www.istock.com/CHENG FENG CHIANG
Finanzsystem | 01.07.2019 (editiert am 02.07.2019)

Libra – eine neue Währungsalternative?

Wie PayPal soll Libra eine sichere, kostengünstige Alternative zum Bargeld sein. Sie will aber eine neue „Währung“ sein, die sich vor allem an Milliarden von Menschen wendet, die (noch) kein Bankkonto haben.

Die neue „Währung“ Libra von Facebook, welche 2020 auf den Markt kommen soll, erscheint auf den ersten Blick nahezu revolutionär. Sie soll eine Krypto-Währung sein, aber „gedeckt“. Dazu soll sie privat verwaltet werden, aber wertstabil sein. Dies kreiert natürlich einen Hype – und der wird auch beabsichtigt gewesen sein.

Die „Deckung“ von Libra

Während staatliche Währungen dadurch funktionieren, dass die Bürger Steuerzahlungen in der entsprechenden Währung zu leisten haben und dies zu allen Zeiten eine positive Nachfrage garantiert, ist es bei privaten Währungen meist problematischer. Warum sollte irgendjemand eine private Währung akzeptieren?

Hyman Minsky wusste schon vor Jahrzehnten, dass es zwar einfach ist, eine eigene Währung zu kreieren, aber schwierig ist, sicher zu stellen, dass sie zur Begleichung von Geldschulden akzeptiert wird. Woher soll also die Akzeptanz für das Zahlungsmittel „Libra“ kommen?

Bitcoin löst dieses Problem über spekulative Nachfrage. Menschen halten Bitcoin, weil sie denken, dass andere Menschen in der Zukunft auch Bitcoin kaufen und halten wollen. Eine solche Regelung der Nachfrage führt zu starken Wechselkursschwankungen. Da auf der Welt keine Produkte fest in Bitcoin gepreist sind – Bitcoinpreise sind immer die tagesaktuellen Entsprechungen von Preisen in anderen Währungen – führt dies zu stark schwankender Kaufkraft. Dies ist unpraktisch für die Währungsbesitzer, da sie normalerweise ihre Bitcoins irgendwann für den Kauf von Gütern oder anderen Finanzanlagen ausgeben wollen.

Die Reserve

Libra geht einen anderen Weg, der im Folgenden kurz zusammengefasst werden soll. Es wird versprochen, dass Libra anders als Bitcoin preisstabil sein soll. Besitzer der Libra sollen daher diese immer zu konstanten Kursen verkaufen können, weil ein „set of stable and liquid assets“ zur Deckung bereit stünde. Das Geld für diese sogenannte Reserve stammt von Investoren und den Nutzern von Libra. Die Investoren stellen Geld bereit, dafür wird dann Libra als Anreiz an Gründungsmitglieder – gemeint sind Firmen – ausgezahlt. Nutzer können Libra mit „Fiatgeld“ – gemeint ist Giralgeld – kaufen. Die Nutzer bekommen ihre Guthaben in Libra nicht verzinst.

Die Reserven allerdings „will be invested in low-risk assets that will yield interest over time“. Es sollen also Zinserträge erzielt werden durch Investitionen der von den Kunden erhaltenen Zentralbankguthaben. Diese bezahlen zwar mit Giralgeld, deren Banken müssen aber an Libra Guthaben bei der jeweiligen Zentralbank – beispielsweise der Bundesbank – überweisen. Die Zinserträge sollen dann in Ökoprojekte oder NGO-Kredite etc. fließen. Der Rest wird als Dividende an die „early investors“ ausgezahlt. Dies kann aber nur passieren, wenn die Nachfrage nach Libra hoch ist und entsprechend auch die Reserve.

Der Wechselkurs

Die Reserve wird von geographisch verteilten Organisationen verwaltet, die mindestens „investment grade“ haben müssen. Dadurch wird das Risiko diversifiziert. Investiert wird nur in Bankguthaben und Staatsanleihen „from stable and reputable central banks“. Der Wert der Libra wird dann an einen Währungskorb gebunden. Damit schwankt der Wert der Libra in jeder beliebigen Währung.

Diese Schwankungen sollen minimiert werden, indem nur in stabile Regierungen mit niedriger Bankrottwahrscheinlichkeit und niedriger Inflationserwartung investiert wird. Interessant ist der folgende Satz: „In terms of liquidity, the association plans to rely on short-dated securities issued by these governments, that are all traded in liquid markets that regularly accommodate daily trading volume in the tens or even hundreds of billions.“ Heißt: Die Libra-Vereinigung investiert nur in kurzfristige Staatsanleihen und auch nur dann, wenn das tägliche Handelsvolumen bei Dutzenden oder Hunderten von Milliarden Währungseinheiten liegt. Damit bleiben wohl nur noch US-Dollar und Euro übrig, vielleicht noch ein paar andere Währungen wie der Yen oder das  Pfund.

