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Greta Thunberg | 03.05.2019 (editiert am 08.05.2019)

Hört auf die Kinder!

Dass Greta Thunberg von AFD und FDP kritisiert wird, ist nicht weiter verwunderlich. Eine Kritik von links, so wie die meines Kollegen Roberto J. De Lapuente, dagegen schon. Eine Replik.

Ein 15 Jahre altes Mädchen aus Schweden setzt sich im August 2018 drei Wochen lang täglich vor das schwedische Parlament, um die Regierung aufzufordern, den Klimawandel wirksam zu bekämpfen. Darüber berichtet sie in den sozialen Medien und es entsteht eine Bewegung, in der Kinder und Jugendliche einen Tag die Woche die Schule ausfallen lassen, um für eine lebenswerte Zukunft auf die Straße zu gehen.

Sie fordern lediglich die Einhaltung der Klimarahmenkonvention

Um es einmal ganz deutlich zu sagen: Greta Thunberg und die von ihr angestoßene Bewegung »Fridays for Future« fordern nichts weiter als die Einhaltung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC), die 1994 in Kraft trat. 195 Staaten haben die UNFCCC ratifiziert und sich dazu verpflichtet, das so genannte »Zwei-Grad-Ziel« einzuhalten. Der globale Temperaturanstieg soll auf unter zwei Grad Celsius gegenüber vorindustrieller Zeit begrenzt werden, weil andernfalls eine ökologische Kettenreaktion droht, die die Erde für Menschen weitgehend unbewohnbar machen könnte.

Den Schätzungen eines im Jahre 2018 in der Zeitschrift Nature erschienenen Artikels zufolge liegen die Chancen, die Erderwärmung unter der Gefahrenschwelle von zwei Grad zu halten, nur noch bei fünf Prozent. Wir steuern laut den Autoren eher auf eine Erderwärmung zu, die zwischen 3,2 Grad und 4,9 Grad liegt. Bei einer solchen Erderwärmung wären „keine großräumigen Zivilisationen“ mehr möglich. Einhalten können wir das Zwei-Grad-Ziel nur, wenn die Industrieländer ihre Treibhausgasemissionen um 95 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Das steht schwarz auf weiß in der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen. Der Pro-Kopf-Verbrauch an CO2-Äquivalenten muss laut UNFCCC weltweit unter 2,5 Tonnen pro Jahr und Person sinken. Die Industriestaaten, auch Deutschland, überschreiten die 2,5-Tonnen-Schwelle um ein Vielfaches.

Die Forderungen sind völlig realistisch

Am 8. April 2019 veröffentlichte Fridays for Future Deutschland einen Forderungskatalog, der unter anderem mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin sowie dem Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik entwickelt wurde. Die Forderungen sind also keine infantilen Phantasien, sondern realistische Ziele von echten erwachsenen Wissenschaftlern (schlimm, dass man so etwas schreiben muss). Der Forderungskatalog ist nicht einmal sonderlich radikal: Abschaffung der Subventionen für fossile Energien, Einführung einer Kohlenstoffsteuer auf alle Treibhausgasemissionen, die die Klimakosten, die dadurch zukünftigen Generationen entstehen, kompensiert (gemäß Umweltbundesamt 180 Euro pro Tonne CO2), Abschaltung von einem Viertel aller Kohlekraftwerke (Kohleausstiegs bis 2030), 100 Prozent erneuerbare Energien in der Energieversorgung bis 2035. Und schließlich die Senkung der Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2035 auf null. Das sind auch nur 5 Prozent mehr als in der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen festgeschrieben sind.

Die Kinder und Jugendlichen gehen für ihre Zukunft auf die Straße, weil sie diejenigen sind, die die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen werden. Ganz im Gegensatz zu den alten Herren, die die Bewegung kritisieren. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kritiker von links empört und ein wenig gekränkt sind, weil eine Jugendliche etwas vermochte, woran die Linke über Jahre hinweg gescheitert ist: Menschen für eine progressive Idee zum Aufstehen zu bewegen.

