Theorie | 13.09.2019 (editiert am 18.09.2019)

Mythen über Budgetdefizite und Staatsverschuldung – 1

Auch wenn die Kritik an der „schwarzen Null“ in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation zunimmt, hat sich an der generellen Skepsis gegenüber Budgetdefiziten und Staatsverschuldung wenig geändert. Ein Umdenken wäre hier dringend geboten.

In Politik, Öffentlichkeit und Wirtschaft hierzulande wächst angesichts der sich abkühlenden Konjunktur die Kritik an der schwarzen Null im Bundeshaushalt und sogar an der seit dem Jahr 2009 im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse. Den Befürwortern einer Aufweichung der Schuldenregeln steht allerdings eine entschlossene Front gegenüber, die sich massiv gegen jede Verwässerung der Politik der schwarzen Null und gegen jede Abmilderung der Schuldenbremse wendet (z.B. hier und hier).

Das ist vielleicht eine gute Gelegenheit, das Thema staatliche Haushalts- oder Budgetdefizite (die entstehen, wenn der Staat in einem bestimmten Zeitraum mehr ausgibt, als er durch Steuern einnimmt) und Staatsverschuldung (die Anhäufung von Budgetdefiziten aus früheren Perioden) etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Etwas verwunderlich an der gegenwärtigen Diskussion ist, dass die Kritiker der Schuldenregeln alle Argumente auf ihrer Seite haben, sich bislang aber nicht entscheidend gegen die Hardliner durchsetzen konnten. Die Kritiker argumentieren, dass es in einer Situation, in der sich die konjunkturelle Lage deutlich eingetrübt habe und in der gleichzeitig umfangreiche Zukunftsinvestitionen in die Infrastruktur, die Digitalisierung, vor allem aber in den Klimaschutz dringend erforderlich seien, schon beinahe fahrlässig sei, bei anhaltenden Niedrigzinsen stur an der schwarzen Null festzuhalten – statt sie zugunsten höherer Investitionen aufzugeben. Sowohl bei Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch bei Finanzminister Olaf Scholz stoßen solche Überlegungen jedoch bisher auf taube Ohren: Beide haben erklärt, dass sie an einer Politik ohne Neuverschuldung festhalten wollen.

Letztendlich spiegelt sich in der Weigerung, die schwarze Null aufzugeben, die weit verbreitete Aversion gegen staatliche Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung wider. Selbst die meisten Befürworter eines Abrückens von schwarzer Null und Schuldenbremse – etwa aus der SPD – stellen keineswegs generell die Richtigkeit ausgeglichener Haushalte in Frage. Sie ziehen sich in ihrer Argumentation vielmehr ausschließlich auf die besondere wirtschaftliche Situation zurück, in der wir uns im Moment befänden (schwächelnde Konjunktur, immenser staatlicher Investitionsbedarf, extrem günstige Zinssituation etc.), und relativieren damit ihre Ablehnung von schwarzer Null und Schuldenbremse sofort wieder (siehe der Kommentar von Hardy Koch auf MAKROSKOP).

Sowohl zu staatlichen Haushaltsdefiziten als auch zur Staatsverschuldung kursieren viele Mythen, die zumeist deren schädliche Wirkungen betonen und strikte staatliche Sparsamkeit einfordern. Dies geschieht nicht selten auf der Basis einer simplen Analogie zur Situation eines privaten Haushalts. Angela Merkels berühmt gewordener Verweis auf die Lebensweisheit einer schwäbischen Hausfrau, nach der man nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben könne, ist da nur ein besonders absurdes Beispiel.

Im Folgenden sollen einige dieser Mythen, die übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern seit langer Zeit immer wieder verbreitet werden, vorgestellt und kritisiert werden. Die Analyse erfolgt auf Basis der „Modern Monetary Theory“ (vgl. zum Folgenden Mitchell/Wray/Watts 2019) und geht von (monetär) souveränen Staaten aus, also Staaten, die ihre eigenen, souveränen Währungen emittieren (wie sie z.B. in den USA, Japan oder Großbritannien zu finden sind).

Für die einzelnen Länder der Eurozone, die mit dem Euro praktisch eine fremde Währung verwenden, die sie nicht selbst schaffen können und nicht kontrollieren, trifft dies offenkundig nicht zu. Es ergeben sich mithin für diese Länder einige Besonderheiten, die jedoch die folgende Argumentation nicht grundsätzlich in Frage stellen. Dies schon deshalb nicht, weil die institutionelle Ausgestaltung der Eurozone, welche die einzelnen Staaten in ihren Handlungsmöglichkeiten einschränkt, auf politischen Entscheidungen und nicht auf ökonomischen Notwendigkeiten basiert.

