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The big read | 01.07.2019 (editiert am 19.07.2019)

Das große Paradox: Der Liberalismus zerstört die Marktwirtschaft – 1

Der Kapitalismus wird von den Liberalen als Erfolgsgeschichte gefeiert. Doch gerade die Herrschaft des Liberalismus hat die Marktwirtschaft in eine große Krise getrieben. Ein Blick zurück auf 70 Jahre Nachkriegswirtschaft.

In den beiden Stücken zu einer „Welt ohne Zins“ (hier und hier zu finden) habe ich schon erklärt, warum sich die heutige Situation der Weltwirtschaft so fundamental von dem unterscheidet, was für viele Jahrzehnte als das Modell der Marktwirtschaft galt. Anhand neuer empirischer Ergebnisse will ich das in dieser Artikelserie noch einmal vertiefen und zeigen, wie man für die vergangenen 70 Jahre sehr konkret belegen kann, was wir bisher nur vermuteten.

Jeder, der sich mit ökonomischen Fragen beschäftigt, weiß es ganz genau: Der Kapitalismus ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Um das zu belegen, muss man ja nur die Lebensverhältnisse von heute mit denen vor 200 Jahren vergleichen. Und in der Tat, man kann nicht ernsthaft bestreiten, dass es – über die letzten 200 Jahre gesehen – enorme Erfolge gibt. Gleichzeitig wissen wir, dass diese Erfolge keineswegs gleichmäßig und stetig zustande kamen, sondern unter enormen Schocks und Verwerfungen, die das System und mit ihm die Erfolge für die arbeitenden Menschen immer wieder zurückwarfen.

Die Lebensbedingungen für die große Masse der Menschen in den Industrieländern haben sich keineswegs seit Beginn der Industrialisierung kontinuierlich verbessert. Die Arbeitnehmer mussten hart darum kämpfen, überhaupt teilhaben zu dürfen an dem, was die kapitalistische Marktwirtschaft an Einkommensmöglichkeiten geschaffen hatte. Vor hundert Jahren war noch keineswegs sicher, dass die bis dahin erzielten Fortschritte von Dauer sein würden.

In großem Maße gelungen ist die Teilhabe der Massen erst in den letzten 70 Jahren, also in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und auch das gilt es nur für die westlichen Industrieländer. In den Entwicklungsländern ist bis heute eine systematische Beteiligung der Masse der Arbeitnehmer am Produktionsergebnis die Ausnahme (die man vor allem in Asien findet) und nicht die Regel. Folglich gibt in diesem scheinbar so erfolgreichen System neben großer absoluter Armut weiterhin Milliarden von Menschen, die von der Hand in den Mund leben und sich gerade so über Wasser halten können.

30 Jahre Erfolg: Bretton Woods und der Keynesianismus

Es ist offensichtlich, dass die Nachkriegszeit, also vor allem die 20 Jahre von 1950 bis 1970 absolut herausragende Ergebnisse in Sachen Einkommensentwicklung, Beschäftigung und Beteiligung der Arbeitnehmer erbracht haben. In Deutschland wird diese Phase gerne als Wirtschaftswunderzeit apostrophiert und guter deutscher Politik (unter Ludwig Erhard) zugeschrieben. Doch das ist eines der vielen Mythen, mit denen man in Deutschland schnell zur Hand ist, wenn es darum geht, die eigenen Leistungen zu verherrlichen. Die Zeit des Bretton Woods Systems war eine Zeit großer Prosperität in der gesamten industrialisierten Welt und einige Länder waren erfolgreicher als Deutschland. Aber auch die dem System assoziierten Entwicklungsländer profitierten und entwickelten sich besser als vorher und als später. Das bedeutet, dass es Gründe für diese globale Erfolgsstory gegeben haben muss, die weit über deutsche Besonderheiten und die handelnden Personen in Deutschland hinausgingen.

Gleichwohl, die realen Wachstumsraten in Deutschland in diesen Jahren waren, wie Abbildung 1 zeigt, aus heutiger Sicht mehr als beeindruckend. In den ersten zehn Jahren lag die durchschnittliche Zuwachsrate des Einkommens in der Gesamtwirtschaft bei 8,3 Prozent. Und auch von 1961 bis 1970 wurden noch 4 ½ Prozent erzielt, obwohl es die erste Rezession im Jahr 1967 gegeben hatte.

Abbildung 1

Diese Phase wird häufig als Ergebnis eines einmaligen Aufholeffektes angesehen, durch den die Zerstörungen des Krieges rasch beseitigt wurden und der „Nachholbedarf“ der Bevölkerung gedeckt wurde. Doch das ist eine vollkommen falsche Sichtweise. „Aufholen“ und „Bedarf“ sind keine Kategorien, die in irgendeiner Weise die konkrete Wirtschaftsentwicklung beeinflussen und erklären können.

Auch Ostdeutschland wollte gerne aufholen, hatte aber keine Chance, weil die wirtschaftspolitischen Bedingungen nicht so waren, dass der „Aufholbedarf“ dort rasch und ohne westliche Hilfe hätte gedeckt werden können. In den Entwicklungsländern gibt es einen ungeheuren Bedarf und den Wunsch aufzuholen, aber das bedeutet nichts im Hinblick auf die Frage, ob das auch gelingen kann.

