The big read | 09.07.2019 (editiert am 19.07.2019)

Das große Paradox: Der Liberalismus zerstört die Marktwirtschaft – 2

Der Kapitalismus wird von den Liberalen als Erfolgsgeschichte gefeiert. Doch seit die Liberalen an der Macht sind, hat er enorm an Attraktivität eingebüßt. Es gibt eben keine richtige Politik im falschen Denken.

Die Öffentlichkeit der westlichen Demokratien, also Politik, Medien und auch die große Mehrheit der Sozialwissenschaftler, neigt dazu, politische Ereignisse rein politisch zu interpretieren. So wird auch die große Wende zu Beginn der 80er Jahre, als Ronald Reagan, Helmut Kohl und Margret Thatcher an die Macht kamen, als ein normales Ereignis gewertet, das dem politischen Scheitern der Linken und damit des Keynesianismus im Gefolge der Ölkrisen zuzuschreiben war und folgerichtig zu einer neuen Wirtschaftspolitik führte.

Rein politisch gesehen ist das eine korrekte Beschreibung der Abläufe. Bezieht man aber den intellektuellen Hintergrund mit ein, also die theoretische Basis, auf der bis zu dieser Wende Wirtschaftspolitik gemacht wurde und diejenige für die Zeit danach, dann kann nicht mehr die Rede von einem normalen Ereignis sein. Die „geistig moralische Wende“ von Helmut Kohl und den anderen konservativen „Führern“ war zwar politisch ein normaler Wechsel von einer eher linken zu einer eher rechten Politik. Intellektuell jedoch war es einfach ein Rückschritt, weil die intellektuelle Basis der Wende auf den (im Grunde längst gescheiterten und widerlegten) Ideen der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts beruhte.

Angebotspolitik

Es gab schlicht nichts Neues. Man nannte die Politik, die den Keynesianismus mit seiner Betonung der Nachfrage ablösen sollte, „Angebotspolitik“ und berief sich auf Say’s Law aus dem 18. Jahrhundert („Das Angebot schafft sich seine Nachfrage“). Aber das war, wie ich schon 1982 gezeigt habe (in dem Aufsatz „Was ist Angebotspolitik?“, der in der Zeitschrift „Konjunkturpolitik“ erschien), eine intellektuelle Bankrotterklärung. Denn es war ja nur der Rückgriff auf das einzelwirtschaftliche Denken, das durch die Einführung des gesamtwirtschaftlichen Denkens im Zuge der keynesianischen Revolution in seine engen Schranken gewiesen worden war.

Würde man in der Physik heute zurückkehren zur Newtonschen Mechanik und alles danach entdeckte und vielfach bewiesene Wissen für irrelevant erklären, würde man für verrückt erklärt. In der Ökonomik konnte man akademisch reüssieren, indem man einfach die alten Irrlehren wiederentdeckte und die Fortschritte des Keynesianismus, die unbestreitbar in der neuen gesamtwirtschaftlichen Dimension zu finden sind, ignorierte. Anders gesagt, man nahm aus der Entscheidungssituation, in der sich der (investierende) Unternehmer befindet, erneut die Nachfrageseite heraus, nachdem man gerade (eben in den 30er Jahren) entdeckt hatte, dass man diese Seite unbedingt braucht, um überhaupt relevante Aussagen machen zu können.

Ich habe dazu vor fast zwanzig Jahren in einem Aufsatz zum Thema Angebot und Nachfrage geschrieben:

„Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Angebots–und Nachfragepolitik. Während erstere auf “mittelfristig greifende, strukturelle” Wirkungen ohne Berücksichtigung der akuten Gesamtsituation hofft, setzt Nachfragepolitik auf die Verbesserung der Gesamtbedingungen, unter denen die Unternehmen in dem von ihnen zu überschauenden Zeitrahmen agieren. Dieser ist in der Tat “kurzfristig”. In der realen Welt gibt es aber keinen anderen Zeitrahmen für Unternehmer. Das, was die Angebotspolitiker “mittelfristig” nennen, meint nur: Wenn sonst alles gut geht, wird meine Maßnahme das Gesamtergebnis noch etwas verbessern. Ob alles gut geht, darüber kann die Angebotspolitik jedoch nichts sagen, sie ist vielmehr darauf angewiesen, dass alles gut geht, die Impulse also von woanders kommen.“