Und auch deswegen nicht, weil sich die hier vertretene These, dass Staaten mit eigenen, souveränen Währungen keinen finanziellen Einschränkungen bei ihren Ausgaben unterliegen, durchaus auf die Eurozone als Ganzes anwenden lässt. Denn die Europäische Zentralbank (EZB), die wie alle Zentralbanken mit keinerlei finanziellen Restriktionen konfrontiert ist, könnte zweifellos die Ausgabenerfordernisse der Euroländer unterstützen (oder diejenigen eines europäischen Finanzministeriums, das noch nicht existiert, aber geschaffen werden könnte), indem sie die notwendigen Geldmittel „aus dem Nichts“ erzeugt (vgl. auch Fazi/Mitchell 2018). Tatsächlich agiert die EZB mit ihren Ankaufprogrammen bereits seit geraumer Zeit – in gewisser Weise – wie eine „normale“ Zentralbank eines souveränen Staates.[1]

Mythos 1: Staatsverschuldung als Belastung

 Heute leben, morgen zahlen: Die heute gemachten Staatsschulden treffen laut einer Studie vor allem künftige Generationen. (Spiegel Online)

Das ist ein Evergreen der wirtschaftspolitischen Diskussion; ein Argument, das seit Jahrzehnten immer wieder in verschiedenen Variationen vorgebracht wird. So erklärte etwa Kanzlerin Angela Merkel bei der Debatte zum Bundeshaushalt 2015, ein Haushalt ohne neue Schulden sei „der beste Beitrag zur Generationengerechtigkeit, den wir für die Jungen, die Kinder und Enkel leisten können“. Und Thomas Oppermann, damaliger Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, pflichtete ihr mit der Bemerkung bei, dass ein solcher Haushalt zeige, dass „wir keine Politik zulasten jüngerer Generationen betreiben“ (zitiert nach Tagesspiegel, 20.08.2015).

Bereits in der Schule sollte – geht es nach der Bundeszentrale für politische Bildung – den Schülern vermittelt werden, dass „(h)ohe Staatsverschuldung […] die Lasten auf künftige Generationen [verschiebt]“. Dabei ist dieses Argument schon auf der elementarsten Ebene falsch, wie immerhin in einigen Medien zu Recht festgestellt wird:

„Denn die Formel von der Last für die Nachfahren blendet aus, dass auch die entsprechenden Vermögen vererbt werden. Als Steuerzahler erben die Jüngeren zwar die Zahlungspflichten des Staates. Aber auch die Erben der zugehörigen Wertpapiere gehören zur nächsten Generation und erhalten im gleichen Umfang Zahlungsansprüche gegenüber dem Staat, jedenfalls dann, wenn diese Vermögen nicht überwiegend im Ausland gehalten werden. Das ist in Deutschland jedoch nicht der Fall“ (hier).

Doch das ist nicht alles: Tatsächlich nämlich erhöhen staatliche Budgetdefizite das Netto-Geldvermögen des nichtstaatlichen Sektors, während umgekehrt Haushaltsüberschüsse das Netto-Geldvermögen des nichtstaatlichen Sektors reduzieren. Etwas vereinfacht gesagt: Budgetdefizite machen uns reicher, wohingegen Budgetüberschüsse nichtstaatliches Netto-Geldvermögen zerstören.

Dies lässt sich relativ einfach anhand der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik erklären: Betrachten wir dazu das Bruttoinlandsprodukt (GDP) eines Landes. Dieses setzt sich von der Verwendungsseite her wie folgt zusammen:

  • (1) GDP = C + I + G + (X – M),

wobei C den privaten Konsum, I die privaten Investitionen, G die staatlichen Konsum- und Investitionsausgaben, X die Exporte und M die Importe bezeichnen.

