Bild: istock.com/G0d4ather
Konjunktur | 09.10.2019 (editiert am 17.10.2019)

Die deutsche und europäische Konjunktur im Hochsommer 2019 – 1

Die deutsche Konjunktur ist weiter auf Rezessionskurs. Das ist jetzt auch den professionellen Beobachtern in den Instituten bei ihrer Gemeinschaftsdiagnose aufgefallen. Warum sie mehr fast zwei Jahre lang total daneben lagen, sagen sie allerdings nicht.

Im August ist der Auftragseingang bei der deutschen Industrie weiter gesunken (Abbildung 1). Mit einem Wert von nur wenig über einhundert hat die Produktion damit wieder das Niveau erreicht, das sie schon 2011 und 2015 inne hatte (der Index ist auf 2015 = 100 normiert). Das zeigt, dass in den vergangenen zehn Jahren von einem Boom in Deutschland nie die Rede sein konnte.

Abbildung 1

Im August war es vor allem der Auftragseingang aus dem Inland, der zur Schwäche neigte (Abbildung 2). Er liegt inzwischen bei einem Indexstand von 95 und damit weit unter dem Niveau 2011 und 2015. Die immer wieder zuhörende Parole, die Inlandsnachfrage sei intakt und nur die Auslandsnachfrage sei schwach, ist damit eindeutig widerlegt.

Abbildung 2

Der Vergleich des ifo-Index für das verarbeitende Gewerbe, der im September abermals gesunken ist, mit dem Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe insgesamt, macht deutlich, wie viel „Luft nach unten“ bei den Aufträgen noch vorhanden ist (Abbildung 3). Der Index befindet sich auf dem Weg in eine wirklich tiefe Rezession, die, wenn nichts geschieht, mit der Jahrhundertrezession der Jahre 2008/2009 gleichziehen könnte.

Angesichts einer solchen Entwicklung zu sagen, es gebe noch keine große Krise, wie es der Bundesfinanzminister immer wieder tut, ist unverantwortlich. Aber auch die Gemeinschaftsdiagnose der Institute, die, ohne überzeugende Argumente zu haben, eine Belebung in den nächsten Monaten unterstellt, ist durch nichts zu rechtfertigen.

Abbildung 3

Bei den Aufträgen aus dem Ausland war es diesmal das Euroland, das mit einem Anstieg zur Stabilisierung der Lage beitrug (Abbildung 4). Aber auch die Aufträge aus dem Rest der Welt sanken nicht, sondern hielten sich immerhin auf dem Niveau des Vormonats. Nur das Ausland hat, entgegen dem, was allgemein geschrieben wird, bisher verhindert, dass die Rezession noch tiefer geworden ist.

Abbildung 4

Bei den einzelnen Branchen waren es vor allem der Maschinenbau und die Metallindustrie, die besonders stark vom Abschwung betroffen sind. Dagegen hat die Datenverarbeitungsindustrie zuletzt eine leichte Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen (Abbildung 5). Vor allem die Tatsache, dass die Nachfrage bei den metallerzeugenden Bereichen noch weiter schwach ist, spricht dafür, dass sich die Abwärtsentwicklung fortsetzt.

Abbildung 5

Die Industrieproduktion ist im September ganz leicht gestiegen, während die Bauproduktion rückläufig war (Abbildung 6). Insgesamt ändert sich an dem Bild einer rezessiven Entwicklung dadurch nichts.

Abbildung 6

Zur Gemeinschaftsdiagnose der Institute

Im Herbst 2018 schrieben die Institute in ihre Gemeinschaftsdiagnose (GD):

„Der Aufschwung in Deutschland geht in sein sechstes Jahr. Er hat allerdings an Fahrt eingebüßt.“

Gleichwohl hoben die Institute die von ihnen erwartet Entwicklung des BIP von 1,7 Prozent im Jahr 2018 auf 1,9 Prozent im Jahr 2019 an und erwarteten eine Belebung bei der Investitionstätigkeit.

