Konfliktpotential US-Dollar | 25.07.2019 (editiert am 30.07.2019)

Drohen in der Zukunft Währungskriege?

An der Spitze der Weltwährungshierarchie steht der US-Dollar. Das ist Privileg, aber auch eine Verantwortung. Und eine dunkle Schattenseite hat die Währungskrone auch.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen, die Eurozone ist hiervon heute die Wichtigste, haben Nationalstaaten ihre eigene nationale Währung. „Ein Staat, eine Währung“ ist auch historisch eine gute Regel.

Das hat viele Vorteile und dient verschiedenen Zwecken. Verträge werden gewöhnlich in der nationalen Währungseinheit geschrieben, Preise und Steuerschulden in ihr ausgedrückt. Geldmittel in der nationalen Währungseinheit – wovon es verschiedene Arten geben kann – dienen als Zahlungsmittel, also zum Begleichen von Geldschulden aus Verträgen und der Zahlung von Steuerschulden und zur Wertaufbewahrung, also der Vermögensanlage in Form höchster Liquidität.

Von diesen Geldfunktionen spricht die Geldtheorie. In der Praxis ist nicht jede Währung gleich der anderen. Vielmehr gibt es eine Währungshierarchie in der Welt. An der Spitze steht der US Dollar. Das ist für Amerika ein Privileg, aber auch eine Verantwortung. Und eine dunkle Schattenseite hat die Währungskrone auch.

Der US-Dollar ist die nationale Währung der Vereinigten Staaten. Aber er ist mehr als das. Der US-Dollar ist auch eine beziehungsweise die internationale Währung. Wenngleich nicht in allen Ländern und Situationen gleichermaßen, dient der US-Dollar auch der Welt als Währungseinheit, Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel.

Auch einige andere Währungen, zum Beispiel der Euro, haben eine gewisse extraterritoriale Bedeutung erlangt. Aber keine andere Währung kann dem US-Dollar heute das Wasser reichen. Das ist schon länger so; mindestens seit dem 2. Weltkrieg. Und es wird auch noch länger so bleiben.

Wie lange noch, kann man nicht wissen. Sicher ist dagegen, dass die globale US-Dollar-Vorherrschaft weiterhin Konfliktstoff liefern wird. Auch das war schon immer so. Und US-Präsident Donald Trump ist wohl der letzte, der das ändern würde. In der Tat scheint er das internationale Konfliktpotential US-Dollar immer stärker ins Visier zu nehmen. Immer lauter werden daher die Unkenrufe, dass uns neben den tobenden „Handelskriegen“ schon bald auch neue „Währungskriege“ drohen würden. Worum geht es? Was sind die Gefahren?

Alle Welt will Dollars

Zunächst einmal ist es notwendig die Sonderstellung des US Dollar etwas näher zu beleuchten.

Gewöhnlich betonen Beobachter und Kritiker die Vorteile, die den USA aus der Dollar-Vorherrschaft erwachsen. Amerika könne beständig über seine Verhältnisse leben und dazu einfach nur Dollarscheine drucken. Das sogenannte „exorbitante Privileg“ Amerikas wird dann häufig daran festgemacht, wie viele Dollarscheine („Greenbacks“) außerhalb der USA kursieren (schätzungsweise die Hälfte). Und auf seine Dollarscheine zahlt Amerika keine Zinsen, was einen Teil des Gewinns der Federal Reserve ausmacht, der jedes Jahr an das US-Schatzamt abgeführt wird und damit den US-Steuerzahler entsprechend entlastet. Mehr US-Dollarscheine in alle Welt zu schicken ist also ein profitables Geschäft – obgleich sich Innovationen im Zahlungsverkehr abzeichnen (Stichwort: digitales Geld, „Libra“ etc.), die dieses Geschäft zu untergraben drohen.

Aber dies ist ohnehin nur ein Aspekt des US-Dollar-Privilegs. Viel wichtiger sind die Vorteile, die Amerika aus der Dominanz des Dollar im internationalen Handel und Finanzgeschäft erwachsen. Internationale Verträge in US-Dollar vermeiden Währungsrisiken und reduzieren aus amerikanischen Sicht Geschäftsrisiken. Die globale Nachfrage nach US-Dollar Liquidität senkt tendenziell die Zinsen für den US-Staat und private Schuldner. Es erleichtert auch (finanziellen und nichtfinanziellen) US-Unternehmen in der Welt zu agieren und Vermögenswerte einzukaufen. Zumal das US-Finanzsystem, allen voran die Wall Street, dabei die Rückendeckung der Federal Reserve genießt. Wer international immer zahlungsfähig ist, der hat internationale Macht – was natürlich auch für den Staat und die Militärmacht USA gilt.