Ergänzt man die Differenz aus Exporten (X) und Importen (M) von Waren und Dienstleistungen um die außenwirtschaftlichen Nettoeinkommensströme (FNI), d.h. addiert man zum Bruttoinlandsprodukt (Gleichung 1) den Saldo der Primäreinkommen mit der übrigen Welt[2], so erhält man das Bruttonationaleinkommen (GNI). Es gilt folglich:

  • (2) GNI = C + I + G + (X – M) + FNI

Um nun die sog. Finanzierungssalden der drei großen volkswirtschaftlichen Sektoren (Staat, Privatsektor, Ausland) zu ermitteln, werden von beiden Seiten der Gleichung (2) die gesamten Nettosteuern T (Steuern minus Transfer- und Zinszahlungen) abgezogen:

  • (3) GNI – T = C + I + G + (X – M) + FNI – T

Formt man jetzt Gleichung (3) um, so ergeben sich die Finanzierungssalden:

  • (4) (GNI – C – T) – I = (G – T) + (X – M + FNI)

Der Term (GNI – C – T) entspricht dem gesamten Einkommen einer Periode abzüglich des (von den privaten Haushalten) konsumierten Betrages und abzüglich der an den Staat gezahlten Nettosteuern in derselben Periode, d.h. er stellt das Sparen des inländischen Privatsektors (= S) dar.

Unter „Sparen“ ist hier die Nichtverwendung von Einkommensteilen zum Konsum zu verstehen, also die Reinvermögensbildung (= Sachvermögensbildung – d.h. Investitionen – plus Netto-Geldvermögensbildung). „Sparen“ wird in der Volkswirtschaftslehre häufig auch in anderer Bedeutung verwendet, nämlich in der Definition nur der Netto-Geldvermögensbildung, d.h. der Erzielung eines Einnahmenüberschusses.[3] Um hier Missverständnisse zu vermeiden – die es in der Vergangenheit bisweilen gegeben hat – soll im Folgenden „Sparen“ in dieser zweiten Bedeutung (also in der Definition der Netto-Geldvermögensbildung) als „Netto-Sparen“ bezeichnet werden – im Gegensatz zum Ausdruck „Sparen“, der hier im Sinne der Reinvermögensbildung verwendet wird.

Die linke Seite der Gleichung (4) insgesamt, also (GNI – C – T) – I oder (S – I), ist folglich das gesamte Netto-Sparen des inländischen Privatsektors (Haushalte und Unternehmen); sie gibt damit den Finanzierungssaldo des inländischen Privatsektors an. Dieser Saldo ist positiv, wenn der Sektor in einer Periode weniger ausgibt, als er einnimmt; er ist negativ, wenn der Sektor mehr ausgibt, als er einnimmt. Im ersten Fall liegt ein Einnahmenüberschuss (auch Finanzierungsüberschuss genannt) vor, im zweiten Fall ein Ausgabenüberschuss (auch: Finanzierungsdefizit). Der inländische Privatsektor verzeichnet demnach einen Finanzierungsüberschuss (ein Finanzierungsdefizit), wenn sein verfügbares Einkommen – also GNI – T – größer (kleiner) als seine Ausgaben für privaten Konsum und Investitionsgüter ist.

Der Term (G – T) ist der Finanzierungssaldo des Staates. Wenn G > T, also die Staatsausgaben größer als die Netto-Steuereinnahmen sind, handelt es sich um ein staatliches Haushaltsdefizit, bei T > G entsprechend um einen staatlichen Budgetüberschuss.

Schließlich gibt (X – M + FNI) den externen Finanzierungssaldo an, der üblicherweise als Leistungsbilanzsaldo (CAB) bezeichnet wird.[4] Ein positiver Wert von CAB bedeutet einen Leistungsbilanzüberschuss, ein negativer Wert von CAB ein Leistungsbilanzdefizit.

Gleichung (4) lässt sich folglich etwas vereinfacht auch so schreiben:

  • (5) (S – I) = (G – T) + CAB

Diese Gleichung kann so umgestellt werden:

  • (6) (G – T) = [(S – I) – CAB]

Hier ist der Term [(S – I) – CAB] auf der rechten Seite der Finanzierungssaldo des nichtstaatlichen Sektors, d.h. des inländischen Privatsektors und des Sektors Ausland zusammengenommen.

Es ist leicht erkennbar, dass ein Finanzierungsdefizit des Staates (G – T > 0) einem gleich hohen Finanzierungsüberschuss des nichtstaatlichen Sektors entspricht – und umgekehrt ein Überschuss des Staates einem in der Höhe exakt gleichen Defizit des nichtstaatlichen Sektors.

Wenn der nichtstaatliche Sektor also netto sparen (d.h. in einer Periode einen Finanzierungsüberschuss erzielen) will, kann das Niveau des Volkseinkommens nur dann stabil gehalten werden, wenn der Staat mit einem Budgetdefizit diesen Überschuss genau ausgleicht (also entsprechend auf der linken Seite G > T ist).

