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Rente | 19.06.2019

Die Rente schmilzt – doch Sparen ist nicht die Lösung

Richtig ist: Bleiben die Zinsen tief, schmilzt die Rente. Falsch wäre es aber, deswegen noch mehr zu sparen, wie das die Versicherungslobby in der Schweiz fordert.

In ihrer neuen Pensionskassen-Studie hat uns die Swisscanto eine kleine Lektion in Versicherungsmathematik erteilt – und die Medien haben sie – unter dem üblichen Zeitdruck – ungefiltert weiter verbreitet. Die Lektion geht so: Wenn die Zinsen so tief bleiben wie bisher und wenn wir weiter älter werden, dann muss der „aktuarisch korrekte Umwandlungssatz“ (mit dem das Sparkapital in eine Rente umgewandelt wird) von 6,73 Prozent wie vor zehn Jahren auf 4,9 Prozent sinken.  Damit dadurch aber keine „dramatische Rentenlücke“ entstehe, müsse demnach das Sparkapital durch Beitragserhöhung, länger Einzahlungsdauer etc. deutlich erhöht werden und zwar um  insgesamt 37%. Rechne: Bei einem um 37% höheren Kapital bleibt die Rente mit einem Umwandlungssatz von 4,9% gleich hoch wie bei 6,73%. Reiner Dreisatz.

Wie die Studie weiter ausführt, haben die Pensionskassen bereits reagiert und den Umwandlungssatz im Schnitt schon mal auf 5,73% gesenkt und – vor allem durch Beitragserhöhungen – das angepeilte Sparkapital um durchschnittlich 17,6% aufgestockt. Was aber – siehe oben – bei weitem nicht reicht. Das „Vorsorgeforum“, das Kampforgan der Pensionskassenlobby, schließt deshalb messerscharf:

„Soll der Trend gestoppt werden, muss mehr angespart oder länger gearbeitet werden. Das mag schmerzhaft sein, aber es ist sinnlos, die Augen vor der Realität zu verschließen.“

Nun gibt es aber neben der rein versicherungsmathematischen Dreisatz-Realität auch eine volkswirtschaftliche Logik. Danach sinken die Zinsen erstens um so stärker, je mehr gespart wird. So gesehen sind die – auch in anderen Ländern gut dotierten – Pensionskassen durchaus selber schuld an den tiefen Zinsen und sie verschärfen dieses Problem, wenn sie nun noch mehr anlagesuchendes Kapital generieren wollen. Zweitens sagt die volkswirtschaftliche Logik, dass Guthaben des einen immer die Schulden eines anderen sind. Das heißt, dass die die privaten Haushalte (bzw. deren Pensionskassen) nur dann mehr sparen, also Guthaben anhäufen können, wenn andere  mehr Schulden machen. Und zwar viel mehr.

Die Schweizer Privathaushalte (Aktive und Rentner) sparen heute jährlich schon netto gut 75 Milliarden Franken, wovon gut die Hälfte auf die Pensionskassen entfällt. Das Reinvermögen der Haushalte wird von der Nationalbank mit  3.720 Milliarden Franken beziffert, wovon gut 1000 Milliarden Guthaben gegenüber den  Pensionskassen und weitere über 100 Milliarden andere staatlich geförderte Spartöpfe wie Säule 3a und Freizügigkeitsguthaben. Wenn nun zum Zwecke der Sicherung der Renten die Kapitalien der Pensionskassen um 37% aufgestockt werden sollen, heißt das, dass irgendjemand zusätzliche rund 400 Milliarden Franken Kredite aufnehmen muss.

Doch wer soll diese Schulden schultern? Der einzelne Pensionskassenverwalter kann seine Schuldner frei wählen, er kann sein Geld so oder anders anlegen. Doch Pensionskassen-Verbände und ihre Organe sollten eigentlich wissen, dass die Pensionskassen insgesamt nach der Pfeife der Volkswirtschaft tanzen müssen. Im Lichte der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung betrachtet, haben Privathaushalte, bzw. deren Pensionskassen nur  die Wahl zwischen drei Schuldnerkategorien: dem Unternehmenssektor, dem Staat und dem Ausland. Beginnen wir bei den Unternehmen.

Diese weisen seit Beginn der entsprechenden Statistik 1995 insgesamt keinen Finanzbedarf auf und haben sogar einen leichten Finanzierungsüberschuss erzielt.  Für die Pensionskassen heißt das, dass sie nicht wirklich in den Unternehmens- und Finanzsektor investieren können. Sie können sich aber am Finanzkasino beteiligen, sich gegenseitig die Aktien und Obligationen abkaufen und deren Kurse beeinflussen.  Damit haben damit einen Hebel in der Hand, mit dem sie den Shareholder-Value vergrößern, sprich die Verteilung zwischen Löhnen und Kapitalertrag zu ihren Gunsten beeinflussen können.

Sie tun dies, indem sie das Management mit Boni und Aktienoptionen am Profit beteiligen. Gemäß der „Unia-Lohnscheren-Studie“ kassierten die Aktionäre der börsenkotierten Schweizer Unternehmen letztes Jahr 31% der gesamten Wertschöpfung. Berücksichtigt man die nicht ausgeschütteten Gewinne mit, beträgt dieser Anteil sogar rund 45%.  Steigende Gewinne führen zu steigenden Kursen, von denen die Pensionskassen profitieren. Ein Profit, der allerdings letztlich auf Kosten der Löhne erzielt wird.

