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Demokratie und Staat | 19.07.2019 (editiert am 14.08.2019)

Staat, Nation und Sozialdemokratie – 4

Hellers These über die politische Bedeutung der ethnischen Zusammensetzung einer Bevölkerung gilt heute als anrüchig. Doch wer über das Für und Wider der Zuwanderung rational diskutieren möchte, sollte zunächst einmal verstehen, was sie besagt.

Der 1933 im Exil in Madrid verstorbene Staatsrechtler und Sozialdemokrat Hermann Heller war der Meinung, dass ein demokratischer Staat bei der „Organisation und Aktivierung des gebietsgesellschaftlichen Zusammenwirkens“ seiner Bürger nur dann erfolgreich sein kann, wenn diese sich durch ein gewisses Maß an „ethnischer Homogenität“ auszeichnen.

Diese These ist sicherlich nicht selbstevident. Wie ich im letzten Teil dieser Artikelserie dargelegt habe, wird ihr sogar heftig widersprochen. So zum Beispiel von Jürgen Habermas, der behauptet, dass die Erfahrungen von Einwanderungsländern belegten, dass „jede Population die Rolle einer Staatsnation“ übernehmen könne.

Im Folgenden möchte ich versuchen, die strittige These Hellers über eine Klärung des Begriffs der „Ethnie“ zu präzisieren und auf ihre Bedeutung für die gegenwärtige Zuwanderungsdiskussion hinzuweisen.

Fantasie oder Fakt?

Die Hellersche These nur zu formulieren, gilt heutzutage bereits als anrüchig. Vermutet wird leicht, dass mithilfe eines wissenschaftlich anmutenden Tarnbegriffs rassistischen Ordnungs- und Reinheitsfantasien das Wort geredet wird.

Die Zunahme fremdenfeindlichen Verhaltens in vielen Ländern, macht auch durchaus verständlich, warum man sich emotional sträubt, sich mit einer These wie der Hellers auseinanderzusetzen. Trotzdem ist aus einer rationalen Perspektive einigermaßen paradox, dass dieser Vorwurf von Befürwortern einer sogenannten „multikulturellen Gesellschaft“ erhoben wird.

Denn mit dem Begriff der „Multikulturalität“ wird in der Sache nichts anderes als der Gegenpol zu dem der „ethnischen Homogenität“ benannt. Redet man von „Multikulturalität“, dann muss man auch die Rede von der „Monokulturalität“ als zumindest sinnvoll akzeptieren. Nur unter dieser Voraussetzung kann man etwa Angela Merkels Satz, „Vielfalt [sei] ein Erfolgsfaktor für unsere Wirtschaft und Gesellschaft“, mit Wahrheitsanspruch formulieren.

Kurz gesagt, die These Hellers ist ebenso wie die Gegenthese wahr oder falsch. Aber selbst wenn sie wahr sein sollte, kann man „offene Grenzen“ befürworten. Um aber eine solche politische Präferenz rational zu begründen, muss man das Für und Wider von Zuwanderung sorgfältig gegeneinander abwägen. Anstatt auf die These Hellers mit Empörung zu reagieren, sollte man daher zunächst einmal verstehen, was sie besagt.

Der Begriff der „Ethnie“ impliziert, dass sich Gruppen von Menschen aufgrund bestimmter Eigenschaften unterscheiden lassen. Wenn man nach den Eigenschaften von Gruppen von Menschen fragt, wird man von Sozialwissenschaftlern gerne darauf hingewiesen, dass es sich dabei um soziale Konstruktionen handelt.

Nun ist umstandslos zuzugestehen, dass eine Ethnie eine soziale Konstruktion ist. Allerdings auch nur dann, wenn man damit nicht bestreiten will, dass dem Begriff der „Ethnie“ ein Objekt in der wirklichen Welt korrespondiert, das über einen bestimmten Zeitraum hinweg existiert und über kausale Potenz verfügt. Anders ausgedrückt, eine Ethnie ist keine soziale Konstruktion, wenn man mit dieser Formulierung sagen will, dass eine solche Entität lediglich in unseren Köpfen existiert.

