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Theorie | 11.06.2019 (editiert am 24.06.2019)

Funktioniert der Kapitalismus noch?

Wachsende Unternehmensgewinne bei sinkenden Investitionen – das könnte für den Kapitalismus zu einem ernsthaften Legitimitätsproblem werden.

In den Schweizer Medien wurde kürzlich über die Sorgen hochrangiger und bestbezahlter Vertreter der Finanzbranche über die Entwicklung unseres Wirtschaftssystems berichtet. Im Originalton von Beat Metzler, einem Redakteur des schweizer Tagesanzeigers:

Haben sie Fieber, diese Milliardäre? Amerikanische Geldmänner wie Ray Dalio (Gründer des Hedgefonds ­Bridgewater, über 18 Milliarden Dollar Vermögen), Stephen Schwarzman (Eigentümer des Vermögensverwalters Blackstone, rund 13 Milliarden Dollar) oder Jamie Dimon (Direktor von J.P. Morgan, gut 1 Milliarde Dollar) üben sich gerade in einer klassisch linken Disziplin, der Kapitalismuskritik. Der Kapitalismus drohe zu scheitern, sagen sie in Interviews. Zu extrem geworden sei er, zu viele Arme schaffe er – eine Gefahr für die USA.[i]

Offenbar ist der Begriff Kapitalismus wieder salonfähig geworden und doch noch nicht als marxistisches Gedankengut auf dem Scheiterhaufen der Geschichte verbrannt. Mehr noch: In einem Interview mit dem Tagesspiegel empfahl Philipp Hildebrand, früher Chef der Schweizerischen Nationalbank und heute ein hohes Tier beim US-Vermögensverwalter Blackrock, über die Osterfeiertage Karl Marx zu lesen.

Folgt man den Ratschlag von Herrn Hildebrand, fühlt man sich an Uni-Seminare in politischer Ökonomie erinnert: Was ist der Kern des Kapitalismus und wohin bewegt er sich heute? Bei der Beantwortung dieser Frage kann man tatsächlich das ein oder andere von Karl Marx lernen.

Vor der Herausbildung des Kapitalismus war die feudalistische Wirtschaft durch eine mehr oder weniger stagnierende landwirtschaftliche Produktion gekennzeichnet. Die Einkommensverteilung wurde durch gesellschaftliche Hierarchien festgelegt: Bauern gehörten als Leibeigene zum Eigentum der Grundherren, also Adligen und ihren Gefolgsleuten. Das Einkommen der Grundherren bestand aus der landwirtschaftlichen Produktion, die die unfreien Bauern in Fronarbeit für sie erzeugten und den Abgaben (Zehnt), die sie auf die Produktion der Bauern auf selbst bewirtschaftetem Land erhoben. Diese «Gewinne» wurden primär für den persönlichen Konsum oder andere konsumtive Ausgaben, wie etwa den Unterhalt von Armeen, verwendet.

Beim Übergang zum Kapitalismus änderten sich die Beziehungen der Wirtschaftssubjekte grundlegend. Sie standen sich ab sofort als «freie» Bürger auf Märkten – Güter-, Arbeits- und Kapitalmärkten – gegenüber. Damit änderten sich auch die Mechanismen der Einkommensverteilung und -verwendung. Die Bauern wurden aus der Leibeigenschaft befreit, was nach Karl Marx in Wirklichkeit eine Vertreibung von dem selbst und in Gemeinschaft bewirtschafteten Land war. Sie wurden zu Arbeitern, die nichts mehr verkaufen konnten als ihre Arbeitskraft. Das heißt, sie waren gezwungen, sich in den sich entwickelnden kapitalistischen industriellen Produktionsstätten anzudienen.

Den Arbeitern stand eine neue Klasse von Herren gegenüber, die Produktionsmittelbesitzer oder Kapitalisten. Im Unterschied zu den Feudalherren investierten sie die erwirtschafteten Überschüsse, statt sie in Luxus oder anderen konsumtiven Ausgaben zu verprassen.

Diese Investitionen sind der eigentliche Motor des Kapitalismus: Investiere Dein Geld in Produktionsmittel, um damit am Ende mehr Geld zu erhalten, von Marx mit der Formel G – W – G’ (Geld – Ware – mehr Geld) beschrieben. Der Unternehmensgewinn wurde in den heute dominierenden Wirtschaftstheorien denn auch als Entlohnung der Kapitalisten für den «Produktionsfaktor Kapital» interpretiert – was vor diesem Hintergrund plausibel klingt.