Es sind ja nur Kinder

Roberto J. De Lapuente unterstellt in seinem Beitrag, dass die Kinder die Komplexität der Angelegenheit nicht verstünden. Oder mit Christian Lindner: „Klimaschutz ist eine Sache für Profis.“ Diese Aussagen können sich nur darauf beziehen, dass die Kinder und Jugendlichen aufgrund ihrer unterkomplexen Weltsicht falsche oder utopische Forderungen stellen. Noch einmal: Sie fordern exakt das, was die Vereinten Nationen vor 25 Jahren beschlossen haben. In der Umsetzung haben Fraunhofer Institut und Hochschule Berlin mitgewirkt. Wenn das unrealistisch sein sollte, ist der Kampf gegen den Klimawandel bereits verloren. Immerhin können sich die Kinder des väterlichen Großmutes versichert fühlen (von Linken und Liberalen gleichermaßen):

„Wenn ich Greta Eindimensionalität unterstelle, ist das kein Vorwurf an sie. Kinder und Jugendliche müssen nicht ausgewogen und umsichtig sein. Das ist das Recht der Jugend.“ (Roberto J. De Lapuente)

„Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen.“ (Christian Lindner)

Da ist man ja heilfroh, dass Greta noch so eindimensional ist, dass sie die mehrdimensionalen Erwachsenenhalluzinationen nicht sieht, die verhindern, dass wir unsere eigene Lebensgrundlage schützen. Und Gott sei Dank sehen die Kinder und Jugendlichen das ökonomisch Machbare nicht! Unser ökonomisches System basiert auf der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen. Ungünstigerweise haben wir das System so gestaltet, dass es diese Basis nach und nach zerstört, also langfristig sich selbst. Die Kinder verstehen einfach nicht, dass es sich das ökonomische System nicht leisten kann, diese Zerstörung aufzuhalten und fordern deshalb, naiv und unterkomplex wie sie sind die kleinen Rabauken, dass wir aufhören, unsere Lebensgrundlage zu zerstören und an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. Sie behaupten einfach, der Kaiser sei nackt. Und wie im Märchen liegen sie damit vollkommen richtig. Sie sagen die Wahrheit, werden dafür aber bloß belächelt.

Was der Philosoph Robert Kurz einst über den Spätkapitalismus schrieb, passt auch zu dieser surrealen Situation:

„Es hat die Züge eines verrückten Märchens, in dem das Absurde normal und das Selbstverständliche ganz unverständlich erscheint, daß das, was offen auf der Hand liegt und eigentlich gar nicht erwähnt zu werden braucht, im gesellschaftlichen Bewusstsein vollständig verdrängt worden ist, als wäre darüber ein Zauberbann ausgesprochen worden.“ (Schwarzbuch Kapitalismus, S. 904)

Überall die leidigen Sachzwänge

Wenn wir sagen, die Einhaltung des Zwei-Grad-Zieles scheitere an der ökonomischen Machbarkeit, dann ist damit gesagt, dass der neoliberal entfesselte Kapitalismus unsere Zukunft zerstört – nicht metaphorisch, sondern wortwörtlich – und wir nichts daran ändern können. Roberto J. De Lapuente schreibt, dass die Komplexität der Bekämpfung des Klimawandels „mit ökonomischen und sozialen Vorbedingungen“ einhergehe, die den Forderungen von Greta Thunberg und Fridays for Future im Wege stünden. Er stellt damit auf das Vorhandensein systemischer ökonomischer Sachzwänge ab. Es ist ein erstaunlicher Umstand, dass sich ein linker Publizist in diesem Kontext dieser Argumentation bedient. Eigentlich ist es Sache der Bourgeoisie geworden, mit vermeintlichen Sachzwängen alle möglichen Zumutungen zu rechtfertigen:

