cambridge MA: MIT Press; für die besondere Rolle Zentralasiens als Knotenpunkt und Quelle wissenschaftlicher und literarischer Überlieferung Starr, S. Frederick 2013: Lost Enlightenment: Central Asia’s Golden Age from the Arab Conquest to Tamerlane. Princeton NJ: Princeton University Press.

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