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Theorie | 21.05.2019

Wo kommen all die Gewinne her? – 2

Eine Wirtschaftspolitik, die auf eine möglichst hohe Beschäftigung abzielt, kommt nicht umhin, gleichzeitig (was die Gewinnrate anbelangt) für möglichst geringe und (was das Gewinnvolumen anbelangt) für möglichst hohe Gewinne zu sorgen.

Kann der einzelwirtschaftlichen Logik so weit gefolgt werden, dass die Ausgaben von den Einnahmen abhängen? Für die Konsumausgaben, die proportional zur Konsumquote von den Einnahmen der Haushalte abhängen, trifft dies tatsächlich zu. Aber eben nicht für die anderen Arten von Ausgaben, die als autonom angenommen werden können, deren Veränderung sich also nicht aus dem System selbst und seinen Faktoren erklären lässt.

Wie passt aber die Bestimmung der Gewinne durch die Ausgaben des eigenen Sektors und die Ausgabenüberschüsse der anderen Sektoren zu den exorbitanten Gewinnen, die von den durch Monopolisierungsprozesse zunehmend ermächtigten Unternehmen in immer größerem Umfang akkumuliert werden? Wächst hier nicht eigenständig ein enormes Kapitalvolumen heran, das nach Veranlagung, also nach Verausgabung sucht und damit den Umfang der Investitionen determiniert?

Nein, betrifft doch das Anwachsen der Gewinne nur die Verteilung der Gewinne, nicht aber deren Volumen. Denn die im Anschluss an Kalecki durchgeführte Analyse (siehe Teil 1) hat klar gezeigt, dass ein Kapitalzuwachs in Form einbehaltener Gewinne gesamtwirtschaftlich nur in dem Ausmaß existiert, in dem Kapital in einer über die laufende Periode hinausreichenden Form tatsächlich verausgabt wird. Und zwar entweder als Realkapital in Form von Investitionen oder als Finanzkapital in Form einer Finanzierung der Negativsalden der anderen Sektoren. So wie das Kapital durch seine innere Zusammensetzung, seinen Monopolisierungsgrad die Gewinnrate bestimmt, so bestimmt es sein eigenes Gewinnvolumen durch das Ausmaß seines zeitlichen, über die laufende Periode hinausgehenden Ausgreifens in Form von Sach- oder Finanzvermögen – also durch den Zugriff, die Etablierung seines Anspruches auf die zukünftigen, aus dieser Verausgabung resultierenden Rückflüsse.

Wobei dies, was das Finanzvermögen, also die Verschuldung der anderen Sektoren anbelangt, zu relativieren ist, da die Initiative hier von den sich verschuldenden Sektoren ausgeht, die über ihre Ausgabenüberschüsse das Ausmaß der daraus generierten Gewinne bestimmen. Umgekehrt reduzieren hierbei jene Sektoren, die Überschüsse aufweisen, entweder ihre Verschuldung oder sie partizipieren – wie dies der Haushaltssektor im Normalfall tut – an den Gewinnen des Unternehmenssektors, indem sie durch Veranlagung in Aktien, Anleihen, Sparguthaben oder vermieteten Immobilien selbst Kapitalfunktion in Form von Finanz- und Sachkapital übernehmen. Ein Sparüberschuss, der über diese tatsächliche Veranlagung des Unternehmens- und Haushaltssektors hinausgeht, existiert nicht, und zwar zu keinem Zeitpunkt. Eine Sparschwemme, eine Saving Glut, die auf der Suche nach Veranlagungsmöglichkeiten um den Globus wabert, gehört in das Reich der Phantasie.

Aber ist nicht zumindest umgekehrt das Volumen der Investitionen an das akkumulierte Kapitalvolumen gebunden, also durch Kapital, das nur durch einbehaltene Gewinne vermehrbar ist, begrenzt? Und muss, wenn das solcherart durch Innenfinanzierung entstandene Kapital nicht in ausreichender Menge vorhanden ist, nicht Kapital von irgendwoher sonst zufließen?

