Von Ralf Roletschek - Eigenes Werk, GFDL 1.2, Link
Postmaterialismus | 10.10.2019 (editiert am 15.10.2019)

Der Vormarsch des Misstrauens

Ein harter Wettbewerb und flexible Arbeitsmärkte fördern (angeblich) die Produktivität und das BIP-Wachstum. Aber sie zerstören auch soziales Kapital und machen damit alle unglücklicher.

Für die Ökonomen ist das BIP und dessen Steigerungsrate immer noch die entscheidende Messlatte. Für alle Ökonomen? Nein, in Gallien gibt es ein Nest des Widerstandes. Die Franzosen gehören nämlich zu den misstrauischsten Nationen der Welt. Die Frage, wie soziales Misstrauen entsteht, und welche Folgen der Verlust des Vertrauens hat, war deshalb für französische Soziologen, Politologen und Ökonomen schon immer ein wichtiges Thema.

So erklären etwa Yann Algan, Elizabeth Beasly, Daniel Cohen und und Martial Foucault in ihrem Buch „Les Origines du Populisme“ den Niedergang der sozialdemokratischen Parteien mit der Erosion des Vertrauens.  Die Wählerschaft der Linksparteien und die der Populisten stammen beide überwiegend aus den Schichten, die in wirtschaftlich unsicheren bis prekären Verhältnissen leben. Dieses Segment ist in der Folge der Wirtschaftskrise von 2008 grösser geworden. Dennoch haben die Sozialdemokraten keine Stimmen gewonnen, sondern massiv an die Populisten verloren. Warum?

Der Grund dafür liegt gemäß den vier Autoren in der Erosion des Vertrauens. Die Wähler der Linken (und der Mitteparteien) vertrauen den Mitmenschen und dem Staat. Die Wähler der Rechten haben wenig bis kein Vertrauen. Das ist auch der Grund dafür, dass sie den traditionellen linken Forderungen nach Gerechtigkeit und staatlicher Umverteilung wenig abgewinnen. Es könnten ja die anderen, die Ausländer und Arbeitslosen, profitieren. Bei den neuen linken Themen wie Europa mitgestalten, Umwelt retten, Minderheiten (Immigranten, Homosexuelle etc.) schützen etc., stehen sie klar auf der anderen Seite.

Das Pech der Linken ist, dass das Vertrauen in den westlichen Staaten seit langem (in den USA seit Mitte der 1970er Jahre) tendenziell zurück geht. Die Krise von 2008 und die hohe Arbeitslosigkeit haben diesen Trend beschleunigt. Davon sind vor allem die Arbeiter und Angestellten betroffen, die in „flexiblen“ und hierarchischen Arbeitsverhältnissen arbeiten und als „Einzelkämpfer“ unterwegs sind. Anders als die klassischen Industriearbeiter haben sie wenig Kontakt zu gleichgestellten Arbeitskollegen, dafür umso mehr zu Kunden, Vorgesetzen oder Überwachungskameras.

Der Vormarsch des Misstrauens ist aber nicht nur für die Linksparteien ein Problem, sondern vor allem für die Betroffenen selbst. Das Vertrauen in die Mitmenschen zu verlieren, mindert das Lebensglück beträchtlich. Misstrauische Menschen leider öfter unter Depressionen, ihre Ehen halten weniger lang, ihre Nebennieren schütten mehr Kortison aus, was auf Dauer auch die physische Gesundheit zerrüttet. Untersuchungen der Glücksforscher zeigen denn auch, dass Misstrauen auf eine Weise unglücklich macht, die auch mit viel Einkommen kaum kompensiert werden kann.

So geht etwa einer Studie aus Kanada hervor, dass ein Punkt mehr Vertrauen in den Chef (auf einer Skala von 1 bis 10) das Glück gleich stark erhöht, wie eine Gehaltserhöhung um 30 Prozent. Und gemäß einer Studie aus den USA brauchen misstrauische Menschen (solche die sagen: Andere sind unfair) eine Lohnerhöhung um einen Drittel, um gleich glücklich zu sein wie Menschen, die sagen: „Andere sind hilfreich“. Diese Größenordnungen mögen erstaunen. Sie zeigen vor allem, dass eine Steigerung des Einkommens bereits ab einem durchschnittlichen Niveau wenig bewirkt.

