Von Martin Kraft - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Wenn Tugendlehrer „Wolf“ schreien

Der Wettbewerb in Virtue Signalling bringt nicht nur immer mehr Menschen gegen die ahnungslosen Tugendlehrer auf, sondern auch gegen alle Versuche einer rationalen Lösung anstehender Probleme. Die drohende Katastrophe wird damit beschleunigt.

Viele Komponenten des sogenannten wissenschaftlichen Weltbildes bedürfen einer durchgreifenden Relativierung. Nicht zuletzt solche, deren breite gesellschaftliche Akzeptanz den Fluss beachtlicher Mengen an Forschungsförderung erleichtert.

Dazu gehört unter anderem das Bild, in dem der genetische Code als Agens fungiert, das die Gestalt und die Aktivität von Organismen determiniert. Dieses Bild hatte auch das Humane Genome Project motiviert, das sich zum Ziel gesetzt hatte, „das Buch des Lebens“ durch die Sequenzierung der menschlichen Gene zu entziffern. Damit verbanden sich Versprechen wie das, dadurch den menschlichen Organismus vollständig verstehen und alle Krankheiten heilen zu können.

Um solche Ambitionen wurde es inzwischen recht still, nicht zuletzt deshalb, weil das Genom inzwischen zwar sequenziert ist, doch die Funktion von Zellen und Organismen sich als weit komplexer erwies als man angenommen hatte. Insbesondere die Vorstellung einer linearen Determinierung des Geschehens durch die Gene ließ sich nicht aufrechterhalten. Der Organismus beziehungsweise die Zellen spielen vielmehr eine aktive Rolle, weil sie bestimmen, welche genetischen Codes realisiert werden.[1] Dessen ungeachtet, bestimmt die Vorstellung des determinierenden Codes weithin die Wahrnehmung des Organischen im Allgemeinen und das menschliche Selbstverständnis im Besonderen.

Ein analoges Missverständnis herrscht auch bezüglich der digitalen Datenverarbeitung. Beständig hört und liest man von Algorithmen, die unser Leben bestimmten und demnächst — Stichwort autonomes Fahren — die Autos und noch mehr steuern würden. Doch kein digitales Informations- beziehungsweise Steuerungssystem lässt sich allein durch Algorithmen, also ihren Code, verstehen. Solche Systeme sind verkörpert und funktionieren innerhalb eines sozialen Zusammenhangs. Sie sind durch ihre externen Schöpfer und Verwender organisierte, nicht selbstorganisierende Systeme. Ihre Funktion ist auch durch ihre physische Konfiguration und die Handlungsabläufe bestimmt, in die sie eingebettet sind.

Es gibt keine reinen, theorielosen Fakten

Sicher gibt es einen relativ stabilen Bestand naturwissenschaftlichen Wissens, sofern es um die Beziehungen einiger Grundgrößen und relativ einfacher Strukturen diesseits extremer Bedingungen geht. Gerade bei der experimentellen Überprüfung von Hypothesen wird immer schon ein Korpus solchen Wissens vorausgesetzt: es gibt keine reinen, theorielosen Fakten, die als solche den theoretischen Hypothesen gegenüberstehen würden.

Sinnfällig wird dies bei Experimentalmaschinen wie den Teilchenbeschleunigern, in deren Konstruktion schon Theorien eingehen und deren Ergebnisse ohne ein Korpus von Theorien überhaupt nicht interpretierbar sind. Doch vieles von dem, was aus den Wissenschaften in Gestalt des sogenannten „wissenschaftlichen Weltbildes“ in der Gesellschaft ankommt, ist oft – wie die Geschichte immer wieder zeigt – längst noch nicht das letzte Wort und oft genug kommt es eben nur in verzerrter Form an. Ein schönes Beispiel für letzteres ist die populäre Rede davon, dass Atombomben oder Atomreaktoren Materie beziehungsweise Masse in Energie verwandelten. Doch „Materie“ ist hier ein unpassender Begriff — er gehört nicht zur Physik, sondern zur Metaphysik. Und von den Größen Masse und Energie sagt die Relativitätstheorie nur, dass sie strikt proportional seien. Von einer Umwandlung ist dort nirgendwo die Rede. Für beide gilt jeweils ein Erhaltungssatz; weshalb auch die Vorstellung von „Energieerzeugung“, die immer wieder durch die Medien geistert, völlig unsinnig ist.

