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Konjunktur | 16.09.2019

Die deutsche und europäische Konjunktur im Sommer 2019 – 2

Die Europäische Kommission ist benannt, aber vorerst beschäftigt sie sich nicht mit der kritischen Lage. Einen Bundesbankpräsidenten, der glaubt, die wirtschaftliche Lage in Europa sei nicht wirklich schlecht, sollte man sofort entlassen.

Der Präsident der Deutschen Bundesbank hat erneut – nachdem nun klar ist, dass er nicht EZB-Präsident werden kann, sagt er wieder seine Meinung – eine Mehrheitsentscheidung des Gremiums öffentlich kritisiert, dessen Mitglied er ist. Seiner Kritik haben sich die Zentralbankpräsidenten der Niederlande und Österreichs angeschlossen. Sie haben damit nicht nur erneut Wasser auf die Mühlen der Anti-Euro-Parteien gegossen, sie haben auch den wirtschaftlichen Sachverstand des Gremiums in Frage gestellt, das – ausgestattet mit großer politischer Unabhängigkeit – über die europäische Geldpolitik entscheidet.

Interessant ist allerdings die Begründung, die der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, gegeben hat. Er sagte, „die wirtschaftliche Lage sei nicht wirklich schlecht“ (hier zitiert). Da er im Zusammenhang mit der EZB-Entscheidung damit nur die EWU gemeint haben kann, hat er zu erkennen gegeben, dass er keine Ahnung von den entscheidenden wirtschaftlichen Zusammenhängen hat und folglich für sein Amt nicht qualifiziert ist.

Die wirtschaftliche Lage in der EWU ist nämlich extrem schlecht. Zunächst muss man aber konstatieren, dass sie seit der großen Rezession von 2008/2009 nie gut war. Man muss nur Abbildungen 1 und 2 ansehen, um zu erkennen, dass von einer wirtschaftlichen Erholung in der EWU seit nahezu zehn Jahren nicht die Rede sein kann. Nur Deutschland hatte im Kernbereich der Wirtschaft, von dem jede dauerhafte Belebung ausgehen muss, einen leichten Aufschwung zu verzeichnen, der nun aber vorüber ist. Italiens Industrie produzierte zehn Jahre lang unter dem Niveau von 2011 und Frankreich ist über das Niveau von 2011 nie hinausgekommen.

Abbildung 1

Die EWU ohne Deutschland hat – wie übrigens auch Großbritannien – seit 2011 im Bereich der Industrie nur ein leichtes Ab und ein leichtes Auf erlebt, von einem Aufschwung, den man gebraucht hätte, um die Arbeitslosigkeit deutlich zu reduzieren, kann nicht die Rede sein. Die EWU hat bei der Produktion des Verarbeitendes Gewerbes den Spitzenwert, den sie vor der Krise von 2008 erreicht hatte, in den elf Jahren danach niemals erreicht. Die USA haben, obwohl sie sicher nicht über die Wirtschaft mit der stärksten Industrie verfügen, den Wert von 2008 deutlich (um 5 Prozent) übertroffen.

Abbildung 2

In Südeuropa ist die Lage noch viel schlechter (Abbildung 3). Über die vergangenen zehn Jahre gesehen, haben sich weder Spanien noch Portugal vorwärts bewegt, Griechenland ist weit zurückgefallen. Wir haben wiederholt gezeigt, wie problematisch die BIP-Berechnungen für Spanien sind (hier z. B.), was nichts anderes heißt, als dass man sich hier reichgerechnet hat, ohne dass es dafür eine wirkliche Begründung gäbe.

Abbildung 3

In Belgien hat es im Juli einen Sprung bei der Industrieproduktion nach oben gegeben, während Österreich und die Niederlande die europäische Schwäche deutlich spüren (Abbildung 4).

Abbildung 4

Auch in Nordeuropa ist die Stagnation trotz großer Schwankungen von Monat zu Monat nicht zu übersehen (Abbildung 5).

Abbildung 5

Im Juli hatte Estland erneut einen starken Rückgang der industriellen Produktion zu verzeichnen, während sich Litauen und Lettland unterschiedlich aber in Richtung Stagnation entwickelten (Abbildung 6). In einem Land wie Estland kann ein solch starker Rückschlag daran liegen, dass Vorprodukte für die westeuropäische Industrie erzeugt werden, deren Nachfrage abschwungsbedingt nun sinkt.

Abbildung 6

Ähnlich dürfte es in den kleineren mitteleuropäischen Ländern auch sein: Sie spüren nunmehr fast alle, dass sich der konjunkturelle Wind gedreht hat (Abbildung 7). Besonders deutlich ist das in der Slowakei, wo die Industrie fast vollständig aus Ablegern westlicher Firmen besteht.

Abbildung 7

Auch Rumänien ist von der konjunkturellen Schwäche des Westens massiv betroffen, weil auch hier viele westliche Firmen Produktionssitze aufgebaut haben (Abbildung 8). In Kroatien ging es zuletzt nach oben, aber das Land stagniert seit 2009 und man weiß nicht, warum sich daran etwas ändern sollte. Bulgarien, das auf westliche und östliche Investoren wartet, anstatt selbst zu handeln, kommt ebenfalls nicht von der Stelle.

Abbildung 8

Lesen Sie im dritten Teil, wie sich die übrigen Indikatoren entwickelt haben und was das für die neue Europäische Kommission bedeutet.

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