Wie leicht gezeigt werden kann, beruhen all diese Vorstellungen von einem begrenzten Kapitalfonds, der zwischen irgendwelchen Orten hin und her fließt, auf einem falschen Bild von Kreditgewährung, ja von Verschuldung überhaupt. So wie Geld allgemein durch Kreditgewährung aus dem Nichts geschaffen wird, so auch, wenn der Kredit an ein Unternehmen gewährt wird, was zur Folge hat, dass die dabei entstehenden Giroguthaben nicht nur als Geld überhaupt, sondern in einer spezifischen Form, nämlich als Geldkapital Existenz erlangen. Es wird also mit der Kreditgewährung nicht nur Geld, sondern auch Kapital aus dem Nichts geschaffen, das ja am Beginn seines Kreislaufes als Geldkapital in Erscheinung treten muss.

Allerdings bedarf es für diesen Ausgangspunkt des Kreislaufs nicht einmal einer Kreditgewährung aus dem Bankensystem, ja nicht einmal der Verfügung über Geld selbst. Bereits der Erwerb von Vorprodukten durch das Akzeptieren eines Wechsels, ja bereits die Lieferung mit einem bestimmten Zahlungsziel genügt, um Kapital aus dem Nichts entstehen zu lassen. Ein Vorgang, der sich beim empfangenden Unternehmen als Bilanzverlängerung niederschlägt, bei der dem eingekauften Vorprodukt eine Wechsel- oder Lieferantenverbindlichkeit in gleicher Höhe gegenübertritt, während beim liefernden Unternehmen einfach ein Aktivtausch stattfindet.

Wer den Kapitalprozess in einem Unternehmen mitverfolgt, dessen Aktivitätsniveau wie in der Baubranche witterungsbedingt im Jahresverlauf stark schwankt, und dessen kurzfristige Aktiv- und Passivpositionen saisonal bis zum Aktivitätsmaximum um ein Vielfaches anwachsen, um mit dem Rückgang des Aktivitätspegels zeitverzögert wieder auf einen Bruchteil zusammenzuschrumpfen, der weiß, dass hier kein Kapital zu- oder abfließt, sondern dass kurzfristig benötigtes Kapital einfach aus dem Nichts generiert wird, und, nachdem es seinen Kreislauf vollendet und daraus hoffentlich einen Gewinn realisiert hat, sich wieder in Nichts auflöst.

Welcher Teil dabei in Form von Bankkrediten kurzfristig in Existenz tritt und so für eine parallele Vermehrung der Geldmenge sorgt, um am Ende der Saison genauso wie die anderen Formen der Verschuldung wieder zu verschwinden, hängt von den vereinbarten Zahlungsfristen und von der Verwendung anderer Finanzierungsformen wie etwa Wechsel- oder Scheckfinanzierung ab.

Automatische Stabilisatoren

Dass gesamtwirtschaftlich eine Erhöhung der Ausgaben, etwa in Form von Investitionen, eine Ausweitung der ökonomischen Aktivität bewirkt, dafür braucht es also kein bereits vorhandenes, über einen längeren Zeitraum akkumuliertes Kapital, genauso wenig wie anderweitig Angespartes. Was es dazu einzig braucht, sind Möglichkeiten der Verschuldung.

Es braucht auch keine parallele Erhöhung der Sparanstrengung, da sich das Sparvolumen, wie Lautenbach richtig erkannt hatte, automatisch mit der Erhöhung der Ausgaben und der damit verbundenen Verschuldung erhöht.“

In welcher Form erfolgt aber diese Verteilung des Vermögenszuwachses?Wird unsere Sektorenrechnung nicht nach den einbehaltenen Gewinnen, sondern nach den Investitionen aufgelöst, wird also den Investitionen gemäß der Identität I=S das Sparvolumen der einzelnen Sektoren gegenübergestellt, so kann leicht nachvollzogen werden, wie sich eine Erhöhung der Investitionen auf Einnahmen und Sparvolumen auswirkt.

I = (WN + QNH – C) + QNU + (TN – G) + (Im – Ex)

Unter der Annahme, Konsumquote und damit Sparquote der Haushalte blieben genauso unverändert wie Steuersätze und Importanteile, wird eine Erhöhung der Investitionen nicht nur zu einer Erhöhung der einbehaltenen Gewinne, sondern auch zu einer Erhöhung der Einnahmen und damit zu einer Verbesserung der Salden der anderen Sektoren führen.