Anscheinend ist es die Neigung, sich Größen, die in wissenschaftlichen Zusammenhängen vorkommen, als quasi stoffliche Substanzen vorzustellen, die in der Ökonomie in gleicher Weise wie in den Naturwissenschaften deren angemessenes Verständnis erschwert. An den vielen, in MAKROSKOP wiederholt thematisierten Irrtümern hinsichtlich des Geldes, des Kredits, der Schulden und der bilanziellen Überschüsse/Defizite dürfte diese beharrliche Neigung zur Verdinglichung einen entscheidenden Anteil haben. Entsprechendes gilt auch für die allgegenwärtige Kategorie Information.

Lila Raben

Doch schon die Prinzipien wissenschaftlicher Rationalität kommen meist nur beschädigt in der publizistischen Sphäre an. Darunter leidet auch der durch Karl Popper begründete kritische Rationalismus. Der macht geltend, dass die allgemeinen Aussagen, die den Inhalt von Theorien bilden, prinzipiell empirisch nicht beweisbar, sondern nur falsifizierbar seien, und zwar durch die Annahme von singulären Existenzsätzen, die mit jenen logisch unvereinbar seien. Die Vertrauenswürdigkeit von Theorien wachse jedoch, indem sie fortgesetzten Falsifikationsversuchen widerstünden. Etwa die allgemeine Aussage „alle Raben sind schwarz“ lässt sich durch noch so viele Beobachtungen von schwarzen Raben oder, da jene Aussage logisch äquivalent ist mit der Aussage „es gibt nichts nichtschwarzes, was ein Rabe ist“, von lila Kühen nicht beweisen. Während die Aussage, „am Ort P wurde zum Zeitpunkt t von X ein lila Rabe beobachtet“, geeignet wäre, jene allgemeine Aussage zu wiederlegen, sofern die Gemeinschaft der Fachwissenschaftler daraufhin bereit wäre, die Aussage „es gibt einen lila Raben“ für wahr zu halten.

Die Akzeptanz eines solchen Satzes durch die Wissenschaftsgemeinschaft hängt jedoch von einer Reihe von Faktoren ab. Zum Beispiel davon, ob X als kompetent und vertrauenswürdig gilt, ob die Beschreibung der Beobachtung, den Standards empirischer Wissenschaft entsprechend, plausibel ist und die Versuche, sie zu reproduzieren, erfolgreich verlaufen, etc. Hier können weitere Schwierigkeiten ins Spiel kommen: lila Raben sind möglicherweise sehr scheu und lassen sich gar nicht unmittelbar mit den Augen beobachten, sondern nur nachts mit einer von X entwickelten Spezialkamera, in deren Konstruktion neben den bekannten Theorien über das Verhalten von Linsen und Photozellen gewisse Hypothesen über die optischen Eigenschaften des Gefieders von lila Raben eingegangen sind.

Der obige Beobachtungssatz ist also selbst in hohem Maße theoriehaltig und die Akzeptanz der entsprechenden Existenzaussage nur in einem durch Normen regulierten Verfahren möglich. Es gibt also nicht nur keine empirische Bestätigung von allgemeinen Sätzen, sondern meist auch keine rein empirische Widerlegung von solchen.

Was immer wieder erschüttert, ist die Tatsache, dass Autoren die davon überzeugt zu sein scheinen, dass sie gegen Fake News, Hassbotschaften und fiese Manipulationen auf der Seite der westlichen Werte, von Aufklärung und Rationalität stünden, daran scheitern, die oben ausgeführten Prinzipien zu verstehen und korrekt anzuwenden.

Paul Mason zum Beispiel hat nicht verstanden, dass die Falsifikation allgemeiner Sätze nur durch singuläre Existenzsätze erfolgen kann.[2] Noch toller als Mason treibt es Harald Welzer. In einem Text, der allen Ansätzen zu einer organisierten, politischen initiierten und angeleiteten Lösung der absehbaren Probleme des menschlichen Naturverhältnisses eine platte Absage erteilt, um von einer »modularen Revolution« zu schwadronieren, die von den »Handlungsspielräumen« auszugehen hätte, die den Individuen zur Verfügung ständen, ist folgendes zu lesen:

„Weltweit läuft dieses gigantische Experiment, das von der Hypothese ausgeht, grenzenloses Wachstum sei auf einem begrenzten Planeten möglich. Experimente sind, wissenschaftstheoretisch gesprochen, dazu da, Hypothesen zu falsifizieren oder zu verifizieren, also in diesem Fall nachzuweisen, ob grenzenloses Wachstum möglich (verifiziert) oder unmöglich (falsifiziert) ist. Eine verantwortliche Versuchsleitung hätte schon vor längerer Zeit gesagt: ›Super, wir können das Experiment jetzt abbrechen, es ist falsifiziert.‹ Aber obwohl Dennis Meadows und seine Kollegen schon 1972 mit den ›Grenzen des Wachstums‹ eine überzeugende Falsifizierung vorgelegt haben, wird das Experiment fortgeführt, jedes Jahr mit größerer Intensität.“