Nicht zu bestreiten ist jedenfalls, dass nicht alle von menschlichen Intentionen abhängigen Phänomene mentaler Natur sind. Es gibt, so die Philosophin Lynne Rudder Baker, auch vom Wissen, den Überzeugungen, Wünschen, Zielen und vielen anderen intentionalen Zuständen von Menschen ontologisch abhängige Objekte, die keine mentalen Phänomene sind. So zum Beispiel Autos. Ein Auto ist in diesem Sinn zwar ein intentionales Objekt, aber trotzdem keine Fiktion.

Eine Ethnie ist nun zweifelsfrei kein Auto. Ethnien sind jedoch ebenfalls, so die Behauptung, intentionale Objekte. Das heißt, Ethnien sind zwar ontologisch abhängig von der Existenz von Wesen, die Intentionen haben, aber sie sind dennoch keine Hirngespinste. Sie sind „soziale Gebilde, denen eine Wirklichkeit zukommt, die von den Gebilden vorstellenden Individuen weitgehend unabhängig ist“.

Generell gilt, dass es „soziale Phänomene [gibt, die] einen ‚Zwang‘ auf die einzelnen Menschen ausüben“. Es ist daher anzuerkennen, „daß unsere Willkür gesellschaftlichen Beschränkungen unterworfen ist“ die „eine von unseren eigenen Wünschen genau so unabhängige Realität [darstellt] wie die, daß wir nicht beliebig durch eine solide Steinmauer hindurchgehen können ( E. K. Francis, S.95).“ Bei Ethnien handelt es sich um solche sozialen Gebilde, wie noch zu belegen sein wird.

Ethnien haben wie alle anderen sozialen Objekte auch einen – wenn auch schwer datierbaren – Anfang, dem ein Prozess seiner Entstehung vorangegangen ist. Ethnien gab es also nicht schon immer. Es gab eine Zeit, in der es keine Ethnien gab, eine Zeit in der sie entstanden sind und es mag auch sein, dass es irgendwann einmal gar keine Ethnien mehr gibt.

Bei Ethnien handelt es sich aber um soziale Objekte, die es vermutlich schon gibt, seit der Homo Sapiens auf die Weltbühne getreten ist (Azar Gat, S. 29 ff). Das heißt natürlich nicht, dass alle heute existierenden Ethnien sich bis zum Anfang der Menschheitsgeschichte zurückverfolgen lassen. Im Laufe der geschichtlichen Entwicklung sind unzählige Ethnien – wie etwa die Sumerer – untergegangen und eine Vielzahl von Ethnien neu entstanden.

Da es staatliche Ordnungen aber selbst bei Verwendung großzügiger Definitionen erst seit etwa 2000 Jahren gibt, müssen ontogenetisch Ethnien staatlichen Ordnungen vorhergegangen sein. Falsch wäre es allerdings, aus dieser Tatsache zu schließen, dass alle heute bestehenden Ethnien als unabhängig von staatlicher Machtausübung gedacht werden können. Im Gegenteil, es würde sogar bestimmte Ethnien ohne staatliche Machtausübung überhaupt nicht geben (ebd. S.3).

Was sind Ethnien?

Folgt man dem israelischen Historiker Azar Gat, ist eine Ethnie eine Gruppe von Menschen, die sich durch verwandtschaftliche Beziehungen, eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Kultur auszeichnen. Eine Ethnie muss man sich nach Meinung Gats also als eine erweiterte Familie denken. Sie ist damit keine Abstammungsgemeinschaft (ebd. S.18), oder zumindest nicht nur. Denn zu einer Familie gehören z.B. auch die Ehepartner und die Schwiegereltern.

Es scheint nun eine anthropologisch verankerte Eigenschaft von Menschen zu sein, dass verwandtschaftliche Beziehungen zwischen ihnen die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Handlungen sich unter den geeigneten Bedingungen an den Interessen eines Anderen orientieren (S.69). Diese Tatsache erklärt, warum Menschen trotz allen Versuchen großer Religionen und Moralphilosophen, sie zu moralischen Universalisten erziehen zu wollen, moralische Partikularisten geblieben sind. Sie eben in der Praxis ihre Handlungen umso eher und umso mehr an den Interessen Anderer orientieren, um so enger das „Verwandtschaftsverhältnis“ mit dem jeweils Anderen gesehen wird und umgekehrt.

