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Klima | 27.08.2019 (editiert am 19.09.2019)

Nicht das dringlichste Problem

Wissenschaft ist keine Veranstaltung, in der die Ideale der unbestechlichen Wahrheitsfindung bruchlos wirksam wären. Auch die Klimaaktivisten von Fridays for Future müssen das noch lernen.

Bei aller Prominenz und Dringlichkeit des Klimaproblems – es ist nicht das einzige und vielleicht nicht einmal das dringlichste Problem, mit dem die Menschheit heute konfrontiert ist. Das Naturverhältnis der menschlichen Gesellschaft gerät heute in vieler Hinsicht unter zunehmenden Stress und erscheint deshalb in vielfacher Weise fragil: durch schrumpfende Biodiversität, fortschreitende Waldzerstörung, Verlust von fruchtbaren Böden und Wasserressourcen, die unkontrollierte Ausdehnung der Siedlungsflächen und die ebenso wenig kontrollierte Freisetzung von Umweltgiften, um nur die wichtigsten zu nennen.

All diese Faktoren stehen untereinander und mit dem Klimawandel in Wechselwirkung, werden durch ihn teilweise verschärft und verschärfen ihn oft auch, wie dies zum Beispiel die Waldzerstörung tut. Der größte Feind der Biodiversität ist immer noch die industrialisierte Landwirtschaft, die allerdings auch zu den großen Emittenten von klimawirksamen Gasen gehört.

Die allergrößte Gefahr, der gegenüber weithin die denkbar größte Blindheit herrscht, ist sicher die eines Krieges, der bis zum Atomkrieg eskalieren könnte — eine Blindheit, die auch eine sich als kritische verstehende Intelligenzija größtenteils mit den konformistischen Rebellen der neuen Jugendbewegung Fridays for Future teilt.

Ganz zu schweigen vom politischen und medialen Führungspersonal, bei dem sich kindliche Ahnungslosigkeit mit dem zwanghaften Bedürfnis paart, männliche Stärke – beziehungsweise das, was man dafür hält – zu zeigen. Wobei die Damen, die an der Spitze der deutschen und jetzt auch der europäischen Politik stehen, dem gerne als solcher ausgebuhten Macho im Amt des US-Präsidenten kaum nachstehen.

Das Bulletin oft the Atomic Scientists stellte die Doomsday Clock letztes Jahr auf zwei Minuten vor Mitternacht, so nahe wie noch nie seit ihrer ersten Anzeige im Jahr 1947 – und nicht allein wegen des Klimawandels. Zeit, um vielleicht wieder den einen oder anderen Text von Günter Anders oder Max und Hedwig Born hervorzuholen.[1] Ein Atomkrieg, das ist seit nahezu vier Jahrzehnten klar, würde die Menschheit mit einem ganz andersartigen Klimaproblem konfrontieren: dem des nuklearen Winters.[2]

Man darf sich gerne fragen, wieviel mediale Aufmerksamkeit eine kleine Gruppe von Jugendlichen erhielte, die sich jeden Freitag vor dem Bundestag einfände, um für den Beitritt der Bundesrepublik zum Atomwaffenverbotsvertrag zu demonstrieren. In diesem Zusammenhang wäre den FfF-Kindern, die sich gerne auf ›die Wissenschaft‹ berufen, zu sagen, dass ›die Wissenschaft‹ die Folgen von ionisierender Strahlung im Allgemeinen und eines Atomkriegs mit all seinen zusätzlichen Effekten im Besonderen jahrzehntelang verharmlost hatte.

Erst von einigen kritischen Abweichlern angestoßen, setzte ein sich verbreiterndes Umdenken ein. Andersdenkende galten lange Zeit im harmlosesten Fall als Spinner, im schlimmsten Fall als ›fünfte Kolonne Moskaus‹. In der politischen Klasse wie auch in den Mainstream-Medien scheinen diese Sachverhalte weitgehend in Vergessenheit geraten, beziehungsweise an der jüngeren Journalisten-Generation ohnehin vorbeigegangen zu sein. Dazu passt, dass auch heute noch die Folgen des Einsatzes von Projektilen aus abgereichertem Uran, wie er im Irak und in Jugoslawien stattfand, verharmlost werden.

Wissenschaft ist in der Realität keine Veranstaltung, in der die Ideale der unbestechlichen Wahrheitsfindung bruchlos wirksam wären. Es ist eine institutionelle Praxis, die nicht nur politischem und finanziellem Druck unterliegt, sondern in der auch Antriebskräfte wie persönliche Eitelkeit, Neid, die Verfolgung materieller Interessen und nicht zuletzt Konformismus eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Schon der heute allgegenwärtige Zwang möglichst viel Drittmittel einzuwerben, um einem Lehrstuhl oder Institut die für nötig gehaltene Ausstattung zu sichern, ist der wissenschaftlichen Unabhängigkeit nur bedingt förderlich.

Die Wahrheit wird nicht von einer – zum Irrtum unfähigen – Institution namens ›die Wissenschaft‹ frei Haus geliefert, sondern wir müssen immer wieder um sie kämpfen. Vor diesem Hintergrund ist bei der moralisierenden jungen Generation um Verständnis dafür zu werben, dass eine leidgeprüfte Gruppe von Menschen, die in zeitgeistigen Ergüssen meist als die der alten weißen Männer firmiert, zu der jedoch nicht wenige gelbe, rote, braune schwarze und natürlich auch weibliche Mitglieder zu rechnen sind, sich mit autoritären Verweisen auf ›die Wissenschaft‹ nicht zufrieden geben mag. Nicht zuletzt deswegen, weil sie mit deren Praxis und ihren Defiziten sowie Irrtümern schon einige Erfahrung gemacht haben.

Nicht minder groß als die Blindheit gegenüber der stetig drohenden atomaren Apokalypse ist die gegenüber den Bedingungen, von denen eine gesellschaftlich breit geteilte Prosperität und ein auskömmliches wirtschaftliches Verhältnis der Nationen abhängt. Im Gegensatz zur Frage der Folgen von ionisierender Strahlung und des Einsatzes von Atomwaffen bleibt die Mehrheitsmeinung ›der Wissenschaft‹ diesbezüglich bisher von der Einsicht in die Giftigkeit des liebgewonnenen Instrumentariums unbeeindruckt.

Doch dies weiter auszuführen, hieße hier Eulen nach Athen zu tragen. Klar sollte jedoch sein, dass jede Lösung des Klimaproblems jene Bedingungen zur Kenntnis nehmen und technisch wirtschaftliche Maßnahmen in Übereinstimmung mit ihnen entwickeln muss.


[1] z. B. Anders, Günter 1981: Die atomare Drohung: Radikale Überlegungen. München: Beck.; Born, Max und Hedwig 1982: Der Luxus des Gewissens: Erlebnisse und Einsichten im Atomzeitalter. München: Nymphenburg.
[2] Crutzen, Paul J.; Birks, John W. 1982: The Atmosphere after a Nuclear War: Twilight at Noon. Ambio, XI, 2-3, 73-96 Crutzen, Paul J.; Hahn, Jürgen 1985: Schwarzer Himmel. Auswirkungen eines Atomkrieges auf Klima und globale Umwelt. Frankfurt am Main: Fischer; National Research Council 1985: The Effects on the Atmoshere of a Major Nuclear Exchange. Washington: National Academy Press.

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