In der Tat sind Staatsdefizite die einzige Quelle des Netto-Geldvermögens des nichtstaatlichen Sektors. Denn alle Transaktionen zwischen den wirtschaftlichen Akteuren innerhalb des nichtstaatlichen Sektors addieren sich zu Null. Man nennt diese auch horizontale Transaktionen, die nicht den Netto-Geldvermögensbestand des nichtstaatlichen Sektors verändern. Nur sog. vertikale Transaktionen, also solche zwischen dem staatlichen und dem nichtstaatlichen Sektor (z.B. Staatsausgaben und Besteuerung), können das Netto-Geldvermögen des nichtstaatlichen Sektors erhöhen – oder eben auch Netto-Geldvermögen im nichtstaatlichen Sektor vernichten.[5]

Zur Veranschaulichung sei vereinfacht angenommen, ein Land verzeichne eine ausgeglichene Leistungsbilanz (CAB = 0) und – vielleicht als Folge zunehmender Staatsausgaben – ein staatliches Haushaltsdefizit (G – T > 0). In diesem Fall ist es der Privatsektor, der einen Nettozuwachs seines Geldvermögensbestandes erzielt, wie leicht aus Gleichung 6 ablesbar ist. Umgekehrt gilt: Weist der Staat – bei einer wiederum ausgeglichenen Leistungsbilanz – einen Budgetüberschuss auf, dann erleidet der Privatsektor einen Verlust bei seinem Netto-Geldvermögensbestand.

Wenn also vor allem konservative, aber auch manche „fortschrittliche“ Politiker für einen Wechsel von staatlichen Haushaltsdefiziten hin zu Budgetüberschüssen eintreten, so fordern sie damit – ohne es möglicherweise zu wissen – eine Verringerung des Netto-Geldvermögens des nichtstaatlichen Sektors.[6]

Mythos 2: Mehr Schulden – mehr Steuern

Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen.(Deutschland Kurier)

Gemeint ist mit dieser Aussage, dass der Staat in irgendeiner zukünftigen Periode seine Steuern anheben muss, um so seine Schulden aus der Vergangenheit zurückzuzahlen. Der Bund der Steuerzahler – der nicht die Steuerzahler, sondern insbesondere mittelständische Unternehmer, Besserverdienende und Freiberufler repräsentiert – weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Staatsverschuldung von Deutschland Ende 2017 etwa 1,97 Billionen Euro beträgt und macht folgende Rechnung auf:

„Zur Veranschaulichung dieser Zahl dient folgendes Gedankenspiel: Ab sofort werden keine Schulden mehr aufgenommen und die öffentliche Hand gesetzlich verpflichtet, neben allen anderen Ausgaben jeden Monat eine Milliarde Euro an Schulden zu tilgen. Mit dieser Verpflichtung würde es bis ins Jahr 2182 dauern, um den Schuldenberg der Bundesrepublik Deutschland vollständig abzutragen.“

Klingt schaurig – nur fragt man sich, welcher Sinn darin liegen soll (selbst wenn man dieses Ziel einfach per Gesetzbeschluss erreichen könnte, was nicht möglich ist), bis zum Jahr 2182 „den Schuldenberg der Bundesrepublik Deutschland vollständig abzutragen“. Ein Blick in die USA mag hier hilfreich sein: Dort ist die US-Bundesregierung seit dem Jahr 1837 ununterbrochen verschuldet (Nersisyan/Wray 2010, S. 10), hat es also schon 182 Jahre lang geschafft, eine Schuldenrückzahlung zu vermeiden. Und welche Probleme sind aus dieser „Dauer-Verschuldung“ entstanden? Offenbar gar keine. Zumindest ist nicht bekannt, dass die USA pleitegegangen sind oder kurz vor dem Staatsbankrott stehen.

Überhaupt stellt sich die Frage, weshalb zukünftige Generationen sich selbst stärker besteuern sollten, um die Staatsschulden ihres jeweiligen Landes zurückzuzahlen (statt letztere immer wieder zu refinanzieren, d.h. alte Kredite durch neue abzulösen). Denn dies ginge zulasten ihres Netto-Geldvermögens (genauer: des Netto-Geldvermögens des inländischen Privatsektors), das sich dadurch verringern würde.