Hier ballt sich so viel Unsinn in wenigen Zeilen, dass man zunächst nicht weiß, wo man anfangen soll. Nun kann man nicht Experimente, sondern nur Theorien falsifizieren. Doch war die Genese des modernen Industriesystem kein Experiment, das sich eine „Versuchsleitung“ ausgedacht hätte, um ihre Neugier bezüglich der Möglichkeit oder Unmöglichkeit unbegrenzten Wachstums zu befriedigen, sondern folgte als vorläufig letzter Teil der menschlichen Naturgeschichte immanenten Zwängen. An ihrem Anfang stand keine Hypothese, sondern eine Konstellation, in der neben Not und Gier sicher auch der Traum von einem besseren Leben eine Rolle spielte.

Wie nahezu alle Wachstumskritiker hält sich Welzer nicht mit einer genaueren Definition der Größe auf, um deren Wachstum es gehen soll. Nehmen wir einmal an, es gehe um die in Geldeinheiten gemessene Wirtschaftsleistung einer Periode. Die untergeschobene Hypothese lässt sich durch Erfahrung jedoch prinzipiell nicht verifizieren, denn alles beobachtbare Wachstum ist endlich. Dummerweise ist sie auch nicht empirisch falsifizierbar, weil man im Falle eines konkreten Scheiterns immer noch sagen könnte, dass dies nicht passiert wäre, wenn man irgendwelche Parameter anders gesetzt hätte. Man müsste praktisch alle denkbaren Wachstumsszenarien mit allen möglichen Verzweigungen bis zu ihrem Scheitern verfolgen – sofern dieses denn eintritt und man darauf nicht in saecula saeculorum wartet.

Unsere Zivilisation müsste schon seit einem Vierteljahrhundert zusammengebrochen sein

Aussagen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit grenzenlosen Wachstums sind empirisch gehaltlos. Das unterscheidet sie zum Beispiel von der Aussage, dass es kein Perpetuum Mobile gibt. Diese hat die Form einer negierten Existenzaussage und ist äquivalent mit dem allgemeinen Satz von der Erhaltung der Energie, der sich empirisch nicht beweisen lässt, aber durch die Demonstration eines Perpetuum Mobile widerlegen ließe. Widerlegen ließe er sich auch durch ein umgekehrtes Perpetuum Mobile, also die Demonstration eines Prozesses, der Energie vernichtet. Doch während es ungezählte Versuche gab, das erstere zu bauen, ist vom zweiten Ansatz so gut wie nichts bekannt. Der Satz von der Erhaltung der Energie gehört, obwohl unbewiesen und unbeweisbar, zum Kernbestand des naturwissenschaftlichen Wissens, weil er sich ungezählte Male bewährt hat.

Das Wachstumsproblem ist deshalb so schwer zu behandeln, weil es keinen erhärteten naturwissenschaftlichen Zusammenhang gibt zwischen der monetären Größe Wirtschaftsleistung und den physikalischen Größen, die die diversen stofflichen Inputs derselben messen, und auch nicht geben kann. Eine modellbasierte Simulation wie die, die den Grenzen des Wachstums des Club of Rome zugrunde lag, stellt auch keine empirische Falsifikation der Wachstumshypothese dar. Sie war ein Konstrukt, dem selbst eine Reihe von fragilen Hypothesen zugrunde lag, und vor allem lagen ihre Prognosen weit daneben: denen zufolge müsste unsere Zivilisation schon seit einem Vierteljahrhundert zusammengebrochen sein.

Den Prognosen des Club of Rome fiel deshalb eine ambivalente Rolle zu: sie machten einerseits auf das durchaus ernstzunehmende Problem endlicher Ressourcen aufmerksam und brachten andererseits nicht nur das einiges versprechende Verfahren der modellbasierten Simulation, sondern auch generell die aus solchen abgeleiteten Warnungen in Verruf. Auch hier liegt der Fall vor, dass das Vertrauen in die Wissenschaften leidet, wenn ihre Vertreter ihren eigenen Prämissen und Methoden zu unkritisch gegenüberstehen.

Sicher kann man sich ein vages Bild davon machen, dass endliche Ressourcen jeglicher Entwicklung eine Grenze setzen. Und letzten Endes lässt der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass die Arbeitsfähigkeit aller verfügbaren Energie nur sinken kann, vermuten, dass alles Leben irgendwann ein Ende haben wird.

