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Genial daneben | 17.10.2019 (editiert am 24.10.2019)

Armut als Verhaltensauffälligkeit?

Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaft ist ein Witz, aber ein ganz schlechter. Die drei Preisträger würden der Absurdität dieses Preises die Krone aufsetzen, wenn man nicht vermuten müsste, dass es in Zukunft noch schlimmere „ökonomische Forschung“ gibt.

Die Vergabe des Nobelpreises für Wirtschaft ist wieder einmal von den Medien in Deutschland (und weiten Teilen Europas) unkritisch und unreflektiert wiedergekäut worden.

Es gibt nur wenige Ausnahmen von dieser Regel. Ulrike Herrmann glaubt zwar zunächst, die Nobelpreise gingen im Rahmen der herrschenden Lehre in Ordnung, bemerkt aber wenigstens am Ende ihres Artikels, dass die Ergebnisse absolut trivial sein könnten. Norbert Häring ist wirklich kritisch und zitiert breit kritische Stellungnahmen von Wissenschaftlern an den „Poor Economics“, die den Preis bekommen haben, ist aber bei weitem noch nicht kritisch genug.

Sehr klar kann man das an einem Zitat festmachen, das Häring verwendet und von Jeffrey Hammer, einem der Kritiker der Poor Economics und der von ihnen favorisierten RCTs (randomisierten Kontrollversuchen) kommt.

Viele RCTs beschäftigten sich mit der Frage, wie man die Armen am besten motiviert, mehr zu sparen. „Aber haben wir wirklich geprüft oder gefragt, ob es gut für sie wäre, noch weniger für Ernährung oder Erziehung der Kinder, Gesundheit oder andere wichtige Dinge auszugeben?“

Sparen als Lösung?

Jeder unserer Leser weiß, dass die kritische Frage in diesem Zitat bezüglich des Spararguments nicht wirklich kritisch ist. Wir müssen es nämlich nicht prüfen! Wir wissen, dass es nicht gut wäre, noch weniger auszugeben. Wer heute über Sparen redet, ohne über die vollkommen gescheiterte Theorie der Transformation von Sparen in Investieren zu reden, ist ein Scharlatan.

Doch dieses Wissen ist ja aus der herrschenden Lehre der Ökonomik und insbesondere aus der Entwicklungspolitik und der Entwicklungstheorie verbannt. Deswegen müssen sich die Entwicklungsländer mit einem absurden neoklassischen Modell herumschlagen, das noch nirgendwo funktioniert hat. Wir schaffen es nicht, unsere eigenen Probleme zu lösen, aber für die Entwicklungsländer wissen wir ganz genau, was gut ist.

Klar, nachdem der Neoliberalismus bei der Entwicklungspolitik im Allgemeinen und bei der Bekämpfung der Armut im Besonderen kläglich gescheitert und trotzdem alternativlos ist, konnte es ja nur noch individuell unvernünftiges Verhalten der Armen sein, das für deren Armut verantwortlich gemacht wird.

Genau das unterstellen Esther Duflo und ihre Kollegen, indem sie versuchen herauszufinden, „was in der Entwicklungspolitik funktioniert“ und was nicht. Folglich führen sie kontrollierte Mikro-Experimente durch, bei denen man durch einfachste kleine Veränderungen herausfinden will, wo die Armen noch einen „Anstoß“ brauchen, um erfolgreicher zu sein als ihre Nachbarn.

Die Makrodimension gibt es nicht

Doch vor allem in Afrika kommt man schon mit den bisher üblichen Rezepten nicht weiter. Nun noch mikroökonomischer zu werden und auf Verhaltensänderungen zu setzen, ist hirnrissig. Dass afrikanische Regierungsführung verbesserungswürdig ist, weiß jeder. Eines der größten Investitionshindernisse in Afrika aber sind prohibitiv hohe Zinsen, die von einem vollkommen dysfunktionalen Bankensystem herrühren (hier und hier zum Beispiel). Dieses Bankensystem wurde jedoch in der Regel unter der Ägide der beiden Washingtoner Institutionen eingerichtet und ist folglich sakrosankt.

Länder, die strukturschwach sind, brauchen besonders niedrige Zinsen und eine ausreichende und kontrollierte Kreditversorgung. Wer am Geld- und Finanzsystem nichts ändert, bringt auch sonst nicht zustande. Das aber wollen weder Europäer noch Amerikaner, weil sie dazu vom hohen Ross des Neoliberalismus herunter müssten. Wie könnte man von denjenigen, die wegen ihrer neoliberalen Blockaden nicht in der Lage sind, ihre eigenen wirtschaftlichen Probleme zu lösen, erwarten, dass sie erfolgversprechende Konzepte für Afrika haben?

Stabile staatliche Institutionen zu unterstützen, ein paar Brunnen zu bohren und Experimente mit Verhaltensanreizen zu machen, ist einfach zu wenig und schon hundertmal versucht worden. Was vollkommen unterschätzt wird, ist dagegen die Bedeutung eines funktionierenden Währungssystems, das den Ländern die Möglichkeit gibt, eigenständige Geldpolitik zu betreiben, ohne dauernd in eine neue Schuldenfalle zu geraten. Nichts ist in dieser Hinsicht in den letzten fünfzig Jahren passiert und es wird bis heute nichts diskutiert.

Gebt den Menschen eine Perspektive

Es ist eigentlich nicht viel, das man bräuchte, um den Menschen in den meisten Entwicklungsländern eine Perspektive für eine Verbesserung der Lebensumstände zu bieten. Sie brauchen immer wieder konkrete und großzügige finanzielle Hilfe, um akute Engpässe zu überwinden. In erster Linie jedoch brauchen sie endlich eine realistische Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, aus der man funktionierende Politik ableiten kann.

Die Konzepte der drei neuen Nobelpreisträger sind in dieser Hinsicht genau das Gegenteil dessen, was notwendig und sinnvoll ist. Nicht Mikroökonomie ist gefragt, sondern Makroökonomie. Die „Poor Economics“ sind wirklich poor economics.

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