Finanzglobalisierung bedeutet eine Machtausweitung der dominanten Währung und der Wall Street. Es werden Grenzen und Hindernisse beseitigt, um überall befreit agieren und einkaufen zu können. Da es die Welt unsicherer macht, steigt dabei die Nachfrage nach US-Dollarliquidität – was es nur noch einfacher macht, die internationale Einkaufstour in Dollar zu finanzieren. Denn alle Welt will Dollars.

Somit ist es nicht verwunderlich, dass Amerika den vermeintlichen Segen von allumfassender Finanzglobalisierung mit Begeisterung propagiert hat – bei heldenhafter Unterstützung aus Europa. Gemeinsam hat man so den Neoliberalismus in alle Welt verbreitet.

Staatliche Widerstände sinken, weil der Staat als oberste Dringlichkeit das Vertrauen der Finanzmärkte sichern muss und daher politisch handlungsunfähig gemacht wird. Das ist bequem, wenn man an die „unsichtbare Hand“ des Marktes glauben will. Nur ist die unsichtbare Hand so unsichtbar nicht. Die Macht der Finanzmärkte ist die Macht des Vermögens. Und wo es das größte Vermögen und die meisten Milliardäre gibt, kann jetzt wohl jeder erraten. Vielleicht hat der ein oder andere auch schon einmal davon gehört, dass der Einfluss der Wall Street und des Vermögens in der amerikanischen Demokratie (oder „Demokratie“?) ganz unhygienisch groß ist. Mangels Regulierung fließen auch auf diesem freien Markt viele Dollars.

Keiner ist allein, alle hängen an der Fed

Abgesehen von Macht und finanziellen Vorteilen, genießt Amerika auch im Hinblick auf nationale Spielräume der Makrowirtschaftspolitik international eine Sonderstellung.

Der US-Dollar ist die „Leitwährung“ der Welt, die Geldpolitik der Federal Reserve setzt der Welt ihren „Leitzins“. Andere nationale Zentralbanken können zwar ihre eigene Zinspolitik betreiben und ihren eigenen kurzfristigen Zins setzen. Aber für auf global befreiten Finanzmärkten agierende Finanz“investoren“ gilt der Vergleich solcher Zinsen in anderen Währungen mit dem internationalen Standard, den die Federal Reserve für den US-Dollar setzt. Die Fed betrifft und bewegt global Zinsen, Wechselkurse und andere Vermögenspreise. Auf freien globalen Märkten – soweit sie auch reichen – verknüpfen Arbitrage, Hedging und Spekulation relative Zinsen und Vermögenspreise. Keiner ist allein, alle hängen an der Fed.

Die globale Krise von 2007-9 hat Amerikas Sonderstellung besonders sichtbar gemacht. Die Krise löste eine „Flucht in die Sicherheit“ aus. Der Herd der Krise war in den USA, aber es war keine Flucht aus dem Dollar, sondern Suche nach und Flucht in den Dollar: Ausländische Anleger wechselten von riskanten US Dollartiteln in sichere Dollartitel, US-Anleger und Finanzierer traten den Rückmarsch nach Hause an; bei Rückendeckung durch die Federal Reserve, der letzten Quelle von US-Dollar Liquidität in der Welt. Die Federal Reserve versorgte ausländische Zentralbanken, darunter die EZB, über Devisenswapgeschäfte mit US-Dollarliquidität. Nur so ließ sich eine Kernschmelze des globalen Finanzsystems verhindern.

Wenn Schwellenländer in die Krise geraten, bedeutet dies regelmäßig geld- und fiskalpolitische Straffung bei Währungsabwertung. Sind sie auf Hilfe vom Internationalen Währungsfonds angewiesen, so ist diese „Hilfe“, der Überbrückungskredit, an Bedingungen geknüpft, die erfahrungsgemäß soziale Härten bedeuten. Ihre wirtschaftspolitischen Handlungsspielräume sind stark begrenzt.

