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Theorie | 14.05.2019 (editiert am 15.05.2019)

Wo kommen all die Gewinne her? – 1

Um zu verstehen, wie sich das Gewinnvolumen in einer Volkswirtschaft verändert, ist es notwendig, sich auf einige paradoxe Überlegungen einzulassen. So paradox, wie die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen, die daraus folgen.

Die britische Ökonomin Joan Robinson hatte einst das theoretische Konzept von Michał Kalecki, mit dem er die Bestimmung des Gewinnvolumens erklärt, auf folgende knappe Formel gebracht:

„Die Arbeiter geben das aus was sie bekommen und die Kapitalisten bekommen das, was sie ausgeben.“[1]

Während der erste Teil dieser Aussage für jedermann sofort einsichtig ist, erscheint der zweite Teil des Satzes paradox. Die Einnahmen der Kapitalisten sollen sich nach ihren eigenen Ausgaben richten? Ist nicht die Höhe der Ausgaben von Unternehmen genauso wie die privaten Haushalte durch die Höhe ihrer Einnahmen begrenzt? In einer geschlossenen Volkswirtschaft, ohne Staat ist das nach Meinung von Kalecki nicht der Fall:

„Bruttogewinne = Bruttoinvestitionen + Konsum der Kapitalisten. Was bedeutet diese Gleichung? Ist damit gemeint, dass die Gewinne in einer bestimmten Periode den Konsum und die Investitionen der Kapitalisten determinieren, oder ist es umgekehrt? Die Beantwortung dieser Frage hängt davon ab, welche dieser Elemente der direkten Entscheidung der Kapitalisten unterliegen.

Nun ist klar, dass Kapitalisten darüber entscheiden können, mehr in einer bestimmten Periode zu konsumieren und zu investieren als in der vorangegangenen, dass sie aber nicht darüber entscheiden können, mehr einzunehmen. Es sind daher ihre Investitions- und Konsumentscheidungen, die ihre Gewinne determinieren und nicht umgekehrt.”[2]

Saldenmechanische Zusammenhänge

Um diesen Zusammenhang und seine Konsequenzen zu verstehen, ist es notwendig, noch einmal, wenngleich in leicht abgewandelter Form, auf jenen saldenmechanischen Zusammenhang einzugehen, der bereits des Öfteren auf MAKROSKOP behandelt wurde, und darin den von Kalecki behaupteten Wirkungszusammenhang zu verorten. Zu diesem Zweck werden die beiden aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) bekannten Teilkonzepte der Verteilungsrechnung, die sich mit den Einnahmen, und der Verwendungsrechnung, die sich mit den Ausgaben befasst, miteinander verbunden und in eine daraus resultierende Sektorenrechnung umgewandelt.

Die Verteilungsrechnung des Bruttonationaleinkommens (BNE)[3], die neben dem Lohn- (W) und Gewinnanteil vor Steuern (Q) vorerst nur die indirekten Steuern (Ti) als gesonderten Staatsanteil ausweist, wird dabei in einem ersten Schritt in eine Verteilungsrechnung umgewandelt, die nach dem Abzug der direkten Lohn- (Tdw) und Gewinnsteuern (Tdq), und nach der Zurechnung von Transferleistungen (Tr) und Subventionen (Sub) zusammengefasst nur mehr aus Lohn- (WN), Gewinn- (QN) und Staats-(Einnahmen-)Anteil nach Steuern und staatlichen Zuwendungen (TN) besteht.

Durch entsprechende Einsetzungen lässt sich der folgende Zusammenhang ableiten.

BNE = WN + QN + TN

Mithilfe einer einfachen Division durch das BNE kann daraus leicht der relative Lohn-, Gewinn- und Staats-(Einnahmen-)Anteil ermittelt werden:

WN / BNE + QN / BNE + TN / BNE = 1

Auch die Verwendungsrechnung, die sich aus Konsum- (C), Investitions- (I), Staatsausgaben (G) und Exporten (Ex) zusammensetzt, bedarf einer Transformation, da jede der genannten Ausgabenarten nicht nur aus inländischen Einnahmen bestritten wird, sondern darüber hinaus auch einen spezifischen Importanteil enthält. Das bedeutet, dass die Gesamtheit der getätigten Ausgaben nicht nur die Summe der von Inländern erzielten Einnahmen, sondern auch die Importe (Im) mitumfasst.

BNE + Im = C + I + G + Ex

Eine Gleichsetzung von Verteilungs- und Verwendungsrechnung mit anschließender Umgruppierung ergibt eine erste Sektorenrechnung, in der sich für den Privat-, den Staats- und den Auslandssektor durch Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben drei gesonderte Salden bilden lassen, die sich insgesamt auf 0 addieren.