Der Hirtenjunge und der Wolf

Die entscheidende Frage, welche, in absehbarer Zukunft praktisch relevanten, Grenzen der Entwicklung auf diesem Planeten es gibt und wo genau sie liegen, bleibt dabei unbeantwortet. Entsprechende Forschung und modelbasierte Prognosen sind von großer Bedeutung, der jedoch weder Wissenschaftler gerecht werden, die dogmatisch auf ihren Ansätzen beharren und kritische Fragen beiseite wischen, noch Medien, die durchaus alternativ erklärbare Alltagsphänomene als untrüglichen Anzeichen der kommenden Katastrophe vermarkten. Der Hirtenjunge aus der Fabel, der das Dorf so oft zum Narren hielt, indem er zum Vergnügen „Wolf“ schrie, bis ihm niemand mehr glaubte, eben auch dann nicht, als der Wolf tatsächlich da war, sollte hier als warnendes Beispiel dienen:

„Was gut gemeint gewesen war, verkehrt sich ins Gegenteil, wenn das Zutreffende und das Richtige auch nicht mehr geglaubt werden. Vertrauensverlust ist eine der Hauptursachen für die gegenwärtige so starke Rückwendung vieler Menschen auf das Irrationale.“[3]

Vor allem jedoch sind alle Prognosen sinnlos, wenn sie nicht zu entsprechenden, planungsgeleiteten Vorkehrungen gegen die von ihnen gesehenen, heraufziehenden Gefahren führen; wobei es dabei nicht darum gehen kann, das zu tun, was vorübergehend ein gutes Gefühl macht, sondern das, was eine realistische Chance bietet, die Gefahr zu bannen oder wenigstens in Grenzen zu halten. Diese Fragestellung und die entsprechende Diskussion sind in der Öffentlichkeit bisher nicht angekommen. Stattdessen herrscht ein Gewirr maximal gutgemeinter, doch nicht besonders gut ausgedachter oder auch nur hinreichend präzise formulierter Vorschläge — Musterbeispiel die aktuelle Debatte um die CO₂-Steuer.

Im Extremfall läuft das, wie bei Harald Welzer, darauf hinaus, gute Gesinnung und ebensolchen Willen zu signalisieren, indem man, als ob dies schon vor jeglichem Versuch feststünde, „sofern Freiheit und Handlungsspielräume gegeben sind“, irgendetwas Nettes macht, was irgendwie die „modulare Revolution“ voranbringen könnte. An die Stelle von Planung hat Welzer schon lange die „in Echtzeit lernende Gesellschaft“ gesetzt, um von einer Handlungsweise zu träumen, welche die „Reversibilität von Entscheidungen“ sicherstellt.

Doch gesellschaftliche Lernprozesse brauchen ihre Zeit. Und Entscheidungen sind, wenn sie einmal Gestalt angenommen haben in Form von Bildungsgängen, ausgearbeiteten Plänen und Konstruktionen, Institutionen, Infrastrukturen, Produkten und Produktionsanlagen, nur noch langfristig und unter hohen Kosten revidierbar.[4]

Dem „Gemeinschaftskundelehrer“ aber, wie Bernd Stegemann Welzer treffend charakterisiert[5], scheint es, wie leider allzu vielen allzu oft, nur darum zu gehen, in dem aktuell laufenden, europaweiten Wettbewerb in Virtue Signalling in der Spitzengruppe zu liegen. Auf diese Weise wird man nicht nur immer mehr Menschen, die das sichere Gefühl haben, dabei nicht mithalten zu können, nicht nur gegen die ahnungslosen Tugendlehrer, sondern leider auch gegen alle Versuche zu einer rationalen Lösung der anstehenden Probleme aufbringen und damit die drohende Katastrophe beschleunigen. Eine Aussicht, die eine ebenso sorgfältige wie kritische Wissenschaftskommunikation als ebenso dringlich wie gefährdet erscheinen lässt.


[1] Noble, Denis 2017: Dance to the Tune of Life: Biological Relativity. Cambridge: Cambridge University Press.
[2] wie ich an anderer Stelle ausführlich zeige [Fischbach, Rainer 2017: Die schöne Utopie: Paul Mason, der Postkapitalismus und der Traum vom grenzenlosen Überfluss. Köln: PapyRossa, 99-100]
[3] Reichholf, Josef H. 2008: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. Frankfurt am Main: Fischer (Fischer TB 17439), 317.
[4] Fischbach, Rainer 2016a: Mensch – Natur – Stoffwechsel: Versuche zur politischen Technologie. Köln: PapyRossa., 243-244.
[5] Stegemann, Bernd 2019: Die Moralfalle: Für eine Befreiung linker Politik. Berlin: Matthes & Seitz., 122-128.

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