Wie konnte man hoffen, auf der Basis einer schon durch die Sichtweise dermaßen eingeschränkten Theorie bessere Wirtschaftspolitik machen zu können als auf der Basis einer Theorie, die einfach den weiteren und damit relevanteren Horizont hatte? Am eklatantesten war und ist die intellektuelle Armut der geistigen Wende jedoch in Sachen Geldtheorie und Arbeitsmarkttheorie. Um dem Staat von vorneherein jede Rechtfertigung für eine Intervention am Geldmarkt zu nehmen, griff man zum einen zurück auf die viele Jahrhunderte alte Quantitätsgleichung, die noch niemals als Basis für die Geldpolitik gedient hatte, und zum anderen auf ein Modell das Arbeitsmarktes, das wiederum Nachfrageffekte einfach ignorierte und den Arbeitsmarkt zu einem ganz normalen Markt machte.

Die Monetaristen um Milton Friedman (der selbst ein genialer Verkäufer war) behaupteten einfach, man könne eine Geldmenge finden, deren Zuwachs von der Zentralbank jederzeit steuerbar sei und einen engen Zusammenhang zur Inflationsentwicklung aufweisen würde, weil die sogenannte Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes gut vorhersehbar sei. Dafür gab es nie eine wissenschaftlich haltbare Begründung. Und doch wurde diese Behauptung in Deutschland für dreißig Jahre zur Basis einer Politik, die unter dem Deckmantel konsequenter Inflationsbekämpfung durch die unabhängige Zentralbank die Entwicklungsmöglichkeiten drastisch einschränkte und damit enorme Kosten verursachte.

Der entscheidende Zusammenhang

Ich habe schon vor einiger Zeit (hier) den entscheidenden empirischen Zusammenhang gezeigt und kurz erläutert (Abbildung 1). Das Verhältnis von Zins und Wachstum (beides hier nominal) war in den USA in den ersten dreißig Jahren der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts genau umgekehrt wie in den dreißig Jahren, die darauf folgten. In den ersten dreißig Jahren waren die Zinsen fast immer niedriger als die Wachstumsrate (die man ja auch als eine Art gesamtwirtschaftlicher Investitionsrendite ansehen kann), in den dreißig Jahren danach waren sie fast immer höher.

Abbildung 1

Dieses Bild lässt sich ganz ähnlicher Weise für alle großen westlichen Volkswirtschaften nachzeichnen – mit Ausnahme von Großbritannien, das zur Bretton Woods-Zeit kein Wirtschaftswunder erlebte und deswegen als der „kranke Mann“ Europas galt. In der Zeit des Bretton Woods Regimes gab es folglich günstige Investitionsbedingungen, danach erst wieder nach der großen Finanzkrise von 2008/2009. Aber die Rückkehr zu einem normalen Verhältnis hat offenbar bei dem niedrigen Inflations- und Wachstumstempo, das die Weltwirtschaft inzwischen eingeschlagen hat, nicht mehr die gleiche Wirkung wie zuvor.

Teilt man die Jahrzehnte entsprechend auf, ist das Ergebnis für Deutschland eindeutig (Abbildung 2). Bis auf die Rezessionsjahre 1966 und 1967 sowie 1974 und 1975 gilt durchweg, dass der Zins in der ersten Phase deutlich unter der Wachstumsrate lag.

Abbildung 2

Für die folgenden Jahrzehnte haben sich die Verhältnisse verdreht, man kann auch sagen, stehen die marktwirtschaftlichen Verhältnisse Kopf (Abbildung 3).

Abbildung 3

 Außer den Jahren 1990 und 1991, also den Jahren der deutschen Vereinigung (und einer kurzen Episode 2006 und 2007), lag der Zins immer über der Wachstumsrate und damit, gemessen an „vernünftigen marktwirtschaftlichen Verhältnissen“, immer zu hoch. In genau der gleichen Weise gilt das für Frankreich und Italien (Abbildungen 4 und 5 sowie 6 und 7).

Abbildung 4
Abbildung 5
Abbildung 6
Abbildung 7

Besonders markant ist der Fall Italiens, wo es in der ersten Periode keinerlei Berührung der beiden Kurven gibt und in der zweiten  nur drei kurze Phasen, wo der Zins nicht höher als die Wachstumsrate war, sich beide also berühren.

Lesen Sie im dritten Teil, was die entscheidenden Gründe für diesen Befund sind und warum die USA nicht in gleicher Weise von der damit eigentlich implizierten Wachstumsschwäche betroffen sind wie Europa.

Weitere Teile dieser Serie

Anmelden