Aber ganz davon abgesehen ist ein Staat mit einer eigenen, souveränen Währung nicht mit einem privaten Haushalt vergleichbar. Ein solcher Staat braucht nie die Steuern zu erhöhen, um Einnahmen zur Bedienung und Rückzahlung seiner Schulden der Vergangenheit zu generieren. Er unterliegt keinen intrinsischen finanziellen Restriktionen, da er die Währung emittiert, und er leistet seine Zinszahlungen genauso bzw. zahlt seine Schulden (bei Fälligkeit) so zurück, wie er allgemein seine Ausgaben bestreitet – indem er nämlich die erforderlichen Geldmittel von einem Konto bei der Zentralbank an das Geschäftsbankensystem überträgt.[7] Die Ausgaben eines souveränen Staates sind nicht durch Einnahmen (aus Steuern und/oder Kreditaufnahmen) eingeschränkt und er kann daher immer seine Ausgaben erhöhen, wenn es erforderlich ist – ganz unabhängig davon, ob er zuvor Budgetdefizite oder –überschüsse verzeichnet hat. Vorherige Überschüsse vergrößern nicht seine Fähigkeit, in der Zukunft Ausgaben zu tätigen, genauso wenig wie Defizite diese Fähigkeit schmälern.

Mythos 3: Verdrängungseffekte

(W)enn die Regierung Mittel aufnimmt, um das Budgetdefizit zu finanzieren, so reduziert sie damit das Angebot an Kreditmitteln, die den Haushalten und Unternehmen zur Finanzierung ihrer Investitionsvorhaben zur Verfügung stehen. (Mankiw/Taylor 2018, S. 756)

Dies ist die bekannte „Crowding-out“-These, nach der der Staat mit seinen Budgetdefiziten das Angebot an Kreditmitteln verringert und damit Haushalte und Unternehmen verdrängt (Crowding out), die andernfalls Mittel für private Investitionszwecke aufgenommen hätten. Die Verdrängung privater durch öffentliche Nachfrage vollziehe sich dabei über die Zinssatzerhöhung, die durch die staatlichen Budgetdefizite verursacht werde.

Die hierbei unterstellte Konkurrenz zwischen staatlichen und privaten Kreditnehmern um begrenzte Geldmittel hat jedoch mit der Realität wenig zu tun. Denn erstens stimuliert eine Defizitfinanzierung („deficit spending“) des Staates über zusätzliche Nachfrage die Produktion und das Volkseinkommen und erzeugt damit auch neues Geldvermögen im nichtstaatlichen Sektor (von einem fixen Angebot an Kreditmitteln kann also keine Rede sein).

Dieses neue Geldvermögen zeigt sich zweitens in einer Erhöhung der Reserven[8] im Bankensystem[9] – nach Einbeziehung aller Transaktionen (Käufe und Verkäufe), die sich aus dem anfänglichen Ausgabenimpuls ergeben. Es wird zunächst in Form von Bankguthaben gehalten und kann dann dazu verwendet werden, die neu ausgegebenen Staatsanleihen zu kaufen. Mit anderen Worten: Die Geldmittel, die es dem nichtstaatlichen Sektor ermöglichen, die neu emittierten Staatsanleihen zu erwerben – und die vom Staat absorbiert werden, wenn er die Anleihen an den nichtstaatlichen Sektor verkauft – , stammen letztendlich von dem Netto-Geldvermögen, das durch die vorangegangenen Staatsdefizite geschaffen wurde. Oder vereinfacht gesagt: Die Staaten leihen sich nur das Netto-Geldvermögen zurück, das sie erzeugen, wenn sie Ausgaben tätigen.[10]

Drittens ist die Kreditvergabe der Banken nicht durch ihren Reservebestand eingeschränkt. Banken vergeben Kredite an alle kreditwürdigen Kunden, die sie finden können. Sie wissen, dass sie sich, sofern sie knapp an Reserven sind, diese auf dem Interbankenmarkt von anderen Banken oder – wenn dies nicht möglich ist – immer von der Zentralbank leihen können. Deshalb verringert auch der Verkauf von Staatsanleihen an die Banken nicht die Fähigkeit der Banken, ihren Kunden Darlehen zu gewähren.

Falsch ist viertens die Vorstellung, dass der (langfristige) Zins aus Angebot und Nachfrage am Kapitalmarkt gebildet wird. Tatsächlich werden in der realen Welt die Zinssätze von der Zentralbank und nicht vom Markt bestimmt. Dies gilt nicht allein für den kurzfristigen, sondern letztlich auch für den langfristigen Zinssatz (vgl. hier oder zuletzt Flassbeck/Steinhardt 2018, S. 263f).