WN + QN + TN =  C + I + G + Ex – Im

(WN + QN – C – I) + (TN – G) + (Im – Ex) = 0

Für gewisse Überlegungen mag es genügen, bei dieser Stufe der Aufteilung stehen zu bleiben. Soll dagegen auf die von Kalecki angesprochene Problematik der Entstehung von Gewinnen bzw. auf das Phänomen der „sparenden Unternehmen“ näher eingegangen werden, ist es notwendig, einen Schritt weiter zu gehen und eine Aufteilung des Privatsektors vorzunehmen.

Hierzu gibt es zwei Möglichkeiten. Die von Kalecki gewählte besteht darin, sich an der Verteilungsrechnung zu orientieren. Für die hier angestellten Überlegungen wird auf eine andere Möglichkeit zurückgegriffen, die sich an der Verwendungsrechnung orientiert. Dabei werden nicht wie Kalecki die Konsumausgaben aufgeteilt, sondern es wird das Gewinneinkommen in einen Anteil, der an die Haushalte ausgeschüttet wird (QNH), und einen Anteil, der in den Unternehmen einbehalten wird (QNU), getrennt:

Q = QNH + QNU

Die Sektorenrechnung erhält dann eine an der Verwendungsrechnung, also den Ausgaben orientierte Form, in der der Privatsektor in einen Haushalts- und einen Unternehmenssektor getrennt wird:

(WN + QNH – C) + (QNU – I) + (TN – G) + (Im – Ex) = 0

Soll in dieser Variante der Gewinn als Ergebnis der anderen Faktoren herausgehoben werden, dann ist es nun nicht mehr der Gesamtgewinn, sondern der in den Unternehmen einbehaltene Gewinn. Das ist insofern unproblematisch, als der an die Haushalte ausgeschüttete Gewinn seiner Höhe nach auf den Gewinnen der Vorperiode beruht und für die laufende Periode als gegeben angenommen werden kann.

QNU = I – (WN + QNH – C) + (G – TN) + (Ex – Im)

Der einbehaltene Gewinn als die Einkommensseite des Unternehmenssektors wird hier als Resultat der Investitionen und der Salden der anderen drei Sektoren ausgewiesen, d.h. der Investitionen abzüglich des Überschusses des Haushaltssektors (von dem angenommen wird, dass er im Normalfall immer einen Überschuss aufweist und daher umgekehrt wie die beiden anderen Sektoren dargestellt und mit einem Minus versehen wird) zuzüglich der Defizite des Staats- und des Auslandssektors.

Aktive und passive Faktoren: Umkehrung der Logik

Ausgehend von diesem an sich neutralen Zusammenhang kann nun die Frage gestellt werden, wo hier Ursache und Wirkung, wo aktive und passive Elemente festgemacht werden können, will man nicht auf die Ausflucht verfallen, dass ja alle Elemente irgendwie wechselseitig aufeinander einwirken, ohne dass dabei einer bestimmten Richtung der Vorzug gegeben werden könnte. Keynes und andere auf das Nachfragemoment fokussierte Ökonomen wie etwa Lautenbach, nehmen diesbezüglich jedenfalls eine theoretisch eindeutige Position ein, wenn sie feststellen:

„Es wird nicht die Investition durch die Ersparnisse, sondern umgekehrt die Ersparnis durch die Investition bestimmt: Die Ersparnis ist ein reiner Verteilungsbegriff. Das Sparen entscheidet nicht über die Gesamtgröße der Investitionen, sondern nur über den Anteil der Wirtschaftssubjekte an dem Vermögenszuwachs, den die Volkswirtschaft durch die Investition erfährt.“[4]

Was dabei von den Ökonomen zum Ausdruck gebracht wird, ist ihre Sichtweise einer „kreislauftheoretisch üblichen Zuordnung der eigentlichen Aktivität zur Mittelverwendung und ihre Neigung, die Mittelgewinnung als passiv sich Ergebendes zu behandeln“.[5] Doch wie lässt sich diese unmissverständliche Zuordnung aktiver und passiver Elemente in dem oben dargestellten, an sich neutralen Zusammenhang rechtfertigen?