Kommen wir nun zum zweiten potentielle Schuldner, dem Staat. Auch hier: Fehlanzeige. Bund, Kantone und Gemeinden machen per Saldo seit 20 Jahren keine Schulden mehr, sondern bauen im Gegenteil Schulden ab. Auch Zinserträge sind zumindest bei Bundesobligationen seit langem nicht mehr zu holen.

Da bleibt nur noch ein möglicher Schuldner übrig: Das Ausland. Es häuft gegenüber der Schweiz aktuell jährlich gut 60 Milliarden Franken zusätzliche Schulden an. Seit 1995 beträgt das kumulierte Defizit rund 1.150 Milliarden Franken. Doch die Tatsache, das Schweizer Nettoauslandsvermögen Ende 2018 dennoch bloß bei 884 Milliarden Franken lag, zeigt, dass diese Auslandguthaben nicht sehr rentabel sind. Was nicht erstaunt. Auch in Ausland finanzieren sich die Unternehmen weitgehend selbst. Schulden macht vorwiegend der Staat bzw. die chronische Schuldnerstaaten. Und diese Guthaben neigen natürlich dazu sich zu entwerten. Seit 2000 hat diese Entwertung sogar weit mehr als den ganzen Kapitalertrag weggefressen. In Klartext: Die Nettorendite des Schweizer Auslandvermögens ist negativ.

Wenn nun die Pensionskassen noch mehr sparen, wird das vermutlich weiter zu Lasten des Auslands gehen. Doch weil niemand die entsprechenden Auslandguthaben in seinen Büchern haben will, dürften diese deshalb wie bisher  großmehrheitlich bei der Nationalbank landen. Da sind sie zwar sicher, werfen aber einen negativen Zins ab, was für die Pensionskassen auch nicht gut ist.  Die dürften deshalb den bereits seit 2009 von 18,4 auf 24,8% gestiegenen Anteil der Immobilien in ihrem Portfolio weiter aufblähen. Die Swisscanto rät zwar vor zusätzlichen Engagements in Immobilien ab, gleichzeitig fordert sie die Pensionskassen aber dazu auf, „die Leistungsfähigkeit des 3. Beitragszahlers besser zu nutzen.“ Und genau das haben die Pensionskassen bisher getan, in dem sie mit ihren Immobilienspekulationen die Mieter zur Kasse gebeten haben.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist also der kapitalgedeckte Teil des Schweizer Vorsorgesystems eine Umverteilungsmaschine und ein riesiger Blasbalg.  Das System beruht auf überrissenen Immobilienpreisen, überbewerteten Aktien und auf (ausländischen) Staatsschulden, die sich noch schneller entwerten würden, wenn sie nicht von allen Zentralbanken der Welt massiv gestützt wurden. Und nun kommen die „Experten“ der Swisscanto, die Funktionäre des Pensionskassenverband ASIP und der Kommentator des „Vorsorgeforums“ und fordern in Namen der Vernunft, dass wir noch härter auf den Blasbalg drücken.

Die Schweiz befindet sich im Schwitzkasten zwischen zwei widersprüchlichen Logiken. Das Problem ist, dass die schwächere Logik die stärkere Lobby hat und die stärkere als linke Logik gilt.  Dabei gibt es wirklich nur einen vernünftigen Ausweg aus dem Schwitzkasten: Umlegen! Statt noch mehr als jährlich 75 Milliarden zu sparen, damit den Arbeitnehmern , den Mietern und der Nationalbank das Leben noch schwerer zu machen und die Zinsen weiter in die Keller zu treiben, könnte man z.B. 15% der eh viel zu großen Ersparnisse direkt an die Rentner überweisen. Ohne Umweg über einen 1.000-Milliarden Topf. Ohne das teure Glücksrad des Kapitalmarkts dazwischen zu schalten.  Dieser Direkttransfer würde reichen, um alle AHV-Renten (Alters- und Hinterlassenenversicherung) um etwa 25% zu erhöhen, was für 80% der Rentnerhaushalte die Einbußen bei den Pensionskassen-Renten locker kompensieren würde. Das andere Fünftel hat eh weit mehr Renteneinkommen als Konsumbedarf. Weh tun täte das auch den Aktiven nicht. Sie brauchen keinen Rappen weniger ausgeben und könnten bloß nicht mehr ganz so viel sparen.

Fakt ist: Die Schweiz kann sich hohe Altersrenten locker leisten. Ja ihre hoch produktive Wirtschaft ist sogar darauf angewiesen, dass ihre Rentner tüchtig konsumieren. Andernfalls geht nämlich den Jungen mangels Nachfrage bald einmal die Arbeit aus. (Die Ökologie klammer wir hier mal aus) Zwei Dinge hingegen kann sich die Schweiz nicht länger leisten:  Erstens ein Kapitaldeckungsverfahren, das meilenweit über den effektiven Kapitalbedarf der Wirtschaft hinaus geht. Und zweitens eine Pensionskassen-Lobby die das nicht verstehen will.

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