Wenn der Begriff der Ethnie auf eine über Verwandtschaftsbeziehungen verbundene Gemeinschaft von Menschen referiert, erklärt sich die von nahezu niemandem bestrittene Bedeutung, die der Sprache bei der Abgrenzung zwischen verschiedenen Ethnien zukommt. Die Sprache nämlich erlaubt es einerseits, sich untereinander zu verständigen und andererseits zwischen den „eigenen Leuten“ und „den Fremden“ zu unterscheiden.

Eine Ethnie zeichnet sich aber nicht nur durch eine gemeinsame Sprache in diesem engen Sinne aus. Von großer Bedeutung sind auch die über Sozialisationsprozesse erworbenen gemeinsamen Werthaltungen, Emotionen und Überzeugungen, die ganz bestimmte soziale Praktiken anleiten. Man spricht hier in der Regel vom kulturellen Hintergrund, könnte aber auch in Anlehnung an einen Begriff von Pierre Bourdieu treffender von einem „ethnischen Habitus“ sprechen.

Bourdieu charakterisiert den Habitus als ein „generatives Prinzip“ und vergleicht es mit der generativen Grammatik von Noam Chomsky (S.89 – 106). Dieses Input/Output Modell des Spracherwerbs liegt auch dem Begriff des Habitus von Bourdieu zugrunde. Der Input ist hier die Wahrnehmung bestimmter Tatsachen und der Output sind hier (nicht-sprachliche) Handlungen. Ein Habitus ist nach Meinung Bourdieus allerdings nicht wie die kognitiven Strukturen, auf denen der Spracherwerb beruht, angeboren, sondern konstituiert sich durch ein Bündel erworbener Dispositionen.

Diese Handlungsdispositionen stellten sicher, dass „das soziale Spiel […] geregelt, [dass] es Regelmäßigkeiten unterworfen ist“. „Was darin geschieht, vollzieht sich auf regelmäßige Weise“. Trotzdem sei es falsch, aufgrund dieser Regelmäßigkeit des Verhaltens zu schließen, dass diesem Verhalten eine „Befolgung von Regeln zugrunde liege“ (S.85 ff).

Ein solches Verhalten kann man als normgeleitet bezeichnen und von einem regelgeleiteten Handeln unterscheiden. Regelgeleite Handlungen sind dabei auf befehlsartige Anweisungen, während normengleitete Handlungen auf soziale Lernprozesse zurückzuführen sind. Es ist weitgehend anerkannt, dass neben angeborenen auch durch solche Lernprozesse implementierten Handlungsdispositionen den Rahmen abstecken, innerhalb dessen ein Staat mit gesetzesähnlichen Anweisungen ausreichend Akzeptanz bei seinen Bürgern finden kann.

Homogenität und Heterogenität

Im Folgenden möchte ich anstatt von „Mulitkulturalität“ – in Übereinstimmung mit dem in der englischen Fachliteratur oft verwendeten Begriff der „ethnic diversity“ – von „ethnischer Heterogenität“ sprechen.

Mit den Begriffen der „Homogenität“ und „Heterogenität“ werden Eigenschaften eine Gruppe von Personen zum Ausdruck gebracht. Eine bestimmte Gruppe wäre korrekt als vollkommen ethnisch homogen auszuzeichnen, wenn alle Personen dieser Gruppe Eigenschaften haben, die mit dem Begriff der „Ethnie“ bezeichnet werden. Vollkommen ethnisch heterogen wäre eine solche Gruppe dann, wenn keine Person einer bestimmten Gruppe diese Eigenschaften mit einer anderen teilt.

In der Realität gibt es ganz ohne Zweifel keine vollkommen ethnisch homogenen Großgruppen. Unterschiedliche Ethnien in der wirklichen Welt können sich irgendwo zwischen „sehr stark“ und „sehr wenig“ voneinander unterscheiden. Teilweise stellt sich sogar die Frage, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, von unterschiedlichen Ethnien zu sprechen. So kann man durchaus fragen, ob Schwaben und Friesen trotz unbestreitbarer kultureller Unterschiede einer oder zwei ethnischen Gruppen zuzuordnen sind. Wobei fraglos ein Deutscher und ein Japaner zwei sehr unterschiedlichen Ethnien angehören. Unterschiedliche Ethnien sind sich also mehr oder weniger ähnlich.