Doch woher kommt der Überschuss ∆G = G’ – G? Prinzipiell aus der Steigerung der Arbeitsproduktivität durch technischen Fortschritt: Die Investitionen zielen darauf ab, Effizienzsteigerungen in der Produktion zu erreichen, typischerweise durch Mechanisierung und Automatisierung, so dass mit dem eingesetzten Kapital mehr und damit billiger produziert werden kann als die Konkurrenz. Der Investitionsprozess wird also wesentlich durch Konkurrenz unter den Produzenten angetrieben und führt dazu, dass die kapitalistische Wirtschaft zwangsläufig wächst – ∆G/G entspricht gesamtwirtschaftlich gesehen der Rate des Wirtschaftswachstums.

Wie ist es heute um den Wachstumsmotor bestellt?

Darüber, dass der Kapitalismus eine historisch beispiellose Steigerung unseres Wohlstands gebracht hat, dürfte wohl allgemeiner Konsens bestehen. Allerdings ist der Wachstumsmotor in den Industrieländern ins Stocken geraten. Die Investitionsdynamik, gemessen an der Akkumulationsrate (Wachstum des Kapitalstocks bzw. das Verhältnis von Nettoinvestitionen zum Kapitalstock) ist seit den 1970er Jahren rückläufig. Folgerichtig befindet sich auch das Wirtschaftswachstum (BIP) auf einer abwärts gerichteten Trendlinie (Abb. 1). Wirtschaftswachstum findet heute primär in den Schwellenländern statt.

Abbildung 1

Wie kam es zu den sinkenden Investitionen? Hatte Karl Marx eine Antwort darauf? Gab es nicht das «Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate», nachdem eine abnehmende Kapitalproduktivität längerfristig zu sinkenden Profitraten und damit zum Nachlassen der Wachstumsdynamik führt? Schaut man sich allerdings die Entwicklung der Kapitalrenditen in den letzten Jahrzehnten an, stellt man fest (Abb. 2): Genau das Gegenteil ist der Fall, die Profitrate ist gestiegen!

Abbildung 2

Wachsende Unternehmensgewinne bei sinkenden Investitionen – dies könnte für den Kapitalismus zu einem ernsthaften Legitimitätsproblem werden. Seit den 1980er Jahren wurde die Kapitalrendite gestärkt, teilweise durch eine Richtungsänderung in der Wirtschaftspolitik, – weg von der Stärkung der Nachfrage hin zu Steuerentlastungen und Marktliberalisierungen –, teilweise durch Lohndruck als Folge der zunehmenden Globalisierung. Diese Entwicklung hat aber offensichtlich nicht zum Erfolg geführt – Akkumulations- und Wachstumsraten sind weiter gesunken.

Damit wird das klassische Bild des «sparsamen» Unternehmers, dessen Daseinsberechtigung darin besteht, zu investieren, so dass am Ende ein größerer Kuchen für alle herauskommt, stark angekratzt. Das Modell der kapitalistischen Wirtschaft, das zu Zeiten von Karl Marx galt, ging davon aus, dass der überwiegende Teil der Gewinne in Investitionen fließt. Investitionen und Gewinne bewegen sich im Gleichklang. Anders gesagt: sinkende Akkumulationsraten sind nur in Kombination mit sinkenden Profitraten möglich.

Staatsschulden halten das Rad am Laufen

Diese «Nachfragelücke» wurde durch größeren Konsum der Haushalte und des Staates kompensiert. Der Anstieg der Konsumausgaben wurde indirekt über Staatsschulden, mit denen Sozialtransfers an die Haushalte finanziert wurden, und direkt über Gewinnausschüttungen finanziert: Der Anteil der Sozialtransfers am verfügbaren Einkommen der US-Haushalte ist von 3-5 Prozent in den 1970er Jahren auf mehr als 10 Prozent seit der Finanzkrise angestiegen, der Anteil der erhaltenen Gewinnausschüttungen von 15 Prozent im Jahr 1970 auf 20 Prozent im Jahr 2017[iv]. Auch in den meisten anderen Industrieländern haben Staatsdefizite und teilweise Defizite der privaten Haushalte den Konsum gestützt. Einen Sonderfall bildet Deutschland, wo vor allem Leistungsbilanzüberschüsse die Rolle der wachsenden Staatsdefizite übernommen haben.

