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BIP-Berechnung | 06.08.2019 (editiert am 13.08.2019)

Bundesregierung tarnt und täuscht weiter

Die offiziellen Zahlen zum BIP im vierten Quartal des vergangenen Jahres geben weiter Rätsel auf. Die Bundesregierung verwickelt sich in neue Widersprüche und bestätigt indirekt unsere Kritik.

Friederike Spiecker und ich hatten im Februar dieses Jahres die offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Berechnung des BIP im vierten Quartal 2018 in Frage gestellt. Das hatte die Fraktion von Die Linke im Bundestag aufgegriffen und in einer kleinen parlamentarischen Anfrage die Bundesregierung gefragt, was nach ihrer Ansicht die – gemessen an den schwachen Bereichen Industrie und Bau – relativ gute wirtschaftliche Entwicklung im vierten Quartal 2018 erklärt.

In ihrer Antwort schrieb die Bundesregierung:

Angesichts des im Vergleich zum Produzierenden Gewerbe mehr als doppelt so großen Gewichts der Dienstleistungen an der Bruttowertschöpfung wurde im vierten Quartal 2018 die rückläufige Entwicklung im Produzierenden Gewerbe durch das Wachstum im Dienstleistungsbereich ausgeglichen.

Makroskop hat dazu im April festgestellt:

Wer genau liest, merkt sofort, wie hier getrickst wird. Die Frage bezieht sich auf das Gewicht des produzierenden Gewerbes bei den Zahlen, die bei der Berechnung (Schätzung) des vierten Quartals vorhanden waren. Die Antwort bezieht sich auf das Gewicht der Dienstleistungen generell, also auf das Gewicht zu dem Zeitpunkt, wenn alle Zahlen vorhanden sind. Im Januar und Februar dieses Jahres waren aber für die Dienstleistungsbereiche keinerlei Produktionszahlen für das vierte Quartal 2018 bekannt.  

Damit in der Schätzung herauskommen kann, dass die Dienstleistungen einen Rückgang im produzierenden Gewerbe ausgeglichen haben, müsste man offenbar wissen, dass die Dienstleistungen im vierten Quartal besonders kräftig expandiert sind. Es gibt jedoch bis heute keinerlei Primärstatistiken aus dem Dienstleistungsbereich, auf die man ein solches Urteil stützen könnte. Noch weniger gab es Indikatoren, die bis Anfang Februar vorgelegen hätten, als das Amt seine Schätzung mit Regierungsbeamten diskutierte.

Daraufhin hat die Linke noch einmal gefragt und zwar ganz konkret:

Wie erklärt sich die Bundesregierung das gegenläufige positive Wachstum des Dienstleistungssektors im vierten Quartal 2018? Welche konkreten Indikatoren für das vierte Quartal liegen der Antwort auf Frage 1 und 3 (19/9479) zu Grunde?

Wie kann der allgemeine Hinweis auf ein höheres Gewicht des Dienstleistungssektors an der Bruttowertschöpfung den eindeutig zu beobachtenden Rückgang der Produktion des produzierenden Gewerbes im vierten Quartal 2018 ausgleichen und das Ausbleiben einer „technischen Rezession“ erklären?

Am 24. Juli gab es dazu eine Antwort der Bundesregierung, in der sie schreibt:

… Der Bundesregierung liegen Daten zur Bruttowertschöpfung (BWS) nach Wirtschaftsbereichen vor, die durch das Statistische Bundesamt im Rahmen der Fachserie 18 Reihe 1.3 vierteljährlich veröffentlicht werden. Die Erstveröffentlichung zum vierten Quartal 2018 ist am 22. Februar 2019 erschienen. Aus Tabelle 2.2.2 geht hervor, dass die BWS in den meisten Dienstleistungsbereichen und im Bausektor im Vergleich zum Vorquartal gestiegen ist, wohingegen die BWS im Produzierenden Gewerbe ohne Bau rückläufig war. Besonders stark stieg demnach die BWS im Baugewerbe (+2,2 Prozent) und in den Wirtschaftszweigen Informations- und Kommunikation (+0,6 Prozent) sowie Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit (+0,4 Prozent). Da die Dienstleistungen insgesamt im Vergleich zum Produzierenden Gewerbe ein mehr als doppelt so großes Gewicht an der gesamten Bruttowertschöpfung haben, konnten die positiven Entwicklungen in diesem Bereich die rückläufige Entwicklung im Produzierenden Gewerbe überkompensieren. Dies führte zu einer geringfügigen Zunahme des Bruttoinlandsprodukts im vierten Quartal 2018 (+0,02 Prozent), so dass eine technische Rezession ausblieb.

Ein Witz, aber kein besonders lustiger

Das ist nun wirklich ein Witz. Gefragt war, welche primärstatischen Zahlen für den Dienstleistungssektor bis zum 15. Februar (hier die Pressemitteilung) vorlagen, dem Zeitpunkt nämlich, als das Statistische Bundesamt seine erste Berechnung zum BIP im ersten Quartal vorlegte. Es muss also um Zahlen gehen, die etwas belegen, was das Bundesamt nur behauptet. Die Bundesregierung sagt nun, sie sei mit den Behauptungen des Bundesamtes voll zufrieden. Klar, wenn nur die Richtung stimmt, ist alles gut.

Wenn das Amt für das BIP eine Null hinschreibt (inzwischen hat sich daraus sogar ein minimales Plus von 0,02 Prozent „ergeben“) und die zu dem Zeitpunkt bekannten Zahlen (wie die Produktion in der Industrie und in der Bauwirtschaft zusammengenommen) für das vierte Quartal zeigen eindeutig ein Minus (wie wir das in dem ersten verlinkten Beitrag gezeigt haben), muss (und kann) man offenbar die Bereiche wie den Dienstleistungsbereich, für die man keine Zahlen hat, „hochjubeln“.

Die Bundesregierung stellt in ihrer Antwort fest, dass das Bundesamt am 22. Februar Zahlen geliefert hat, die immerhin richtig zusammengerechnet waren, weil tatsächlich trotz des Minus bei der Bruttowertschöpfung (BWS) im Produzierenden Gewerbe eine Abnahme des BIP ausblieb. Die Antwort auf die Frage, welche konkreten Indikatoren vorgelegen haben, die diese Rechnung des Amtes bestätigen, kann sie nicht geben, sondern redet um das Thema herum.

Mit ihrem Herumeiern und ihren lächerlichen „Erklärungen“ bestätigt die Bundesregierung indirekt unseren Verdacht, dass hier mit dem klaren Ziel vor Augen gerechnet wurde, eine technische Rezession (also zwei aufeinanderfolgende Quartale eines Rückgangs des BIP) zu vermeiden.

Im Nachhinein eindeutig falsche Dellenthese

Da jedoch inzwischen eine Rezession in der deutschen Wirtschaft offenkundig eingetreten ist, muss man konstatieren, dass das Bundesamt mit seiner These von einer konjunkturellen Delle im dritten Quartal des vergangenen Jahres fundamental daneben lag. Es ist auch nicht Aufgabe eines statistischen Amtes Prognosen abzugeben oder Einschätzungen dieser Art in die Welt zu setzen.

Durch die unsinnige Dellenthese sind wertvolle Monate im Kampf gegen den konjunkturellen Einbruch verlorengegangen. Die Bundesregierung sollte im eigenen Interesse dem Amt die klare Vorgabe machen, bei seinen Berechnungen Zurückhaltung bei der Interpretation zu üben, strikt bei den bekannten Daten zu bleiben und sich jeder ökonomischen Bewertung zu enthalten.

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