Für BIP-zentrierte Ökonomen heißt das, dass sie ihr Denkschema dringend erweitern müssen. Die Wirtschaft beeinflusst unser Glück nicht nur durch die Menge der (gegen Geld gehandelten) Güter, die sie produziert, sondern auch dadurch, wie sie die Gesellschaft organisiert. Die meisten Unternehmen beeinflussen das Bruttoglückseinkommen weniger mit ihren Produkten als mit der Art und Weise, wie sie ihre Mitarbeiter und Lieferanten behandeln.

Der materielle, mit dem BIP gemessene Nutzen muss gegen den sozialen abgewogen werden. Das macht die Sache natürlich schwierig, weil die beiden nicht über den Preis vergleichbar sind und weil der soziale Nutzen viele Dimensionen hat. Um die Sache zu vereinfachen, empfiehlt es sich, das Vertrauen als Stellvertreter für den sozialen Nutzen zu nehmen. Dies ist auch deshalb praktisch, weil es langfristige Zahlenreihen zur Entwicklung des Vertrauens gibt.

Diese zeigen, dass das Vertrauen und die Toleranz bis etwa Mitte der 1970er-Jahre spektakulär zugenommen hat und dann lange auf hohem Niveau verharrt ist. Der US-Soziologe Ronald Inglehart hat diese Entwicklung mit dem von ihm ins Leben gerufenen World-Value Survey dokumentiert und mit den Verschiebungen innerhalb der Bedürfnispyramide erklärt: In der Agrarwirtschaft und in der Industriegesellschaft ging es vor allem um die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse. Es wurde Notwendiges hergestellt, wofür sich eine hierarchische Organisation bewährt habe.

Der rasante Anstieg der Produktivität ebnete dann der Dienstleistungsgesellschaft in den USA und Westeuropa den Weg. Man konnte sich den immateriellen Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung und sozialer Anerkennung widmen und weil gleichzeitig auch die Sorge um die materielle Existenz verschwand, lockerten sich die hierarchischen Strukturen. Es entstand das, was Inglehart eine „postmaterielle Einstellung“ nennt. Diese ist geprägt ist von Phantasie, Einfühlungsvermögen, Toleranz, sozialem Vertrauen und Selbstsicherheit. In diesem Klima des Vertrauens wurde auch der Sozialstaat ausgebaut, die Frauen emanzipierten und soziale Minderheiten wurden besser geschützt. Die Lebenszufriedenheit nahm deutlich zu.

Als Inglehart seine Erkenntnisse 1997 in seinem Klassiker „Modernisierung und Postmodernisierung. Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften“ zusammenfasste, zeigten die Vertrauensindikatoren seines Survey bereit abwärts.

20  Jahre später hat ein anderer Soziologe, Klaus Reckwitz, die postmaterialistische Ära in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ viel weniger optimistisch beschrieben: Die Selbstverwirklichung wird zum sozialen Zwang. Angestachelt durch eine mächtige Werbeindustrie, aber auch gezwungen von einem immer kompetitiveren Arbeitsmarkt muss jeder zum Darsteller seiner selbst werden und mit viel zeitlichem Aufwand sein Image pflegen – und zwar bis ins intimste Detail. Frage an die Sexberaterin des „Blick“: „Wie bringe ich meine Freundin davon ab, ihre Vulva operativ zu verkleinern.“

Schon gut zehn Jahre früher hat der Wirtschaftssoziologe Lucien Karpik in seinem für Ökonomen leider schwer lesbaren Buch „Mehr Wert“ dargelegt, dass die Lehrbücher der Marktwirtschaft in der „Ökonomie des Einzigartigen“ nur noch sehr beschränkt gelten. Auf diesen Märkten gewinnt nicht, wer seine Produkte dank tiefen Kosten zu günstigen Preisen anbieten kann. Stattdessen kommt es darauf an, die Produkte mit Prestige aufzuladen. Gelingt dies, wird der hohe Preis zum Kaufargument, womit der Kostenwettbewerb außer Kraft gesetzt wird und die Gewinnmargen stetig steigen. Das gelingt umso besser, je einseitiger die Einkommen verteilt sind, beziehungsweise je mehr Kaufkraft bei denen liegt, denen es auf ein paar tausend Euro nicht ankommt. Damit klaffen in der „Ökonomie des Einzigartigen“ Kaufkraft und Bedürfnisse immer weiter auseinander.

