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Aufgelesen | 02.07.2019

Preise, Zins und Wechselkurse

Der Westend-Verlag bringt heute eine Neuauflage des lange vergriffenen Buches von Heiner Flassbeck mit dem obigen Titel heraus. Nach dem Buch wurde auch von unseren Lesern immer wieder gefragt.

Dank der Bereitschaft eines MAKROSKOP -Lesers, das Buch vollständig zu digitalisieren, wurde diese neue Auflage möglich gemacht. Heiner Flassbeck hat die Arbeit durchgehend neu kommentiert und dabei deutlich gemacht, wie sehr auch er ein Kind seiner Zeit gewesen und damit den damals herrschenden Strömungen unterlegen ist.

Gleichwohl glaubt er, dass das Buch auch heute noch wichtige Erkenntnisse enthält, die der Mainstream vernachlässigt. Insbesondere ist es ihm ein Anliegen, deutlich zu machen, dass ein Land, das fairen Außenhandel mit seinen Nachbarn treiben will, nicht umhinkommt, auch monetär mit diesen Ländern zu kooperieren. Die Vorstellung, es gebe monetäre Autonomie bei relativ freiem Handel, der von Generationen von Ökonomen vertreten wurde, ist nach seiner Meinung falsch.

Der Übergang zu einem System flexibler bzw. marktbestimmter Wechselkurse nach dem Ende von Bretton Woods war ein eklatanter Fehler. Aber auch die Europäische Währungsunion, die eine Alternative zu flexiblen Wechselkursen hätte sein können, war, wie unsere Leser wissen, ebenfalls auf fragwürdigen ökonomischen Thesen aufgebaut. So ist es weiterhin notwendig, über die Beziehung von Handel, Finanzen und die Rolle der Währungsrelationen dabei intensiv nachzudenken.

Hier eine Leseprobe aus dem heute erscheinenden Buch:

„Das alles heißt nicht, dass es bei flexiblen Wechselkursen nicht zu Anpassungen kommt. Das heißt nur, dass das System flexibler Wechselkurse nicht, wie oft angenommen, auf eine kontinuierliche Art und Weise arbeiten kann. In Wirklichkeit wird die Funktionsweise dieses Währungssystems vielmehr der eines Systems mit festen, aber anpassungsfähigen Paritäten sehr ähnlich sein. Eine ursprünglich geringe Störung etwa, die eine Verschlechterung der Wettbewerbssituation mit sich bringt, wird keinesfalls sehr schnell; auch zu einer sichtbaren Verschlechterung der Zahlungsbilanzsituation führen! Aber auch nachdem es zu einem deutlichen Defizit der Handelsbilanz gekommen ist, mag das betreffende Land noch über höhere Geldzinsen die Zahlungsbilanz ausgleichen können. Wir können beobachten, dass der Wechselkurs solcher Länder noch weitgehend den Zinsdifferenzen folgt, wenn das Problem schon sichtbar und für einige Zeit praktisch unabwendbar geworden ist. Dies ist auch theoretisch unmittelbar einsichtig. Für den Marktteilnehmer am Devisenmarkt gibt es keinen Anlass, seine Dispositionen zu ändern, solange nicht ein allgemeines Misstrauen in die betreffende Währung entsteht. Wann und aufgrund welcher konkreten Informationen dies der Fall sein wird, ist völlig offen. Es gibt in einem System nationaler Papierwährungen keinen Mechanismus, der – außer in dem fiktiven Fall reinen Warenverkehrs – schon vorher für eine rechtzeitige kontinuierliche Anpassung sorgen würde.

Eine Anpassung mit großer Instabilität der Wechselkursbewegungen ist aber auch die einzige Art und Weise, durch die das System Anpassungen ermöglicht. Kontinuierliche Wechselkursänderungen wären, selbst wenn sie ohne große Friktionen möglich erschienen, für Anpassungen an externe Ungleichgewichte funktionslos. Ein vorhersehbarer Gleichgewichtskurs, der ja letztlich einer Kaufkraftparität entsprechen müsste, brächte die internen und externen Probleme einer Stabilisierung dieser Kaufkraftparität mit sich und ein (potentiell) vorhandener, aber nicht den Entscheidungskalkülen der Devisenmarktteilnehmer zugänglicher (denkbarer) ‚Gleichgewichtswert‘ des Wechselkurses könnte Instabilität nicht verhindern“.