Gäbe es diese Schulden nicht, würden die rückläufigen Investitionen zu einer Lücke in der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage führen, die über Multiplikatoreffekte eine wirtschaftliche Kontraktion und damit den Rückgang der Gewinne auslösen würde. Der Zusammenhang zwischen Investitionen und Gewinnen, der zu Zeiten von Karl Marx galt, besteht natürlich im Grundsatz immer noch.

Fazit: Hinter der heute beklagten ungleichen Einkommens- und Vermögensverteilung verbirgt sich ein tiefergehendes Legitimitätsproblem für den Kapitalismus: Die Umverteilung von Einkommen und Vermögen seit den 1980er Jahren hat nicht nur breite Bevölkerungsschichten relativ schlechter gestellt, sondern auch das damit verbundene Versprechen auf mehr Wirtschaftswachstum nicht erfüllt, weil die steigenden Gewinne nicht in mehr Investitionen geflossen sind. Die Verschuldung des Staates sorgt für die konsumtiven Kanäle, in die die nicht investierten Gewinne fließen und dadurch überhaupt erst realisiert werden können. Staatsschulden halten das Rad am Laufen.

Dieses «Schneeballsystem» mit ständig steigender Staatsverschuldung ist nicht per se ein Problem für die Stabilität der Wirtschaftskreislaufes und schließlich profitieren auch untere Einkommensschichten über Sozialtransfers von der Staatsverschuldung.

Das Legitimitätsproblem besteht darin, dass dadurch die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung zementiert wird. Denn die Staatsschulden landen als Staatsanleihen in den Händen der Unternehmen und Vermögensbesitzer, die damit ihre nicht investierten Gewinne «parken» können und den Wert ihres Vermögens sichern und vergrößern. Würde man im Gegensatz dazu die «überschüssigen» Gewinne der «Kapitalisten» direkt an der Quelle umverteilen, etwa durch höhere Löhne und Gewinnsteuern, könnte man das gleiche wirtschaftliche Resultat mit einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung erreichen: Direkte Stärkung der Konsumausgaben, die für die Aufrechterhaltung des Wirtschaftskreislaufs erforderlich sind, statt den Umweg über die Staatsverschuldung zu gehen.

Wohin geht die Reise des Kapitalismus?

Verschiedene Wege sind vorstellbar: Entweder eine Umverteilung zugunsten niedriger Einkommen und direkte Stärkung der Konsumnachfrage – also gewissermaßen ein Zurück zu den Rezepten des «Wirtschaftswunders». Das löst allerdings nicht das Problem der rückläufigen Investitionsdynamik und Wachstumsraten.

Soll also der Staat für mehr Investitionen sorgen, zum Beispiel durch Infrastrukturausbau? Oder muss man neue Wege gehen, und sich von der Vorstellung ständigen Wirtschaftswachstums trennen?

Vielleicht ist die Abschwächung des Wirtschaftswachstums ja ein «naturgegebenes» Merkmal des Kapitalismus – eine Idee, die im Marx’schen Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, aber auch einigen nicht-marxistischen Wirtschaftstheorien vertreten wird. Ohnehin erscheint die Vorstellung eines endlosen Wachstums suspekt. Und die Möglichkeit, dass Wachstum nicht nur aus ökologischen, sondern möglicherweise auch aus ökonomischen Gründen Grenzen hat, ist nicht abwegig. Was das allerdings für die die Funktionsweise des kapitalistischen Wirtschaftssystems bedeutet, ist eine andere interessante Frage.


[i]) https://www.bazonline.ch/ausland/standard/reich-und-besorgt/story/12507250
[ii]) Die aggregierte Akkumulationsrate ist die mit der Grösse des Kapitalstocks der drei Regionen (in Euro) gewichtete Durchschnitt.
[iii]) mit der Grösse des Kapitalstocks (in Euro) der drei Regionen gewichtete Durchschnittswerte; die Kapitalrendite wurde berechnet aus dem Quotient der Netto-Gewinne vor Steuern, Zinsen und Transfers (Net Operating Surplus) und Netto-Kapitalstock (jeweils inflationsbereinigt in Euro)
[iv]) Quelle aller Zahlenangaben in diesem Abschnitt: U.S. Bureau of Economic Analysis, https://apps.bea.gov/iTable/iTable.cfm?reqid=14

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