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Wer soll wie handeln? | 02.09.2019 (editiert am 19.09.2019)

Die spontane Ordnung bewährt sich nicht

Staatliches Handeln steht heutzutage nicht mehr hoch im Kurs. Weder bei Konservativen und Liberalen, noch in einer Linken, die sich weithin dem postmodernen Diskurs unterwirft. Das hat auch für die Natur fatale Folgen.

Wenn nicht unmittelbar dem Markt, so wird gerne dessen ideologischer Überhöhungsform, der Zivilgesellschaft, zugestanden, gegenüber dem Staat über überlegene Weisheit zu verfügen. Dabei ist die sogenannte Zivilgesellschaft nur eine postmoderne Chiffre, unter der sich der Markt weit in die Bereiche von Politik und Kultur hinein ausdehnt. Ein wertvoller Beitrag von Dorian Hannig hebt hier die heimliche Verwandtschaft der marktradikalen und der postmodernen Positionen hervor.

Sicher ist die menschliche Ein- und Voraussicht begrenzt. Doch das heißt nicht, wie Marktfundamentalisten und Postmodernisten glauben, dass kollektives, auf Planung gestütztes Handeln illegitim ist oder grundsätzlich Ergebnisse hervorbringt, die denen des Marktes unterlegen wären.

Ein Verzicht auf planendes Handeln wäre unverantwortlich

Die Verweise darauf, dass „die Evolution“, also das „emergente Verhalten komplexer Systeme“ und die so entstehenden „spontanen Ordnungen“ so viel klüger wären als die Beratschlagungen zentraler Instanzen, die sich eine Lenkungsfunktion anmaßten, sind völlig hohl. Weder bietet der Begriff der Evolution als der des Werdens und Geworden-Seins aller Dinge einen erhöhten Standort. Noch ist zwischen erlaubten und unerlaubten Formen des Handelns zu unterscheiden.

Beide Positionen erschleichen sich ohne Fundierung, aber mit autoritärem Gestus, eine normative Funktion. Nähme man sie konsequent beim Wort, wären schon Unternehmen – innerhalb derer ja nicht der Markt, sondern eine planende Instanz Ressourcen zuweist – illegitime Gebilde. Und aus der Sicht der postmodernen Pseudosystemtheorie hätte sich, in Übereinstimmung mit Hayeks Logik, im Verlaufe der biologischen Evolution argumentieren lassen, dass die Bildung mehrzelliger Organismen und die Ausdifferenzierung eines Nervensystems oder gar eines Gehirns völlig anmaßend wäre.

Nun wissen wir, dass die Evolution sich um solche Einwände wenig kümmert, weil es „die Evolution“, die als normative Institution über den Gang der Dinge wachen würde, eben nicht gibt. Und weil, horribile dictu, auch zentrale Organe und Einrichtungen emergente Phänomene sind. Vielmehr gibt es Grund genug anzunehmen, dass die menschliche Evolution heute an einem Punkt steht, an dem sich nicht nur die Frage nach angemessenen Formen kollektiven Handelns mit größter Dringlichkeit stellt, sondern an dem ein Verzicht auf planendes Handeln schlicht unverantwortlich wäre.

Der Markt als Verteilungsmedium ist eine Spätgeburt

Blickt man auf die Geschichte menschlicher Gesellschaften, dann sieht man den Markt ohnehin in eine marginale Rolle gedrängt. Zwar treibt die Menschheit schon seit Jahrtausenden Handel und mag es deshalb auch nahezu ebenso lange Märkte gegeben haben. Doch diese konzentrierten sich ebenfalls über Jahrtausende auf schmale Segmente von Gütern: wertvolle und seltene Werkstoffe, Werkzeuge, Gewürze, Schmuck und Waffen wie Feuerstein, Salz, Bernstein, Kupfer, Zinn, Äxte und Schwerter. Deshalb funktionierten sie wahrscheinlich auch nicht so, wie es heute im Mikroökonomie-Lehrbuch steht. Die Allokation der überwältigenden Masse von Ressourcen wie Arbeitskraft, Boden und Wasser sowie der damit produzierten Güter vollzog sich ohnehin nicht über Märkte, sondern durch den Familien-, Dorf- und Stammesverband, durch ständische, städtische und schließlich auch staatliche Hierarchien.

In den Alpen erfolgte die Bewirtschaftung von Allmenden wie der Hochweiden bis in die jüngere Vergangenheit durch tradierte Aufteilungsregeln und gemeinsame Einrichtungen innerhalb der Bauernschaft. Das funktionierte, ohne dass sich die von den Liberalen gerne als Schreckensbild herbeigerufene „tragedy of the commons“ ereignet hätte.

Ähnliches gilt für Kulturen, die bei meist knappen Wasserressourcen auf eine Bewässerung der Felder angewiesen waren. Es entwickelten sich, vom Dorfrat bis hin zu den hochorganisierten asiatischen Zentralstaaten, gesellschaftliche Lösungen für die Verteilung der Wasserressourcen und die Instandhaltung der Infrastruktur, die eben nicht marktförmig waren.

Selbst die frühkapitalistischen Metropolen südlich und nördlich der Alpen waren hochregulierte Gemeinwesen. Beispielhaft dafür Nürnberg, welches sich am besten als Planwirtschaft unter der Diktatur des Patriziats beschreiben lässt: Der Rat der Stadt regulierte den Preis des Brotes, die Menge und Preis von Gersten- und Weizenbier, die Verfügbarkeit von Bauland und Holz, die Ansiedlung von Gewerben sowie die Qualität ihrer Produkte und trieb die Entwicklung neuer Techniken voran.