[1] So signalisierte die EZB mit dem im Mai 2010 beschlossenen „Securities Markets Programme“ (SMP), bei dem sie Staatsanleihen angeschlagener Euroländer auf dem Sekundärmarkt aufkaufte und damit letztlich das Auseinanderbrechen der Eurozone verhinderte, dem OMT-Programm („Outright Monetary Transactions“) ab September 2012 und dem „Asset Purchase Programme“ (APP) seit Anfang 2015 – zu dem u.a. das „Public Sector Purchase Programme“ (PSPP) von März 2015 zählt – ihre Bereitschaft, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen, wenn ein Insolvenzrisiko auftreten sollte.
[2] Also BIP abzüglich der Primäreinkommen, die aus dem Inland an Ausländer geflossen sind, und zuzüglich der Primäreinkommen, die von Inländern aus der übrigen Welt bezogen worden sind; wobei die Primäreinkommen hier neben den Arbeitseinkommen von Pendlern insbesondere Zinsen, Dividenden und andere grenzüberschreitende Vermögenseinkommen umfassen.
[3] Das heißt: Gibt ein Wirtschaftsakteur oder ein Sektor in einer Periode weniger aus, als er einnimmt, so kann man den daraus resultierenden Einnahmenüberschuss (oder Finanzierungsüberschuss bzw. positiven Finanzierungssaldo) auch als „Sparen“ bezeichnen.
[4] Genau genommen umfasst die Leistungsbilanz neben dem Warenhandel, den Dienstleistungen und den Primäreinkommen auch noch die Sekundäreinkommen (das sind regelmäßige Zahlungen ohne erkennbare Leistung auf der Gegenseite, also z.B. Zahlungen des Staates an internationale Organisationen wie etwa die Vereinten Nationen oder im Rahmen der Entwicklungshilfe). Die Sekundäreinkommen bleiben hier aus Vereinfachungsgründen unberücksichtigt.
[5] Der nichtstaatliche Sektor umfasst – wie bereits erwähnt – den inländischen Privatsektor (Haushalte und Unternehmen inklusive Geschäftsbanken) und den Sektor Ausland; der staatliche Sektor besteht aus dem Finanzministerium und der Zentralbank.
[6] Dies darf keinesfalls dahingehend fehlinterpretiert werden, dass der Staat sein Haushaltsdefizit beliebig ausweiten kann, um damit mehr Netto-Geldvermögen im nichtstaatlichen Sektor zu schaffen. Versucht der Staat, das Budgetdefizit über die Vollbeschäftigungsgrenze hinaus zu erhöhen, werden die nominalen Ausgaben die Fähigkeit der Volkswirtschaft übersteigen, mit einem entsprechend höheren realen Output darauf zu reagieren. Die Folge wird dann eine nachfrageinduzierte Inflation sein: Zwar wächst das Einkommen, aber die Einkommenssteigerung wird von der Preissteigerung aufgezehrt.
[7] Wenn der Staat Waren, Dienstleistungen oder auch Arbeitsleistungen vom Privatsektor kauft, verwendet er dazu Einlagen bei der Zentralbank. Der jeweilige Verkäufer gibt dem Staat sein Bankkonto an und der Staat überweist der entsprechenden Bank diese Einlagen, die für die Bank eine Forderung darstellen. Die dazu gehörige Verbindlichkeit sind dann die Einlagen, die die Bank dem Verkäufer gutschreiben muss. Kurzum: Es kommt zu einer gleichzeitigen Gutschrift auf das Bankkonto des Verkäufers und auf das Reservekonto der Bank bei der Zentralbank.
[8] Unter „Reserven“ sind die Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank plus der Bargeldbestand der Geschäftsbanken zu verstehen.
[9] Staatliche Budgetdefizite erhöhen anfangs die Bankreserven um den gleichen Betrag. Das erklärt sich daraus, dass Staatsausgaben zu einer gleichzeitigen Gutschrift auf dem Bankkonto des Empfängers der Ausgaben und auf dem Reservekonto von dessen Bank bei der Zentralbank führen. Vgl. auch Fußnote 7.
[10] Das heißt: Das Geld, das zum Kauf von Staatsanleihen verwendet wird, ist „buchhalterisch“ gesehen das gleiche Geld (insgesamt betrachtet), das der Staat bereits ausgegeben hat: „In this way, the sale of debt by the government is really „borrowing“ funds that the government has already spent into existence when it ran the deficit“ (Mitchell 2015, S. 381). Letztlich ändert sich durch den Verkauf der Anleihen nur die Zusammensetzung der vom nichtstaatlichen Sektor gehaltenen „assets“ (mehr zinstragende Anleihen, weniger Bankeinlagen).

 

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