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Globalisierung | 05.06.2019

Eine Welt, in der wir gut und gerne leben

Die Globalisierung wird aufgrund der Einkommenssteigerungen des Großteiles der Bevölkerung häufig als Erfolgsgeschichte dargestellt. Schaut man genauer hin, relativiert sich vieles.

Die Globalisierung wird oftmals als Erfolgsgeschichte dargestellt. Schließlich ist die Armut weltweit deutlich gesunken und die Einkommen des Großteiles der Weltbevölkerung sind merklich gestiegen. Grund für diese freudige Entwicklung ist die Liberalisierung der Finanz- und Handelsströme. Solange man sich nicht weiter mit diesen „Fakten“ auseinandersetzt, mag diese Sichtweise durchaus überzeugend daherkommen. Sofern man jedoch anfängt, dem Argument auf den Grund zu gehen, relativiert sich diese Ansicht von selbst.

Einige der Argumente, die im Zusammenhang mit der Globalisierung genannt werden, finden sich in ähnlicher Weise auch in der Replik der CDU auf Rezos Kritik wieder, die Heiner Flassbeck auf MAKROSKOP unter die Lupe nahm.

Vor allem der Verweis darauf, dass es allen Einkommensschichten besser geht, lässt sich ohne Probleme auf die globale Ebene übertragen. Den empirischen Beleg dazu liefert das sogenannte „Elefanten-Chart“. Der Graph des Ökonomen Branko Milanovic soll zeigen, dass so gut wie alle Menschen, mit Ausnahme derer, die sich um das Jahr 1980 herum um das 80-zigste Perzentil in der Einkommensskala bewegten, von 1988-2008 hohe Einkommenszuwächse hatten.

Abbildung 1
Quelle: https://www.businessinsider.de/ein-simpler-chart-in-form-eines-elefanten-erklaert-eines-der-groessten-probleme-der-weltwirtschaft-2017-3

Auf den ersten Blick wirkt das überzeugend: wenn die geringen realen Einkommensverluste der Mittelklasse in den Industrienationen in Kauf dafür genommen werden müssen, dass es allen besser geht, kann man dagegen kaum etwas einwenden. Zudem muss mitbedacht werden, so Patrick Bernau in der FAZ (von dessen Artikel der Graph hier übernommen wurde), dass sich durch das Bevölkerungswachstum in den Entwicklungs- und Schwellenländern die Position der Mittelklasse im Graph selbst verschoben hat und sie sich nun in den höheren Perzentilen wiederfinden. Dem Westen geht es darum besser als gedacht.

Die Grundproblematik, auf die auch Heiner Flassbeck in seiner Antwort auf die CDU Replik eingegangen ist: ein solcher Erklärungsansatz verschleiert die absoluten Zahlen, um die es eigentlich geht. Wenn jemand von 2 Dollar Kaufkraftparität (PPP) im Jahr 1988 sein Einkommen innerhalb dieser 20 Jahre um 50 Prozent steigert, ist die Person im Jahr 2008 bei einem Einkommen von 3 Dollar PPP pro Tag beziehungsweise bei knapp 1.100 Dollar PPP pro Jahr. Wenn hingegen ein Millionär sein Einkommen im selben Zeitraum jedoch nur um ein einziges Prozent steigert, erhöht sich das Jahreseinkommen direkt um 10.000 Dollar PPP. Die Arbeit mit relativen Zahlen hilft nur dabei zu verschleiern, welche enormen Ungleichheiten entstanden sind.

Denkt man über solche Entwicklungen nicht nach, lässt sich die „Entstehung einer globalen Mittelklasse“ als Erfolg der Globalisierung feiern. Der Economist zum Beispiel sieht heutzutage schon eine „neue Bourgeoisie von 2,5 Milliarden Menschen.“

Um solche Ansichten empirisch zu belegen, braucht es einen willkürlichen Wert. Wie bei vielen anderen Indikatoren wird, sobald ein solcher Wert einmal festgelegt ist, nicht mehr darüber nachgedacht, wie sinnvoll oder aussagekräftig dieser Wert ist. In dem Fall der globalen Mittelklasse wird jeder, der mit mehr als 10 Dollar PPP pro Tag auskommt, in diese Gruppe eingeschlossen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Arbeiter wie die bei Foxconn, die mit 3 Dollar pro Stunde bezahlt werden und zahlreich vom Dach ihres Arbeitgebers in den Tod springen, sind die Gewinner der Globalisierung und Träger der globalen Bourgeoisie.

