istock.com/coleong
IWF und Weltbank | 08.08.2019 (editiert am 13.08.2019)

Das schwierige Erbe von Bretton Woods

Im Juli war der 75. Jahrestag einer historischen Konferenz von 44 Ländern, die im Bretton Woods Resort in New Hampshire stattfand. Doch was ist in diesen 75 Jahren aus dem Erbe von Bretton Woods geworden?

Im Zuge der Bretton Woods (BW) Konferenz vom 1. bis 22. Juli 1944, noch während der Zweite Weltkrieg tobte, berieten John Maynard Keynes als Vertreter Großbritanniens und Harry Dexter White als Gesandter der USA über ein neues internationales Währungssystem. Denn die große Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre führten viele auf die Funktionsweise des Goldstandards zurück, der das Währungssystem der Zwischenkriegszeit prägte.

Die Sowjetunion, immerhin an der Schaffung der BW-Institutionen (BWIs) beteiligt, folgte der Einladung, einer der „Big Five“ im Nachkriegs-Regierungssystem zu werden – die dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen entsprachen – nicht.

Das Hauptziel der beiden Institutionen war, die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden durch Förderung des internationalen Wirtschaftswachstums und Stabilität zu schaffen. Gelingen sollte dies mithilfe eines neuen internationalen Währungssystems mit stabilen Währungen, einem effizienten Devisensystem und ohne wettbewerbsverzerrende Währungsabwertungen.

So wurden auf der Bretton Woods Konferenz der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) gegründet. Der IWF und die Gruppe der Weltbank (WB), einschließlich der IBRD, gehören somit zu den Bretton Woods Institutionen.

Der IWF sollte die Wechselkurse überwachen und den Ländern, die mit vorübergehenden Zahlungsbilanzschwierigkeiten zu kämpfen haben, Reservewährungen – in der Regel US-Dollar – leihen. Für die IBRD hingegen wurde vorgesehen, Kredite und andere Hilfen beim Wiederaufbau der vom Zweiten Weltkrieg verwüsteten Volkswirtschaften zu leisten und die Entwicklung der armen Länder in der postkolonialen Weltwirtschaft zu fördern.

Keynes wollte zudem ein drittes Organ installieren, die Internationale Handelsorganisation (ITO). Sie sollte den Handel ermöglichen, regulieren und fördern, um das Wirtschaftswachstum, die Transformation und die Stabilität der Nachkriegszeit zu gewährleisten. Aber dieser Vorschlag wurde später vom US-Kongress abgelehnt, weil die Amerikaner es vorzogen, den praktizierten Protektionismus seit dem 19. Jahrhundert fortzusetzen.

Dominanz der Industrieländer

Zu Beginn machte die „Basisabstimmung“ von „ein Land, eine Stimme“ fast die Hälfte der gesamten Stimmrechte im IWF aus. Im Laufe der Jahrzehnte jedoch ist der Anteil der „Basisabstimmung“ auf ein Achtel gesunken. Die verbliebenen Stimmrechte wurden durch eine komplexe Formel bestimmt, die die europäische Dominanz dank eines über Jahrzehnte gewachsenen innereuropäischen Handels aufrechterhält.

Als einflussreichster Einzelstaat dominieren die USA die BWI gemeinsam mit Westeuropa. Die beiden verständigten sich auf den Grundsatz, dass der Präsident der Weltbank ein Amerikaner sein sollte, während der IWF einen Europäer an der Spitze bekommen sollte – allerdings mit einem amerikanischen Stellvertreter.

Trotz einiger bescheidener Reformen ist die BWI-Regierung nach wie vor auf dieses Nordatlantische Bündnis ausgerichtet, ohne die sich verändernden Realitäten und aufstrebenden Wirtschaftsmächte zu berücksichtigen. Während die Europäer noch ein Drittel der IWF-Stimmen haben, liegt der Anteil Chinas bei 6,09 Prozent, Brasiliens bei 2,2 Prozent und Indiens bei 2,64 Prozent – weniger als Belgien, Holland und Luxemburg.