 „Die Wirtschaftsführer, die in den Talkrunden des Fernsehens sorgenvoll ihr Haupt wiegen, beteuern glaubwürdig, dass sie dem System des freien Marktes ausgeliefert und in ihren Entscheidungen ohne Spielraum seien. Sie wollen keine Massenentlassungen vornehmen, aber die Kapitalrendite fordere es; sie wollen keine Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, aber die Konkurrenz erzwinge es; sie wollen Firmen weder schließen noch ausweiden, aber die Börse mit ihrem unerbittlichen Blick auf den Aktienkurs mache es leider unausweichlich.“ (Jens Jessen)

Und den Klimawandel können wir eben auch nicht einfach aufhalten. Wenn linke Kritiker den Kapitalismus als System unausweichlicher Zwänge darstellen, ist das normalerweise stets an die nachvollziehbare Forderung geknüpft, das System zu verändern. Mein Kollege hingegen kapituliert vor den Sachzwängen und erklärt nicht das System für gescheitert, sondern den Kampf gegen den Klimawandel. Wir müssten Antworten finden, „die den heutigen allgemeinen Lebensstandard einigermaßen entgegenkommen.“

Es tut mir Leid, das sagen zu müssen, aber: Das geht nicht. Der Klimawandel ist Ergebnis unseres Lebensstandards, wir können ihn also nicht bekämpfen, ohne unseren Lebensstandard zu verändern. In den 17 Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen steht übrigens, dass eine Veränderung unserer Produktionsweise nicht ausreicht, um eine nachhaltige Entwicklung zu realisieren, sondern durch eine Veränderung der Konsummuster ergänzt werden muss. Natürlich gilt das für die Industriestaaten und nicht für Länder, in denen die Menschen in Armut leben. Und selbstverständlich muss eine Veränderung unseres Lebensstandards sozialverträglich sein. Hartz IV-Empfänger sollen natürlich nicht noch weniger konsumieren – das betrifft die Ober- und Mittelschicht.

Es geht nicht um steinzeitliche Selbstversorgerphantasien

Es geht hierbei keineswegs um „steinzeitliche Selbstversorgerphantasien“, wie Roberto J. De Lapuente insinuiert, sondern darum, das System des maximalen Konsums in ein System des „optimalen Konsums“ zu verwandeln, wie der Psychologe Erich Fromm geschrieben hat. Eigentumslose Dienstleistungen nutzen anstatt alles zu besitzen, langlebige Güter nutzen anstatt Ramsch zu konsumieren, Dinge reparieren und instand halten anstatt sie wegzuwerfen, weniger Fleisch, weniger SUVs, weniger Flugreisen – das Übliche halt. So dass wir eben alle auf maximal 2,5 Tonnen CO2-Äquivalente pro Kopf und Jahr kommen.

Natürlich sind hier nicht nur die Verbraucher gefragt, sondern auch die Einzelwirtschaft und der Staat. Gebrauchsgüter müssen möglichst langlebig und reparaturfähig konzipiert werden. Die Wertschöpfung der Unternehmen wird dann teilweise von der Neuproduktion auf produktbezogene Dienstleistungen wie Instandhaltung, Überarbeitung und Upcycling verlagert. Produkte, deren Herstellung oder Nutzung einen hohen Ressourcenverbrauch bedingen, müssen aus dem Markt verschwinden. Da der Markt dies ganz offensichtlich nicht regelt, muss der Staat eingreifen. Der ÖPNV muss so ausgebaut und gleichzeitig das Autofahren so eingeschränkt werden, dass Autos weitgehend verschwinden. Stefan Kissinger und Rainer Fischbach haben auf Makroskop Vorschläge hierzu unterbreitet.

Wenn wir das nicht machen, wird irgendwann auf dem Grabstein der dahingeschiedenen menschlichen Spezies stehen: »Verstorben am ökonomisch Machbaren«.

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