Was ist die Libra?

Die Libra ist quasi eine synthetische Währung. Sie besteht wahrscheinlich zu einem sehr großen Teil aus Dollar und Euro. Daher wird sie in Dollar beziehungsweise Euro gerechnet entsprechend wenig schwanken. Schwankungen werden die Wechselkursveränderungen von Euro und Dollar nachzeichnen. Eigentlich ist das Prinzip ganz einfach. Es ist wie Paypal, nur dass man bei der Einzahlung Libras bekommt, womit ein Wechselkursrisiko entsteht analog zum Wechselkurs EUR/USD.

Für Privatpersonen in den USA oder in der EU ist ein solches Arrangement nicht sehr attraktiv. Da wir unsere Ersparnisse später in Euro ausgeben wollen – und die Amerikaner die ihrigen in US-Dollar – macht es wenig Sinn, in einer synthetischen Währung zu sparen. Das Risiko eines Gewinns oder Verlusts liegt zwar a priori erstmal bei grob 50:50, aber warum sollte jemand dies eingehen? Wenn meine Nachbarn ihre Ersparnisse in 25 Jahren ausgeben, dann ist ihnen der Wechselkurs zum US-Dollar egal. Die europäischen Besitzer der Libra hingegen müssen hoffen, das der US-Dollar gegenüber dem Euro dazugewonnen hat, denn sonst bekommen sie weniger heraus, als wenn sie das Geld in der Eurozone angelegt hätten (übrigens hätten sie anderswo sehr wohl einen Zins bekommen).

Für wen ist Libra?

Diese Überlegungen lassen darauf schließen, dass mit der Libra tatsächlich der Markt der „unbanked“ erschlossen werden soll – derjenigen, die kein Bankkonto haben oder teilweise heftige Gebühren zahlen müssen, wenn sie Bankdienstleistungen nutzen. Die Libra ist dann, wie Paypal, eine Möglichkeit, Guthaben online zu empfangen oder zu überweisen, wobei nicht wie bei Paypal eine Kreditkarte oder ein Bankkonto dahintergeschaltet sein muss.

Probleme sind in vielen Dimensionen denkbar. Einmal könnten die Daten abgegriffen werden, um diese direkt oder indirekt weiterzuverkaufen. Ebenso denkbar wäre, dass sich die Verantwortlichen an der Reserve bereichern, indem sie diese zu günstigen Konditionen in gewisse Projekte investieren oder sich gleich mit dem Geld aus dem Staub machen. Tatsächlich geschah dies erst vor einiger Zeit, als Goldman Sachs-Banker Gelder eines Sovereign Hedgefund in Malaysia in Höhe von $2,7 Mrd. veruntreuten. Ebenfalls schlechte Erfahrungen mit Goldman Sachs hat die libysche Regierung gemacht – hier versenkten die Manager innerhalb von drei Monaten Anfang 2008 mehr als eine Milliarde US-Dollar des damaligen libyschen Staatschefs Gaddafi.

Es ist zudem nicht ausgeschlossen, dass auch bei Libra Kundenkonten eingefroren werden könnten, wenn es das FBI, das Außenministerium oder internationale Behörden verlangten.

Die Zukunft von Libra

Die Libra scheint also ein Versuch von Facebook zu sein, ins globale Bankgeschäft einzusteigen. Nachfrage nach der Währung könnte zur Not auch erzeugt werden, indem das Angebot von Facebook nicht mehr kostenlos angeboten wird, sondern eine Nutzergebühr entrichtet werden muss. Ob das Ganze attraktiv genug sein wird, ist schwer zu beurteilen. Seit Jahren gibt es in Afrika beispielsweise elektronische Währungen wie den e-Pesa, die inzwischen auch in Rumänien und Albanien erhältlich ist.

In westlichen Industrieländern hingegen ist der Markt mit digitalen Zahlungssystemen hart umkämpft. Momentan drängt Apple Pay auf den deutschen Markt, unterstützt von einem Partner aus dem US-Bankenbereich: Goldman Sachs. Ebenfalls in den Startlöchern beim bargeldlosen Bezahlen sitzen die Zentralbanken. Die schwedische Riksbank überlegt aktuell, eine e-krona einzuführen, womit dann wohl sämtliche privaten Betreiber aus dem Markt gedrängt werden würden: Die staatliche Zahlungsinfrastruktur wäre sicherlich kostenlos.

Anmelden