Daher überrascht es nicht, dass unabhängig von konträren Forderungen die BWI nur dann Entwicklungsländer unterstützen, wenn die ärmeren Länder die von ihnen diktierten wirtschaftspolitischen Reformen übernehmen.

Schädliche Abhängigkeitsverhältnisse

Sowohl der IWF als auch die Weltbank haben ihre Macht zur Stabilisierung, Liberalisierung und Privatisierung missbraucht, eine Agenda, die maßgeblich zu den „verlorenen Jahrzehnten“ der 1980er und 1990er Jahre beitrug. Die den Entwicklungsländern aufgezwungenen Reformen, angeblich um das Wachstum zu beschleunigen, führten zu einem durchschnittlichen Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens von 0,0 Prozent im Zeitraum zwischen 1980 und 1998. Von 1960 bis 1979 lag es noch bei 2,5 Prozent.

Die Entwicklungsländer erlebten mehrere Krisen aufgrund von „Mängeln bei der Gestaltung und Umsetzung der Reformstrategien“, so die Einschätzung der Weltbank selbst. Während die wirtschaftliche Ungleichheit in vielen Ländern zugenommen hat, wäre allerdings ohne Chinas Wachstum auch die globale Armut nach zwei Jahrzehnten IWF-WB-Reformen deutlich gestiegen.

Das Missmanagement des IWF während der asiatischen Krise von 1997 und 1998 ist inzwischen gut dokumentiert. Daraus geht hervor, dass die Maßnahmen des Währungsfonds die Krise nur verschärften, insbesondere in Indonesien. Kaum überraschend ist es da, dass politische Entscheidungsträger in Krisenländern privat behaupten, sie würden nie wieder die Hilfe des IWF in Anspruch nehmen.

Auf dem Höhepunkt der Asienkrise forderte Japan einen Asiatischen Währungsfonds, weil der IWF „Asien nicht kenne“ und „seine Hilfemaßnahmen der asiatischen Wirtschaft wahrscheinlich großen Schaden zufügen würden“. Allerdings wurde der Vorschlag aufgrund der starken US-Opposition abgelehnt.

Politische Einmischung

Die strategischen Interessen der Großmächte haben die Auszahlung finanzieller Mittel des BWI beeinflusst. Unter dem Vorwand, dass sie die Kriterien des BWI nicht erfüllten, haben beispielsweise Regime keine Kredite erhalten, die als feindselig gegenüber den Großmächten angesehen wurden.

Seit ihrer Gründung haben der IWF und die WB internationale Abkommen zu Menschen- und Arbeitsrechten verletzt. Gleichzeitig zeigten sie wenig Bedenken, Diktaturen zu unterstützen. Das zeigen unter anderem die Beispiele Chile, Brasilien, Nicaragua, Kongo-Kinshasa, die Philippinen, Indonesien und Rumänien, obwohl diese Regime nicht die offiziellen Kriterien der BWIs erfüllten und Menschenrechtsverletzungen evident waren.

Nicht zuletzt manipulierte der „Doing Business Report 2018“ der Weltbank Chiles Ranking, um die linke Regierung von Michelle Bachelet zu diskreditieren, und damit den konservativen Milliardär Sebastian Pinera bei der erfolgreichen Bewerbung um eine zweite Präsidentschaft zu unterstützen.

Als sich der damalige Chefökonom der Weltbank, Paul Romer, für diese unverhohlene politische Voreingenommenheit entschuldigte, folgte der unfreiwillige Rücktritt. Schon zuvor musste Joseph Stiglitz sein Amt nach seiner Kritik an der Vorgehensweise des IWF während der Asienkrise 1997 und 1998 niederlegen. Trotzdem erhielten beide nach ihrem Rücktritt den Nobelpreis (Stiglitz 2001 und Romer 2018).

Anmelden