Und zwar folgt dies zum einen aus der Zunahme der Lohnsumme aufgrund von Multiplikatoreffekten, was bei gleichbleibender Sparquote das Sparvolumen der Haushalte anwachsen lässt, und zum anderen aus der Zunahme von Steuereinnahmen und Importen auf der Grundlage der zunehmenden wirtschaftlichen Aktivität. Auf diese Weise wird die Steigerung des Gewinnvolumens, die bei unveränderten Salden der anderen Sektoren eingetreten wäre, teilweise kompensiert und der expansive Impuls der zusätzlichen Investitionen abgebremst.

Dieser Effekt wird in der Theorie unter der Bezeichnung „automatische Stabilisatoren“ behandelt, bezieht sich dabei aber zumeist nur auf das automatisch anwachsende Budgetdefizit im Falle eines Konjunktureinbruchs, der dadurch abgemildert wird. Er ist aber in beide Richtungen und im Hinblick auf alle Sektoren wirksam. Erst unter der Annahme, durch eine Veränderung der Konsumquote der Haushalte, der Steuersätze und der Importanteile würden die Salden der anderen Sektoren auf ihrem ursprünglichen Stand verbleiben, was einer Ausschaltung der automatischen Stabilisatoren gleichkommt, würde die Erhöhung der einbehaltenen Gewinne der Erhöhung der Investitionen entsprechen, wodurch die Dämpfung durch andere Sektoren neutralisiert und die Multiplikator-Wirkung maximiert wäre.

Aber widerspricht das nicht der Feststellung, dass nur eine Veränderung der Ausgaben eine Veränderung des Umfangs der gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten bewirken kann? Keineswegs, wird doch diese Veränderung in direkter Weise nur durch die Veränderung der Konsumausgaben bewirkt, die selbst wiederum von den Einnahmen der Haushalte abhängen. Ihre Zunahme aber fällt umso geringer aus, ein je größerer Teil der Einnahmensteigerung den anderen Sektoren in Form von einbehaltenen Gewinnen, Steuereinnahmen und Importen zugutekommt, was von der Gewinnrate, der Steuer- und der Importquote abhängt.

Es ist daher zwar richtig, dass eine Veränderung der Einkommen eine Veränderung des Aktivitätsniveaus bewirkt, aber nur in indirekter Weise, nämlich in Form eines Einflusses über die Haushaltseinkommen auf die Konsumausgaben, auf die es also letztendlich ankommt. Auch die Ausweitung des Staatsdefizits hat damit nicht automatisch eine expansive Wirkung, vielmehr kommt es darauf an, ob dies mit einer direkten oder indirekten Erhöhung von Ausgaben verbunden ist.

Die US-Steuerreform bietet geradezu ein Lehrbeispiel dafür, wie das Kunststück einer beachtlichen Ausweitung des Staatsdefizits auch ohne einen solch expansiven Effekt zustande gebracht werden kann – und zwar dadurch, dass die erhöhte Staatsverschuldung mehr oder weniger ungeschmälert in eine Erhöhung des Sparvolumens im Privatsektor überführt wird.

Kurz- und langfristige Verlagerung der Gewinnentstehung

Ist der Beschäftigungseffekt, der durch das aktuelle Investitionsvolumen ausgelöst wird, zu gering, um ein bestimmtes Beschäftigungsniveau aufrechtzuerhalten, müssen die Ausgaben und damit die Negativsalden außerhalb des Unternehmenssektors ausgeweitet bzw. die entsprechenden Positivsalden verringert werden, soll dieses Ziel erreicht werden. Dies kann entweder direkt geschehen, indem Konsumausgaben forciert, Staatsausgaben erhöht oder über entsprechende Wechselkursänderungen die Exporte angeregt werden, oder aber indirekt, indem über eine Verringerung der Steuersätze und der Importanteile eine Ausweitung der damit in Zusammenhang stehenden Ausgaben angestrebt wird.