Die Begründung, die Kalecki in dem anfangs angeführten Zitat gibt, lautet: die Höhe der Ausgaben ist Gegenstand der Entscheidung der Unternehmen, nicht jedoch die Höhe ihrer Einnahmen, die von der Marktsituation, der Fähigkeit und Bereitschaft der Käufer, dem Unternehmen seine Produkte abzukaufen, also von den Entscheidungen der Käufer abhängt. Aber sind nicht beide Seiten, sowohl Einkauf wie auch Verkauf, Ausgaben genauso wie Einnahmen, Gegenstand aktiver vertraglicher Vereinbarung, bei der man gleichermaßen auf die Bereitschaft und Aktivität eines Gegenübers angewiesen und damit in gewisser Weise auch in eine passive Rolle versetzt ist?

Eine Antwort kann hier nur gefunden werden, wenn der Blick auf Geld und seine Bedeutung im Kapitalprozess gerichtet wird. Geld als allgemein anerkanntes Mittel der Aneignung, als universal einsetzbares Mittel der Bemächtigung, dem prinzipiell der Zugriff auf alle am Markt angebotenen Güter und Dienste, auf alle käuflich zu erwerbenden Ressourcen offen steht, ist der Ausgangs- und Endpunkt des Kapitalprozesses, wie ihn Marx in der Formel G-W-G‘ mit dem Zwischenglied der Warenform, die hier auch die Produktion neuer Waren umfasst, dargestellt hat. Es ist das Verdienst von Keynes, bei seinem Rückgriff auf die Marx’sche Formel den ersten Schritt als den kritischen Moment des ganzen Prozesses identifiziert zu haben. Während der zweite Schritt W-G‘ zumindest seinem Inhalt nach unproblematisch ist, da jedes Unternehmen versuchen wird, so rasch und günstig wie möglich seine Produkte loszuschlagen und sein Kapital in das universale Aneignungsmittel Geld zurück zu verwandeln, mit dem erneut die Möglichkeit eines universalen Ressourcenzugriffs offensteht, ist der erste Schritt der Entäußerung in eine konkret-materielle Form, aus der nur mit Mühe und unter Risiko eine Rückverwandlung in Geld bewerkstelligt werden kann, immer das Ergebnis vielfältiger Überlegungen, Berechnungen und Unsicherheiten.

Ein Schritt, der daher auch bei verschlechterten Geschäftsaussichten, höheren Zinssätzen oder allgemeiner Verunsicherung leicht unterbleiben kann, sodass das Geld auf dem Konto liegen bleibt oder durch unterlassene Kreditaufnahme erst gar nicht geschaffen wird. Der Schritt G-W, der den Ausgaben der Unternehmen entspricht, wird damit auch als der entscheidende Moment identifiziert, wenn es darum geht, den permanenten Transformationsprozess, den das produktiv eingesetzte Kapital durchläuft, innerhalb der bestehenden Kapazitäten auszuweiten oder einzuschränken, oder im Zuge einer Ausweitung der Kapazitäten durch Investitionen in länger nutzbare Anlagegüter über die laufende Periode hinaus auf die Rückflüsse künftiger Perioden vorzugreifen.

Aber auch der zweite Schritt der Rückverwandlung in Geld, der hinsichtlich seines Inhalts von jeglichen Bedenken und Unsicherheiten frei ist, erweist sich insofern als problematisch, als er von der Bereitschaft der Kunden abhängt, ihrerseits die nötigen Ausgaben zu tätigen, um diese Rückverwandlung zu ermöglichen. Angewiesen auf die Ausgabenbereitschaft ihrer Kunden stehen die Unternehmen permanent in der Gefahr, bei Absatzschwierigkeiten eine unfreiwillige Investition in anwachsende Lagerbestände tätigen zu müssen oder nur einen Teil des ursprünglich ausgelegten Geldes wieder hereinholen zu können.

Ob der ökonomische Prozess ausgeweitet oder eingeschränkt wird, liegt also immer bei jenen Akteuren, die potentiell oder real über Geld verfügen und darüber entscheiden, ob sie in der laufenden Periode mehr oder weniger ausgeben als in der Vorperiode. Ihre Ausgaben sind die Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des Einnahmenstroms, sie haben es gesamtwirtschaftlich in der Hand, ob bzw. wieviel jener Einnahmen generiert werden können, auf die es den Akteuren einzelwirtschaftlich ankommt. Es ist daher eine gut fundierte theoretische Annahme, die Ursachen für Expansion und Kontraktion des ökonomischen Prozesses in der Verwendungsrechnung und ihren einzelnen Elementen zu verorten, und die Verteilungsrechnung und ihre Einzelelemente lediglich als deren Ergebnis und als Resultat anzusehen.[6]