Amerika dagegen sah sich keinerlei solcher Begrenzungen seines Handlungsspielraums ausgesetzt. Die Federal Reserve senkte ihre Zinsen auf null. Ein expansives Fiskalprogramm großen Umfangs wurde aufgelegt. Der US-Dollar wertete zwar zunächst auf, was den US-Außenhandel belastete. Aber Amerika ist eine relativ geschlossene Volkswirtschaft und der Wechselkurs hat eine im Vergleich zu anderen Ländern viel geringere Bedeutung, was insbesondere durch den globalen Status des Dollar bedingt ist; da viele Verträge und Preise im US-Außenhandel ohnehin in US-Dollar ausgedrückt sind.

Als die Federal Reserve dann zusätzlich zur Senkung ihres Leitzinses auf null auch noch das Mittel „quantitative Lockerung“ einsetzte, also massive Dollarliquidität ins System pumpte, wertete der US-Dollar prompt kräftig ab. Gibt es keine Hindernisse, verbreitet Dollarliquidität ihre Wirkung global.

Wenn der US-Dollar abwertet, werten alle anderen Währungen auf

Wenn der US-Dollar abwertet, werten alle anderen Währungen (sofern sie nicht an den Dollar gekoppelt sind) gegen die wichtigste Währung der Welt auf. Man hatte die Krise überstanden, die „plötzliche Umkehr“ von Kapitalströmen, also Abflüsse aus Schwellenländern bedeutet hatte. Jetzt aber kam es zu starken „Spillover Effekten“ der US-Geldpolitik in die andere Richtung: eine neue Flut von Finanzströmen nahm Kurs auf die Schwellenländer, weil dort die Zinsen viel höher waren.

Die Zentralbanken der Empfängerländer haben dann folgende Optionen. Sie können die Aufwertung ihrer Währung hinnehmen, was regelmäßig eine gehörige Destabilisierung ihrer Volkswirtschaft bedeuten wird, weil vom internationalen Handel abhängige Industrien eine plötzliche und drastische Verschlechterung ihrer Wettbewerbsfähigkeit erfahren. Oder sie senken ihren Leitzinsen ebenfalls, folgen also der Fed, versuchen mit ihr mitzuhalten. Auch das kann die betroffene Volkswirtschaft destabilisieren, wenn von der Binnennachfrage abhängige Sektoren dabei zu stark stimuliert werden. Als Dritte Option können Zentralbanken am Devisenmarkt intervenieren, US Dollar kaufen und anhäufen, um dadurch die Währungsaufwertung zu begrenzen und einen Puffer für die Zukunft aufbauen.

Gewöhnlich fahren Zentralbanken eine Mischung dieser drei Optionen – und hoffen dabei das Beste. Sicher ist jedenfalls: Länder, die sich in das globale Finanzsystem integriert haben – was ja in den letzten 40 Jahren als neoliberale Heilsbotschaft an alle Welt als einzig richtige Marschroute ausgegeben wurde –, dann hängen sie an der Fed, ganz gleich, ob sie einen festen oder flexiblen Wechselkurs haben. Die Mischung der Spillovers mag etwas anders sein, aber ein flexibler Wechselkurs macht kein Land der Welt autonom in seiner Geldpolitik. Auch gibt es keinerlei Verlass darauf, dass flexible Wechselkurse zwingend stabilisierend auf die Wirtschaftsentwicklung wirken würden. Im Gegenteil. Das sind nur weitere bequeme Märchen des Neoliberalismus.

In diesen Ausführungen deuten sich die systemischen Auswirkungen der Finanzglobalisierung an: Finanzglobalisierung macht Länder verwundbarer und erhöht daher die Nachfrage nach Sicherheit, speziell in Form von US-Dollarliquidität.

Die Erfahrungen der Schwellenländerkrisen in den Jahren um die Jahrtausendwende, Finanzkrisen, die für die betroffenen Länder tiefe Wirtschaftskrisen bedeuteten, machte ihnen ihre Verwundbarkeit deutlich. Auch die „Hilfe“, die sie vom IWF erhielten, stellte sich als eher zum Abgewöhnen als zum Heilen heraus. In Reaktion auf diese Erfahrungen versuchten Schwellenländer verstärkt ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verteidigen (um neue Verwundbarkeiten einzudämmen) und riesige Währungsreserven aufzubauen (um im Fall der Fälle nicht wieder auf IWF „Hilfe“ vertrauen zu müssen).