Im Frühjahr 2019 hieß es dann:

„Der langjährige Aufschwung in Deutschland ist zu einem Ende gekommen. Die deutsche Wirtschaft durchläuft nun­mehr eine Abkühlungsphase, in der die gesamtwirtschaft­liche Überauslastung zurückgeht. Die konjunkturelle Schwä­che wird vor allem im Verarbeitenden Gewerbe sichtbar.  Eine ausgeprägte Rezession mit negativen Veränderungsraten des Bruttoinlandsproduktes über mehrere Quartale  erwarten die Institute nicht.“

Und jetzt im Herbst 2019:

„Seit Einsetzen des  Abschwungs zur Jahreswende 2017/2018 ist nunmehr  ein Großteil der zuvor recht deutlichen Überauslastung der  Produktionskapazitäten abgebaut.“

Es hat also fast zwei Jahre gedauert, bis das, was zur Jahreswende 2017/2018 in der deutschen Wirtschaft eingesetzt hat, nämlich ein Abschwung, Eingang in die Formulierungen der GD gefunden hat. Ist das Politikberatung?

Aber Abschwung ist ja, auch das kann man in der aktuellen GD lesen, nicht besonders schlimm, sondern eine “ stabilitätsgerechte Entwicklung“, weil dadurch ja nur die „Überauslastung“ abgebaut wird.

„Gleichwohl sehen die Institute weiterhin keinen Anlass für konjunkturstützende Eingriffe. Maßgeblich hierfür ist, dass sich im Zuge des Abschwungs, der zu Beginn des Jahres  2018 einsetzte, bislang im Wesentlichen die in der vorangegangenen Hochkonjunktur eingetretene Überauslastung  der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten wieder zurückgebildet hat. Mittlerweile dürfte sich die Produktionslücke nahezu geschlossen haben. Dies ist für sich genommen eine stabilitätsgerechte Entwicklung, weil sie einer Fehllenkung knapper Ressourcen entgegenwirkt. Denn gesamtwirtschaftlich ist eine Überauslastung ebenso unerwünscht wie eine Unterauslastung.“

Das muss man sich bildlich vorstellen: Es hat bei über drei Millionen Personen, die offiziell als Unterbeschäftigte gezählt werden, bei einer jahrelangen Flaute der Unternehmensinvestitionen und einer deflationären Tendenz bei den Preisen in Deutschland (und ganz Europa) eine „Hochkonjunktur“ und gar eine „Überauslastung“ gegeben.

Insbesondere bei den Investitionen machen sich die Institute selbst etwas vor und malen mit Gewalt eine Situation schön, die nun mal nicht schön ist. Zur laufenden Entwicklung bei den Investitionen der Unternehmen schreiben sie:

„In der zweiten Jahreshälfte 2019 dürften die Ausrüstungsinvestitionen deutlich zurückgehen…. So sind die Inlandsumsätze der Investitionsgüterproduzenten am aktuellen Rand abermals gesunken. Zudem signalisieren die seit Jahresbeginn fallenden Inlandsaufträge für Investitionsgüter, dass die Nachfrageschwäche anhält.“

Betrachtet man aber eine etwas längere Entwicklung bei genau diesem letztgenannten Indikator (Abbildung 7), zeigt sich, dass auch im Jahresverlauf 2018 die Inlandsaufträge für Investitionsgüter schon sehr schwach waren.

Abbildung 7

Es gibt eine fundamentale und nicht zu leugnende Schwäche bei den Unternehmensinvestitionen, die zeigt, dass Worte wie Hochkonjunktur oder Überauslastung vollkommen neben der Sache liegen. Doch das passt offenbar nicht in das ideologische Weltbild der Institute und darf deswegen nicht klar angesprochen werden.

Weitere Teile dieser Serie

Anmelden