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Konjunktur | 20.09.2019 (editiert am 29.09.2019)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Sommer 2019 – 3

Die europäische Wirtschaft stürzt nicht ab, sondern bleibt im Stagnationsmodus. Angesichts der langen Schwächephase vorher, ist das dennoch katastrophal. Das Schweigen der Wirtschaftspolitiker dröhnt einem in den Ohren.

Die Bauproduktion in der EWU ist im Juli leicht gesunken und hat damit bestätigt, dass es auch in diesem binnenwirtschaftlichen Bereich keine Fortsetzung der Belebung, die 2016 eingesetzt hatte, gibt (Abbildung 1). Insbesondere in Frankreich gab es erneut einen Rückschlag, der, bei großen Schwankungen, die Produktion in diesem Land zurückführt auf das Niveau des Jahres 2015. Deutschland hat ein deutlich höheres Niveau als 2015 erreicht, es ist jedoch unklar, wie viel davon durch statistische Korrekturen möglich gemacht wurden. Anfang 2017 wurde das Niveau auf diese Weise deutlich erhöht.

Abbildung 1

In Südeuropa ging es im Juli nur in Portugal nach oben (Abbildungen 2 und 3). Spanien verharrt, wie die Abbildung 3 zeigt, auf dem im Jahr 2016 erreichten Niveau und in Italien ist es nicht sicher, ob der leichte Aufschwung von Dauer ist. Alle drei Länder bleiben, wie die Abbildung 2 zeigt, weit unter den Niveaus, die sie einmal erreicht haben.

Abbildung 2
Abbildung 3

In Mittel- und Osteuropa hat Ungarn noch einmal eine Steigerung seiner Bauproduktion umgesetzt, was angesichts der erreichten Niveaus nicht zu erwarten gewesen war (Abbildung 4). In den übrigen Ländern bleibt die Entwicklung dagegen flach.

Abbildung 4

Auch in den kleineren westeuropäischen Ländern, die wir hier regelmäßig betrachten, scheint sich das Tempo zu verlangsamen (Abbildung 5). In Dänemark und Schweden scheint der Gipfel klar überschritten, während Österreich und die Niederlande noch immer kleine Zuwächse aufweisen.

Abbildung 5

Der Einzelhandelsumsatz in der EWU ist im Juli leicht gesunken, steigt aber in der Tendenz dennoch weiter leicht an (Abbildung 6). Frankreich geht mit einer stetigen Ausweitung wieder voran, während der Einzelhandel in Italien weiterhin auf sehr niedrigem Niveau stagniert. In Deutschland geht es leicht aufwärts, aber mit großen Schwankungen.

Abbildung 6

In Südeuropa bleibt Portugal das Land, das den größten Fortschritt beim Einzelhandel gemacht hat, auch wenn es zuletzt nicht weiter nach oben geht (Abbildung 7). Spanien verzeichnet einen ganz leichten Anstieg, Griechenland stagniert auf extrem niedrigem Niveau.

Abbildung 7

Die Preisentwicklung in der EWU hat sich wieder von der Zielmarke der EZB entfernt (Abbildung 8 und 9). Die Erzeugerpreise, die den Verbraucherpreisen üblicherweise vorausgehen, haben schon den Nullpunkt erreicht. Dass sich durch die kurzzeitige Stockung in der Ölförderung nach dem Angriff auf saudi-arabische Ölanlagen daran etwas ändert, ist nicht zu erwarten, da mehrere Produzenten schon angekündigt haben, den Effekt auszugleichen, was der Markt offenbar so eingepreist hat.

Abbildung 8

Dass die Preise aber erneut so stark auf Talfahrt sind, zeigt, dass sich die Lohnentwicklung in der EWU keineswegs normalisiert hat. Solange sich daran nichts ändert, steht die EZB bei ihrem Versuch, die Preise durch monetäre Maßnahmen zu beeinflussen, auf verlorenem Posten.

Abbildung 9

Auch in Sachen Arbeitslosigkeit kommt die EWU nicht weiter und das erklärt teilweise die Schwäche bei den Löhnen (Abbildungen 10 und 11).

Abbildung 10

Der Vergleich mit den USA und Japan, wo man erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik betrieben hat, die deflationären Tendenzen aber dennoch nicht verschwinden, zeigt aber, dass sich die Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt in so starkem Maße verschoben haben, dass eine kurze Phase hoher Beschäftigung nicht ausreicht, um das zu korrigieren.

Abbildung 11

Wirtschaftspolitik

Von der neuen EU-Kommission darf man sich in Sachen Wirtschafts- und Finanzpolitik nichts versprechen, wie hier erklärt. Da mit der neuen italienischen Regierung das einzige Land, von dessen Regierung man Widerstand gegen die Fortsetzung der Orthodoxie hatte erwarten können, in die Reihen der „Guten“ zurückgekehrt ist, wird zunächst in Europa nichts passieren, um der konjunkturellen Schwäche entgegenzuwirken.

Das ist insbesondere für Italien fatal, wo man dringend einen Impuls gebraucht hätte. Wenn er nicht kommt, wird die neue italienische Regierung schon bald Geschichte sein und Brüssel wird sich erneut auf Italien als potentiellen Sünder kaprizieren müssen. Da die neue Kommission aber keine eigenständige Expertise in Sachen Wirtschaftspolitik besitzt, wird sie zum Sklaven der Beamten, die das machen, was sie immer machen, nämlich den Mainstream so, wie der in den Verträgen steht, umzusetzen. Über einen Aufbruch im Sinne einer Revision der falschen Regeln wird man vermutlich erst zu diskutieren beginnen, wenn es zu spät ist, weil sich fast überall radikale rechte Parteien festgesetzt haben.

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