Deflationäre Kräfte

Wenn viele Länder eine solche defensive Makrowirtschaftspolitik mit merkantilistischen Zügen betreiben, allein auf Wettbewerbsfähigkeit und Export fixiert sind, und hier darf man natürlich Japan und Deutschland getrost gleich mit dazu zählen, dann ist die Wirkung global betrachtet deflationär. Zur globalen Deflation kommt es nur dann nicht, wenn ein anderer Faktor im System diese deflationären Kräfte kompensiert.

Damit kommt wieder die US Fed ins Spiel. Denn die deflationären Kräfte, die das neoliberale System der Weltwirtschaft erzeugt, wirken als Belastung auf den US Arbeitsmarkt. Wenn alle anderen Länder zur Eindämmung ihrer Verwundbarkeit eine konkurrenzfähige Währung wollen und dazu riesige US Dollarreserven anhäufen, dann ist der US Dollar im Ergebnis tendenziell überbewertet – was die Inflation in Amerika senkt und Arbeitslosigkeit erhöht.

Dieses Ergebnis steht im Konflikt mit dem Mandat der Federal Reserve. Die soll schließlich für Vollbeschäftigung bei Preisstabilität sorgen. Die Federal Reserve ist daher der Faktor, der die globalen deflationären Kräfte ausgleicht, weil ihr nationales Mandat sie dazu zwingt.

Der international einzigartige Handlungsspielraum der Federal Reserve ist Amerikas globales Privileg. Sie muss diesen aber auch angemessen stark nutzen – notfalls sogar mit Dollar Swapgeschäften. Das ist ihre de facto globale Verantwortung. Im Ergebnis muss sie die US-Binnennachfrage jedenfalls stark genug stimulieren, um ihr nationales Mandat zu erfüllen und dabei etwaige deflationäre globale Kräfte, die auf Amerikas Wirtschaft treffen, zu kompensieren.

Gewinner und Verlierer der Globalisierung

Das Ganze hat für Amerika auch eine dunkle Schattenseite, die in der amerikanischen Diskussion gewöhnlich völlig ignoriert wird. Die tendenzielle Überbewertung des US-Dollar als Weltreservewährung ist eine schwere Belastung für solche US-Industrien, die der internationalen Konkurrenz stark ausgesetzt sind. Kurz gesagt, der globale Status des US-Dollar und der Wall Street beschleunigt Amerikas Deindustrialisierung.

Das ist die wahre Schattenseite des „exorbitanten Privilegs“. Amerika ist Globalisierungsgewinner, aber die Gewinne sind stark konzentriert. Darunter sind viele Wall Street Millionäre und Milliardäre. Die Verlierer sind auch konzentriert, in bestimmten Industrien und Regionen.

Donald Trump hält die Verliererseite der Dollarmedaille für unfair. Denn viele der Verlierer scheinen ihn zu wählen. Mit der Gewinnerseite der Dollarmedaille hat er weniger ein Problem. Die Finanzbranche will er sogar deregulieren, damit sie hemmungslos – national wie global – agieren und munter verdienen kann. Denn die Wall Street liefert die Wahlkampfspenden. (Übrigens an beide Parteien. Die gewinnen also immer.)

Das selbsterklärte „stabile Genie“ will im nächsten Jahr wiedergewählt werden. Amerikas Wirtschaft schwächelt nach kurzfristiger Beschleunigung im letzten Jahre heute aber wieder. Der US-Dollar ist dennoch sehr stark, weil die Federal Reserve in den letzten Jahren ihren Kurs gestrafft hat, das Wachstum im Rest der Welt noch gebrechlicher wirkt und globale Unsicherheiten gestiegen sind.

Doch der starke Dollar steht den Zielen des Handelskriegers Donald Trump im Weg. Mit Zöllen und anderen Mitteln will er Amerikas Handelsdefizit reduzieren. Ein starker Dollar bewirkt aber das Gegenteil. Da Handelskriege doch nicht ganz so leicht gewinnbar sind, wie er prahlerisch behauptete, droht jetzt, dass er sich auch als Währungskrieger versuchen wird. Die Anzeichen dafür mehren sich.

Welche konkreten Mittel zur Dollarschwächung zum Einsatz kommen werden, bleibt abzuwarten. In Frankfurt, Brüssel und Berlin darf man sich aber warm anziehen. Denn Deutschland und die Eurozone leisten sich weiterhin die größten Leistungsbilanzüberschüsse der Welt – womit sie voll im Visier möglicher Währungskriege stehen.

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