Entscheidender Punkt der Überlegungen ist, dass man nicht annehmen kann, der Devisenmarkt sei mit Informationen darüber ausgestattet, ob überhaupt eine und welche Wechselkursbewegung der Ausgangsstörung angemessen ist. Solche Informationen wären aber insbesondere dann notwendig, wenn es nicht nur um marginale Veränderungen der Güterströme und des Wechselkurses unter ceteris-paribus-Bedingungen geht. Bei einer komplexen, von den Vermögensmärkten dominierten Determination der Kurse am Devisenmarkt können einzelne Störungen immer eine besondere Dynamik entwickeln, denn ein bedeutender Teil des Angebots und der Nachfrage wird hier nicht von Informationen geleitet, die die Lösung des Zahlungsbilanzproblems implizieren, sondern in erster Linie von Erwartungen über die normale (durchschnittliche) Erwartung, d.h., von dem Versuch vorherzusehen, welches die Einschätzung der anderen Marktteilnehmer bezüglich der weiteren Entwicklung des Wechselkurses sein wird. Schon Wicksell hat das sehr deutlich beschrieben: „However, as the general public has no other means of gauging these prospects than the mere fact that the exchange is rising or falling, any alteration in the rate of exchange easily tends to intensify itself for a time, just as an incidental alteration in the price of some commodity may, at first, have the opposite effect on demand and supply to that which is represented by economic theory“.

Dieses „Abschätzungsproblem“ hat gerade am Devisenmarkt eine alles überragende Bedeutung. Während an den Gütermärkten der Spekulant damit rechnen muss, dass nicht-spekulative Nachfrage und Angebot groß genug sind, um das „Überschießen“ in überschaubaren Zeiträumen zu korrigieren, ist das Gewicht nichtspekulativer Ströme am Devisenmarkt wegen der Dominanz der Vermögensmärkte nicht groß genug, um rein spekulative Bewegungen abzumildern. Noch wichtiger ist freilich, dass am Devisenmarkt – im Gegensatz zu Gütermärkten – die der klassischen Wettbewerbsidee zugrundeliegende Unverbundenheit der Marktteilnehmer nicht gegeben ist. Die notwendigerweise verlangte Interpretation makroökonomischer Entwicklungen führt dazu, dass sich Verhaltensmuster herausbilden, die bestimmte Ereignisse mit bestimmten Bewegungen des Wechselkurses verknüpfen, weil jeder einzelne Marktteilnehmer erwarten kann, dass alle anderen das eingespielte Verhaltensmuster übernehmen werden.

Wenn es aber eher die Regel als die Ausnahme ist, dass Wechselkursänderungen die Erwartung weiterer Änderungen hervorrufen, dann sind bei allen Störungen auf Güter- und Kapitalmärkten Rückwirkungen auf die Kapitalverkehrsströme zu erwarten, die destabilisierend wirken können. Dann erleichtern Wechselkursänderungen das Anpassungsproblem nur zufällig, nicht aber regelmäßig und in keinem Fall berechenbar.

Insgesamt gesehen gibt es wenig überzeugende Argumente für die Annahme, dass in einem System flexibler Wechselkurse der Restriktion, die die Zahlungsbilanz (der Außenhandel) auferlegt, weniger Beachtung von Seiten der Wirtschaftspolitik geschenkt werden muss. Der (potentielle) Konflikt zwischen externem und internem Gleichgewicht ist nicht aufgehoben. Zu sagen, der Mechanismus eines am Devisenmarkt ohne Eingriffe staatlicher Institutionen bestimmten Wechselkurses könne ohne weiteres und in jedem Zeitraum den Ausgleich der Leistungsbilanz mit der Kapitalverkehrsbilanz zustande bringen und dies sei die Aufhebung der Zahlungsbilanzrestriktion, ist leer oder falsch.“

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