Kooperation begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen, von ihren spontanen, auf intuitiver Situationswahrnehmung beruhenden, über die in Gruppenabsprache erfolgenden bis hin zu den komplexen, auf elaborierter Arbeitsteilung und ausdifferenzierten Informationskanälen und Führungsstrukturen beruhenden Formen. Der Markt in der Rolle des dominierenden Verteilungsmediums ist eine extreme Spätgeburt der menschlichen Geschichte. Die Annahme, dass er sich in dieser Rolle angesichts der heraufziehenden Herausforderungen bewähren würde, zeichnet sich durch eine besondere Kombination von Kühnheit, Kurzsichtigkeit und Naivität aus.

Hat alles seinen Preis?

Der Glaube, dass alles seinen richtigen Gang ginge, sofern alles auch seinen richtigen Preis hätte, eint heute den konservativen und grünen Teil des politischen Spektrums mit dem, der sich auch liberal nennt. Einig ist man sich auch darin, dieser Position das Etikett „marktwirtschaftlich“ anzukleben. Sobald man jedoch die Frage stellt, was denn der richtige Preis der Dinge sei, beginnen die Schwierigkeiten.

Für die wahren Marktfundamentalisten in der Tradition Hayeks kann es keinen Zweifel geben, dass nur der Markt selbst diesen Preis ermitteln könnte –selbstverständlich unter der Prämisse, dass dieser wirklich frei der Dinge walten könnte. Wobei es bezüglich dieser Frage auch interne Differenzen gibt, etwa zwischen den Freiburgern und den Chicago Boys. Während nach Meinung letzterer auch die Bildung von Monopolen als Urteil des Marktes zu akzeptieren sei, halten die ersteren hier staatliche Eingriffe für angezeigt, um Wettbewerb zu erhalten beziehungsweise erst herzustellen.

Die grüne Position ist hier die eines Freiburgers, die den Staat zusätzlich in der Rolle sieht, dem, was der Markt als Preis findet, den „wahren Preis der Naturressourcen“ hinzuzufügen, den der Markt von selbst offensichtlich nicht finde.

Das Versagen des Marktes vor der Natur hat systemische Gründe: Tausch und Vertrag vermögen die Verfügung über die Sachen, auf die sie sich beziehen, nicht zu begründen, sondern setzen sie immer schon voraus. In den Preis einer Sache kann nur eingehen, was als Verbindlichkeiten aus ihrer Entstehung durch Löhne und Vorleistungen resultiert oder sich als Anspruch auf Steuern, auf eine Rente oder als Erwartung auf Gewinn positioniert. Daran ändert auch der Versuch nichts, aus der Kompensation von negativen Externalitäten resultierende oder durch Recycling- beziehungsweise Ausgleichsmaßnahmen entstehende Verbindlichkeiten in den Preis eines Gutes aufzunehmen; wobei hier das zusätzliche Problem entsteht, deren Umfang zu prognostizieren.

Das, was die Natur selbst bei all dem tut oder ihr angetan wird, ist durch keinen monetären Preis auszudrücken und auch durch keine Maßnahme wiederherzustellen. Denn auch Recycling und Ausgleichsmaßnahmen erfordern Eingriffe in die Natur. Sie selbst stellt keine Geldforderungen und erwartet auch kein Geld, hat dafür weder eine Verwendung noch ein Bankkonto, auf dem sie es empfangen könnte. Es gibt schlichtweg keinen brauchbaren Ansatz, um den Wert von Naturressourcen grundlegend zu bestimmen. Letztere haben einen Gebrauchswert und auch der Natur mag man einen ästhetischen oder moralischen Wert beimessen. Doch müssen alle Versuche, diese in monetären Einheiten zu messen, letztlich scheitern.

Auch die Wertlehre von Marx reihte sich in diese Folge scheiternder Versuche ein, indem sie versuchte, in einer Naturressource – nämlich der Arbeitskraft – die Substanz des monetären Wertes zu finden.

Reale und illusionäre Optionen

So sinnvoll der Ansatz, externe Kosten in deren Preis aufzunehmen, unter Umständen auch sein mag, so begrenzt ist seine Reichweite. Durchsetzen kann das zunächst nur eine regulative Instanz, letzten Endes also der Staat. Denn die Marktteilnehmer haben dazu nicht das geringste Motiv, solange es jedem freisteht, das oder jenes zu tun oder auch nicht. Aus ähnlichem Grund bedarf es auch der organisierten Gegenmacht und der staatlichen Regulation, um einen angemessenen Preis der Arbeitskraft durchzusetzen. Der Markt wird nichts davon von sich aus leisten.

Ein weiteres Problem ist: Für viele Güter beziehungsweise die in sie eingehenden Ressourcen ist kein Recycling-Prozess bekannt. Ein so trivialer Stoff wie Sand etwa stellt nicht zu bewältigende Anforderungen. Auch ist es nicht möglich, einen Ausgleich für versiegelte Flächen oder eine – die natürliche Regenerationsfähigkeit übersteigende – Entnahme von Grundwasser zu schaffen. Noch ist bekannt, wie man die durch CO₂-Emissionen zu erwartenden Schäden mit hinreichender Genauigkeit quantifizieren, geschweige denn heilen will. Wie und zu welchen Kosten kann man es wieder aus der Atmosphäre schaffen oder gar die dabei verheizten mineralischen Energieträger wiederherstellen?

Die Menschheit ist gegenwärtig dabei, zahlreiche Gaben der Natur zu verbrauchen, ohne sie wiederherstellen zu können. Dies mit einem finanziellen Aufschlag zu versehen, mag zu diesem oder jenem gut sein, ändert jedoch an dieser Tatsache nichts.

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