Selbstverständlich gibt es unzählige Beispiele für ein friedliches Zusammenleben von Menschen, die unterschiedlichen Ethnien angehören. Daher mag man sich mit der Versicherung beruhigen, dass „die Feindschaft zwischen unterschiedlichen Volksgruppen [nichts] Zwangsläufiges, Unvermeidliches“ hat. Dennoch sollte es doch zu denken geben, wenn man gleichzeitig konzedieren muss, dass „eine große Zahl der gewaltsam ausgetragenen innerstaatlichen Konflikte der vergangenen Jahre einen ethnischen Hintergrund“ hat.

Die meisten Kulturanthropologen und Ethnologen überrascht dieser Befund nicht. Zwar zeichnen sich nach deren Meinung alle Ethnien durch einen ihnen eigenen Habitus aus, der es ihren Mitgliedern erlaubt hat, zumindest ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dennoch kann sich der Habitus zweier Ethnien so massiv voneinander unterscheiden, dass eine erfolgreiche Kooperation zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Ethnien nicht mehr möglich ist.

Wenig überraschend belegt daher die historische Evidenz, dass das „Nationbuilding“ umso leichter gelingt, je ähnlicher sich der ethnische Hintergrund der Menschen ist, die eine Staatsnation bilden sollen und umgekehrt. So hat zum Beispiel die willkürliche Grenzziehung der ehemaligen Kolonialmächte in Afrika zu einer Vielzahl von innerstaatlichen ethnischen Konflikten Anlass gegeben.

Daraus folgt natürlich nicht, dass ein ethnischer Habitus „besser“ oder „schlechter“ als ein anderer ist. Es verhält sich hier ganz ähnlich wie z.B. mit der Konvention auf der rechten bzw. auf der linken Straßenseite zu fahren. Keine Alternative ist per se „besser“ oder „schlechter“. Was jedoch nicht geht, ist, dass ein Teil der Verkehrsteilnehmer auf der rechten und ein anderer auf der linken Straßenseite fährt.

Eine Schwierigkeit das Zusammenleben von Mitgliedern unterschiedlicher Ethnien zu gewährleisten, besteht daher darin, ihre Überzeugungen, Werthaltungen, Emotionen etc. so zu verändern, dass die Habitus miteinander kompatibel sind und so zumindest ernsthafte Konflikte zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Ethnien ausbleiben. Das aber schon scheint nicht ganz so einfach zu sein, wie sich das viele Befürworter einer multikulturellen Gesellschaft vorgestellt haben.

National- und Vielvölkerstaat

Ob Ethnien in modernen Industriegesellschaften überhaupt noch eine Rolle spielen, und wenn ja welche, ist mehr als nur umstritten. Dennoch basieren viele Begriffe – wie etwa der des Kleinstaats, Nationalstaats, Vielvölkerstaats und des Imperiums, mit denen unterschiedliche Staatstypen ausgezeichnet werden sollen – auf der Annahme, dass die Bevölkerung eines Staates unterschiedlichen Ethnien zugeordnet werden kann.

Ich möchte an dieser Stelle zwischen zwei solchen Typen von Staaten unterscheiden. Auf der einen Seite dem National- und auf der anderen dem Vielvölkerstaat. Ein Vielvölkerstaat zeichne sich durch eine relativ große ethnische Heterogenität und ein Nationalstaat durch eine relativ große ethnische Homogenität aus. Die Schweiz ist nach dieser Sprachregelung kein National-, sondern ein Vielvölkerstaat. Japan wäre dagegen ohne Zweifel als Nationalstaat auszuzeichnen, da nur 1% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat.

Die Schweiz bestätigt zweifellos die These von Habermas. Man kann natürlich auch als Vertreter der Habermaschen These trotzdem konzedieren, dass die Zuwanderung von einer großen Anzahl von Menschen kurzfristig mit zum Teil erheblichen gesellschaftlichen Problemen verbunden ist. Man wird aber bestreiten, dass die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung ein bedeutsamer Faktor für die staatliche Fähigkeit darstellt, für einen fairen Interessenausgleich zwischen seinen Bürgern zu sorgen.