Die Rolle Chinas

Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass fast der gesamte Rückgang an Menschen in extremer Armut, die die Weltbank mit weniger als $ 1.90 PPP pro Tag definiert[1], auf China zurückzuführen ist. Ohne das chinesische Wachstum – das nichts mit neoliberaler Wirtschaftspolitik zu tun hatte – wäre es niemals gelungen, die Millenniums-Entwicklungsziele zu erreichen.

Deutlich macht das ein Blick auf die Daten der globalen Einkommensverteilung mit und ohne China. Die Tabelle unten zeigt jeweils die Anteile der Menschen, die den jeweiligen Einkommenskategorien in den Jahren 1991 und 2011 zugeordnet wurden. Auf der linken Seite finden sich die Zahlen, die die gesamte Welt betreffen, auf der rechten Seite wurde China herausgerechnet.

Abbildung 2

Interessant ist derselbe Ansatz, wenn wir das Einkommen des jeweiligen Perzentils in unsere Analyse mit einbeziehen.

Abbildung 3

Was wir vorfinden ist ziemlich ernüchternd. Vor allem der Rückgang für die Gruppe der ärmsten Menschen, hier diejenigen, die mit weniger als 2 Dollar PPP am Tag auskommen müssen, ist weitgehend ein chinesisches Produkt. Auch der rapide Anstieg der 4-10 Dollar PPP Gruppe ist größtenteils auf China zurückzuführen. Bei den Einkommen der Perzentile ist die Verzerrung ebenfalls dramatisch. Der Anstieg des Einkommens des Medians – das heißt des Menschen, der mehr als die ärmere Hälfte und weniger als die reichere Hälfte der Menschheit verdient – von 2,56 auf 4,61 Dollar PPP pro Tag hätte sich ohne den chinesischen Aufschwung in zwanzig Jahren deutlich weniger bewegt (von 3,45 auf 4,66 Dollar PPP).

Dasselbe finden wir im 75-ten Perzentil vor. Das heißt, dass das Einkommen des Menschen, der mehr als 75 Prozent der Menschheit verdient, zwar von 7,37 auf 11.26 Dollar PPP gestiegen ist, jedoch wäre hier ohne das chinesische Wirtschaftswunder seit 1991 kaum etwas passiert (Anstieg von 11,62 auf 13,53 Dollar PPP).

Die hier verwendeten Grenzwerte und Kategorisierungen sind, so wie die Armutsgrenzwerte an sich, weitgehend beliebig. So würde die Tabelle deutlich anders aussehen, wenn wir andere Bemessungskriterien ansetzen würden (so ist das Wachstum der „Mittelklasse“ insbesondere auf die Gruppe zwischen 2-6 Dollar PPP beschränkt, weniger auf 6-10 Dollar PPP).

Die Entwicklungsökonomen Peter Edward und Andy Sumner haben im Zusammenhang mit den konventionellen Armutsgrenzwerten bemerkt, dass eine Verschiebung von alleine 10 Cent fast 100 Millionen Menschen in die eine oder andere Kategorie hieven kann. Ob jetzt jemand 1,90 oder 2 Dollar PPP pro Tag zur Verfügung hat, wird wahrscheinlich in der Lebensqualität keinen Unterschied machen. In der Statistik hingegen schon, da diese Leute aus extremer Armut geholt wurden.