Einem Konjunktureinbruch, in dem Unternehmen versuchen, durch Einschränkung der Investitionen ihre Verschuldung abzubauen, kann dementsprechend entweder durch höhere Leistungsbilanzüberschüsse oder durch eine Ausweitung des Budgetdefizits begegnet werden. Bieten hingegen weder Ausland noch Staat durch ihre Verschuldung den Sparplänen der Unternehmen eine Möglichkeit zu ihrer Realisierung, dann werden sie durch die Logik des Systems schlichtweg zunichte gemacht. „Sparende Unternehmen“, also Einnahmenüberschüsse des Unternehmenssektors sind demzufolge die unvermeidliche Folge einer solchen konjunkturellen Situation einschließlich ihrer Bekämpfung.

Etwas anderes ist es, wenn sich die Verlagerung des Gewinnvolumens von dem aus Investitionen generierten Teil hin zu dem aus der negativen Veränderung der anderen Sektorensalden generierten Teil – und die daraus resultierenden anhaltenden Überschüsse des Unternehmenssektors – nicht als Reaktion auf einen konjunkturellen Einbruch, sondern als ein dauerhaftes Phänomen erweist. Auch in diesem Fall kann dies zwar möglicherweise auf eine länger anhaltende Investitionsschwäche zurückgeführt werden, die zur Aufrechterhaltung des Beschäftigungsniveaus über eine langfristige Unterbewertungsstrategie mit entsprechend hohen Leistungsbilanzüberschüssen oder über permanent hohe Staatdefizite ausgeglichen werden kann.

Dabei ist allerdings zu beachten, dass ein auf diese Weise bekämpfter Konjunktureinbruch und damit tendenziell auch eine anhaltende Investitionsschwäche trotz steigender Überschüsse des Unternehmenssektors – was daraus resultiert, dass die Investitionen stärker sinken als die Gewinne, da der Investitionsrückgang ja teilweise durch Negativsalden kompensiert wird – in aller Regel mit einer sinkenden Gewinnrate einhergehen, da die Gewinne in einem solchen Fall schneller zurückgehen als die Beschäftigung.

Was wir allerdings beobachten können, ist das genaue Gegenteil, nämlich eine langfristig ansteigende Gewinnrate, über die ein solches Szenarium keinen Aufschluss gibt, und für die im ersten Teil versucht wurde, eine Erklärung zu finden. Unabhängig davon aber, welche Ursachen für eine steigende Gewinnrate angenommen werden: sie selbst ist ein klar belegtes empirisches Faktum und bedeutet, dass ein bestimmtes Gewinnvolumen ein immer geringeres Lohnvolumen in der Lage ist zu mobilisieren. Das in Relation zum Lohnvolumen höhere Gewinnvolumen kann, wenn eine bestimmte Sparquote der Haushalte und ein bestimmtes durchschnittliches Investitionsvolumen angenommen werden, demzufolge nur über höhere Leistungsbilanzüberschüsse oder höhere Staatsdefizite erreicht werden, sollen nicht Lohnvolumen und Beschäftigung mit dem Anstieg der Gewinnrate langfristig kontrahieren.

Wie dies aufgrund der daraus resultierenden Ausweitung von Verschuldungssalden und deren Kehrseite einer Verlagerung der Kapitalaktivitäten weg von Sach- und hin zu Finanzanlagen mit der zunehmenden „Finanzialisierung“ der Wirtschaft zusammenhängt und inwieweit daraus potentielle Instabilitäten entstehen, bedarf noch einer genaueren Untersuchung.

Als Ergebnis der Analyse der Gewinnentstehung ist jedenfalls festzuhalten, dass die Kontraktion von wirtschaftlicher Aktivität und Beschäftigung entweder (bei gleichbleibender Gewinnrate) auf ein sinkendes Volumen der Investitionen und der Verschuldung anderer Sektoren, oder (bei gleichbleibendem Investitions- und Verschuldungsvolumen) auf eine steigende Gewinnrate zurückgeführt werden kann.

Die paradoxe Schlussfolgerung daraus kann daher nur lauten: Eine Wirtschaftspolitik, die auf eine möglichst hohe Beschäftigung abzielt, kommt nicht umhin, gleichzeitig (was die Gewinnrate anbelangt) für möglichst geringe und (was das Gewinnvolumen anbelangt) für möglichst hohe Gewinne zu sorgen.

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