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Finanzsystem | 01.08.2019 (editiert am 05.08.2019)

Warum Draghi eben doch kein Drogenpapst ist

Fälschlicherweise wird oftmals angenommen, die Schuldenberge seien von den Zentralbanken angehäuft worden. Allerdings stammen sie aus der Realwirtschaft und haben ihre unheilvolle Karriere als Berge von Guthaben begonnen.

Journalismus lebt von der steten Wiederholung. Die Geschichte, die Wirtschaftsjournalisten am liebsten neu variieren, ist die von den durch die Zentralbanken verursachten Schuldenbergen. Die bisher neueste Version aus dem Hause TagesAnzeiger bedient unter dem programmatischen Titel „Dragi der Drogenpapst“ alle bekannten Clichés dieses Genres. (SonntagsZeitung vom 28. Juli)

Da ist zum einen die Tatsache, dass immer nur von Schulden die Rede ist („seit 2008 kamen 70 Billionen Dollar an neuen Schulden hinzu.“), nie aber davon, wem die entsprechenden Guthaben gehören. Zweites wird das Schuldenmachen als eine verwerfliche Sucht („Drogenpapst“) dargestellt, die durch die tiefen Zinsen noch gefördert wird. Die Rolle des Süchtigen spielt schließlich immer der Staat, der  – viertens – von den Zentralbanken mit billigem Stoff versorgt wird.

Dementsprechend schreibt die SZ: „Faktisch ist das eine Staatsfinanzierung per Notenpresse.“ Damit ist die Tatsache gemeint, dass die EZB seit 2008 bisher 2,6 Billionen Euro Staatsanleihen angekauft hat. Dass es sich dabei um „Geldschöpfung aus dem Nichts“ handle, wird ausnahmsweise nicht explizit behauptet.

Typisch ist hingegen wiederum, dass im Text der SZ ausschließlich Quellen aus der Welt der Finanzen zitiert  werden – UBS-Chef Sergio Ermotti, Bob Michele von J.P. Morgan Asset  Management, Blackrock-Manager Rick Rieder etc. Und wie in allen diesen Texten wird auch in diesem die Tatsache beklagt, dass die Zentralbanken mit ihrer Politik der „Geldschwemme“ die Sparer um den verdienten Lohn ihres Konsumverzichts prellen. Zitat: „Ein Schweizer Banker in London, spricht gar von einer „Zerstörung von Sparguthaben.“ Und Allianz-Chef Oliver Bäte sagt, dass „Sparer enteignet“ werden, und dass die tiefen Zinsen zudem zu einer „massiven Fehlallokation von Kapital“ geführt hätten. Auch dieser Vorwurf taucht immer wieder auf.

Und was folgt aus all diesen scharfen Überlegungen? Wie soll der„Drogenpapst“ seine Irrtümer tätig bereuen? Auch der etwas hilflose Schluss des Textes ist typisch für dieses Genre. „Die EZB braucht dringend eine neue Strategie.“

Eine solche Strategie kann man so lange nicht finden, als man sie ausschließlich in der Welt der Finanzen sucht, statt der Frage nachzugehen, wem denn eigentlich die den Schulden entsprechenden Guthaben gehören. Die Antwort findet man unter anderem in einer Statistik der EU-Kommission. Dort erfährt man in der Rubrik „Net Lending Corporations“, dass der Unternehmenssektor der Eurozone (Euro area) ab 2008 Nettoguthaben von insgesamt 2440 Milliarden Euro angehäuft hat. Netto bedeutet nach Abzug aller Investitionen, nach Steuern und nach Dividenden.

Dass diese 2440 Milliarden ziemlich genau den 2600 Milliarden entsprechen,  welche die EZB seither angehäuft hat, ist allerdings auch ein wenig Zufall, denn das Gesamtbild ist etwas komplexer. Neben den Unternehmen haben nämlich auch deren Besitzer, die reichen Familien, Guthaben angehäuft und zwar etwa 2520 Milliarden.

Dem stehen etwa 3100 Milliarden zusätzliche Schulden der Eurozonen-Staaten gegenüber. Dass diese staatliche Verschuldung in Anbetracht der privaten Guthaben relativ bescheiden ausgefallen ist, verdanken die Euro-Länder der Tatsache, dass sie dank dem tiefen Kurs des Euro und dem Spardiktat von Brüssel beträchtliche Exportüberschüsse erzielen und damit (immer ab 2009 gerechnet) rund 2600 Milliarden Schulden auf des Ausland abwälzen konnten.

Soweit das Phantombild der realwirtschaftlichen Hintergründe der „Schuldenkrise“. Gerade die Wirtschaftsjournalisten dürften die chronischen Netto-Überschüsse nicht überraschen. Sie berichten täglich darüber, wie sich die Unternehmen zu immer noch mächtigeren Multis zusammenschliessen, und wie sie diese Macht nutzen, um die Steuern und Löhne zu drücken. Weil darunter auch die Nachfrage leidet, können sie ihre steigenden Gewinne auch nicht real in den Ausbau ihrer Kapazitäten investieren.

Damit klingt auch der Refrain von den durch die tiefen Zinsen ausgelösten „massiven Fehlallokation von Kapital“ hohl. Da die Unternehmen alle profitablen Investitionen schon aus den laufenden Einnahmen finanziert haben, bleibt für die Sparer (nachdem sie sich gegenseitig die Aktien und die  Immobilien abgekauft haben) nur noch die Möglichkeit, Staatsschulden zu kaufen. Mit diesen wiederum gibt der Staat via Sozialausgaben den Arbeitnehmerhaushalten die Kaufkraft zurück, die ihnen die Unternehmen per Lohndruck entzogen haben. Damit ist der Kreislauf wieder geschlossen – allerdings zum Preis immer höherer Staatsschulden.

Und was hat die EZB damit zu tun? Nun, die oben erwähnten 3100 Milliarden zusätzlichen Staatschulden stammen nicht aus den „soliden“ Ländern wie Deutschland oder Holland, sondern überwiegend aus Frankreich, Spanien, Italien, Portugal etc. Würde die EZB diese Schuldscheine nicht aufkaufen, würden deren Zinsen zwar rasant steigen, der Marktwert der Guthaben aber noch rasanter sinken. Das ist auch der Grund, warum es die Gläubiger der „Euro-Südstaaten“ (vor allem deutsche Banken) vorgezogen haben, ihre Guthaben gegen einen  Negativzins an die EZB abzutreten. So gesehen hat die EZB die Sparer eben gerade nicht enteignet, sondern sie hat deren Schaden begrenzt.

Und was heißt das nun wieder? Welche konkreten Schlüsse kann man aus diesen Überlegungen ziehen? Nun, es bedeutet wohl, dass wir nicht länger auf eine neue Strategie der EZB warten müssen, sondern uns stattdessen um die realwirtschaftlichen Zusammenhänge kümmern sollten. Insbesondere um die konkrete Frage, wie wir das Regime der chronischen Nettoüberschüsse des Unternehmenssektors beenden können. Stichworte dazu sind: Höhere Löhne, mehr Steuern oder ein härteres Kartellrecht.

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