Würde man die Linie anpassen, zum Beispiel von 1,90 auf 2,50 Dollar (der durchschnittlichen Armutslinie aller Entwicklungsländer) oder 2,79 (dem Medianwert der nationalen Armutslinien aller Entwicklungsländer), würden mit einem Schlag 600-900 Millionen mehr Menschen in Armut leben. Oder um es mit anderen Worten auszudrücken: die Anzahl der Menschen in Armut würde sich verdoppeln. Der Graph unten zeigt, wie viele Menschen zusätzlich bei einer Veränderung der Armutslinie pro 10 Cent bei gegebenen PPP-Grenzwerten in die Armut „katapultiert“ würden. Je höher die Armutsgrenze gesetzt wird (und selbst 10 Dollar PPP als „Mittelklasse“ zu bezeichnen, ist zynisch), desto weniger „Erfolg“ kann man der Globalisierung zuschreiben.

Abbildung 4
Quelle: Edward und Sumner (2018, S.10), https://eprint.ncl.ac.uk/file_store/production/232747/A86FE330-0644-4B43-97CE-1F1982E4388C.pdf

Was ebenso wenig vergessen werden darf: durch das Bevölkerungswachstum vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern sind absolut gesehen heutzutage (entsprechend einer vernünftigeren Definition) so viele Menschen in Armut, wie es in der Geschichte der Menschheit noch nicht der Fall war. Der Politik- und Entwicklungswissenschaftler Robert Wade schreibt, dass im Jahr 2010 fast 3 Milliarden Menschen (40 Prozent der Weltbevölkerung) von weniger als 2,50 Dollar PPP pro Tag leben mussten. Zwar mag man mit dem Verweis auf den proportionalen Rückgang behaupten, dass es dennoch signifikante Fortschritte gab, doch im Vergleich zum weltweit geschaffenen Wohlstand, ist dieses Argument wenig überzeugend.

Relative versus absolute Armut

Ganz abgesehen von den Problemen mit den jeweils bestimmten Grenzwerten stellt sich die Frage, inwiefern der Fokus auf irgendwelche absoluten PPP-Zahlen überhaupt gerechtfertigt ist, ohne den jeweiligen Entwicklungsstand des Landes zu berücksichtigen. In vielen Ländern sind weder 1,90 noch 2,50 Dollar ein vernünftiger Maßstab zur Definition von Armut. Hans-Peter Martin liefert dazu in seinem neuen Buch „Game Over“ folgendes Argument:

„40 Prozent der Weltbevölkerung leben (…) in Ländern wie Vietnam, Indien, Ägypten, Angola oder in der Ukraine, in denen die Armutsgrenze laut Definition der Weltbank bei 3,20 US-Dollar liegt. Demnach verharren noch immer zwei Milliarden Menschen in Armut. Werden Schwellenländer wie Brasilien, Malaysia oder China selbst als Maßstab herangezogen, müsste eine Person mindestens über 5,50 US-Dollar je Tag verfügen können, um nicht arm zu sein. Nach dieser Berechnung lebt sogar weiterhin die Hälfte der Weltbevölkerung, also mehr als drei Milliarden Menschen, in Armut“ (S. 153)

Hier wird deutlich, dass Armut – auch in reichen Ländern – immer relativ betrachtet werden muss. Es ist lächerlich, das Problem der Armut mit der Argumentation kleinreden zu wollen, dass es den armen Menschen in ärmeren Ländern noch viel schlechter ginge. Selbstverständlich kann es nämlich der Fall sein, dass Menschen trotz eines höheren Einkommens in einem reichen Land (im Vergleich zu Menschen in Entwicklungsländern) hungern, keine vernünftige Bildung oder medizinische Versorgung erhalten oder, um es noch ein wenig breiter zu fassen, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden.

Aus diesem Grund definiert die Europäische Kommission Armut als relative Größe und schließt darin die Menschen ein, die „von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.“[2] Im Normalfall ist die Schwelle deshalb bei weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesellschaft festgelegt. In Deutschland leben laut dieser Berechnungsmethode fast 14 Millionen Menschen in Armut.


[1] in 2011 – US-Dollar; entspricht dem Medianwert der nationalen Armutslinie der einkommensschwächsten Länder.
[2] Die Europaeische Kommission wird so im Paritätischen Armutsbericht 2018 zitiert.

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