Aus diesen Überlegungen folgt zum einen, dass es zwar richtig ist, in den aus der VGR entwickelten saldenmechanischen Zusammenhängen einfach nur ein Hilfsmittel zu sehen, um theoretische Aussagen daraufhin zu überprüfen, ob sie einfachen buchhalterischen Regeln entsprechen. Andererseits kann die banale Tatsache, dass jeder Kauf zugleich ein Verkauf und jeder Akt der Kreditgewährung zugleich ein Akt der Verschuldung ist, nicht nur dafür verwendet werden, volkswirtschaftliche Zusammenhänge buchhalterisch darzustellen und als Plausibilitätskriterium für theoretische Annahmen einzusetzen. Denn aus der daraus abgeleiteten quantitativen Gleichheit bestimmter volkswirtschaftlicher Größen, die nicht nur irgendwann und irgendwie, sondern in jedem Augenblick, für jeden beliebigen Zeitraum und auf den Cent genau erfüllt sein muss, entspringt auch eine real wirksame gesamtwirtschaftliche Logik, die sich dem ökonomischen Prozess insgesamt und jedem einzelnen Akteur unerbittlich aufzwingt. Sie sorgt dafür, dass sich die einzelwirtschaftliche Logik, in der die Ausgaben der Kunden nur eine notwendige Randbedingung und die eigenen Ausgaben nur ein heikler und mit großen Unsicherheiten behafteter Zwischenschritt bei der Generierung der eigenen Einnahmen sind, gesamtwirtschaftlich umkehrt, sodass die Ausgaben zum zentralen Movens des gesamten Prozesses werden.

Eine Zwangslogik, die auch dazu führt, dass die Pläne und Erwartungen, soweit sie dieser Logik widersprechen, wie etwa Sparpläne, die mit den Verschuldungsplänen der anderen Akteure nicht kompatibel sind, enttäuscht und vereitelt werden. Ein einfaches Aufaddieren oder Aneinanderreihen einzelwirtschaftlicher Charakteristika, wie bei der Bestimmung der Gewinnrate, ohne Berücksichtigung der eigenständigen gesamtwirtschaftlichen Logik, führt daher zwangsläufig in die Sackgasse, weshalb auch eine Erklärung des Gewinnvolumens rein aus einzelwirtschaftlichen Bestimmungsfaktoren heraus ein vergebliches Unterfangen bleiben muss.

Dass sich die einzelwirtschaftliche Logik schließlich auch für den Staat, der auf gesamtwirtschaftlicher Ebene als genuiner Akteur auftritt, umkehren und er konträr zu dieser Logik agieren muss, um die gesamtwirtschaftlichen Erfordernisse der Stabilisierung und Beschäftigungssicherung zu erfüllen, ist eine weitere Konsequenz, die ohne Einsicht in diese Umkehrlogik unverstanden bleiben muss.


[1] Joan Robinson, Kalecki and Keynes, in: Contributions to Modern Economics, Oxford 1978, 53-60, hier 60.
[2] Michał Kalecki, Selected Essays on the Dynamics of the Capitalist Economy 1933-1970, Cambridge 1971, 78 f.
[3] Da die folgende Analyse die von inländischen Akteuren getätigten Ausgaben in den Mittelpunkt stellt, wird hier anstatt des sonst üblichen Inlandskonzept mit seiner Bezugsgröße Bruttoinlandsprodukt (BIP) das Inländerkonzept mit seiner Bezugsgröße Bruttonationaleinkommen (BNE) verwendet. Letzteres beinhaltet vereinfacht ausgedrückt alle, also auch im Ausland, von Inländern erwirtschafteten Einkommen, während es die von Ausländern im Inland erwirtschafteten Einkommen nicht miteinbezieht. „Brutto“ bedeutet hier unter Einschluss von Abschreibungen, weshalb im Folgenden Investitionen immer inkl. Ersatzinvestitionen und Gewinne immer inkl. Abschreibungen (d.h. grob als Cash-Flow) verstanden werden.
[4] Wilhelm Lautenbach, Zins, Kredit und Produktion, hrsg. von Wolfgang Stützel, Tübingen 1952, 34.
[5] Lautenbach, Zins, 25 f. FN 11.
[6] Wolfgang Stützel hat durch sein Konzept eines „Verkäufermarkts“ aufgezeigt, dass auch der umgekehrte Fall denkbar ist, wie er anhand der Situation in der BRD vor der Währungsreform 1948 nachweist, in der dem Besitz von Waren gegenüber Geld der Vorzug gegeben wurde und eine Expansion der Wirtschaft von der Bereitschaft der Unternehmen abhing, ihre Einnahmen auszuweiten, indem sie mit den zurückgehaltenen Waren herausrückten, vgl. Rolf-Dieter Grass / Wolfgang Stützel, Volkswirtschaftslehre, München 1983, 304 und 326 f.

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