In diesem Zusammenhang auf sogenannte Einwanderungsländer wie die USA zu verweisen, zeugt allerdings von einem Mangel an historischem Wissen. Zwar sind die USA ein Einwanderungsland in dem Sinne, dass der Großteil der Vorfahren der amerikanischen Bürger von einem anderen Land nach Amerika ausgewandert sind. Aber dennoch war ihre Bürgerschaft, wie Samuel Huntington darlegt, über einen Großteil seiner Geschichte hinweg weitgehend ethnisch homogen:

„Überwältigend weiß (aufgrund des Ausschlusses von Schwarzen und Indianern von der Staatsbürgerschaft), britisch und protestantisch, im Großen und Ganzen eine gemeinsame Kultur teilend und überwältigend den Prinzipien verpflichtet, die in der Unabhängigkeitserklärung, der Verfassung und anderen Gründungsdokumenten verankert sind“. (S. 11).

Eine Einwanderungsgesellschaft im Sinne Habermas‘ wurde die USA erst seit ca. Mitte des 19 Jahrhunderts. Verbunden damit waren erhebliche soziale Spannungen, die immer wieder mit gesetzlichen Restriktionen der Einwanderung verbunden waren. Allerdings führte die Einwanderung bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhundert, als sie dann massiv eingeschränkt wurde, gerade nicht zu einer multikulturellen Gesellschaft. Die Einwanderer nämlich assimilierten sich kulturell weitgehend und wurden über die Zeit Teil einer amerikanischen Ethnie im oben definierten Sinne. Das änderte sich erst mit der Aufhebung gesetzlicher Einwanderungsrestriktionen seit Mitte der 60er Jahre, die die USA tatsächlich zu einem relativ ethnisch heterogenen Staat machten.

Sind Hellers Ausführungen korrekt, dann folgt daraus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nationalstaat rechtsstaatlich, demokratisch und sozial verfasst ist, größer ist als das bei einem Vielvölkerstaat der Fall ist. Heller würde daher wohl mit dem in den USA lehrenden deutschen Politologen Yascha Mounk übereinstimmen, der meint, mit der Zuwanderung einer großen Anzahl von Menschen mit einem anderen ethnischen Hintergrund werde „ein historisch einzigartiges Experiment gewagt“. Er würde aber Mounks Meinung entschieden widersprechen, dass es „klappen“ könne, „eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln“.

Damit soll nicht gesagt sein, dass es keine funktionsfähigen Vielvölkerstaaten gab, gibt oder in Zukunft geben wird, die größer als die Schweiz sind beziehungsweise waren. Imperien sind ein schlagendes historisches Gegenbeispiel. Deren politische Ordnung kann aber nicht als demokratisch charakterisiert werden. Wie Azar Gat anhand einer Vielzahl von Beispielen belegt, handelte es sich bei Vielvölkerstaaten ganz überwiegend um autoritäre oder totalitäre Regime (S. 319ff.) Darüber hinaus ist es für die Mehrzahl stabiler Vielvölkerstaaten charakteristisch, dass sie über einen relativ homogenen ethnischen Kern verfügen. Den Mitgliedern dieses Kerns werden aber meist Privilegien zuteil, die dem demokratischen Ideal der Gleichbehandlung aller Bürger eklatant widersprechen (ebd. S. 111 -131).

Wir erinnern uns: Nach Heller besteht die Aufgabe eines demokratischen Rechtsstaats darin, für einen fairen Interessenausgleich zwischen allen seinen Bürgern zu sorgen. Ein solcher Interessenausgleich aber erfordere die Bereitschaft aller Bürger auch jenen staatlichen Regelsetzungen entsprechend zu handeln, die ihre Interessen negativ tangieren. Das aber erscheint Heller nur dann möglich, wenn die Regeladressaten über ein entsprechendes Wir-Bewusstsein verfügen. Ein solches Bewusstsein setze aber wiederum voraus, dass die entsprechenden Menschen Teil einer „eigenartigen geistigen Gemeinschaft“ sind. Anders ausgedrückt, ein fairer Interessenausgleich ist nach Meinung Hellers nur im Rahmen eines Nationalstaates vorstellbar.

