Niall Ferguson, Bild:Fronteiras do Pensamento / CC BY-SA 2.0
Genial daneben | 14.08.2019

Eierkopf ohne Kopf

Wenn sich einer selbst einen Eierkopf nennt, ist Vorsicht geboten. Allzu oft verbirgt sich dahinter bloß eine hohle Nuss.

Niall Ferguson, der wortgewandte schottische Historiker, der allein schon deswegen in Europa die Leute vor Ehrfurcht erstarren lässt, weil er für ein paar Jahre in Harvard lehrte, hat ein klares und einfaches Weltbild: Alles Neoliberale ist gut, alles andere ist höchst verdächtig. Folglich hält er sich auch für kompetent, klare ökonomische Urteile zu fällen. Denn was könnte einen Historiker hindern, ökonomischen Sachverstand an den Tag zu legen, wenn doch offensichtlich ist, dass man nur nachplappern muss, was der Mainstream plappert, um von den meisten Medien in den Himmel gehoben zu werden?

In der NZZ räumt man ihm nun breiten Raum ein, um zu erklären, wie gefährlich die „Populisten“ überall auf der Welt sind, weil sie eine der wichtigsten und glaubwürdigsten Institutionen, die unsere westlichen Demokratien aufzuweisen haben, die unabhängigen Notenbanken, in die Schranken weisen. Allen voran Trump, für Ferguson „ der verrückt-schlaue Fuchs“, haben die Populisten nichts anders im Sinn, als die „Meister der Finanzen“ – das waren einmal die Notenbanker – dazu zu zwingen, sich mit dem profanen Alltag der Wirtschaft auseinanderzusetzen und, man höre und staune, Rezessionen zu bekämpfen. Ferguson beklagt:

„Die Bereitschaft von Notenbankern, zur Abwehr einer Rezession vorausschauend die Zinsen zu senken oder zumindest Zinssteigerungen und weitere «quantitative Verknappung» zu verwerfen, spiegelt eine grundlegende Verschiebung des ökonomischen Denkens wider. Nach 2008/09 nahm man an, die Krise bekämpfen zu müssen, um dann zum «Normalzustand» zurückzukehren – also die Zinsen auf ihr Niveau vor der Krise zu bringen. Doch das gegenteilige Argument – dass wir eine Jahrhundertstagnation und nicht nur einen zyklischen Durchhänger erleben – scheint im Moment die Oberhand gewonnen zu haben. Keiner glaubt jetzt mehr, dass die Zinsen wieder dort ankommen könnten, wo sie vor 2008 standen.“

 Das ist in der Tat eine revolutionäre „Verschiebung des ökonomischen Denkens“. Man hat festgestellt, dass nichts mehr so ist, wie es vorher war und reagiert darauf. Es ist für den Historiker nur ein Argument (und keine Tatsache), dass sich die Welt geändert hat und heute selbst nach einem langen Aufschwung wie in den USA von einer Inflationsgefahr nicht die Rede sein kann.

Was ist passiert? Sollte man nicht ein wenig empirische Forschung betreiben, um herauszufinden, warum die Welt nicht mehr so ist, wie sie war?

Die „Populisten“ sind das Problem

Nein, das muss man als prinzipienfester Historiker nicht. Man weiß ja, dass es nur die Populisten waren, die verhindert haben, dass die Zinsen ordnungsgemäß erhöht und die Haushalte ausgeglichen wurden:

„Eines muss man den Populisten lassen: Sie verstanden intuitiv, dass es verrückte (nicht im Sinn des verrückt-schlauen Fuchses) Züge trug, in der Welt nach der Krise Zinsen zu erhöhen und Haushalte auszugleichen; ausserdem verstanden sie, dass die Wähler den immer noch freier werdenden Handel und steigende Immigrantenzahlen leid waren. Es waren die Eierköpfe (darunter auch ich), die eine gesunde Währung und Sparsamkeit wünschten.“

 Ja, die Wähler waren einfach den freien Handel und die Immigration leid. Mit ihrer wirtschaftlichen Situation hatte das gar nichts zu tun, es war nur so eine Laune und die Populisten, populistisch, wie sie nun mal sind, haben das sofort gnadenlos ausgenutzt. Nur die Eierköpfe (laut Wikipedia ist das die Verbindung von Halbglatze mit hoher geistiger Leistung) wünschten sich das, was einfach immer zu wünschen ist – nämlich Preisstabilität und Sparsamkeit (Letzteres ist bei einem Schotten wahrscheinlich ebenso in den Genen verankert wie bei den meisten Deutschen).

Lagarde auf die Knie

Aber nicht nur in den USA sind die Sitten total verkommen, auch Europa ist nicht davor gefeit. Christine Lagarde muss unmittelbar nach ihrem Amtsantritt vor dem italienischen Populisten Matteo Salvini auf die Knie, der ihr sagen wird, dass sie gefälligst ökonomische Erschütterungen abzumildern habe. In den Worten des großen Historikers:

„Was die EZB angeht, so ist die Ernennung von Christine Lagarde als Nachfolgerin von Mario Draghi genau das, was Salvini, italienischer Innenminister (und De-facto-Ministerpräsident), braucht. Lagarde verachtet den Populismus nicht weniger als ihre amerikanischen oder britischen Kollegen. Doch wie diese versteht auch sie, dass es die Pflicht der Technokraten ist, die ökonomischen Erschütterungen abzumildern, die von den Populisten fortwährend erzeugt werden. Was also, wenn das Budgetdefizit Italiens in die Höhe schiesst? Die Technokraten wünschen sich, dass Deutschland Salvinis Beispiel folgen möge.“ (zu Fergusens Gunsten nehme ich einmal an, dass der letzte Satz schlicht falsch übersetzt wurde)

So einfach ist die Welt. Die Populisten erzeugen ökonomische Erschütterungen und die auf die Knie gezwungenen Technokraten tun, was nötig ist, um die Erschütterungen klein zu halten, statt zu tun, was ihre eigentliche Aufgabe ist, nämlich auf Teufel komm raus die Zinsen zu erhöhen und dafür zu sorgen, dass die Staaten sparsam sind, ganz gleich, was sonst geschieht.

Die selbsternannten Eierköpfe, die ungetrübt von jeder Kenntnis der relevanten Zusammenhänge und jeder Kenntnis der Sachlage daherreden, sind unser eigentliches Problem. Vergessen dürfen wir allerdings niemals: Laienökonomen wie Ferguson können sich in der Sache nur deswegen so sicher fühlen, weil sich auch der ökonomische Mainstream mit seinem Standardmodell der funktionierenden Märkte jeder kritischen Überprüfung entzieht. Solange das so ist, kann man als Historiker beim Wiederkäuen des neoliberalen Mainstreams einfach nichts falsch machen.

 

Anmelden