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Konjunktur | 22.08.2019 (editiert am 02.09.2019)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Frühsommer 2019 – 3

Die Rezession in Europa löst keine wirtschaftspolitische Aktivität aus. Der Kontinent scheint gelähmt.  Immer noch verstehen nur wenige, was Paul Krugman jetzt klar ausgesprochen hat: „Die Welt hat ein Deutschland-Problem.“

Die Bauproduktion in der EWU stagnierte im Juni (Abbildung 1). In Deutschland und in Frankreich stieg sie zwar ganz leicht, aber das reichte nicht, um eine Belebung in ganz Europa herbeizuführen.

Abbildung 1

Auch in Südeuropa blieb es bei der langjährigen Stagnation (Abbildung 2). In Italien und Portugal geht es sogar wieder leicht abwärts, Spanien bewegt sich nicht.

Abbildung 2

In Osteuropa, wo ein Boom zu verzeichnen gewesen war, hat sich die Entwicklung ebenfalls beruhigt (Abbildung 3). Ungarn, das weit herausragte, scheint den Höhepunkt hinter sich zu haben.

Abbildung 3

In den hier betrachteten kleineren nördlichen Ländern ist die Expansion ebenfalls von einem langsameren Tempo abgelöst worden (Abbildung 4). Auch in Österreich, wo über mehrere Jahre ein kräftiger Aufschwung zu verzeichnen gewesen war, geht die Bauaktivität in ein ruhigeres Tempo über.

Abbildung 4

Der Einzelhandelsumsatz in Europa ist dank einer Zunahme in Deutschland im Juni gestiegen (Abbildung 5). Obwohl der Juni in Deutschland stark war, ist doch das zweite Quartal nur minimal höher als das erste. In Frankreich verflacht sich der Einzelhandel, was zeigt, dass die Restriktionen bei der Lohnpolitik, die von der Regierung Macron durchgesetzt wurden, weiterhin greifen.

Abbildung 5

In Südeuropa bleibt es vorerst bei der stetigen Zunahme in Portugal, doch ist abzuwarten, ob das angesichts der Schwäche der portugiesischen Industrie (siehe den zweiten Teil dieses Berichtes) anhält. Auch in Spanien hat sich der Umsatz leicht erhöht, während in Griechenland weiterhin Stagnation das Bild beherrscht (Abbildung 6). In Spanien hat das Statische Amt für das zweite Quartal immerhin die Zuwachsrate des BIP von den „traditionellen“ 0,7 Prozent auf 0,5 Prozent herabgesetzt. Aber auch das ist, wie wir einige Male gezeigt haben, mehr als fraglich.

Abbildung 6

Bei der Preisentwicklung hat die EWU erneut einen Rückschlag zu verzeichnen, weil die Inflationsrate wieder deutlich unter die Zielmarke gefallen ist (Abbildungen 7 und 8). In Griechenland und Spanien vor allem fällt die Rate rasch Richtung Null; in Italien lag die Rate im Juli bei 0,4 Prozent. Es ist offenkundig, dass die EZB überfordert ist mit der Aufgabe, ein Ziel von 1,9 Prozent zu erreichen.

Abbildung 7
Abbildung 8

Bei der Arbeitslosigkeit hat es in Italien eine deutlichere Abwärtsbewegung gegeben, während Frankreich nahezu stagniert (Abbildung 9). Die konjunkturelle Schwäche hat allerdings bis jetzt noch keine sichtbaren Spuren hinterlassen.

Abbildung 9

Das gilt auch für Südeuropa, wo die Raten in Spanien und in Griechenland allerdings noch immer sehr hoch sind (Abbildung 10).

Abbildung 10

„Die Welt hat ein Deutschland-Problem“

Paul Krugman hat in seiner Kolumne vor wenigen Tagen das ausgesprochen, was in Europa immer noch ein Tabu ist. Er hat Deutschland direkt verantwortlich gemacht für die weltwirtschaftliche Entwicklung. Europa komme nicht voran, weil Deutschland mit seiner fiskalischen Orthodoxie (der schwarzen Null) den gesamten Kontinent daran hindere, das zu tun, was nun auch angesichts negativer Zinsen an den Kapitalmärkten geboten sei.

Das ist vollkommen richtig und gehört in Europa unmittelbar auf den Tisch der verantwortlichen Politiker. Noch immer aber traut sich niemand, das offen anzusprechen. Wird es einmal gesagt, werden diejenigen sofort als Populisten oder Europafeinde abgewatscht. Dazu passt, dass man derzeit in Deutschland so tut, als sei die („fremdenfeindliche“) Lega aus dem Nichts und ohne jeden Grund so stark geworden, dass sie die ganze Macht will. Der Aufstieg der Lega ist – man mag es in Deutschland bestreiten, so lange man will – unmittelbar verbunden mit der Art und Weise, wie Deutschland in Europa seit Jahren fiskalische Orthodoxie predigt und durchsetzt.

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