Ich werde versuchen zu zeigen, das die wirtschaftspolitischen Bedingungen in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Ergebnis erklären. Die mit dem Bretton Woods System geschaffenen Grundbedingungen in Sachen Investitionstätigkeit waren so, dass sich eine marktwirtschaftliche Dynamik entwickeln konnte, die eindeutig von den unternehmerischen Investitionen getragen war. Der in Deutschland in einen Mythos verwandelte Glaube, die Erfolge hingen mit den „marktwirtschaftlichen Reformen“ zusammen, die ein Ludwig Erhard in Deutschland gegen den Zeitgeist durchgesetzt hatte, ist ein ebenso großer Irrtum wie der Glaube an den „Nachholbedarf“ in den 50er Jahren.

Die reale Wachstumsrate ist selbst in Deutschland seit den 50er Jahren stetig zurückgegangen (Abbildung 2). Da Deutschland sich wegen seiner über Lohndumping erzielten Wettbewerbserfolge in einer verhältnismäßig guten Situation befindet, ist davon auszugehen, dass die Lage für Europa insgesamt dramatisch viel schlechter ist. Für die USA hingegen ist das, wie in den Folgestücken zu zeigen ist, nicht in gleichem Maße der Fall.

Abbildung 2

Betrachtet man die Investitionstätigkeit der Unternehmen, ist auch für Deutschland der Befund klar: Seit den 70er Jahren geht es bergab. Außer einen kleinen Belebung zu Ende der 80er Jahre und den Folgen der deutschen Vereinigung, die bei den unternehmerischen Investitionen für einen Sprung auf ein neues Niveau gesorgt haben (dabei spielen Abgrenzungsfragen ebenso eine Rolle wie die unterschiedlichen Gebiete, die erfasst werden), kann man nur Abschwächung im Verlauf konstatieren. Und das, obwohl von der Wirtschaftspolitik seit der Wende in den 80er Jahren alles, aber auch alles getan wurde, um die private Investitionstätigkeit zu beleben und zu verstetigen. Das wichtigste Stichwort dabei ist die Halbierung der Steuern für die Unternehmen.

Abbildung 3

Es muss folglich im Bretton Woods System Bedingungen gegeben haben, die – im Nachhinein gesehen – einmalige Voraussetzungen für private Investitionen schufen. Diese Bedingungen, das wird meist vollständig übersehen, waren makroökonomischer Natur. Institutionen („die Ordnung der Wirtschaft“) und funktionierende Einzelmärkte sind das Eine, günstige Voraussetzungen für das Investieren von Unternehmen, sind etwas ganz anderes. Die Folgen der Vereinigung in Ostdeutschland, wo fast jeder glaubte, ersteres sei notwendig und hinreichend für eine erfolgreiche Transformation in die Marktwirtschaft, sollte gelehrt haben, dass es ohne eine geeignete makroökonomische Konstellation keine Marktdynamik gibt. Doch auch das wird von den marktwirtschaftlichen Ideologen einfach beiseite geschoben.

Es ist auch keine Frage, dass die Wachstumsdynamik im Bretton Woods System einherging mit einer großen Dynamik bei den tariflich ausgehandelten Lohnzuwachsraten der Arbeitnehmer, wie sie Abbildung 2 zeigt. Von 1958 (dem ersten Jahr, für das wir vergleichbare Zahlen gefunden haben) bis 1978 ergab sich ein durchschnittlicher Zuwachs pro Jahr von 7,9 Prozent, was heißt, dass beide Seiten bei den Tarifverhandlungen bereit waren, in die Vollen zu gehen und dass die Arbeitgeber jederzeit akzeptierten, dass die Arbeitnehmer bei so hohen nominellen Zuwächsen eine gute Chance hatten, mit ihren Reallöhnen die volle Beteiligung am Produktivitätszuwachs zu erreichen (also der gleiche Zuwachs für beide Seiten, für die Arbeitnehmerseite und für die Arbeitgeberseite).

Abbildung 4

Die geistig-moralische Wende?

Schon seit dem Beginn der 80er Jahre ging es mit den Lohnzuwächsen bergab, und nur die deutsche Vereinigung bescherte den Arbeitnehmern (wegen der Aufholjagd in Ostdeutschland) noch einmal einen Schub. Spätestens seit Mitte der neunziger Jahre ist das alte deutsche Modell der systematischen Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivitätszuwachs tot. Seit der Machtübernahme durch Rot-Grün im Jahre 1998 und den folgenden Großen Koalitionen hat sich die Position der Gewerkschaften und die Lage der Arbeitnehmer so sehr verschlechtert, dass mit 2,2 Prozent zwischen 1996 und 2008 Nominallohnzuwachs ein Negativrekord erreicht wurde.

Auch das ist das Ergebnis einer geistigen Verfasstheit, herrschender Meinungsbilder in der Ökonomik, deren große Gemeinsamkeit die Ablehnung dessen war, was man damals unter Keynesianismus verstand. Nicht nur, dass man dem Keynesianismus die Verantwortung für die Inflations- und Beschäftigungskrisen im Gefolge der Ölpreisexplosionen in die Schuhe schob, man glaubte auch, nur mit einer grundlegenden Erneuerung der Marktwirtschaft, und insbesondere der Wiederherstellung marktwirtschaftlicher Bedingungen am Arbeitsmarkt, ließen sich die Herausforderungen einer immer stärker integrierten Weltwirtschaft bewältigen.

Helmut Kohls „geistige und moralische Wende“ von 1982 war genau in diesem Sinne gemeint. Zur gleichen Zeit machten sich Ronald Reagan und Maggie Thatcher auf, ein System zu schaffen, das in ihren Augen (und der Augen der hinter ihnen stehenden Ökonomen wie F. A. von Hayek) eine wirkliche Marktwirtschaft war. Dass sie damit die mit Abstand erfolgreichste Phase des Kapitalismus radikal beendeten, ist die Tragik und die Paradoxie in dieser Geschichte.

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