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Weltwirtschaft | 26.07.2019 (editiert am 06.08.2019)

Störungen in der Handelswelt

Neuste Zahlen der internationalen Wirtschaftsinstitute deuten auf eine allgemeinere Depression der globalen Nachfrage hin. Die Wachstumsdynamik ist verschwunden. Schuld daran ist nicht nur der Handelskrieg zwischen den USA und China.

Der Welthandel befindet sich in einer Phase der Verlangsamung. Nachdem sich das Wachstum des Welthandelsvolumens von 2,3 und 1,6 Prozent in den Jahren 2015 und 2016 auf 4,6 Prozent im Jahr 2017 leicht erholt hatte, ging das Wachstum nach Schätzungen der Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2018 auf 3,0 Prozent zurück.

Abbildung 1

Vor allem in den letzten Quartalen war die Verlangsamung stärker. Die vom Netherlands Centraal Planbureau (CPB) geschätzten Wachstumsraten gegenüber dem Vorquartal deuten darauf hin, dass das Handelswachstum von 1,1 Prozent im dritten Quartal auf -0,6 Prozent im vierten Quartal 2018 und -0,3 Prozent im ersten Quartal 2019 zurückging.

Abbildung 2

Auch die Prognose sieht nicht besser aus. Der im Mai 2019 veröffentlichte World Trade Outlook Indicator (WTOI) der WTO lag beispielsweise deutlich unter seinem Ausgangswert von 100, nämlich bei 96,3 und damit auf dem schwächsten Stand seit 2010. Das zeigt, dass das Wachstum des Welthandels in der ersten Jahreshälfte dieses Jahres zurückgegangen ist. Entsprechend kommentiert die WTO:

„Die Aussichten für den Handel können sich weiter verschlechtern, wenn die verschärften Handelsspannungen nicht gelöst werden oder die Politik nicht auf die veränderten makroökonomischen Umstände reagiert.“

Der von den USA intensivierte Handels- und Technologiekrieg mit China wird als Grund für die Verlangsamung des Welthandels ausgemacht. Mehrere Vergeltungsentscheidungen gipfelten in einer Eskalationsspirale mit stetig steigenden Zöllen und der Bemühung der USA, den chinesischen Telekommunikationsriesen Huawei zu lähmen.

Dabei dürfte China der größte Verlierer des Handelskriegs sein. Die US-Importe chinesischer Waren sind von 52,2 Milliarden Dollar im Oktober 2018 auf 31,2 Milliarden Dollar im März 2019 gesunken, verglichen mit 38,3 Milliarden Dollar im Jahr zuvor. Die Auswirkungen für die USA waren in absoluten Zahlen geringer. Die US-Exporte nach China sind lediglich von 12,4 Milliarden Dollar im März 2018 auf 10,4 Milliarden Dollar im gleichen Monat dieses Jahres gesunken. Dies liegt zum Teil daran, dass China angesichts seiner eigenen anhaltenden Exportabhängigkeit vorsichtig auf die provokativen Maßnahmen der Trump-Regierung reagiert hat. Ohnehin versucht das Reich der Mitte, das Wachstum weg vom Export und hin zum Binnenmarkt zu verschieben.

Abbildung 3

Die USA rechtfertigen ihre Vorgehensweise mit Verweis auf umstrittene Handlungen der Chinesen – etwa unfaire Handelsgesetze und -praktiken, die Zwangsaneignung von geistigem Eigentum von US-Unternehmen bis hin zu Maßnahmen, die die nationale Sicherheit der USA gefährden. Dies führt wiederum zu Folgeeffekten, darunter zu ähnlichen Maßnahmen gegen andere Länder, insbesondere die EU.

China war aufgrund seines raschen Wachstums, seiner wachsenden Nachfrage nach Rohstoffen und Zwischenprodukten sowie seiner Rolle als Exportplattform für globale Produktionsketten in der Endphase eine wichtige Quelle der Importnachfrage in der Weltwirtschaft. Jede Beeinträchtigung im chinesischen Handel, die auf die Maßnahmen der USA zurückzuführen sind, wird sich daher nachteilig auf den gesamten Welthandel auswirken.

Auch wenn die Rolle der USA als wirtschaftlicher Aggressor nicht geleugnet werden kann, scheint der Handelsstreit nicht der einzige Grund für die Negativentwicklung zu sein. Die Auswirkungen des Handelskrieges machen sich in verschiedener Hinsicht bemerkbar. Daher lässt sich nicht genau bestimmen, bis zu welchem Grad der Konflikt zur Verlangsamung des Welthandels beiträgt.

Zumal der Handelskrieg auch positive Auswirkungen auf das Wachstum innerhalb und außerhalb Chinas hat. Zunächst einmal würde er zu einer Umleitung des Exportgeschäfts zwischen den USA und China führen – weg von chinesischen und amerikanischen Exporteuren hin zu Lieferanten aus Drittländern. Falls es dazu kommt, bleibt das Gesamtvolumen des Welthandels unberührt. Für den Fall, dass chinesische und US-amerikanische Produzenten – die in der Vergangenheit durch den Importwettbewerb beeinträchtigt wurden – vom neuen Protektionismus profitieren, würden sich die wachstumsmindernden Auswirkungen der protektionistischen Maßnahmen mit den positiven Effekten neutralisieren.

Unter Berücksichtigung dieser Faktoren und mit dem Hinweis darauf, dass die Auswirkungen des Handelskrieges noch nicht überwunden sind, muss die jüngste Verlangsamung des Welthandels durch eine allgemeinere Verlangsamung der weltweiten Nachfrage erklärt werden. Der Rückgang des Importwachstums ist in allen Ländern mit Ausnahme der USA und Japans sichtbar. Vor allem im Euroraum, in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften, in Osteuropa/GUS und Lateinamerika ist er signifikant, während das Importvolumen in Afrika und im Nahen Osten stagniert. Das wertmäßige Wachstum der Importe zeigt ein besseres Bild. Vor allem die Preise für Kraftstoffe, die 2016 um 14,6 Prozent gesunken sind, verzeichneten positive Steigerungen von 22,2 Prozent im Jahr 2017 und 27,2 Prozent im Jahr 2018.

Bemerkenswert ist, dass sich das Importvolumenwachstum besonders ausgeprägt in den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas verlangsamt. Das deutet auf einen Verlust der Dynamik just in den Ländern hin, die man unmittelbar nach der Krise von 2007 als neue Wachstumspole ausmachte. An der Spitze dieses Trends liegt China. Dort gingen die Importe im ersten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 4,8 Prozent zurück.

All das deutet auf eine allgemeinere Depression der globalen Nachfrage hin, die zu einem Verlust der Wachstumsdynamik führt. In den BIP-Zahlen des IWF für das erste Quartal wird das nicht ausreichend erfasst, wodurch in der Folge deutlich positivere Einschätzungen zu den globalen Wachstumsaussichten abgegeben wurden.

Das grundlegende Scheitern hat die Politik der führenden OECD-Länder zu verantworten, die sich im Kampf gegen die seit einem Jahrzehnt andauernde Rezession auf monetäre Maßnahmen verlassen. Dieses Scheitern hat zu Widerständen gegen die von Unternehmen vorangetriebene Globalisierung geführt, die in dem Aufstieg von Trump, dem Brexit-Durcheinander und der Etablierung der extremen Rechten in Europa und anderswo zur Geltung kommt.

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