Aber kann ein Wir-Bewusstsein überhaupt eine ethnische Basis haben, wenn man wie ich eine Ethnie über Verwandtschafsbeziehungen bestimmt? Es ist doch ganz offensichtlich, mag man einwenden, dass Menschen, die Mitglieder staatlicher Ordnungen sind, nicht alle miteinander verwandt sein können. Da sei zweifelsohne richtig, so Pierre van den Berghe, aber daraus könne man keineswegs schließen, dass sich ein Staatsvolk ex nihilo kreeiren lässt, indem man dekrediert, sie sollten sich als Verwandte erachten. Damit sich eine Gruppe von Menschen als in verwandtschaftlichen Beziehungen stehend erachten kann, müsse sie notwendig Teil einer historischen Überlieferungsgemeinschaft sein (S. 27).

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen muss die Vorstellung, man könne einer beliebigen Gruppe von Menschen mithilfe entsprechender „Erziehungsmaßnahmen“ allein ein Wir-Bewusstsein implementieren, als illusorisch gelten. Die Geschichte der Sowjetunion mit ihrem Versuch den „Sowjetmenschen“ zu schaffen, stellt reichlich Material für eine empirische Bestätigung dieser These zur Verfügung.

Fazit und Ausblick

Wer den von Heller motivierten Überlegungen zustimmt, der wird nicht darum herumkommen, sich mit der Migrationsfrage in seiner ganzen Komplexität auseinanderzusetzen. Keineswegs ist es dann damit getan, darauf hinzuweisen, „dass wir längst in multikulturellen oder bunten Gesellschaften leben“. Denn sollte Heller Recht haben, dann wird mit dieser unbestreitbaren Tatsache ein Problem benannt, zu dem man sich politisch verhalten muss.

Die Frage ist, ob die Probleme, die sich „bunten Gesellschaften“ stellen, im Rahmen eines demokratisch organisierten Staates lösbar sind – und wenn ja, wie. Diese Frage ist keineswegs neu. Sie hat Gesellschaftswissenschaftler bereits in den 60er Jahren beschäftigt. Pierre van den Berghe kam 1981 auf  Basis dieser Diskussionen und umfangreicher Fallstudien zu einem eher pessimistischen Ergebnis. Einigermaßen stabile multiethnische staatliche Ordnungen seien gar die Ausnahme und man müsse sich fragen, ob die Beispiele „erfolgreicher“ Vielvölkerstaaten als ein Sieg der Demokratie oder vielleicht doch eher als ein Sieg einer multiethnischen Elite über die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder zu gelten habe (S. 212).

Wohlgemerkt, die Aussagen van den Berghes über die Fragilität von Vielvölkerstaaten wurden noch vor dem Fall der Sowjetunion und der sich daran anschließenden ethnischen Konflikte, die zu einer Gründung einer Vielzahl neuer Staaten führten, getätigt. Sie wurden inzwischen durch diese Erfahrungen und, worauf ich oben schon hingewiesen habe, durch eine Vielzahl weiter Studien bestätigt. Diese Befunde mag man als moralisch bedenkliche Zustände bewerten, aber wer sie in seinem politischen Handeln ausblendet, der spielt mit dem Feuer.

Sind damit Heller und alle, die seinen Überlegungen folgen, als Parteigänger der „fremdenfeindlichen“ AfD entlarvt? Was AfDler und Hellerianer sicher eint, ist die Sorge, dass der Versuch, Deutschland zu einem Vielvölkerstaat zu machen, äußerst negative Folgen gezeitigt hat.

Während die Sorge, die die Mehrheit der AfD-Mitglieder wohl umtreibt, mit der Rede Thilo Sarrazins von der „feindlichen Übernahme“ benannt wird, sorgen sich Hellerianer vielmehr darum, dass damit der Ausbau eines „autoritären Liberalismus“ (Band 2, S. 643 – 653) befördert wird. Kurz gesagt, argumentiert die AfD primär kulturalistisch, Hellerianer dagegen sozioökonomisch.

Für die AfD ist die Einwanderung Ursache vieler wirtschaftlicher und sozialer Probleme. Häufig fungiert „der Fremde“ – insbesondere dann, wenn er ein Moslem ist – als Sündenbock. Für Hellerianer dagegen ist Migration ein Symptom einer bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklung, die üblicherweise mit dem Namen Globalisierung bezeichnet wird.

Im nächsten Teil dieser Artikelserie möchte ich diese Unterschiede zwischen einer kulturalistischen und soziökonomischen Migrationsskepsis etwas genauer herausarbeiten .

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