Damit hatte Inglehart nicht gerechnet: Ausgerechnet in der postmaterialistischen Gesellschaft hat sich die Sorge um die materielle Existenz nach einer kurzen Zwischenphase für viele noch potenziert. Es ist zwar genug da, um alle materiellen und immer mehr postmaterielle Bedürfnisse zu befriedigen, doch weil es dazu dank der weiter steigenden Produktivität immer weniger Arbeitseinsatz braucht, sind die Jobs rar geworden. Der immer härter werdende Kampf um die Jobs hat zu einer Präkarisierung und Hierarchisierung der Arbeitsverhältnisse geführt – und zu einer Erosion des Vertrauens.

Die Bilanz der postmateriellen Ära ist niederschmetternd: 30 Jahre Wachstum und eine Verdoppelung der Produktivität haben unser Wohlbefinden um keinen Deut verbessert. In den USA ist die „Happiness“ sogar deutlich kleiner geworden. In ihrem Paper „Did the Decline in Social Capital decrease American Happiness?“ führen das die Ökonomen Bartolini, Bilancini und Pugno auf den Zerfall des sozialen Kapitals beziehungsweise des Vertrauens zurück. Ökonomen und Wirtschaftspolitiker sollten sich also nicht mehr fragen, wie man das BIP und die Wettbewerbsfähigkeit steigern kann, sondern wie man soziales Vertrauen schafft.

Dabei sollte man französische Ökonomen zu Rate ziehen. In „La Fabrique de la Défiance“ (wie man Misstrauen fabriziert) sagt Albin Michel, dass das Übel in den durch den Kampf und die Arbeit zerrütteten Familien beginnt, sich auf einem auf Auslese getrimmten Schulsystem und in einem entsprechen hierarchisierten Arbeitsmarkt fortsetzt und mit zu rigiden Arbeitsmarktgesetzen noch potenziert wird. In Frankreich haben die Arbeitgeber die Wahl zwischen einem CDI, einer kaum kündbaren Festanstellung, und einen CDD, einer Anstellung auf Zeit. Mit der Folge, dass die Jungen meist jahrelang zwischen CDD und Jobsuche, beziehungsweise Arbeitslosenkasse pendeln und die Alten ständig um ihre Festanstellung zittern, was jeden Vorgesetzten zu einem kleinen Diktator macht. Als wichtige Ingredienz der französischen Méfiance hat Michel auch das sehr zersplitterte, korporatistischen Altersvorsorgesystem ausgemacht.

Die ganz große Fabrik des Misstrauens ist jedoch der inzwischen auch im Standortwettbewerb der Nationen erbittert geführte Kampf um die schwindende Zahl der guten Jobs. In Frankreich, Italien oder Griechenland wachsen heute Generationen heran, die mehr Zeit mit der Arbeitssuche als mit der Arbeit selbst verbracht haben werden. Jeder gegen jeden. So lange hier kein Waffenstillstand in Sicht ist, werden Figuren wie Donald Trump, Boris Johnson, Marine Le Pen oder Matteo Salvini weiter Zulauf haben. Dann wird aus der bisher schleichenden Erosion des Vertrauens ein Flächenbrand.


Ronald Inglehart „Modernisierung und Postmodernisierung. Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften“
Bartolini, E. Bilancini und M. Pugno „Did the Decline in Social Capital decrase American Happiness?“
Albin Michel; „La Fabrique de la Défiance“
Yann Algan, Elizabeth Beasly, Daniel Cohen, Martial Foucault „Les Origines du Populisme“
Klaus Reckwitz; „Die Gesellschaft der Singularitäten“

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